Gunna Wendt: „Frauen von morgen — Die Schwestern Richthofen im Kreise der Bohème“

Es gehört zu den eigentümlichen Gewohnheiten der Geschichte, dass sie ihre Erinnerungen nachträglich ordnet. Sie bewahrt Namen auf, verwirft andere, erhebt manche Menschen zu Symbolfiguren und lässt andere in den Fußnoten verschwinden, obwohl gerade sie das geistige Klima ihrer Zeit vielleicht präziser verkörperten als jene, die später Denkmäler erhielten. Historisches Erinnern folgt selten den Maßstäben historischer Bedeutung. Es folgt Erzählungen. Es bevorzugt Helden, Genies und Katastrophen. Dazwischen aber existieren jene Biographien, in denen sich eine Epoche gleichsam beiläufig ausspricht. Sie sind keine Randnotizen der Geschichte, sondern ihre empfindlichsten Seismographen. Zu diesen Biographien gehören Else und Frieda von Richthofen.

Der Name Richthofen ist bis heute von einem anderen Mythos besetzt. Fast unwillkürlich denkt man an den „Roten Baron“, an die Luftkämpfe des Ersten Weltkriegs, an jene Verbindung aus aristokratischem Selbstverständnis, technischem Fortschritt und militärischer Romantik, die das wilhelminische Deutschland noch immer begleitet wie ein hartnäckiger Schatten. Dass derselben Familie zwei Frauen entstammten, deren Lebenswege den eigentlichen Aufbruch in die Moderne weit genauer spiegeln als die Legende des berühmten Fliegerasses, gehört zu den Ironien kultureller Erinnerung. Else und Frieda von Richthofen waren keine Heldinnen im klassischen Sinn. Sie führten keine Armeen, gründeten keine Parteien, veröffentlichten keine philosophischen Hauptwerke. Und doch kreuzten sich in ihrem Leben nahezu alle geistigen Strömungen, die Europa um 1900 veränderten: die Frauenbewegung, die Lebensreform, die Sexualreform, die Sozialwissenschaften, die literarische Avantgarde, die Bohème, die Psychologie, die Krise des Bürgertums und die Suche nach neuen Formen persönlichen Lebens.

Vielleicht findet sich genau hierin die eigentliche Signatur der Moderne: dass ihre Geschichte weniger von ihren großen Programmen erzählt werden kann als von den Menschen, die begannen, anders zu leben, lange bevor sich die Sprache für diese Veränderung gefunden hatte. Geschichte vollzieht sich nicht erst dort, wo Parlamente Gesetze verabschieden oder Revolutionen Barrikaden errichten. Sie beginnt oft viel leiser — in Salons, Ateliers, Universitäten, Künstlercafés oder privaten Briefwechseln. Sie beginnt dort, wo Gewissheiten ihre Selbstverständlichkeit verlieren.

Genau an diesem Punkt setzt Gunna Wendt mit ihrem Buch Frauen von morgen. Die Schwestern Richthofen im Kreise der Bohème an. Schon der Titel verrät mehr, als zunächst sichtbar wird. Er spricht nicht von „Frauen der Jahrhundertwende“, nicht von „Frauen um 1900“, sondern von „Frauen von morgen“. Das Morgen ist hier keine chronologische Angabe. Es bezeichnet einen historischen Vorsprung. Else und Frieda lebten bereits ein Leben, das ihrer eigenen Gegenwart noch voraus war. Sie gehörten jener kleinen Minderheit an, die gesellschaftliche Veränderungen nicht forderte, sondern praktizierte.

Damit beschreibt Wendt zugleich den eigentlichen Gegenstand ihres Buches. Es handelt sich nicht bloß um eine Doppelbiographie. Ebenso wenig ist es lediglich ein Panorama der Münchner Schwabinger Bohème. Vielmehr rekonstruiert die Autorin ein ganzes Netzwerk geistiger Beziehungen, in dessen Mittelpunkt zwei Frauen stehen, die lange Zeit vor allem als Begleiterinnen berühmter Männer wahrgenommen wurden. Gerade gegen diese Perspektive schreibt das Buch an. Es verschiebt den Blick, ohne dabei in jene umgekehrte Heroisierung zu verfallen, die aus vergessenen Frauen nachträglich makellose Ikonen machen möchte. Wendt interessiert sich nicht für Denkmäler. Sie interessiert sich für Menschen.

Das ist keineswegs selbstverständlich. Die Versuchung biographischen Schreibens besteht häufig darin, seine Figuren entweder zu psychologisieren oder zu glorifizieren. Gunna Wendt entgeht beiden Gefahren. Ihre Else und ihre Frieda bleiben widersprüchliche Persönlichkeiten: selbstbewusst, eigensinnig, gelegentlich verletzend, leidenschaftlich, intellektuell neugierig, aber keineswegs frei von Irrtümern. Gerade diese Ambivalenzen verleihen dem Buch seine Glaubwürdigkeit. Dabei hätte bereits eine der beiden Schwestern Stoff für eine außergewöhnliche Biographie geboten.

