Die Geschichte hat ein eigentümliches Gedächtnis. Sie merkt sich die Namen derer, die gesiegt haben, und vergisst mit bemerkenswerter Zuverlässigkeit jene, die unterlegen waren, verschwanden oder schlicht zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Das ist zunächst kein Skandal, sondern eine Folge ihrer eigenen Mechanik. Wer einen Krieg gewinnt, hinterlässt Archive, Denkmäler, Münzen, Gesetze und Nachkommen, die seinen Erfolg weitererzählen. Wer verliert, verliert häufig nicht nur den Kampf, sondern auch die Möglichkeit, über den Kampf zu berichten. Die Sieger besitzen die Mittel der Überlieferung. Sie verfügen über die Archive, die Institutionen, die Schulbücher und später über die Straßennamen. So entsteht jene eigentümliche Täuschung, die wir Geschichte nennen: Wir halten das, was überliefert wurde, für das, was geschehen ist.
Walter Benjamin hat dieser Täuschung mit einer Radikalität widersprochen, die bis heute nichts von ihrer Unbequemlichkeit verloren hat. Für ihn war Geschichte niemals ein neutrales Reservoir vergangener Tatsachen, aus dem sich der Historiker lediglich bedienen müsste. Geschichte ist vielmehr ein Kampfplatz, auf dem noch die Toten gefährdet sind. Denn auch nach ihrem Tod können die Unterlegenen ein zweites Mal besiegt werden: indem man sie vergisst. Benjamin hat deshalb den Historiker nicht als freundlichen Archivar der Vergangenheit verstanden, sondern als jemanden, der im richtigen Augenblick gegen die Ordnung des Überlieferten einschreitet. Seine Geschichtsphilosophie verlangt, die Vergangenheit nicht einfach so zu betrachten, wie sie gewesen ist, sondern jene verschütteten Möglichkeiten wahrzunehmen, die in ihr fortbestehen. Die Vergangenheit ist für Benjamin nicht erledigt. Sie besitzt Ansprüche an die Gegenwart.
Hier liegt die eigentliche Sprengkraft des Begriffs „Eingedenken“. Er bezeichnet nicht einfach Erinnerung. Erinnerung kann nostalgisch sein, privat, sentimental, sogar harmlos. Man erinnert sich an die Kindheit, an einen Menschen, an einen Ort und lässt die Erinnerung anschließend wieder in die Vergangenheit zurücksinken. Eingedenken meint etwas anderes: Es holt die Vergangenheit in die Gegenwart hinein. In Benjamins eigenwilliger Verbindung von jüdischer Erinnerungstradition, Messianismus und historischem Materialismus wird die Vergangenheit zu einer noch nicht abgeschlossenen Angelegenheit. Das jüdische Erinnerungsgebot, das Benjamin in seinen geschichtsphilosophischen Überlegungen aufgreift, ist für ihn kein bloßes Bewahren von Fakten. Es ist eine Vergegenwärtigung. Das Vergangene soll nicht fixiert, sondern in seiner noch offenen Beziehung zur Gegenwart wahrgenommen werden.
Das erklärt auch, weshalb Benjamin von einer „Rettung“ der Vergangenheit sprechen kann, ohne damit eine sentimentale Wiederbelebung der Toten zu meinen. Gerettet werden soll nicht das Leben der Toten — das wäre eine absurde und letztlich religiöse Behauptung —, sondern ihr Anspruch darauf, nicht endgültig aus der Geschichte verschwunden zu sein. Der Tote kann nicht zurückgeholt werden. Sein Leiden kann nicht ungeschehen gemacht, seine Niederlage nicht nachträglich in einen Sieg verwandelt werden. Und genau deshalb ist Benjamins Gedanke so viel radikaler als jede historische Wiedergutmachungsphantasie: Rettung bedeutet nicht, dass am Ende alles gut wird. Sie bedeutet, dass das Geschehene nicht einfach dem Vergessen überlassen wird.
