Man bekommt gelegentlich Bücher auf den Tisch, bei denen man schon vor der ersten Seite weiß, was von einem erwartet wird. Man soll die Autorin würdigen, die Preise erwähnen, die literarische Bedeutung andeuten, ein paar gesellschaftliche Großwetterlagen darüberlegen und am Ende möglichst einen Satz finden, der auf dem Umschlag noch als Lob funktionieren könnte.
Eva Menasses „Alleinruhelage“ schien mir zunächst genau in diese Kategorie zu gehören. Ein Roman über eine Frau nach dem Ende ihrer Ehe, ein Haus am See, Gartenarbeit, Nachbarn, Erinnerungen, ein wenig deutsch-deutsche Geschichte und natürlich eine Wienerin, die seit Jahrzehnten in Berlin lebt: Das roch zunächst nach jener Sorte Gegenwartsliteratur, in der das Private so lange mit Bedeutung aufgeladen wird, bis auch der defekte Wasserhahn noch als Metapher für die gesellschaftliche Verfassung durchgeht.
Nun hat Eva Menasse allerdings einen entscheidenden Fehler gemacht: Sie hat einen guten Roman geschrieben. — Das ist ärgerlich, weil es die bequeme Skepsis, mit der man an das Buch herangehen könnte, beträchtlich erschwert. Nach den ersten Seiten beginnt man sich tatsächlich für dieses Haus, diese Frau, ihre Ehe, ihre Nachbarn und vor allem für die merkwürdige Welt zu interessieren, in die sie sich da draußen am See hineingekauft hat. Und irgendwann merkt man, dass man längst nicht mehr die literarische Pflichtübung absolviert, sondern Vergnügen empfindet. Nicht das große, erhabene Vergnügen der sogenannten bedeutenden Literatur, sondern ein viel selteneres: das Vergnügen, einer klugen, wachen, manchmal boshaften und immer neugierigen Erzählerin beim Denken zuzusehen.
Die Ausgangslage ist schnell erzählt. Nach dem Ende ihrer Ehe bleibt eine Frau mit dem Wochenendhaus zurück, das sie einst gemeinsam mit ihrem Mann erworben und über Jahre renoviert hat. Das Haus liegt irgendwo im Osten Deutschlands, an einem See, in einer Gegend, die aus der Perspektive der Berliner Intellektuellenwelt zunächst als halb idyllische, halb absurde Provinz erscheint. Alla und Bolek, zwei osteuropäische Handwerker, helfen bei den Reparaturen und werden bald zu unverzichtbaren Figuren dieser neuen Lebensphase. Die Nachbarn aus der Datschensiedlung sind mal freundlich, mal feindselig, häufig beides zugleich. Aus den Arbeiten am Haus werden Erinnerungen, aus Erinnerungen Geschichten, aus Geschichten kleine historische Exkursionen. Und irgendwann fällt die Entscheidung, das Haus wieder zu verkaufen. Mehr muss man über die Handlung eigentlich nicht wissen. Wer den Roman liest, sollte selbst entdecken, welche Menschen und Geschichten sich hinter dieser zunächst überschaubaren Konstruktion verbergen.
Das Entscheidende ist ohnehin nicht, was geschieht, sondern wie Menasse das Geschehen betrachtet. Und hier wird es interessant. Denn die Autorin besitzt jene Eigenschaft, die man bei Schriftstellern mit journalistischer Vergangenheit nicht immer voraussetzen darf: Sie kann beobachten, ohne sofort zu erklären. Eva Menasse, 1970 in Wien geboren, studierte Germanistik und Geschichte, arbeitete als Journalistin und wurde unter anderem durch ihre Berichterstattung über den Londoner Prozess gegen den Holocaust-Leugner David Irving bekannt; diese Reportagen bildeten im Jahr 2000 auch ihre erste Buchveröffentlichung. Ihr literarisches Debüt „Vienna“ erschien 2005; es folgten Erzählungen und Romane wie „Lässliche Todsünden“, „Quasikristalle“, „Tiere für Fortgeschrittene“ und „Dunkelblum“. Dazu kamen Essays, zuletzt „Alles und nichts sagen. Vom Zustand der Debatte in der Digitalmoderne“. Sie lebt seit mehr als fünfundzwanzig Jahren in Berlin.
