Wenn wir an das Mittelalter denken, sehen wir selten das Mittelalter. Wir sehen eine Erfindung der Neuzeit: dunkle Burgen, Pest und Scheiterhaufen, fanatische Mönche, rohe Ritter, abergläubische Bauern, eine Welt aus Gewalt, Hunger und religiöser Angst. Zwischen dem Untergang der Antike und dem Auftritt der Renaissance scheint sich in dieser Vorstellung ein gewaltiger historischer Abgrund aufzutun. Die Menschheit fällt zurück, verliert Wissen und Vernunft, lebt ein Jahrtausend lang in geistiger Dämmerung — bis irgendwann die Renaissance die Fenster öffnet und wieder Licht in die Welt lässt.
Das ist eine schöne Geschichte. Nur hat sie mit der Geschichte wenig zu tun. Das Mittelalter war niemals so dunkel, wie es die späteren Jahrhunderte haben wollten. Es war auch nicht die kindliche Vorstufe einer Moderne, die bereits alle Maßstäbe für das Kommende in sich trug. Es war eine eigene Welt mit eigenen Formen des Denkens, Handelns und Zusammenlebens, mit Gewalt und Fürsorge, religiösem Eifer und intellektueller Neugier, starren Hierarchien und erstaunlichen Möglichkeiten sozialer Bewegung. Vor allem aber war es eine Welt voller Widersprüche.
Genau diese andere Geschichte erzählt der Sammelband Das andere Mittelalter, herausgegeben von Eva-Maria Schnurr und Jasmin Lörchner. Die Beiträge, ursprünglich aus einer Ausgabe von SPIEGEL Geschichte hervorgegangen, versammeln historische Fallgeschichten, die das vertraute Bild der Epoche an entscheidenden Stellen korrigieren. Philosophinnen treten aus dem Schatten der großen männlichen Gelehrtengeschichte hervor, politische Formen jenseits moderner Parlamente zeigen überraschende Partizipationsmöglichkeiten, Handels- und Kulturkontakte lassen das mittelalterliche Europa als Teil einer weit größeren Welt erscheinen. Auch Vorstellungen von Natur, Ressourcen und einem verantwortlichen Umgang mit der Umwelt werden untersucht. Dazu kommen Themen, die das Mittelalter aus heutiger Sicht noch einmal irritierend modern erscheinen lassen: Sexualität, Geschlechterrollen, gleichgeschlechtliche Beziehungen, Reisen, Wissenstransfer und soziale Mobilität.
Man könnte daraus eine kleine Sensationsgeschichte des Mittelalters machen: Seht her, auch damals gab es schon Frauen, die philosophierten, Menschen, die demokratische Ideen kannten, Fernhandel, globale Kontakte und Vorstellungen von Nachhaltigkeit! Doch genau diese Lesart wäre zu einfach. Sie würde den alten Fehler lediglich umkehren. Aus dem „finsteren Mittelalter“ würde dann das „heimlich moderne Mittelalter“.
Das Buch ist interessanter, wenn man es anders liest. Denn sein eigentliches Verdienst besteht nicht darin, das Mittelalter schöner erscheinen zu lassen. Es besteht darin, die Gewissheit zu erschüttern, mit der wir Epochen gewöhnlich betrachten. Geschichte ist keine Rolltreppe, auf der die Menschheit automatisch von der Unvernunft zur Vernunft, von der Herrschaft zur Demokratie, vom Aberglauben zur Wissenschaft und von der Enge zur Freiheit fährt. Es gibt keine historische Gerade, an deren Ende zwangsläufig unsere Gegenwart wartet. Das ist bei aller interessanten Andersartigkeit die eigentliche Kernaussage dieses Buches.
Die Beiträge sind entsprechend nicht als lückenlose Gesamterzählung angelegt. Sie funktionieren eher wie Fenster in eine Welt, die wir zu kennen glauben. Jeder Text öffnet einen anderen Ausschnitt und verschiebt damit den Blickwinkel. Aus der Summe dieser Perspektiven entsteht kein neues geschlossenes Bild, sondern ein widersprüchlicheres. Das Mittelalter wird größer und vielschichtiger, sobald man aufhört, es mit einem einzigen Etikett versehen zu wollen.
Darin liegt auch der Unterschied zu einem klassischen historischen Sachbuch. Ein solches Buch erzählt gewöhnlich eine Entwicklung: Ursachen, Ereignisse, Wendepunkte, Folgen. Es führt den Leser durch die Zeit. Das andere Mittelalter arbeitet weniger chronologisch als perspektivisch. Die Beiträge sind kleine historische Erkundungen. Sie nehmen einen Gegenstand, der zunächst bekannt oder nebensächlich erscheint, und verändern durch genaue Betrachtung seinen Stellenwert.
Diese Form entspricht dem essayistischen Charakter des Bandes. Die Autorinnen und Autoren wollen nicht nur Wissen vermitteln, sondern die Wahrnehmung verändern. Ein vertrautes Bild wird genommen und gegen das Licht gehalten. Plötzlich werden Konturen sichtbar, die vorher im Schatten lagen. Das macht die Texte zugänglich, ohne sie auf bloße Unterhaltung zu reduzieren. Sie erzählen Geschichte, indem sie historische Gewissheiten irritieren.
