Jakob Schwerdtfeger: „Punkt Punkt Komma Strich, fertig ist die Kunstgeschicht“

Man muss Kunstgeschichte nicht unbedingt lustig finden. Man sollte sie nur nicht fürchten. Genau an dieser Furcht setzt Jakob Schwerdtfeger an. Vor einem Gemälde beginnt für viele Menschen nämlich nicht das Sehen, sondern die Einschüchterung: Man steht da, betrachtet einen Menschen mit seltsam langem Hals, eine Heilige mit goldener Aura oder ein Gewirr aus geometrischen Formen und wartet darauf, dass einem jemand erklärt, was man darin gefälligst erkennen soll. Kunst hat in unserer Gesellschaft einen eigentümlichen Status. Sie gilt als öffentlich zugänglich und bleibt zugleich sozial codiert. Jeder darf ins Museum, aber längst nicht jeder fühlt sich dort zu Hause. Schwerdtfeger hat diese Distanz erkannt und versucht, sie mit einem Mittel zu überwinden, das in der Kunstvermittlung noch immer ein wenig unter Verdacht steht: Humor.

Jakob Schwerdtfeger ist dafür eine ungewöhnliche, aber geradezu ideale Figur. 1988 in Hannover geboren, studierte er Kunstgeschichte und arbeitete anschließend längere Zeit als Kunstvermittler am Frankfurter Städel Museum. Ein Digitorial über Claude Monet, an dem er beteiligt war, erhielt den Grimme Online Award. Seit 2012 steht Schwerdtfeger auf Bühnen, zunächst auch als Freestyle-Rapper und Poetry-Slammer, inzwischen als Stand-up-Comedian. Er verbindet also zwei Welten, die sich auf den ersten Blick nur schwer miteinander vertragen: die akademisch institutionalisierte Kunstgeschichte und die populäre Unterhaltung. Heute vermittelt er Kunst auf der Bühne, in Podcasts, Videos und sozialen Medien; seine Kurzvideos erreichen nach Angaben des Verlags ein Millionenpublikum. Das ist keine Nebensache, sondern der Schlüssel zu seinem neuen Buch. Schwerdtfeger schreibt nicht aus dem Elfenbeinturm heraus über die Welt der Kunst, sondern aus der Erfahrung eines Vermittlers, der gelernt hat, dass ein Publikum zunächst einmal gewonnen werden muss.

Punkt Punkt Komma Strich, fertig ist die Kunstgeschicht ist deshalb weniger eine Kunstgeschichte im akademischen Sinn als ein Versuch, die Kunstgeschichte in Umlauf zu bringen. Auf 272 Seiten geht es einmal quer durch tausend Jahre, vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Die großen Epochen werden vorgestellt, berühmte Künstler treten auf, weniger bekannte Figuren erhalten ihren Platz, Anekdoten und Kuriositäten werden eingesammelt, und zahlreiche Abbildungen begleiten den Text. Der Verlag verspricht einen verständlichen und fundierten Überblick, wobei Schwerdtfeger sich ausdrücklich als Sammler von Funfacts und Geschichten versteht. Man kann das als populärwissenschaftliche Strategie beschreiben. Man kann aber auch einfacher sagen: Schwerdtfeger möchte, dass der Leser beim Lesen nicht merkt, dass er gerade etwas lernt.

Das ist ziemlich raffiniert. Humor ist eine der ältesten Formen, Autorität zu relativieren. Wo gelacht werden darf, muss niemand Angst haben, eine dumme Frage zu stellen. Der Witz schafft einen Raum, in dem Unwissen nicht mehr als persönliches Versagen erscheint. Gerade die Kunstgeschichte kann davon profitieren, denn sie leidet noch immer unter einem Erbe ihrer eigenen Institutionen. Das Fach hat über Jahrzehnte eine Sprache entwickelt, die präzise sein sollte, in Wirklichkeit jedoch häufig wie eine Geheimsprache funktioniert. Der Laie begegnet dort nicht selten einem Vokabular, das ihm signalisiert, dass andere bereits wissen, was er erst noch verstehen soll. Schwerdtfeger setzt dagegen eine Sprache, die sich nicht schämt, unmittelbar zu sein.