Frieda von Richthofen ist heute vor allem unter ihrem späteren Namen Frieda Lawrence bekannt. Ihre Lebensgeschichte besitzt jene dramatischen Elemente, die Historiker ebenso anziehen wie Romanciers: geboren in preußischem Adel, verheiratet mit dem angesehenen Anglisten Ernest Weekley, Mutter mehrerer Kinder, dann die spektakuläre Flucht mit dem jungen Schriftsteller David Herbert Lawrence, aus der eine der berühmtesten Partnerschaften der europäischen Literaturgeschichte hervorging. Über Jahrzehnte erschien Frieda in dieser Geschichte allerdings vor allem als die Frau an der Seite des großen Schriftstellers.

Wendt zeigt dagegen, wie unzureichend diese Perspektive ist. Denn Frieda war weit mehr als Inspirationsfigur oder Geliebte. Sie brachte Erfahrungen, intellektuelle Neugier und eine ungewöhnliche persönliche Unabhängigkeit in diese Beziehung ein. Lawrence begegnete in ihr einer Frau, die sich weder den Konventionen ihrer Herkunft noch den Erwartungen des Bürgertums unterordnete. Dass seine Romane von einer bis dahin ungekannten Offenheit gegenüber Erotik, Körperlichkeit und weiblicher Eigenständigkeit geprägt wurden, lässt sich von Friedas Persönlichkeit kaum trennen. Wendt formuliert diesen Zusammenhang nicht als einfache Ursache-Wirkungs-Beziehung. Sie macht vielmehr sichtbar, wie produktiv persönliche Begegnungen für die Literaturgeschichte werden können.

Noch faszinierender erscheint beinahe Else von Richthofen: Sie gehört zu jenen Figuren, deren historische Bedeutung erst allmählich sichtbar wird, je tiefer man in die geistigen Netzwerke des frühen zwanzigsten Jahrhunderts eindringt. Else heiratete den Nationalökonomen Edgar Jaffé und bewegte sich bald in jenem Heidelberger Kreis, der die deutsche Geistesgeschichte nachhaltig prägen sollte. Max Weber, Marianne Weber, Alfred Weber — kaum ein Name dieses Milieus taucht auf, ohne dass Else darin wenigstens am Rande erscheint. Lange Zeit geschah dies allerdings in einer Rolle, die historischen Frauenbiographien häufig zugeschrieben wurde: als Muse, Gesprächspartnerin oder Vertraute. — Auch dieses Bild korrigiert Wendt mit bemerkenswerter Konsequenz.

Else war keine Randfigur der Welt der Webers. Sie war Teil jener intellektuellen Kultur, in der wissenschaftliche, philosophische und politische Fragen nicht allein in Vorlesungssälen, sondern ebenso an Esstischen, auf Spaziergängen oder in privaten Briefwechseln diskutiert wurden. Wer heute über die Entstehung moderner Sozialwissenschaften spricht, unterschätzt leicht die Bedeutung dieser informellen Gesprächskulturen. Ideen entstehen selten isoliert. Sie entstehen im Austausch. Vielleicht erklärt sich gerade daraus, weshalb die Geschichte geistiger Bewegungen so lange vor allem Männer erinnert hat: nicht, weil Frauen an diesen Debatten nicht beteiligt gewesen wären, sondern weil ihre Beteiligung häufig außerhalb jener Institutionen stattfand, die später Archive hinterließen.

Hier berührt Wendts Buch einen Gedanken, den Siegfried Kracauer mit Vorliebe verfolgt hätte. Die großen historischen Zusammenhänge offenbaren sich oft dort am deutlichsten, wo der Blick sich den scheinbaren Nebensächlichkeiten zuwendet. Nicht die monumentalen Ereignisse erzählen das Wesen einer Epoche vollständig, sondern ihre Ränder, ihre Übergänge, ihre unscheinbaren Figuren. Die Geschichte gleicht darin einer Fotografie: Wer sie ausschließlich auf den Vordergrund fokussiert, übersieht jene Details im Hintergrund, aus denen sich das eigentliche Bild zusammensetzt.