Besonders wichtig ist dabei die Geschichte der Frauen. Das mittelalterliche Frauenbild gehört zu den hartnäckigsten Bestandteilen unserer historischen Fantasie: Frauen als Ehefrauen, Mütter, Nonnen oder Opfer männlicher Gewalt. Natürlich gab es diese Lebensformen, und die mittelalterlichen Gesellschaften waren in hohem Maße patriarchalisch. Aber zwischen Unterordnung und Selbstbestimmung existierten zahlreiche Zwischenräume. Frauen konnten Besitz verwalten, wirtschaftlich tätig sein, religiöse Gemeinschaften prägen, politische Beziehungen beeinflussen und intellektuell arbeiten. Einige wurden zu bedeutenden Autorinnen, Gelehrten oder politischen Akteurinnen.
Das Entscheidende ist nicht, diese Frauen nachträglich zu modernen Feministinnen zu erklären. Das wäre historische Vereinnahmung. Ihre Bedeutung liegt vielmehr darin, dass sie uns zwingen, unsere Kategorien zu überprüfen. Handlungsmacht muss nicht nach heutigen Vorstellungen von Emanzipation ausgehen. Freiheit besitzt historische Formen.
Dasselbe gilt für die politischen Beiträge des Bandes. Wer Demokratie ausschließlich mit Parlamenten, Parteien, allgemeinen Wahlen und Verfassungen verbindet, wird im Mittelalter naturgemäß wenig davon finden. Doch politische Gemeinschaften funktionieren nicht erst seit der Neuzeit über Repräsentation und Verhandlung. Städte, Gemeinden, Zünfte, Ständeversammlungen und andere Körperschaften entwickelten eigene Formen gemeinschaftlicher Entscheidungsfindung und gegenseitiger Begrenzung von Macht.
Das bedeutet nicht, das Mittelalter zur Wiege unserer Demokratie zu erklären. Es bedeutet etwas viel Interessanteres: Demokratie ist nicht plötzlich erfunden worden. Politische Teilhabe hat eine lange und widersprüchliche Vorgeschichte.
Auch der Blick auf die mittelalterliche Welt außerhalb Europas verändert das Bild. Die Vorstellung einer isolierten, in sich geschlossenen christlichen Welt ist kaum haltbar. Menschen, Waren, Ideen und Technologien bewegten sich über enorme Entfernungen. Handelswege verbanden Regionen, die in unserer europäischen Geschichtsschreibung häufig getrennt behandelt werden. Das Mittelalter war eine Welt der Kontakte — allerdings ebenso eine Welt der Konflikte, der Herrschaft und der Ausbeutung.
Das ist ein wichtiger Punkt, weil sich auch hier eine romantische Gegenlegende vermeiden lässt. Globale Vernetzung war keineswegs automatisch ein Zeichen von Offenheit. Handel konnte Wohlstand erzeugen und zugleich Abhängigkeit. Reisen bedeutete Begegnung, aber auch Eroberung. Kultureller Austausch konnte Wissen verbreiten und gleichzeitig Machtverhältnisse stabilisieren. Wer das Mittelalter nur deshalb interessant findet, weil es bereits eine Art mittelalterliche Globalisierung gab, verpasst die eigentliche historische Komplexität.
Überhaupt liegt die Stärke des Bandes dort, wo er Widersprüche nicht auflöst. Das gilt auch für die Frage nach Natur und Nachhaltigkeit. Natürlich ist es verführerisch, in mittelalterlichen Formen des Wirtschaftens eine frühe ökologische Vernunft zu erkennen. Menschen waren auf lokale Ressourcen angewiesen, mussten Böden bewirtschaften, Wälder nutzen und Wasser schützen. Aber daraus folgt keine mittelalterliche Umweltbewegung. Vielmehr zeigt sich, dass Menschen immer in ökologischen Abhängigkeiten gelebt haben — und dass die Art, wie sie damit umgingen, von sozialen, technischen und wirtschaftlichen Bedingungen abhing.
Die Gegenwart kann daraus etwas lernen, wenn sie nicht nach historischen Vorbildern sucht, sondern nach historischen Erfahrungen. — Damit stellt sich aber auch die vielleicht wichtigste Frage: Warum sollten wir uns heute überhaupt noch für das Mittelalter interessieren?
Die Antwort lautet nicht, dass dort unsere Ursprünge liegen. Das tun sie immer — und nirgends. Auch die Behauptung, wir könnten aus der Vergangenheit „lernen“, ist zunächst verdächtig. Geschichte ist kein Lehrbuch mit fertigen Lektionen. Menschen des 11. Jahrhunderts sind keine Versuchsanordnung für Probleme des 21. Jahrhunderts.
