Sinthujan Varatharajah: „Wo Zeit stehen bleibt — Vom Tourismus und seiner Gewalt“

Auf dem Tisch liegt ein Buch, dessen Titel zunächst fast harmlos klingt: „Wo Zeit stehen bleibt. Vom Tourismus und seiner Gewalt“. Erst der Untertitel verrät, dass hier nicht vom Reisen als Freizeitbeschäftigung die Rede sein soll. Es geht um Tourismus als eine Form des Sehens, des Besitzens und des Vergessens; um die eigentümliche Gewalt, die dort entstehen kann, wo Menschen einen Ort als Urlaubsziel betrachten, während andere mit eben diesem Ort eine Geschichte von Krieg, Vertreibung, Kolonialismus oder Verlust verbinden. Schon der Paratext des Buches setzt dabei ein Zeichen. Sinthujan Varatharajah wird als „Essayist*in“ und „politische*r Geograf*in“ bezeichnet, die Geschlechtszugehörigkeit also nicht in die vertrauten Kategorien von Mann und Frau übersetzt. Man könnte das als jene gegenwärtig beliebte Form literarischer Selbstinszenierung lesen, mit der ein Verlag sein Buch für ein queeres, urbanes und politisch sensibilisiertes Publikum interessant macht. Bei Varatharajah wäre eine solche Erklärung jedoch zu kurz gegriffen. Die nonbinäre Selbstpositionierung gehört seit Jahren zur öffentlichen Erscheinung der Person; sie ist nicht erst für dieses Buch erfunden worden. Zugleich sollte man sich davor hüten, aus den sprachlichen Markierungen des Paratextes eine genauere geschlechtliche Identität herauszulesen, als Varatharajah selbst formuliert. Entscheidend ist vielmehr, dass hier eine Person schreibt, die sich der eindeutigen Zuordnung entzieht — und dass diese Verweigerung von Eindeutigkeit erstaunlich gut zu einem Werk passt, das sich immer wieder mit den Grenzen beschäftigt, durch die Menschen, Räume und Identitäten voneinander geschieden werden.

Varatharajahs Biographie ist dafür nicht bloß Hintergrund, sondern ein wesentlicher Bestandteil der Perspektive. Die Person gehört der tamilischen Diaspora an und wuchs in Deutschland auf; die Familiengeschichte ist mit der Flucht aus Sri Lanka und der Erfahrung des Bürgerkriegs verbunden. Varatharajah studierte politische Geographie und arbeitete vor dem literarischen Erfolg in menschenrechtlichen Zusammenhängen, unter anderem zu Fragen von Migration, Asyl und den politischen Bedingungen räumlicher Zugehörigkeit. Das erste Buch, „An alle Orte, die hinter uns liegen“, nahm diese Erfahrungen zum Ausgangspunkt und entwickelte daraus eine eigenwillige Verbindung von persönlicher Erinnerung, tamilischer Geschichte, Kolonialismus-Kritik und europäischer Gegenwart. Eine Fotografie der Mutter vor Elefanten in einem Münchner Zoo wurde dort zum Ausgangspunkt einer weitreichenden Reflexion darüber, wie Menschen, Tiere, Landschaften und ganze Weltregionen durch europäische Blicke geordnet und verfügbar gemacht wurden. Das neue Buch verschiebt den Schwerpunkt. An die Stelle des fotografischen Blicks tritt die Bewegung selbst: Nicht mehr nur die Frage, wie wir einen Ort betrachten, sondern die Frage, wer überhaupt das Recht und die Möglichkeit besitzt, sich zu diesem Ort zu bewegen, wird zum Zentrum.