Diese Perspektive macht das Buch zugleich zu einer Geschichte der Schwabinger Bohème. Der Begriff selbst ist im Laufe der Jahrzehnte fast zu einem dekorativen Etikett geworden. Man verbindet mit ihm Künstlercafés, lange Nächte, exzentrische Lebensformen, amouröse Verwicklungen und ein wenig dekorative Nostalgie. Doch diese Vorstellung wird der historischen Wirklichkeit kaum gerecht. Schwabing war um 1900 weit weniger ein romantisches Künstlerquartier als vielmehr ein geistiges Versuchslabor. Hier trafen Literaten auf Nationalökonomen, Maler auf Psychologen, Anarchisten auf Professoren, Frauenrechtlerinnen auf Lebensreformer. Zwischen den Kaffeehäusern, Mietwohnungen und Ateliers entstand eine Öffentlichkeit eigener Art, in der nahezu jede Gewissheit der wilhelminischen Gesellschaft zur Disposition stand.

Man diskutierte Nietzsche ebenso leidenschaftlich wie Tolstoi. Man stritt über Darwin, über Sozialismus, über Ehe, Religion, Psychoanalyse und Erziehung. Die Grenzen zwischen Wissenschaft, Literatur und Politik waren durchlässiger als später. Gerade darin bestand die eigentümliche Produktivität dieser Bohème. Sie produzierte weniger fertige Theorien als geistige Begegnungen.

Else und Frieda gehörten zu den auffälligsten Figuren dieses Milieus, weil sie sich den traditionellen Frauenrollen mit einer Selbstverständlichkeit entzogen, die selbst viele ihrer liberalen Zeitgenossen irritierte. Beide studierten, reisten, liebten, trennten sich, diskutierten, widersprachen, experimentierten mit neuen Formen des Zusammenlebens. Nicht als programmatische Revolutionärinnen, sondern als Frauen, die ihre persönliche Freiheit schlicht für selbstverständlich hielten. Darin unterschieden sie sich von vielen Vertreterinnen der organisierten Frauenbewegung ihrer Zeit. Sie formulierten keine politischen Manifeste. Ihr Leben selbst wurde zum Manifest.

Das erklärt auch ihre enge Verbindung zu Persönlichkeiten wie Otto Gross, jenem schillernden Psychoanalytiker und Gesellschaftsrevolutionär, der in der sexuellen Befreiung den Schlüssel zu einer neuen Gesellschaft sah; zu Fanny zu Reventlow, der wohl berühmtesten Ikone der Schwabinger Bohème; zu Gustav Landauer, Erich Mühsam oder Ludwig Klages. Überall dort, wo traditionelle Lebensformen zur Disposition standen, begegnen einem auch die Schwestern Richthofen.

Gerade diese Konstellationen machen Wendts Buch so anregend. Es erzählt nicht von zwei isolierten Lebensläufen, sondern von einem dichten Geflecht geistiger Beziehungen. Die eigentlichen Hauptfiguren sind deshalb vielleicht gar nicht Else oder Frieda allein. Es ist die europäische Moderne selbst — betrachtet nicht aus der Perspektive ihrer berühmtesten Denker, sondern aus dem Blickwinkel jener Menschen, die ihre Möglichkeiten zuerst lebten.

Damit verändert sich auch der Blick auf die Frauenbewegung. Denn deren Geschichte erscheint hier nicht ausschließlich als politische Emanzipationsbewegung, sondern als kultureller Prozess. Noch bevor Frauen wählen durften, veränderten sie bereits den Begriff weiblicher Existenz. Bildung, Beruf, Sexualität, Ehe und Mutterschaft wurden nicht erst durch Gesetze neu definiert, sondern durch Frauen, die begannen, diese Kategorien praktisch anders zu leben. Vielleicht liegt darin sogar der tiefere historische Zusammenhang zwischen Bohème und Frauenbewegung. Beide suchten weniger nach neuen Institutionen als nach neuen Lebensformen.

Gunna Wendt gelingt es, diese Entwicklung mit bemerkenswerter Leichtigkeit sichtbar zu machen. Ihr Buch besitzt dabei eine erzählerische Eleganz, die historische Komplexität nicht reduziert, sondern lesbar macht. Sie verfügt über jene seltene Fähigkeit, Menschen und Milieus zugleich in den Blick zu nehmen. Die Biographie verliert sich niemals im Anekdotischen; die Kulturgeschichte erstarrt nie zur abstrakten Strukturgeschichte. Stattdessen entsteht das Panorama einer Epoche, deren geistige Unruhe bis heute nachwirkt.

Doch gerade an diesem Punkt beginnt die eigentliche Frage, die dieses Buch weit über seinen historischen Gegenstand hinausführt. Warum beschäftigt uns die Schwabinger Bohème überhaupt noch? Warum lohnt es sich, mehr als ein Jahrhundert später die Lebenswege zweier Frauen nachzuzeichnen, deren Namen selbst gebildeten Lesern oft kaum noch vertraut sind? Vielleicht deshalb, weil ihre Geschichte von etwas erzählt, das jede Epoche neu lernen muss: dass gesellschaftlicher Wandel selten dort beginnt, wo er später sichtbar wird. Er beginnt im Denken, im Gespräch, in Freundschaften, in Liebesgeschichten, in Widersprüchen — kurz: in jenen unscheinbaren Verschiebungen des Alltags, aus denen irgendwann Geschichte wird.