Das ist seine große Stärke. Er versteht, dass der erste Zugang zu Kunst nicht notwendigerweise über Interpretation führt. Er kann über eine Geschichte führen, über einen überraschenden Zusammenhang, über einen absurden Einfall oder eben über einen Witz. Wer über die Anekdote bei einem Künstler hängen bleibt, hat bereits begonnen, sich für ihn zu interessieren. Wer über eine Epoche lacht, wird sie anschließend womöglich genauer ansehen. Und wer nach einer solchen Lektüre erstmals freiwillig ein Museum betritt, hat mehr von Kunstvermittlung gewonnen als nach hundert Seiten korrekt formulierter Einführung, die er nach zwanzig Seiten beiseitelegt.

Doch damit ist die Sache noch lange nicht entschieden. Denn Humor besitzt eine unangenehme Eigenschaft: Er vereinfacht. Er braucht Geschwindigkeit, Wiedererkennbarkeit und Pointe. Kunstgeschichte aber lebt von Differenz. Sie besteht gerade dort, wo das scheinbar Offensichtliche kompliziert wird. Die Renaissance ist nicht einfach die Epoche der Wiedergeburt, das Barock nicht bloß die Kunst des Überschwangs, der Expressionismus nicht einfach die Kunst der verzerrten Gefühle. Solche Formeln sind als Einstieg nützlich, als Erkenntnis aber unzureichend. Wer eine tausendjährige Geschichte auf wenige hundert Seiten komprimiert, muss auswählen, und wer sie zusätzlich komisch erzählt, muss noch stärker typisieren. Schwerdtfeger kann gar nicht anders.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob eine solche Kunstgeschichte vollständig ist. Das ist sie selbstverständlich nicht. Die entscheidende Frage lautet, ob ihre Vereinfachungen den Leser weiterführen oder ihn am Ende bei den Vereinfachungen stehen lassen. Genau hier liegt die Grenze des Verfahrens. Eine gute populäre Kunstgeschichte muss nicht alles erklären. Aber sie sollte Lust darauf machen, das Erklärte wieder zu verkomplizieren. Sie sollte den Leser nicht mit dem Gefühl entlassen, nun zu wissen, was das Mittelalter, die Renaissance oder die Moderne gewesen sei, sondern mit dem Verdacht, dass hinter der ersten Erklärung eine zweite, dritte und vierte wartet.

Das Buch ist also selbstverständlich keine Konkurrenz zu einer wissenschaftlichen Kunstgeschichte. Es will das auch gar nicht sein. Es gehört vielmehr zu jener inzwischen beträchtlichen Literatur der kulturellen Erstversorgung, die Menschen dort abholt, wo Bildung nicht mehr selbstverständlich vorausgesetzt werden kann. Vergleichbare Bücher verfolgen allerdings unterschiedliche Strategien. Die Kunsthistorikerin Kia Vahland etwa verbindet in ihren Kunstgeschichten die Betrachtung historischer Werke mit gegenwärtigen Fragen und versucht damit weniger, einen schnellen Überblick zu geben, als die Gegenwart durch alte Bilder hindurch neu lesbar zu machen. Andere populäre Einführungen setzen stärker auf systematische Übersicht und enzyklopädische Breite. Schwerdtfeger wählt dagegen die Unterhaltung als Motor. Er ist nicht der Professor, der den Stoff reduziert, damit er verständlich wird. Er ist der Entertainer, der ihn so erzählt, dass man ihn überhaupt erst hören will.