Damit wird der Tourist zu einer politischen Figur, obwohl er sich selbst gewöhnlich gar nicht als solche begreift. Der Tourist steigt in ein Flugzeug, weil er Urlaub machen möchte. Er besitzt einen Pass, Geld, Zeit und ein Rückflugticket; Grenzen sind für ihn Hindernisse, die sich normalerweise überwinden lassen. Für andere Menschen beginnt an derselben Grenze eine völlig andere Geschichte. Sie überschreiten sie nicht, weil sie einen fremden Ort kennenlernen wollen, sondern weil sie ihren eigenen verlassen mussten. Die einen werden Reisende genannt, die anderen Flüchtlinge oder Migranten. Die einen haben ein Reiseziel, die anderen eine Fluchtroute. Die einen fotografieren, die anderen werden kontrolliert. Was für den einen als Freiheit erscheint, kann für den anderen Zwang bedeuten. Und genau in dieser scheinbar banalen Differenz entdeckt Varatharajah eine der großen politischen Asymmetrien der Gegenwart: Bewegungsfreiheit ist kein allgemeines Gut, sondern ein Privileg, das höchst ungleich verteilt ist.

Der Tourismus ist deshalb bei Varatharajah weniger ein Gegenstand als ein Brennglas. Er macht sichtbar, was im Alltag unsichtbar bleibt. Der Reisepass erscheint plötzlich nicht mehr als neutrales Dokument, sondern als materieller Ausdruck einer politischen Weltordnung. Das Flugzeug wird nicht nur zum Transportmittel, sondern zu einer Maschine, die Menschen je nach Herkunft, Staatsangehörigkeit und sozialem Status unterschiedlich behandelt. Und der Urlaubsort ist nicht mehr bloß eine schöne Landschaft, sondern ein Raum, dessen Geschichte der Tourist gewöhnlich nicht kennen muss, um ihn konsumieren zu können. Darin liegt die eigentliche Provokation des Buches: Varatharajah möchte das scheinbar Unpolitische politisch lesbar machen.

Man könnte sagen, dass es um die Rückkehr der Geschichte in den Tourismus geht. Denn der Tourismus braucht eine Welt ohne Vergangenheit. Das Paradies ist gerade deshalb ein Paradies, weil es zeitlos erscheint. Palmen, Meer, Sonne, Hotelanlage, Tempel, Ruine — alles wird aus den historischen Zusammenhängen herausgelöst und in eine konsumierbare Gegenwart überführt. Der Urlauber soll sich nicht mit der Frage beschäftigen müssen, wem das Land früher gehörte, wer von ihm vertrieben wurde, welche Armee dort stationiert war, welcher Bürgerkrieg seine Spuren hinterlassen hat oder welche kolonialen Ordnungen noch immer in Eigentumsverhältnissen und sozialen Hierarchien fortwirken. Die touristische Industrie verkauft nicht nur Orte, sie verkauft auch eine bestimmte Vorstellung von Zeit: eine Gegenwart, die möglichst keine störende Vorgeschichte besitzt.

Hier erhält der Titel „Wo Zeit stehen bleibt“ seine eigentliche Schärfe. Zeit steht dort still, wo Geschichte zur Kulisse geworden ist. Für den Reisenden ist der Krieg vorbei, weil er ihn nicht erlebt hat; für die Familie eines Verschwundenen kann er Gegenwart sein. Für den Besucher ist eine zerstörte Ruine ein pittoreskes Fotomotiv, für andere ist sie ein Ort der Erinnerung. Für den Touristen ist der Strand ein schöner Strand; für den Menschen, der von diesem Strand vertrieben wurde, kann er der Schauplatz eines unwiederbringlichen Verlustes sein. Die Landschaft ist dieselbe, aber ihre Bedeutung ist es nicht. Gerade diese Gleichzeitigkeit verschiedener Zeiten gehört zu den stärksten Motiven des Buches.