Wer Gunna Wendts Buch liest, begegnet deshalb nicht nur zwei außergewöhnlichen Frauen, sondern auch einer bestimmten Vorstellung davon, wie Geschichte erzählt werden kann. Denn Frauen von morgen ist in seinem Kern ein Buch über historische Wahrnehmung. Es fragt nicht allein danach, was geschehen ist, sondern auch danach, warum bestimmte Lebensgeschichten erinnert werden und andere verschwinden. In diesem Sinne steht die Autorin selbst in jener Tradition der Kulturgeschichte, die nicht ausschließlich nach politischen Entscheidungen, Institutionen und großen Namen fragt, sondern nach den unsichtbaren Verbindungen, den privaten Räumen und den intellektuellen Netzwerken, aus denen gesellschaftliche Veränderungen hervorgehen.

Genau darin liegt die methodische Stärke des Buches. Gunna Wendt behandelt Else und Frieda von Richthofen nicht als isolierte Biographien, deren Lebensdaten lediglich chronologisch aneinandergereiht werden müssten. Sie begreift beide vielmehr als Knotenpunkte eines weit verzweigten kulturellen Netzes. Das Buch folgt den Bewegungen dieses Netzes: von der aristokratischen Herkunft der Schwestern über die akademischen Kreise Heidelbergs und die Künstlerwelt Münchens bis zu den internationalen Lebensstationen Friedas an der Seite D. H. Lawrences. Die Biographie wird dadurch zur Landschaft. Einzelne Leben erscheinen nicht als abgeschlossene Geschichten, sondern als Wege durch eine Epoche.

Dieser Ansatz ist anspruchsvoller, als er auf den ersten Blick erscheint. Denn die Gefahr einer solchen Darstellung besteht darin, dass die historische Figur hinter ihrem Umfeld verschwindet. Die Person wird dann nur noch zur Projektionsfläche für größere gesellschaftliche Entwicklungen. Wendt vermeidet diese Falle. Ihre Else und ihre Frieda bleiben konkrete Menschen mit eigenen Temperamenten, Wünschen und Widersprüchen. Gerade diese Verbindung von Individualgeschichte und Kulturgeschichte macht die Qualität des Buches aus.

Gunna Wendt schreibt keine Biographie über zwei Frauen, die zufällig in die Moderne gerieten. Sie schreibt eine Biographie der Moderne, wie sie sich in zwei Frauenleben verdichtet. Darin zeigt sich auch ihre langjährige Erfahrung als Biographin. Gunna Wendt gehört zu jenen Autorinnen, die über Jahrzehnte hinweg ein eigenes Forschungsfeld entwickelt haben: die Rekonstruktion weiblicher Lebensentwürfe an den Übergängen von Kunst, Literatur, Politik und Gesellschaft. Ihr Interesse gilt Frauen, deren historische Bedeutung häufig durch die Nähe zu berühmteren Männern verdeckt wurde, die aber gerade durch ihre Eigenständigkeit faszinieren.

Bereits in früheren Arbeiten hat sie sich immer wieder mit Persönlichkeiten beschäftigt, die zwischen öffentlicher Geschichte und privatem Lebensraum standen. Ihre Biographien über Liesl Karlstadt, Lou Andreas-Salomé, Franziska zu Reventlow oder andere Frauenfiguren der Kulturgeschichte folgen dabei einem ähnlichen Prinzip: Sie suchen nicht nach der „Frau hinter dem Mann“, sondern nach der eigenständigen historischen Figur, die aus der männlich dominierten Erinnerung herausgelöst werden muss.

Gerade Franziska zu Reventlow bildet einen wichtigen Bezugspunkt für Frauen von morgen. Auch sie war eine Gestalt der Schwabinger Bohème, auch sie widersetzte sich bürgerlichen Erwartungen, auch sie lebte eine Form weiblicher Freiheit, die ihre Zeitgenossen faszinierte und provozierte. Der Unterschied liegt darin, dass Reventlow selbst zu einer literarischen Figur wurde, während Else und Frieda von Richthofen stärker über ihre Beziehungen zu anderen Persönlichkeiten erinnert wurden. Wendt interessiert gerade diese Differenz. Sie fragt danach, warum manche Frauen ihre eigene Erzählung behalten durften, während andere aus den Erzählungen berühmter Männer herausgelesen werden müssen.