Das macht ihn zu einer bemerkenswerten Erscheinung innerhalb der gegenwärtigen Kulturvermittlung. Seine Bühnenprogramme, Videos und Podcasts zeigen, dass er längst nicht mehr nur für ein kunsthistorisch interessiertes Publikum arbeitet. Er versucht, Kunst dort anzubieten, wo heute Aufmerksamkeit entsteht: auf der Bühne, im kurzen Video, im Podcast und in sozialen Medien. Das Buch setzt diese Strategie auf Papier fort. Insofern ist es auch ein Buch über den Wandel der kulturellen Öffentlichkeit selbst. Die alte Vorstellung, man müsse den Menschen nur genügend Bildung vermitteln, damit sie sich für Kunst interessieren, funktioniert nicht mehr. Heute muss Kulturvermittlung zunächst um Aufmerksamkeit konkurrieren. Schwerdtfeger akzeptiert diese Tatsache, anstatt über sie zu klagen.

Man kann das begrüßen. Man kann es aber auch kritisch sehen. Denn Kunst darf nicht vollständig nach den Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie vermittelt werden. Wenn jedes Werk einen überraschenden Fakt, jede Epoche eine Pointe und jeder Künstler eine skurrile Geschichte braucht, wird Kunst unmerklich in Content verwandelt. Dann muss selbst Rembrandt noch einen Aufhänger liefern, damit wir ihm drei Minuten unserer Konzentration schenken. Das wäre fatal. Denn gerade Kunst besitzt ihren Wert darin, dass sie sich der Geschwindigkeit widersetzen kann. Ein bedeutendes Bild verlangt nicht unbedingt Information, sondern Zeit. Es kann uns langweilen, irritieren, verstören, ratlos machen. Es muss nicht sofort funktionieren.

Hier berührt Schwerdtfegers Buch eine viel größere kulturkritische Frage: Wozu gibt es überhaupt Kunst? Was ist ihr Sinn und Zweck? — Wozu benötigen wir Bilder, Skulpturen, Fotografien, Installationen und all die Formen ästhetischer Produktion, die sich nicht unmittelbar in Nutzen übersetzen lassen? Die Antwort kann nicht darin bestehen, dass Kunst uns interessanteres Smalltalk-Material liefert. Kunst ist auch kein Vitaminpräparat für gebildete Menschen. Ihr eigentlicher Wert liegt darin, dass sie unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit verändert.

Ein Bild kann uns zwingen, länger hinzusehen, als wir es normalerweise tun. Es kann uns eine Welt zeigen, die wir nicht kennen, oder die eigene Welt plötzlich fremd erscheinen lassen. Es kann eine gesellschaftliche Ordnung sichtbar machen, die wir bisher für selbstverständlich hielten. Es kann uns mit einem fremden Körper, einem fremden Glauben, einer fremden Zeit oder einer fremden Vorstellung von Schönheit konfrontieren. Kunst produziert keine fertigen Wahrheiten. Sie produziert Perspektiven. Und genau deshalb besitzt sie eine politische und gesellschaftliche Bedeutung, ohne deshalb politische Propaganda sein zu müssen.

Das ist auch der Punkt, an dem Kunstgeschichte weit über das Museum hinausweist. Wer gelernt hat, dass ein Bild niemals nur ein Bild ist, sondern immer auch von seinem historischen Entstehungszusammenhang, seinen Auftraggebern, seinen Betrachtern und seinen späteren Bedeutungen geprägt wird, lernt eine grundsätzliche Lektion über Wirklichkeit: Nichts erscheint einfach so. Jede Darstellung hat eine Perspektive. Jede Perspektive hat Voraussetzungen. Und keine Darstellung darf mit der Wirklichkeit selbst verwechselt werden.

In einer Gegenwart, in der wir von Bildern geradezu überschwemmt werden, ist diese Fähigkeit wichtiger denn je. Werbung, Nachrichten, soziale Medien, politische Kampagnen und inzwischen auch künstlich erzeugte Bilder arbeiten permanent daran, Wirklichkeit zu formen. Wir leben nicht in einer bildlosen Gesellschaft, sondern in einer Gesellschaft, die ihre Bilder kaum noch wahrnimmt, weil sie in ihnen lebt. Kunstgeschichte kann hier eine Schule des Sehens sein. Sie lehrt nicht nur, was ein Bild darstellt, sondern wie Bilder Wirklichkeit erzeugen.