Darin steckt eine der wichtigsten und zugleich schwierigsten Zumutungen Benjamins. Eine erlösende Geschichtsschreibung, die den Verlierern nachträglich Gerechtigkeit verschafft, wäre selbst wieder eine Geschichtsschreibung der Sieger. Sie würde die Niederlage nur deshalb akzeptieren, weil sie am Ende in eine höhere Harmonie überführt werden kann. Benjamin misstraut genau dieser Art von Trost. Der Messianismus seines Denkens ist kein Fortschrittsglaube mit religiösem Überbau. Der Messias kommt nicht irgendwann am Ende einer langen Entwicklung und erklärt die Geschichte für gelungen. Jede Sekunde kann vielmehr jene kleine Öffnung enthalten, durch die das Messianische in die Gegenwart einbricht. Das Eingedenken hält diese Öffnung offen.
Man muss diesen Gedanken im Kopf behalten, wenn man Ralf Höllers schmales Buch „Aus dem Geschichtsbuch gefallen“ liest, das jetzt bei Wagenbach erschienen ist. Höller versammelt darin historische Porträts von Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen aus der großen Erzählung herausgefallen sind: Revolutionäre, Widerstandskämpfer, Entdecker, Schiffbrüchige, Sportler, Außenseiter. Das Buch erklärt sein Programm bereits im Titel. Es will nicht noch einen weiteren Sockel für die ohnehin Bekannten errichten, sondern nach denen fragen, die neben dem Sockel stehen, von ihm heruntergestoßen wurden oder nie die Chance erhielten, überhaupt auf ihm Platz zu nehmen.
Das schönste Beispiel ist zugleich dasjenige, an dem sich Höllers Verfahren besonders klar zeigen lässt: Semjon Deschnew. 1648 durchquerte der Kosak die Meerenge zwischen Asien und Amerika in einem selbstgebauten Boot. Sein Bericht verschwand im Archiv. Jahrzehnte später unternahm Vitus Bering eine Reise in dieselbe Region, kehrte sogar vorzeitig um – und erhielt den historischen Ruhm. Bis heute trägt die Meerenge seinen Namen. Deschnew hat die geographische Geschichte gleichsam gemacht und ist dennoch aus ihrer Benennung verschwunden. Bering wurde zum Namen, Deschnew zum Fußnotenproblem.
Das ist Höllers Geschichtsverständnis in nuce: Er schaut dorthin, wo die historische Überlieferung einen Riss bekommen hat. Und er findet dort nicht unbedingt die besseren Menschen. Das ist wichtig. Höller rehabilitiert seine Figuren nicht einfach moralisch. Er erklärt die Vergessenen nicht nachträglich zu den eigentlich Guten und die Berühmten zu den eigentlich Schlechten. Sein Verfahren ist nüchterner und deshalb überzeugender. Es geht ihm zunächst um die Ungerechtigkeit der Verteilung historischer Aufmerksamkeit.
Alexander Selkirk ist dafür ein anderes prägnantes Beispiel. Der reale Schiffbrüchige wurde zum Ausgangspunkt für Daniel Defoes „Robinson Crusoe“, während die literarische Figur ihren historischen Erzeuger beinahe vollständig verschluckte. Der erfundene Robinson wurde unsterblich, der wirkliche Selkirk geriet an den Rand. Höller macht aus diesem Verhältnis keine moralische Anklage gegen Defoe. Er zeigt vielmehr, wie Erinnerung funktioniert: Die Geschichte bevorzugt nicht notwendig denjenigen, der etwas zuerst erlebt, sondern denjenigen, dessen Geschichte sich besser erzählen, verbreiten und in kulturelle Formen übersetzen lässt.
Hier berührt Höller Benjamin tatsächlich. Beide interessieren sich für die kleinen Reste, die von der großen historischen Erzählung übrigbleiben. Beide wenden sich gegen eine Geschichtsschreibung, die sich vom Glanz des Erfolgs blenden lässt. Beide stellen die Frage, warum ausgerechnet diese Namen erhalten bleiben und andere verschwinden. Und beide wissen, dass Vergessen niemals bloß ein natürlicher Vorgang ist. Es hat gesellschaftliche Ursachen. Es folgt den Machtverhältnissen der Überlieferung. Aber Höller ist kein Benjaminianer. Und gerade diese Differenz macht sein Buch interessant.