Hier liegt eine der wichtigsten Leistungen des Buches: Es korrigiert nicht einfach ein historisches Vergessen, sondern untersucht dessen Bedingungen. Das macht Frauen von morgen auch wissenschaftlich interessant. Natürlich handelt es sich nicht um eine akademische Monographie im engeren Sinne. Wendt schreibt kein theoriegesättigtes Fachbuch, sondern eine literarisch anspruchsvolle historische Darstellung für ein breiteres Publikum. Doch gerade darin liegt ihre besondere Kompetenz. Sie verbindet intensive Quellenarbeit mit einer erzählerischen Form, die historische Zusammenhänge vermittelt, ohne sie in wissenschaftliche Fachsprache einzuschließen.

Ihre Arbeitsweise erinnert damit an jene Tradition des anspruchsvollen historischen Essays, in der Forschung und literarische Darstellung keine Gegensätze bilden. Geschichte ist hier nicht bloße Sammlung von Fakten, sondern Rekonstruktion menschlicher Erfahrung. Briefe, Erinnerungen und biographische Zeugnisse werden nicht lediglich als Belege verwendet, sondern als Spuren einer vergangenen Lebenswelt gelesen.

Gerade bei einem Thema wie der Schwabinger Bohème ist diese Methode besonders fruchtbar. Denn dieses Milieu existiert zu einem großen Teil in persönlichen Dokumenten: in Briefen, Tagebüchern, Erinnerungen, privaten Aufzeichnungen. Seine Geschichte spielt sich weniger in offiziellen Archiven ab als in Zwischenräumen. Die eigentliche historische Quelle ist häufig nicht das öffentliche Ereignis, sondern die Atmosphäre, in der Menschen dachten, fühlten und handelten.

Hier nähert sich Wendt erneut einer Denkweise, die auch Siegfried Kracauer geprägt hat: Der Historiker muss lernen, die Wirklichkeit nicht nur in ihren großen Formen zu erkennen, sondern auch in ihren scheinbar nebensächlichen Erscheinungen. Ein Brief, eine beiläufige Bemerkung, eine Beziehungskonstellation können manchmal mehr über eine Epoche verraten als ein politisches Dokument. Denn Gesellschaft besteht nicht allein aus Institutionen. Sie besteht aus Beziehungen.

Diese Aufmerksamkeit für das scheinbar Kleine ist eine der großen Stärken von Wendts Buch. Sie interessiert sich für die Momente, in denen Geschichte noch nicht festgeschrieben ist. Für jene Augenblicke, in denen Menschen Möglichkeiten erproben, deren Bedeutung erst später sichtbar wird. Genau darin liegt auch die Nähe zu Walter Benjamins Geschichtsverständnis: Vergangenheit erscheint nicht als abgeschlossene Welt, sondern als Sammlung unerledigter Möglichkeiten. Die Aufgabe des Historikers besteht darin, diese Möglichkeiten wieder sichtbar zu machen.

Natürlich hat ein solcher Ansatz auch Grenzen. Wer so stark über Netzwerke, Beziehungen und Lebenswelten erzählt, läuft Gefahr, politische und ökonomische Rahmenbedingungen etwas in den Hintergrund treten zu lassen. Die Schwabinger Bohème war keineswegs nur ein freier Raum schöpferischer Selbstverwirklichung. Sie war auch ein Produkt bestimmter sozialer Voraussetzungen. Viele ihrer Protagonisten verfügten über Bildung, finanzielle Sicherheit oder familiäre Ressourcen, die ihnen erst jene Freiheit ermöglichten, die sie später als radikale Selbstbestimmung erleben konnten.

Auch diese Ambivalenz gehört zur Geschichte der Bohème. Ihre Revolte gegen bürgerliche Normen war faszinierend, aber nicht frei von Privilegien. Ihre Kritik an gesellschaftlichen Konventionen konnte gerade deshalb entstehen, weil manche ihrer Vertreter nicht vollständig von diesen Konventionen abhängig waren. Ein stärker sozialgeschichtlich orientierter Blick hätte diesen Aspekt vielleicht noch deutlicher herausarbeiten können.

Doch diese Einschränkung schmälert den Wert des Buches nicht grundsätzlich. Im Gegenteil: Sie verweist auf eine produktive Spannung. Gunna Wendt schreibt keine abschließende Geschichte der Schwabinger Moderne. Sie öffnet einen Raum, in dem weitere Fragen entstehen. Besonders überzeugend ist ihre Darstellung der Schwestern selbst. Sie macht sichtbar, dass weibliche Emanzipation um 1900 keineswegs nur in den bekannten Organisationen der Frauenbewegung stattfand. Neben den politischen Kämpfen um Bildung, Beruf und Wahlrecht existierte eine andere, weniger institutionelle Form der Befreiung: die Veränderung persönlicher Lebensentwürfe. Frauen wie Else und Frieda von Richthofen veränderten die Gesellschaft nicht durch Programme, sondern durch Existenzweisen.