Ob Schwerdtfegers humorvolle Einführung diese tiefere Dimension erreicht, ist eine andere Frage. Sie ist nicht das eigentliche Ziel seines Buches, und man sollte es deshalb nicht dafür bestrafen, dass es kein kulturtheoretisches Manifest geworden ist. Aber man darf von einer modernen Kunstvermittlung verlangen, dass sie irgendwann von der Pointe zur Wahrnehmung führt. Der Witz ist dann nicht das Ziel, sondern der Türöffner. Er soll den Leser an das Bild heranbringen und anschließend aus dem Weg gehen.

Genau darin liegt die eigentliche Qualität dieses Buches und zugleich seine Grenze. Schwerdtfeger kann die Kunstgeschichte nicht auf 272 Seiten erledigen. Er kann sie auch nicht auf einen humorvollen Nenner bringen. Er kann aber etwas leisten, das für die kulturelle Öffentlichkeit vielleicht wichtiger ist als eine weitere vollständige Einführung: Er kann denjenigen die Angst nehmen, die bislang glaubten, Kunst sei eine Angelegenheit für andere. Das ist nicht wenig.

Der Titel besitzt in dieser Hinsicht sogar eine schöne Ironie. Fertig ist man mit der Kunstgeschichte nach diesem Buch keineswegs. Man ist bestenfalls fertig mit der Vorstellung, dass man sie vollständig verstehen müsse, bevor man sich überhaupt auf sie einlassen darf. Schwerdtfeger bietet keine letzte Erklärung der Kunst. Er bietet eine erste Orientierung, und diese Orientierung ist schnell, frech, gelegentlich flach, oft geistreich und insgesamt ausgesprochen unterhaltsam. Man sollte das Buch deshalb weder überschätzen noch unterschätzen. Wer darin eine ernsthafte wissenschaftliche Kunstgeschichte sucht, wird enttäuscht sein. Wer eine erste Landkarte sucht, die ihm den Schrecken vor tausend Jahren Kunst nimmt, wird gut bedient.

Seine eigentliche Zielgruppe sind jene Menschen, die im Museum bislang eher die Garderobe als die Bilder interessant fanden, die bei Begriffen wie Renaissance, Impressionismus oder Avantgarde innerlich abschalten, die aber durchaus neugierig wären, wenn ihnen jemand den Zugang nicht mit kunsthistorischem Amtsdeutsch versperrte. Für sie ist Schwerdtfegers Methode sinnvoll, vielleicht sogar notwendig. Denn kulturelle Bildung beginnt nicht mit Vollständigkeit, sondern mit Interesse. Die entscheidende Leistung eines solchen Buches besteht nicht darin, dass man nach der Lektüre tausend Jahre Kunstgeschichte beherrscht. Sie besteht darin, dass man beim nächsten Museumsbesuch nicht mehr einfach weitergeht.

Und genau dort beginnt dann die eigentliche Kunstgeschichte. Nach der Pointe kommt das Bild. Nach dem Lachen die Irritation. Nach dem ersten Aha-Erlebnis die langsamere Arbeit des Sehens. Wenn Schwerdtfegers Buch diesen Weg eröffnet, hat es seinen Zweck erfüllt. Mehr kann eine populäre Einführung nicht leisten. Weniger sollte man von ihr allerdings auch nicht verlangen.

 

 

 

 

 

 

Autor: Jakob Schwerdtfeger
Titel: „Punkt Punkt Komma Strich, fertig ist die Kunstgeschicht“
Herausgeber: dtv Verlagsgesellschaft
Seitenzahl: 272 Seiten
ISBN-10: 3423285362
ISBN-13: 978-3423285360