Die tamilische Geschichte bildet dafür den entscheidenden Erfahrungsraum. Sri Lanka ist für den internationalen Tourismus seit langem eine Insel des exotischen Versprechens: tropische Strände, Teeplantagen, Tempel, Tiere, Sonne und Meer. Doch diese touristische Oberfläche überdeckt eine Geschichte von Kolonialherrschaft, ethnischer Diskriminierung, Nationalismus, Bürgerkrieg und Vertreibung. Besonders im Norden und Osten der Insel, den Gebieten der tamilischen Bevölkerung, zeigt sich die Spannung zwischen touristischer Gegenwart und politischer Erinnerung. Nach dem Ende des Bürgerkriegs wurden auch ehemalige Kriegsgebiete zunehmend touristisch erschlossen. Was aus der Perspektive der Wirtschaft als Entwicklung erscheinen kann, besitzt aus der Perspektive der dort lebenden oder vertriebenen Menschen eine andere Bedeutung: Ein Raum, der von militärischer Gewalt und Verlust geprägt ist, wird plötzlich als Destination vermarktet. Die Geschichte verschwindet nicht; sie wird nur aus dem Bild herausgeschnitten.

Hier ist Varatharajahs eigene Biographie unmittelbar präsent. Wer aus einer Geschichte der Flucht und Diaspora kommt, betrachtet das Reisen anders als jemand, für den die Welt immer schon offenstand. Der Tourist kann einen Ort verlassen, wenn ihm die Reise nicht mehr gefällt. Der Geflüchtete musste ihn verlassen und kann möglicherweise niemals zurückkehren. Der eine besitzt die Freiheit der Rückkehr, der andere lebt mit ihrer Unmöglichkeit. In dieser Umkehrung liegt ein großer Teil der politischen Energie des Buches. Es geht nicht darum, den Touristen moralisch zu verurteilen, sondern darum, die Bedingungen sichtbar zu machen, unter denen sein Reisen möglich ist.

Das ist ein wichtiger Unterschied, weil „Wo Zeit stehen bleibt“ sonst allzu leicht als bloße Anklage des Westens missverstanden werden könnte. Natürlich richtet sich das Buch scharf gegen eine historische Ordnung, die Kolonialismus, Kapitalismus, Rassismus, Grenzregime und globale Mobilität miteinander verbindet. Aber Varatharajah behauptet nicht einfach, „der Westen“ sei böse und die außereuropäische Welt unschuldig. Eine solche Gegenüberstellung wäre genauso schematisch wie jene kolonialen Weltbilder, die das Buch kritisiert. Interessanter ist die Frage, wie sich historische Machtverhältnisse in ganz gewöhnlichen Dingen fortsetzen: im Pass, im Hotel, im Reiseprospekt, in der Karte, im Foto, im Begriff des Urlaubsziels.

Damit wird auch verständlich, warum die tamilische Unabhängigkeitsbewegung zwar einen wichtigen Hintergrund bildet, aber nicht die eigentliche Botschaft des Buches darstellt. Varatharajah schreibt aus einer tamilischen Perspektive, doch das Buch ist kein verkapptes Programm für einen unabhängigen tamilischen Staat. Die Geschichte Eelams dient vielmehr als Brennpunkt für eine allgemeinere Frage: Was geschieht mit einer Gemeinschaft, wenn ihr politischer Raum zerstört wird und ihre Geschichte anschließend von anderen erzählt, verwaltet oder touristisch überformt wird? Eelam wird so weniger zum nationalen Ziel als zu einer Denkfigur für Heimat, Diaspora und Staatenlosigkeit. Die politische Frage lautet nicht nur, wer ein Territorium besitzt, sondern wer überhaupt bestimmen darf, welche Geschichte dieses Territorium erzählt.

Das verbindet das neue Buch mit Varatharajahs früherem Schreiben. Schon „An alle Orte, die hinter uns liegen“ handelte nicht ausschließlich von tamilischer Flucht, sondern von der Frage, wie Europa seine eigene Geschichte des Sehens und Ordnens produziert hat. Aus dem persönlichen Bild wurde dort ein Archiv kolonialer Macht. Im neuen Buch wird aus der Reise ein solches Archiv. Die Bewegung durch den Raum wird lesbar als Geschichte von Privileg und Ausschluss. Der Tourist, der die Welt scheinbar frei durchquert, ist in diesem Sinne eine Figur der Moderne: Er verkörpert eine Freiheit, die keineswegs allen Menschen gleichermaßen zugänglich ist.