Dieser Gedanke ist für die Gegenwart vielleicht sogar wichtiger als für die historische Vergangenheit. Denn auch heute wird gesellschaftlicher Wandel häufig erst dann wahrgenommen, wenn er institutionell sichtbar geworden ist. Doch die entscheidenden Veränderungen beginnen oft früher: in neuen Formen des Zusammenlebens, in veränderten Vorstellungen von Arbeit, Liebe, Geschlecht und Identität.

Gerade deshalb besitzt Wendts Buch eine Aktualität, die über die historische Neugier hinausgeht. Es erzählt nicht nur davon, wie Frauen um 1900 lebten. Es fragt indirekt danach, wie Gesellschaften sich verändern. Und es erinnert daran, dass jede Gegenwart einmal eine Zukunft war, die nur wenige Menschen vorausahnend lebten.

In diesem Sinne ist Frauen von morgen auch eine Studie über Avantgarde im weitesten Sinne. Nicht über künstlerische Avantgarden allein, sondern über jene Menschen, die neue Möglichkeiten des Lebens ausprobieren, bevor diese gesellschaftlich akzeptiert werden. Else und Frieda von Richthofen waren keine Revolutionärinnen mit Fahnen und Manifesten. Ihre Revolution bestand darin, dass sie sich weigerten, ihr Leben nach den Erwartungen anderer zu ordnen.

Womöglich liegt gerade darin die nachhaltigste Erkenntnis dieses Buches: Moderne entsteht nicht nur durch Ideen, sondern durch Lebensformen. Sie entsteht dort, wo Menschen beginnen, anders zu handeln, als es ihre Zeit vorsieht. Und genau hier zeigt sich auch Gunna Wendts eigentliche Leistung als Autorin: Sie macht aus zwei vergessenen Biographien kein Denkmal, sondern ein Erkenntnisinstrument. Ihr Buch zwingt dazu, die Geschichte der Moderne neu zu betrachten – nicht von ihren großen Namen aus, sondern von jenen Menschen, die im Hintergrund die geistigen Voraussetzungen geschaffen haben, unter denen das Neue überhaupt entstehen konnte.

Die eigentliche Bewährungsprobe eines historischen Buches liegt jedoch nicht allein darin, ob es eine vergessene Vergangenheit sichtbar macht. Sie liegt darin, ob es diese Vergangenheit so erzählt, dass sie für die Gegenwart Bedeutung gewinnt. Nicht jede Wiederentdeckung besitzt historische Relevanz. Manche Bücher füllen lediglich eine biographische Lücke. Andere verändern unseren Blick auf eine Epoche. Gunna Wendts Frauen von morgen gehört zu jener zweiten Kategorie, weil es nicht nur zwei außergewöhnliche Frauen dem Vergessen entreißt, sondern eine grundsätzliche Frage stellt: Wie entsteht gesellschaftlicher Wandel eigentlich?

Darin liegt vielleicht sogar die größte Aktualität dieses Buches. Unsere Gegenwart betrachtet historische Veränderungen häufig aus der Perspektive ihrer späteren Ergebnisse. Wir kennen die Gleichberechtigung, aber vergessen die langen Wege, die dorthin geführt haben. Wir kennen die moderne Vorstellung von individueller Selbstbestimmung, aber vergessen, wie fremd sie früheren Generationen erscheinen musste. Wir betrachten die Freiheit heutiger Lebensentwürfe als selbstverständlich und übersehen jene Menschen, die sie in einer Zeit erprobten, in der sie noch als Provokation wahrgenommen wurden.

Else und Frieda von Richthofen gehören zu diesen Vorläuferinnen. Sie waren keine Aktivistinnen im engeren politischen Sinn, keine Organisatorinnen einer Bewegung, keine Verfasserinnen feministischer Programme. Und doch verkörperten sie etwas, das vielleicht grundlegender war als jedes Programm: die praktische Erfahrung, dass ein anderes Leben möglich ist. Sie veränderten nicht zuerst Gesetze oder Institutionen. Sie veränderten Vorstellungen davon, was ein Frauenleben sein konnte.

Hier berührt Wendts Buch einen Punkt, der weit über die historische Frauenforschung hinausweist. Es zeigt, dass Emanzipation nicht nur in öffentlichen Kämpfen stattfindet, sondern auch in den unscheinbaren Räumen des Privaten. Die Geschichte der Moderne ist nicht allein die Geschichte von Parlamenten, Parteien und politischen Bewegungen. Sie ist auch die Geschichte neuer Beziehungen, neuer Formen von Intimität, neuer Vorstellungen von Körper, Bildung und Persönlichkeit.