Wir brauchen das Mittelalter aus einem anderen Grund: weil es uns fremd genug ist, um unsere Selbstverständlichkeiten zu erschüttern. Wer nur die Gegenwart kennt, hält ihre Institutionen leicht für naturgegeben. Demokratie, Nationalstaat, Geschlechterordnung, Ehe, Arbeit, Religion, Eigentum, Stadt und Familie erscheinen dann als feste Bestandteile der menschlichen Welt. Ein Blick zurück zeigt aber, dass fast nichts davon selbstverständlich ist. Gesellschaften können sehr verschieden organisiert sein. Menschen können andere Vorstellungen von Person, Gemeinschaft, Geschlecht, Zeit und Natur entwickeln.
Das Mittelalter ist deshalb ein Gegenmittel gegen historische Selbstüberschätzung. Es erinnert uns daran, dass unsere Gegenwart nicht das Ende der Geschichte ist. Wir leben in einer bestimmten historischen Konstellation, nicht in der Vollendung menschlicher Entwicklung. Was uns heute vernünftig erscheint, kann morgen fremd wirken. Was uns selbstverständlich vorkommt, hat eine Geschichte. Und was eine Geschichte besitzt, kann sich verändern.
In diesem Sinn besitzt Das andere Mittelalter eine politische Bedeutung, ohne ein politisches Buch sein zu müssen. Es trainiert historische Distanz. Und historische Distanz ist eine Voraussetzung geistiger Freiheit. Wer weiß, dass Gesellschaften anders funktionieren können, kann sich auch vorstellen, dass die eigene Gesellschaft anders werden könnte.
Das ist mehr als intellektuelle Unterhaltung. Der besondere Wert dieses Buches liegt dabei in seiner Zielgruppe. Es richtet sich an Leser, die sich für Geschichte interessieren, aber kein wissenschaftliches Spezialstudium absolviert haben. Schüler, Studierende, Lehrer, historisch interessierte Laien und alle, die ihre Vorstellung vom Mittelalter überprüfen möchten, werden hier einen leichten Einstieg finden. Zugleich kann auch der historisch erfahrene Leser Gewinn aus der Verschiebung der Perspektiven ziehen, denn die Stärke des Buches liegt weniger in einer neuen Gesamterzählung als in der Auswahl und Gewichtung seiner Themen.
Seine Grenzen sind dabei zugleich seine Methode. Ein Sammelband dieser Art kann keine umfassende Geschichte des Mittelalters liefern. Er muss auswählen, zuspitzen, Geschichten erzählen. Manche Beiträge werden deshalb stärker korrigieren als differenzieren. Wo das alte Klischee vom finsteren Mittelalter zurückgedrängt wird, entsteht bisweilen die Versuchung, das Gegenbild etwas zu hell auszuleuchten.
Doch auch diese Spannung ist produktiv. Sie erinnert daran, dass Geschichtsschreibung niemals ohne Perspektive auskommt. Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft von Das andere Mittelalter: Nicht die Vergangenheit muss sich vor unseren Urteilen rechtfertigen, sondern wir müssen uns vor unseren Bildern der Vergangenheit rechtfertigen.
Das Mittelalter war weder die große Finsternis zwischen Antike und Renaissance noch eine verkannte Frühform unserer Gegenwart. Es war ein Jahrtausend voller Möglichkeiten und Grenzen, voller Gewalt und Ordnung, Glauben und Zweifel, Hierarchie und Verhandlung, Enge und erstaunlicher Beweglichkeit. Es war eine Welt, in der Menschen unter Bedingungen lebten, die uns fremd geworden sind — und in der sie dennoch mit Fragen rangen, die uns vertraut geblieben sind.
Vielleicht ist genau diese Mischung aus Fremdheit und Nähe der Grund, weshalb das Mittelalter nicht verschwindet. Es kehrt immer wieder, weil jede Gegenwart es neu braucht. Die Renaissance erfand ihr finsteres Mittelalter, die Aufklärung benutzte es als Gegenbild zur Vernunft, die Moderne erklärte sich selbst zur Überwindung seiner Rückständigkeit. Und unsere Gegenwart entdeckt nun in ihm Frauen mit eigener Stimme, politische Aushandlungsformen, globale Verbindungen und Erfahrungen mit der Begrenztheit natürlicher Ressourcen.
Auch das wird eines Tages Geschichte sein. Das gute historische Buch besteht deshalb nicht darin, uns zu sagen, wie die Vergangenheit „wirklich“ war. Es zeigt uns, warum wir sie bislang so gesehen haben — und was geschieht, wenn wir unseren Blick verändern.
Das andere Mittelalter leistet genau das. Es nimmt der Epoche nicht ihre Dunkelheit, sondern ihre Eindeutigkeit. Und damit wird aus dem alten dunklen Zeitalter etwas weitaus Interessanteres: eine fremde, widersprüchliche, überraschend vielfältige Welt, in der wir nicht unsere Gegenwart wiederfinden müssen, um sie ernst nehmen zu können.
Historische Aufklärung beginnt genau dort, wo wir aufhören, die Vergangenheit nach uns selbst zu durchsuchen.
Autor: Jasmin Lörchner, Eva Maria Schnurr (Hg.)
Titel: „Das andere Mittelalter — Philosophinnen, Demokratie, Nachhaltigkeit
Herausgeber: Penguin Verlag
Seitenzahl: 288 Seiten
ISBN-10: 3328114408
ISBN-13: 978-3328114406