Und hier lässt sich noch einmal die Frage nach der nonbinären Identität aufnehmen. Sie ist nicht der Schlüssel zum Buch, aber sie steht auch nicht völlig beziehungslos daneben. Varatharajahs Schreiben misstraut Kategorien, die sich als selbstverständlich ausgeben. Geschlecht ist eine solche Kategorie, Staatsangehörigkeit eine andere, ebenso Herkunft, Zugehörigkeit oder die Einteilung eines Menschen als Tourist, Migrant oder Flüchtling. Natürlich sind diese Kategorien nicht gleichzusetzen; eine nonbinäre Geschlechtsidentität ist keine Variante von Staatenlosigkeit, und es wäre unsinnig, daraus eine solche Analogie zu konstruieren. Aber die gemeinsame Denkbewegung ist erkennbar: Die Person interessiert sich dafür, was geschieht, wenn Menschen nicht in die Kategorien passen, mit denen eine Gesellschaft ihre Welt ordnet. In diesem Sinn ist die geschlechtliche Selbstpositionierung mehr als ein dekoratives Zeichen des gegenwärtigen Literaturbetriebs. Sie korrespondiert mit einem Schreiben, das Eindeutigkeiten grundsätzlich misstraut.

Das macht die Paratext-Frage allerdings nicht überflüssig. Im Gegenteil: Man sollte sie durchaus ernst nehmen, gerade weil der Verlag die Identität der Autor*in so sichtbar macht. Der gegenwärtige Literaturmarkt vermarktet nicht mehr nur Bücher, sondern zunehmend auch Perspektiven. Herkunft, Geschlecht, Migrationserfahrung und politische Position werden Teil des öffentlichen Autorenprofils. Der Hanser-Verlag weiß sehr genau, welches Publikum mit diesem Buch von Sinthujan Varatharajah angesprochen werden kann: ein jüngeres, urbanes, kulturpolitisch interessiertes Milieu, das sich für Dekolonisierung, Queerness, Rassismuskritik und globale Ungleichheit interessiert. Das ist keine besonders raffinierte Marketingstrategie, aber eine durchaus erkennbare. Nur folgt daraus nicht, dass die Identität künstlich erfunden worden wäre, um das Buch interessanter zu machen. Bei Sinthujan Varatharajah ist die politische und biographische Arbeit an diesen Fragen älter als ihre gegenwärtige verlegerische Verwertbarkeit.

Vielleicht ist gerade diese Doppelheit interessant: Das Buch ist politisches Schreiben und zugleich ein Produkt des politischen Literaturmarktes. Es kritisiert die Mechanismen, durch die Menschen und Orte kulturell verfügbar gemacht werden, und muss sich selbst in einem kulturellen Markt positionieren, der nach unverwechselbaren Stimmen und eindeutigen Profilen verlangt. Der Verlag kann aus der Biographie der Autor*in Kapital schlagen; Varatharajah kann dieses Interesse zugleich benutzen, um die Aufmerksamkeit auf eine Geschichte zu lenken, die im deutschen Bewusstsein nur eine geringe Rolle spielt. Zwischen politischer Intervention und kultureller Vermarktung besteht deshalb kein einfacher Gegensatz.

Was aber soll dieses Buch beim Leser bewirken? Sicherlich nicht, dass er von nun an auf das Reisen verzichtet. Das wäre eine ausgesprochen dürftige Konsequenz. Varatharajah verlangt vielmehr eine Veränderung des Blicks. Der Leser soll verstehen, dass jeder Ort eine Geschichte besitzt, die nicht mit seiner touristischen Beschreibung identisch ist. Er soll sich fragen, weshalb ihm bestimmte Grenzen offenstehen und andere Menschen an denselben Grenzen scheitern. Er soll den eigenen Pass als Privileg wahrnehmen und den Urlaubsort nicht mehr als geschichtslose Kulisse betrachten. Das Buch will, wenn man so will, die Unschuld des Tourismus zerstören, ohne notwendig die Freude am Reisen zu verbieten.