Bei Benjamin ist das Eingedenken eine geschichtsphilosophische Operation von beträchtlicher Sprengkraft. Der vergessene Mensch interessiert ihn nicht nur deshalb, weil ihm historische Gerechtigkeit widerfahren soll. Im Fragmentarischen, Unterdrückten und Verdrängten kann eine andere Möglichkeit von Geschichte aufscheinen. Die Erinnerung an die Besiegten besitzt eine politische Kraft, weil sie das Selbstverständnis der Gegenwart erschüttern kann. Wer die Geschichte der Unterdrückten erinnert, verändert nicht einfach das Bild der Vergangenheit; er verändert die Wahrnehmung dessen, was in der Gegenwart möglich ist. Das Eingedenken ist deshalb bei Benjamin eine Form des Widerstands gegen die scheinbare Unvermeidlichkeit des Bestehenden.
Höller geht weniger weit. Sein Buch ist keine Philosophie der Geschichte und schon gar keine messianische Geschichtsphilosophie. Es ist ein Buch der historischen Aufmerksamkeit. Seine Figuren sollen wieder sichtbar werden. Ihre Geschichten sollen erzählt werden, weil die historische Überlieferung an ihnen etwas unterschlagen hat. Das ist ein bescheideneres Programm, aber kein geringes. Höller praktiziert eine Art demokratische Korrektur der historischen Wahrnehmung.
Gerade darin liegt auch die Stärke seines Buches. Er muss aus seinen Vergessenen keine Heiligen machen. Fania Kaplan, die 1918 Lenin schwer verwundete und dafür hingerichtet wurde, gehört in eine ganz andere historische und moralische Kategorie als eine Widerstandskämpferin wie Niuta Tajtelbaum. José Francia, Béla Guttmann, Semjon Deschnew und Alexander Selkirk wiederum stehen für ganz unterschiedliche Formen des historischen Verschwindens. Höller verbindet sie nicht durch eine gemeinsame Weltanschauung, sondern durch eine gemeinsame Erfahrung: Sie sind in der großen Erzählung nicht dort gelandet, wo ihre Bedeutung es erwarten ließe.
Das ist eine kluge Entscheidung. Denn eine Geschichte der Vergessenen kann ihrerseits schnell zu einer neuen Heldengeschichte werden. Kaum hat man die alten Helden vom Podest gestoßen, stellt man neue auf. Dann werden aus den „vergessenen“ Menschen plötzlich „verdeckte Genies“, aus den Verlierern die „wahren Sieger“ und aus der Kritik an der historischen Überlieferung eine neue Rangliste. Benjamin wäre gegen diese Versuchung besonders empfindlich gewesen. Das Eingedenken verlangt gerade nicht, den Toten nachträglich den Sieg zu schenken. Es verlangt, ihre Niederlage auszuhalten.
Diese Unterscheidung ist entscheidend. Wer Deschnew erinnert, macht ihn nicht nachträglich zum Sieger über Bering. Er bleibt derjenige, dessen Name nicht auf der Landkarte steht. Gerade darin liegt die Würde des Eingedenkens. Es muss den Verlust nicht beseitigen, um ihn ernst zu nehmen. Es muss die Toten nicht erlösen, um sie nicht zu vergessen.
Höllers Buch besitzt deshalb eine stille politische Dimension. Es zeigt, dass historische Bedeutung nicht mit Bekanntheit identisch ist. Bekanntheit ist das Ergebnis eines langen Auswahlprozesses: Institutionen, Medien, Macht, Zufall, nationale Interessen, literarische Verwertung, technische Möglichkeiten der Überlieferung und nicht zuletzt die Fähigkeit einer Geschichte, sich in eine gute Geschichte verwandeln zu lassen. Wer in diesem Prozess verloren geht, muss deshalb keineswegs unbedeutend gewesen sein. Umgekehrt ist der Ruhm der Überlieferten kein Beweis ihrer Größe.
Das klingt heute beinahe selbstverständlich. Doch unsere Gegenwart lebt stärker denn je von Rankings, Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit. Wir bewerten Bücher nach Verkaufszahlen, Menschen nach Followern, Städte nach Rankings, Wissenschaftler nach Zitierungen, Künstler nach Marktpreisen. Was sichtbar ist, erscheint bedeutsam; was unsichtbar bleibt, verliert seine gesellschaftliche Realität. Höllers historische Miniaturen treffen deshalb einen Nerv der Gegenwart. Sie erinnern daran, dass Vergessen nicht nur eine Angelegenheit vergangener Jahrhunderte ist. Wir produzieren es ununterbrochen selbst.