Der Körper spielt dabei eine bemerkenswerte Rolle, auch wenn Wendt ihn nicht zum eigentlichen Zentrum ihrer Untersuchung macht. Die Lebensentwürfe der Schwestern Richthofen berühren jene große Umwertung, die um 1900 einsetzte: die Entdeckung des Menschen als eines Wesens, das nicht vollständig durch Herkunft, Stand und gesellschaftliche Rolle bestimmt sein sollte. Die Frage lautete nicht mehr nur: Was bin ich aufgrund meiner Geburt? Sondern zunehmend: Wer kann ich werden?

Diese Frage war zutiefst modern — und zugleich zutiefst beunruhigend für eine Gesellschaft, deren Ordnung noch weitgehend auf festen Kategorien beruhte. Die bürgerliche Welt des Kaiserreichs basierte auf klaren Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit, von öffentlicher und privater Sphäre, von Pflicht und Anstand. Die Bohème stellte diese Grenzen nicht unbedingt durch politische Revolution infrage, sondern durch Lebenspraxis. Sie erzeugte jene irritierenden Zwischenräume, in denen neue Möglichkeiten sichtbar wurden.

Gerade deshalb ist die Schwabinger Bohème ein so faszinierendes historisches Thema. Sie war weder einfach Vorbild noch bloßes Kuriosum. Sie war ein widersprüchlicher Ort der Moderne. In ihr entstanden neue Ideen von Freiheit, aber auch neue Formen der Selbsttäuschung. Sie war offen für Emanzipation, aber keineswegs frei von patriarchalen Mustern. Sie kritisierte bürgerliche Normen, lebte aber häufig von den Ressourcen eben jener bürgerlichen Gesellschaft, die sie überwinden wollte.

Eine der größten Stärken von Gunna Wendts Buch besteht darin, dass sie diese Widersprüche nicht glättet. Sie schreibt keine Heldinnengeschichte. Sie schreibt eine Geschichte voller Ambivalenzen. Ihre Figuren bleiben in ihrer Zeit verhaftet. Gerade deshalb wirken sie glaubwürdig.

Diese Haltung unterscheidet Frauen von morgen wohltuend von manchen gegenwärtigen Biographien, die historische Persönlichkeiten nach heutigen Maßstäben beurteilen und dadurch eher moralische Abbilder der Gegenwart schaffen als historische Porträts. Wendt interessiert sich nicht dafür, ob Else oder Frieda von Richthofen unsere heutigen Erwartungen erfüllen würden. Sie fragt vielmehr, welche Grenzen sie in ihrer eigenen Zeit überschritten haben.

Das ist ein entscheidender Unterschied. Geschichte wird nicht dadurch verständlich, dass man die Vergangenheit nachträglich modernisiert. Sie wird verständlich, indem man erkennt, wie fremd und zugleich wie nah sie uns ist. Darin liegt sicherlich auch die wissenschaftliche Bedeutung dieses Buches. Es leistet keinen revolutionären Forschungsbeitrag im Sinne einer völlig neuen Quellenerschließung oder einer grundlegend neuen historischen These. Sondern es verbindet vorhandenes Wissen zu einem überzeugenden Gesamtbild und macht sichtbar, welche Erkenntnisse entstehen, wenn man die Perspektive verändert.

Historische Forschung lebt von solchen Verschiebungen des Blicks. Nicht jedes wichtige Buch entdeckt unbekannte Fakten. Manche Bücher verändern die Gewichtung bekannter Fakten. Sie stellen neue Fragen an vertrautes Material. Sie zeigen, dass Geschichte nicht nur aus dem besteht, was einst öffentlich sichtbar war, sondern auch aus jenen Erfahrungen, die lange außerhalb des historischen Scheinwerferlichts lagen.

In diesem Sinne steht Gunna Wendt durchaus in einer großen Tradition kulturhistorischer Forschung, die im 20. Jahrhundert — es wurde bereits mehrfach angedeutet — besonders durch Autoren wie Walter Benjamin oder Siegfried Kracauer geprägt wurde. Beide misstrauten einer Geschichtsschreibung, die ausschließlich den Siegern, den großen Institutionen und den offiziellen Dokumenten folgte. Sie suchten nach den Spuren des Vergessenen. Nach jenen Momenten, in denen sich eine Epoche in scheinbar nebensächlichen Erscheinungen verrät.

Benjamin schrieb von der Aufgabe des Historikers, die Vergangenheit gegen den Strich zu bürsten. Kracauer zeigte, wie viel Wahrheit in den kleinen Beobachtungen des Alltags liegen kann. Bei Gunna Wendt findet sich ein ähnlicher Impuls: Sie betrachtet die Moderne nicht vom Podium aus, sondern aus den Zwischenräumen. Sie fragt nicht nur, wer Geschichte gemacht hat, sondern auch, wer ihre Möglichkeiten zuerst gespürt hat.