Man darf an dieser Stelle ruhig ein wenig misstrauisch werden. Wien und Berlin, Journalismus und Literatur, jüdische Familiengeschichte und deutsche Erinnerungskultur: Das ist schon eine ziemlich komplette Ausstattung für den gehobenen deutschsprachigen Literaturbetrieb. Menasse gehört zu jener Generation von Autoren, bei denen Biografie und öffentlicher Diskurs einander auffallend gut ergänzen. Sie weiß, wie Feuilletons funktionieren, sie kennt die Mechanik öffentlicher Debatten und besitzt das entsprechende Instrumentarium, um aus Beobachtungen größere gesellschaftliche Befunde zu gewinnen.
Und doch ist „Alleinruhelage“ erfreulich frei von dem Ehrgeiz, uns dauernd zu zeigen, wie wichtig es ist. Das liegt vor allem an der Erzählerin. Sie ist keine sympathische Heldin im heutigen Sinn, also keine Figur, die uns ihre Verletzlichkeit ausstellt und dafür moralische Zustimmung erwartet. Sie kann kleinlich sein, eitel, ungerecht, privilegiert, ahnungslos und zugleich hellsichtig. Sie beobachtet ihre Nachbarn und weiß, dass diese sie ebenfalls beobachten. Sie weiß, dass sie aus der Stadt kommt, über kulturelles Kapital verfügt und sich in der Welt der Bücher besser auskennt als in der Welt der Ratschenhebel und Deichselstapler. Und sie weiß auch, dass das keine moralische Überlegenheit bedeutet. — Das ist ein wichtiger Unterschied.
Die Datschenbewohner erscheinen nicht als die üblichen Figuren aus dem westdeutschen Bildungsroman über die deutsche Einheit: entweder als bedauernswerte Verlierer des Systemwechsels oder als ressentimentgeladene Ossis, die noch immer nicht im vereinten Deutschland angekommen sind. Sie können tatsächlich etwas. Sie wissen, wie man Häuser repariert, Gärten bearbeitet, Dinge am Leben hält. Die Städter hingegen wissen, wie man über Dinge spricht. Beide Seiten halten sich gegenseitig für etwas beschränkt. Und selbstverständlich haben beide Seiten damit recht.
Das ist wahrscheinlich eine der schönsten Bosheiten des Buches. Die Eigentümerin des Hauses und die Bewohner der kleinen Datschen stehen in einer Art sozialem Stellungskrieg, bei dem die Waffen aus unterschiedlichen Materialien bestehen. Hier Geld und Bildung, dort handwerkliches Wissen und lokale Erfahrung. Hier die Vorstellung, man könne einen Holzboden eben einmal selbst verlegen, dort die stille Schadenfreude, wenn die linkshändigen Intellektuellen daran scheitern. Menasse lässt diese Gegensätze nicht zu einer pädagogischen Lektion über Ost und West zusammenschrumpfen. Sie lässt sie knirschen.
Und damit sind wir bei der deutsch-deutschen Geschichte, die dieser Roman auf angenehm unfeierliche Weise mit sich führt. Das Haus ist in einer Landschaft entstanden, deren Eigentums- und Sozialgeschichte durch die DDR und die Wiedervereinigung geprägt wurde. Die Datschen waren Teil einer sozialistischen Freizeitkultur; nach 1990 wurden daraus private Besitztümer, deren Wert und Bedeutung sich veränderten. Was zunächst wie eine idyllische Siedlung am See aussieht, ist bei genauerem Hinsehen eine kleine Archäologie der deutschen Einheit.
Die Autorin interessiert sich dabei weniger für die große nationale Erzählung als für deren Restbestände. Die Geschichte sitzt nicht auf dem Podium, sondern im Garten. Sie steckt in der Frage, wem ein Grundstück gehört, wer dort bauen darf, wer sich etwas leisten kann und wer über das nötige Wissen verfügt, um eine Datsche instand zu halten. Die Eigentumsordnung, die nach 1990 über diese Landschaft gelegt wurde, wird nicht als historische Fußnote behandelt, sondern als etwas, das bis in die Gegenwart hinein soziale Beziehungen bestimmt. — Das ist Kulturgeschichte von unten, ohne dass Menasse den Tonfall der Kulturgeschichtsschreibung annimmt.
Und dann ist da Alla. Sie gehört zu den großen Figuren des Romans, weil sie sich gegen jede wohltemperierte Beschreibung sperrt. Sie arbeitet, baut, organisiert, raucht, redet, schimpft und besitzt jene praktische Intelligenz, die man in gebildeten Kreisen gern bewundert, solange man sie nicht im eigenen Wohnzimmer braucht. Ihre Lebensgeschichte, ihre Arbeit und ihre Beziehung zu Deutschland bilden ein Gegenstück zur Lebenswelt der Erzählerin. Menasse macht aus ihr aber kein Opfer der Migration und auch keine exotische Naturgewalt. Sie ist schlicht Alla, und das ist literarisch sehr viel interessanter.