Darin liegt zugleich seine Zumutung. Denn ein solcher Blick lässt sich nicht auf ferne Länder beschränken. Er kehrt zum Betrachter zurück. Wer über Sri Lanka liest, muss irgendwann über Deutschland nachdenken; wer über koloniale Gewalt liest, über die deutsche Kolonialgeschichte; wer über Flucht liest, über das europäische Grenzregime; wer über die ungleiche Verteilung von Mobilität liest, über den eigenen Pass. Der Leser kann sich nicht dauerhaft in der bequemen Position des moralischen Beobachters halten. Das ist vielleicht die klügste Entscheidung des Buches: Es macht aus dem Leser keinen Richter über die Geschichte, sondern eine Figur in ihr.

Ob man jede Schlussfolgerung Varatharajahs teilen muss, ist eine andere Frage. Die postkoloniale Kritik neigt gelegentlich dazu, sehr unterschiedliche historische Prozesse unter einer gemeinsamen Logik von Macht, Aneignung und Gewalt zusammenzufassen. Wo alles zum Ausdruck derselben kolonialen Struktur wird, droht die Geschichte ihre Widersprüche zu verlieren. Auch Varatharajahs starke moralische Sprache kann zuweilen dazu verführen, komplexe politische Konflikte schneller zu sortieren, als es ihnen eigentlich angemessen wäre. Wer das Buch liest, sollte deshalb nicht jede Diagnose als fertiges Urteil übernehmen. Seine eigentliche Qualität liegt weniger darin, endgültige Antworten zu liefern, als darin, Fragen an Stellen zu stellen, an denen wir sie gewöhnlich nicht stellen.

Das gilt besonders für die Frage nach dem Sinn des Buches im deutschen Sprachraum. Warum muss ein deutscher Leser etwas über tamilische Geschichte, Tourismus und koloniale Raumordnungen lesen? — Nicht, weil Sri Lanka ein exotischer Sonderfall wäre, sondern weil sich an diesem Sonderfall etwas Allgemeines erkennen lässt. Deutschland ist eine Gesellschaft der Reisenden und zugleich eine Gesellschaft, die Flucht und Migration politisch reguliert. Seine Bürger gehören zu den mobilsten Menschen der Welt, während andere Menschen an europäischen Grenzen festgehalten werden. Der globale Tourismus und die globale Flüchtlingsbewegung sind keine getrennten Welten; sie sind zwei Seiten einer Welt, in der Bewegungsfreiheit nach Pass, Geld, Herkunft und geopolitischem Status verteilt wird.

Im internationalen, insbesondere im englischsprachigen Raum, besitzt das Buch wiederum eine etwas andere Funktion. Dort ist Varatharajahs Thema unmittelbar in größere Debatten über Postkolonialismus, Diaspora, Migration und globale Mobilität eingebettet. Die tamilische Geschichte ist in der britischen Öffentlichkeit zudem stärker präsent, nicht zuletzt wegen der großen tamilischen Diaspora in Großbritannien. Im deutschen Sprachraum muss diese Geschichte zunächst stärker vermittelt werden. Das Buch importiert also nicht einfach eine fertige politische Debatte, sondern verschiebt einen Gegenstand in einen anderen kulturellen Kontext. Für ein deutschsprachiges Publikum wird die tamilische Perspektive zum Spiegel der eigenen Geschichte.

Wer sollte das Buch lesen? Sicher nicht nur diejenigen, die ohnehin mit dem Vokabular der Dekolonialisierung vertraut sind. Für sie wird vieles eher Bestätigung als Überraschung sein. Interessanter ist das Buch für den reisenden Bildungsbürger, der seine Weltkenntnis bislang vor allem aus Reiseführern und eigenen Erfahrungen bezogen hat; für Leser, die sich mit Migration, Fotografie, Kolonialgeschichte und Diaspora beschäftigen; für Menschen, die sich fragen, weshalb manche Orte auf unseren Bildern so viel geschichtsloser erscheinen als in der Wirklichkeit. Und vielleicht ist es gerade für jene skeptischen Leser interessant, die mit dem gegenwärtigen postkolonialen Jargon wenig anfangen können. Denn man muss nicht jede theoretische Prämisse teilen, um die zentrale Beobachtung ernst zu nehmen: Ein Ort ist niemals nur das, was der Besucher in ihm sieht.