Natürlich darf eine kritische Würdigung des Buches nicht verschweigen, dass dieser Ansatz auch Grenzen besitzt. Wer sich besonders für die politische Geschichte der Frauenbewegung, für institutionelle Entwicklungen oder für sozialgeschichtliche Analysen interessiert, wird manche Aspekte vermissen. Die großen politischen Konflikte jener Jahre — Klassenfragen, nationale Spannungen, die zunehmende Militarisierung der Gesellschaft — treten gegenüber den geistigen und persönlichen Netzwerken etwas zurück.

Auch die privilegierte soziale Position vieler Protagonisten der Bohème hätte noch stärker problematisiert werden können. Freiheit braucht Voraussetzungen. Die Möglichkeit, gesellschaftliche Normen zu überschreiten, war um 1900 eng verbunden mit Bildung, finanzieller Sicherheit und sozialem Hintergrund. Nicht jede Frau konnte den Weg gehen, den Else oder Frieda von Richthofen beschritten. Gerade diese Spannung zwischen radikalem Lebensentwurf und sozialem Privileg wäre ein lohnender Gegenstand weiterer Untersuchungen.

Doch diese Einwände schmälern nicht die eigentliche Leistung des Buches. Im Gegenteil zeigen sie, wie produktiv Wendts Perspektive ist. Ein gutes historisches Werk beantwortet nicht alle Fragen. Es eröffnet neue. Und genau dies gelingt Frauen von morgen. Das Buch macht neugierig auf eine Epoche, die keineswegs abgeschlossen wirkt. Es lädt dazu ein, die Moderne nicht als geradlinige Entwicklung hin zu unserer Gegenwart zu betrachten, sondern als offenen Raum voller Möglichkeiten, Umwege und verlorener Alternativen.

Hierin liegt vielleicht auch die melancholische Erkenntnis, die jedes gute Geschichtsbuch hinterlässt: Die Vergangenheit ist nicht nur das, was geschehen ist; sie besteht auch aus dem, was hätte geschehen können. Jede Epoche besitzt Menschen, die Möglichkeiten verkörpern, die ihre Zeit noch nicht verwirklichen konnte. Manche dieser Möglichkeiten werden später selbstverständlich. Andere verschwinden.

Else und Frieda von Richthofen erinnern daran, dass Freiheit immer zunächst eine Ausnahme ist, bevor sie zur Norm wird. Gunna Wendt hat ihnen mit ihrem Buch ein literarisch anspruchsvolles und historisch bedeutsames Denkmal gesetzt — allerdings kein Denkmal aus Stein. Eher gleicht es einer jener alten Fotografien, die Walter Benjamin so faszinierten: ein Bild, in dem die Vergangenheit nicht einfach festgehalten wird, sondern einen Moment lang auf uns zurückblickt. Die beiden Schwestern erscheinen darin nicht als exotische Gestalten einer längst vergangenen Bohème, sondern als Menschen, deren Fragen uns noch immer begleiten.

Wer dieses Buch liest, erfährt deshalb nicht nur etwas über zwei ungewöhnliche Frauen des frühen 20. Jahrhunderts; er erfährt etwas über die Bedingungen, unter denen Neues entsteht. Über die Kraft einzelner Lebensentwürfe. Über die Bedeutung von Freundschaften, Netzwerken und geistigen Räumen. Und nicht zuletzt darüber, dass Geschichte immer auch eine Geschichte der verlorenen Stimmen ist.

Vielleicht ist dies die wichtigste Botschaft von Frauen von morgen: Die Zukunft gehört nicht erst denen, die sie verwirklichen. Manchmal gehört sie zunächst denen, die sie sich vorstellen können. Gunna Wendt hat ein Buch geschrieben, das diesen frühen Entwürfen der Zukunft eine Stimme gibt. Es ist keine bloße Wiederentdeckung zweier außergewöhnlicher Frauen, sondern ein Beitrag zu einer anderen Sicht auf die Moderne. Einer Sicht, die nicht nur nach Macht und Erfolg fragt, sondern nach Möglichkeiten. Nicht nur nach denjenigen, die Geschichte geschrieben haben, sondern nach jenen, die bereits anders lebten, als ihre Zeit noch nicht bereit war, ihnen zu folgen. — Gerade darin liegt die bleibende Bedeutung dieses Buches.

 

 

 

 

 

Autor: Gunna Wendt
Titel: „Frauen von morgen — Die Schwestern Richthofen im Kreise der Bohème“
Herausgeber: Reclam Verlag
Seitenzahl: 188 Seiten
ISBN-10: 3150115132
ISBN-13: 978-3150115138