Hier zeigt sich eine weitere Qualität des Romans: Er besitzt einen Sinn für Arbeit. Das klingt beinahe altmodisch. Aber während die Gegenwartsliteratur sich gern mit Identität, Erinnerung, Beziehungen und Diskursen beschäftigt, erinnert Menasse daran, dass ein Haus von Menschen repariert wird. Der Garten wächst nicht in die Idylle hinein, sondern muss gepflegt werden. Wasserleitungen platzen. Wände müssen eingerissen werden. Dinge gehen kaputt. Jemand muss sie wieder in Ordnung bringen. — Das Material widersetzt sich der Metapher.
Vielleicht ist das der Grund, warum der Roman am Ende mehr über unsere Gegenwart erzählt, als zunächst zu erwarten war. Denn „Alleinruhelage“ ist (auch) ein Roman über Besitz. Genauer: über den merkwürdigen Zustand einer Generation, die gelernt hat, ihr Leben zu organisieren, zu planen und abzusichern, und die irgendwann feststellen muss, dass all diese Sicherheiten eine eigentümliche Form der Gefangenschaft erzeugen können. Das Haus war einmal das Versprechen des gelungenen Lebens. Man hatte es geschafft. Man besaß einen Rückzugsort, einen Garten, einen See, eine Familie, ein gemeinsames Projekt. Die Erzählerin erinnert sich daran, wie sie und ihr Mann sich gerade nicht mit Zufriedenheit begnügen wollten. Sie verfolgten Projekte, Vorstellungen, Ziele und Erfolgsmaßstäbe.
Das ist der Punkt, an dem aus der privaten Geschichte eine Gegenwartsdiagnose wird. Denn was bleibt von einer Gesellschaft, in der Selbstverwirklichung zur Pflicht geworden ist? Was geschieht mit Menschen, die jahrzehntelang daran gearbeitet haben, ihr Leben möglichst gut einzurichten, wenn sie eines Tages merken, dass sie zwar eingerichtet, aber nicht unbedingt angekommen sind?
Der Titel „Alleinruhelage“ ist dafür eine ziemlich böse Erfindung. Er klingt zunächst nach einem Immobilienprospekt. Eine ruhige Lage, abgeschieden, idyllisch, wertbeständig. Aber dann kippt das Wort. Die Ruhe ist nicht nur angenehm. Sie ist auch Einsamkeit. Die Lage ist stabil, aber Stabilität kann Stillstand bedeuten. Und das Alleinsein, das nach dem Ende der Ehe zunächst als Verlust erscheint, wird allmählich zu einer Form von Freiheit.
Das ist keine große Emanzipationserzählung. Menasse ist klüger als das. Sie weiß, dass Freiheit selten heroisch aussieht. Manchmal besteht sie darin, einen Konflikt nicht mehr zu führen. Manchmal darin, einen Gegenstand wegzugeben. Und manchmal darin, ein Haus zu verkaufen, obwohl man es liebt.
Am Ende entscheidet sich die Erzählerin genau dafür. Sie trennt sich von Haus und Garten, nicht im Affekt und nicht aus Verbitterung, sondern mit einer fast überraschenden Nüchternheit. Sie hat gelernt, dass Loslassen nicht notwendig Niederlage bedeutet. Das Haus wird damit zum letzten großen Gegenstand ihrer Biografie und zugleich zum Gegenstand, den sie aus ihrer Biografie wieder herauslösen muss. Genau hier zeigt sich der ungewöhnlichste Zug dieses Romans: Er weigert sich, Verlust zu dramatisieren.
Und das hat etwas Gegenwärtiges. Wir leben in einer Zeit, in der nahezu alles festgehalten werden soll. Bilder, Nachrichten, Erinnerungen, berufliche Stationen, Beziehungen, Meinungen. Das Smartphone ist das Archiv des eigenen Lebens; die Wohnung ist sein materielles Archiv. Selbst das Vergessen muss inzwischen beinahe begründet werden. Menasses Erzählerin macht etwas, das unserer Gegenwart verdächtig vorkommen muss: Sie gibt etwas auf, ohne daraus eine Katastrophe zu machen.