Das ist am Ende vielleicht der eigentliche Sinn und Nutzen dieses Buches. Es liefert keine Gebrauchsanweisung für moralisch korrektes Reisen und auch kein abschließendes Urteil über die westliche Zivilisation. Es versucht etwas Bescheideneres und zugleich Schwierigeres: Es will den Blick verlangsamen. Wo der Tourismus beschleunigt — Ankunft, Besichtigung, Foto, Bewertung, Abreise —, setzt der Essay Erinnerung dagegen. Wo die Reise den Ort schnell konsumiert, zwingt das Buch dazu, länger hinzusehen. Wo das touristische Bild die Geschichte stillstellt, bringt der Essay die Zeit zurück.

Darin liegt auch die eigentliche Pointe des Titels. „Wo Zeit stehen bleibt“ ist kein Buch über Orte, an denen nichts geschieht. Es ist ein Buch über Orte, an denen zu viel geschehen ist, als dass man sie noch als geschichtslose Kulisse betrachten könnte. Der Tourismus möchte die Gegenwart genießen, ohne die Vergangenheit zu befragen. Varatharajah dreht diese Bewegung um: Erst wenn man die Vergangenheit wahrnimmt, wird die Gegenwart wirklich sichtbar.

Deshalb bleibt nach der Lektüre nicht die Forderung, weniger zu reisen, sondern anders zu reisen. Der Reisepass ist dann nicht mehr nur ein Stück Papier im Handgepäck, sondern ein Dokument einer Welt, in der Bewegungsfreiheit ungleich verteilt ist. Der Strand ist nicht mehr nur Strand, sondern auch ein Ort von Besitz, Erinnerung und Verlust. Das Hotel steht nicht einfach dort, sondern auf einem Boden, dessen Geschichte jemand erzählen könnte. Und der Tourist ist nicht länger der unsichtbare Beobachter, der die Welt bereist, ohne selbst Teil ihrer Geschichte zu werden.

Varatharajah macht aus dem Reisenden einen historischen Menschen. Das ist vielleicht die eigentliche Zumutung dieses Buches — und zugleich seine Stärke. Denn die Welt, die uns offensteht, ist niemals nur unsere Welt. Hinter jedem Reiseziel liegt ein Ort; hinter jedem Ort eine Geschichte; hinter jeder Geschichte stehen Menschen, die nicht unbedingt dieselbe Freiheit besitzen, sich in dieser Welt zu bewegen. Der Tourismus macht daraus ein Bild. Varatharajah versucht, das Bild wieder in Geschichte zu verwandeln.

Man kann diese Perspektive für überzogen halten, man kann ihr moralisches Pathos kritisieren, man kann manche ihrer politischen Verallgemeinerungen zurückweisen. Aber nach der Lektüre wird es schwerer, die eigene Bewegungsfreiheit als etwas völlig Natürliches zu betrachten. Und vielleicht ist das schon eine beträchtliche Leistung eines Essays: nicht die Welt zu verändern, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der wir sie betrachten.

Die Welt als Reiseziel ist die glänzende Oberfläche der Moderne. Ihre andere Seite ist die Grenze. Varatharajah interessiert sich für den Moment, in dem beide sichtbar werden.

 

 

 

 

 

 

Autor: Sinthujan Varatharajah
Titel: „Wo Zeit stehen bleibt — Vom Tourismus und seiner Gewalt“
Herausgeber: Carl Hanser Verlag
Seitenzahl: 416 Seiten
ISBN-10: 3446279172
ISBN-13: 978-3446279179