Wer soll dieses Buch lesen? Zunächst jeder, der glaubt, Geschichte bestehe aus den Namen, die man aus der Schule kennt. Aber auch diejenigen, die von der Geschichte der großen Männer längst genug haben und nun erwarten, Höller werde ihnen eine politisch korrekte Gegengeschichte liefern, werden etwas lernen. Denn „Aus dem Geschichtsbuch gefallen“ ist interessanter, wenn man es nicht als Sammlung nachgereichter Heldengeschichten liest. Es ist ein Buch über die Zufälligkeit historischer Sichtbarkeit. Und damit über unsere eigene Bereitschaft, Sichtbarkeit mit Bedeutung zu verwechseln.
Seine eigentliche Pointe liegt deshalb nicht darin, dass Deschnew eigentlich bekannter sein müsste als Bering oder Selkirk berühmter als Robinson Crusoe. Das wäre nur die Umkehrung desselben Denkfehlers. Die Pointe besteht darin, dass wir überhaupt fragen müssen, wer jeweils entscheidet, wessen Name bleibt. Das Geschichtsbuch ist kein Spiegel der Vergangenheit. Es ist ein Filter.
Benjamin hätte diesen Filter als Herrschaftsproblem begriffen. Höller behandelt ihn als Problem historischer Aufmerksamkeit. Zwischen beiden liegt ein Abstand, den man nicht verwischen sollte. Aber es gibt eine gemeinsame Bewegung: der Blick zurück zu denen, die im Augenblick ihres Verschwindens niemand mehr sah. Das ist die Nähe zum Eingedenken.
Und genau das ist die schönste Begründung dafür, dieses kleine Buch zu lesen. Nicht, um zwölf neue Namen auswendig zu lernen. Nicht einmal, um künftig bei der Beringstraße pflichtschuldig an Semjon Deschnew zu denken. Sondern um sich beim nächsten Mal, wenn eine Geschichte allzu glatt, allzu erfolgreich und allzu vollständig erscheint, zu fragen, wer in ihr fehlt. Wer musste verschwinden, damit sie so erzählt werden konnte? Wer hat verloren, bevor überhaupt feststand, was später als Geschichte gelten würde?
Das Eingedenken beginnt dort. Nicht mit der Behauptung, die Toten könnten gerettet werden. Sondern mit der Weigerung, sie ein zweites Mal sterben zu lassen. Gerade darin liegt der Unterschied zwischen einer versöhnlichen Erinnerungskultur und Benjamins unbequemer Idee des Eingedenkens. Die erste möchte den Toten einen Platz im Gedächtnis geben. Das zweite lässt sie nicht zur Ruhe kommen. Es bewahrt ihre Niederlage als offene Wunde der Gegenwart. Eine endgültige Erlösung wäre ihrerseits ein Verrat, weil sie das Geschehene abschließen würde. Eingedenken dagegen besteht darauf, dass Geschichte niemals vollständig abgeschlossen ist. Die Vergangenheit bleibt anklagbar, und die Gegenwart bleibt verpflichtet.
Ralf Höllers „Aus dem Geschichtsbuch gefallen“ ist davon nicht die philosophische Ausarbeitung, aber eine anschauliche, zugängliche und durchaus notwendige Praxis. Sein kleines Buch öffnet die Tür zu jener anderen Geschichte, die nicht auf den Podesten beginnt, sondern daneben. Benjamin würde wahrscheinlich sagen: Entscheidend ist nicht, dass wir den Verlierern nachträglich den Sieg schenken. Entscheidend ist, dass wir sie in dem Augenblick wiedersehen, in dem die Gegenwart bereit ist, an ihnen vorbeizugehen.
Das ist keine Rettung im triumphalen Sinn. Es ist die bescheidenere, härtere und letztlich menschlichere Form der Rettung: Jemand war da. Er hat gehandelt, gelitten, gehofft, gekämpft oder einfach gelebt. Und wir weigern uns, so zu tun, als sei er niemals da gewesen.
Autor: Ralf Höller
Titel: „Aus dem Geschichtsbuch gefallen“
Herausgeber: Verlag Klaus Wagenbach GmbH
Seitenzahl: 144 Seiten
ISBN-10: 3803113946
ISBN-13: 978-3803113948