Man könnte darin eine Altersweisheit sehen. Oder etwas vorsichtiger formuliert: eine Erfahrung mit der Endlichkeit. Denn auch darin ist „Alleinruhelage“ ein Buch unserer Zeit. Die großen politischen und ökonomischen Krisen der vergangenen Jahre haben den Glauben an die kontrollierbare Biografie erschüttert. Pandemie, Krieg, Migration, Inflation, Wohnungskrise, politische Polarisierung und die allgemeine Erfahrung, dass die Zukunft nicht mehr zuverlässig als Verbesserung der Gegenwart erscheint: All das bildet keinen ausdrücklich benannten Hintergrund des Romans. Aber es verändert die Bedeutung seines kleinen Problems. Was heißt es noch, sich einzurichten, wenn die Welt sich nicht mehr recht einrichten lässt?
Man muss beweglich bleiben. Die Erzählerin kommt am Ende auf den Gedanken, dass ihre „stabile Alleinruhelage“ vielleicht doch wieder etwas Bewegung vertragen könnte. Das ist ein unscheinbarer Satz, aber er enthält die ganze Bewegung des Buches. Ruhe war zunächst das Ziel. Dann wird sie zum Zustand. Schließlich wird sie zum Problem.
Eva Menasse schreibt aus jener eigentümlichen österreichischen Position heraus, in der man dem Leben gleichzeitig misstraut und es ausführlich kommentiert. Die Autorin besitzt die österreichische Gabe, das scheinbar Nebensächliche so lange zu betrachten, bis daraus eine kleine Weltanschauung entsteht. Als westdeutscher Leser ist man dagegen zunächst geneigt, das für etwas übertrieben zu halten. Man kennt diese Art: erst eine Anekdote, dann eine Verwandtschaftsgeschichte, dann ein Seitenausflug in die österreichische Mentalitätsgeschichte, und ehe man sich versieht, ist aus dem defekten Wasserhahn die Habsburgermonarchie geworden.
Zum Glück besitzt Eva Menasse eine gute Portion Humor. Das rettet sie vor jener Krankheit, an der ein erheblicher Teil der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur leidet: der unerträglichen Gewissheit, dass jede private Erfahrung gesellschaftlich bedeutsam und jede gesellschaftliche Beobachtung moralisch wertvoll sein müsse. Menasse gönnt ihren Figuren dagegen das Recht, lächerlich zu sein. Sie lässt sie sich irren, sich überschätzen, sich gegenseitig missverstehen. Sie weiß, dass Menschen selten aus den richtigen Motiven handeln und dass gerade darin ihre Wahrheit liegt.
So wird „Alleinruhelage“ schließlich doch zu einem Gesellschaftsroman, allerdings nicht im alten Sinn. Es gibt kein großes Gesellschaftspanorama, keinen repräsentativen Querschnitt durch Deutschland. Die Gesellschaft erscheint in Splittern: im Baurecht, im Garten, in den Datschen, in den Arbeitsverhältnissen, in der Sprache, in den Erinnerungen an die DDR, in den kleinen Kränkungen zwischen Ost und West, in der Begegnung zwischen der gebildeten Berlinerin und den osteuropäischen Handwerkern.
Womöglich ist das sogar die angemessenere Form für eine Gegenwart, die sich selbst nicht mehr als große Erzählung begreifen kann. Die Gesellschaft steckt heute weniger in den großen Institutionen als in den Übergängen zwischen ihnen: zwischen Wohnung und Arbeit, Stadt und Land, Eigentum und Miete, Deutschland und Osteuropa, Vergangenheit und Gegenwart, Ehe und Alleinsein. — Menasses Roman macht daraus keine Theorie. Sie erzählt. Das reicht, mehr braucht es nicht für eine gute Geschichte.
Deshalb hat man beim Lesen tatsächlich Spaß gehabt. Nicht, weil die Autorin uns eine tröstliche Geschichte vom Neuanfang schenkt. Sondern weil sie etwas viel Schwierigeres schafft: Sie lässt einen Menschen ernst nehmen, ohne ihn zu verklären: Das Haus wird verkauft. Die Ehe ist vorbei. Die Vergangenheit bleibt. Die Zukunft ist offen. Mehr weiß man nicht.
Autor: Eva Menasse
Titel: „Alleinruhelage“
Herausgeber: Kiepenheuer & Witsch
Seitenzahl: 224 Seiten
ISBN-10: 3462002627
ISBN-13: 978-3462002621