Shelly Kupferberg: „Stunden wie Tage“

Die Erinnerung an die nationalsozialistische Vergangenheit hat in der deutschen Literatur viele Formen gefunden. Sie hat sich in Familienromanen artikuliert, in Dokumentationen, in literarischen Rekonstruktionen und in Erzählungen über die zweite und dritte Generation nach der Shoah. Mit „Stunden wie Tage“ wählt Shelly Kupferberg einen Weg, der weder die großen historischen Linien noch die spektakuläre Biografie ins Zentrum rückt. Ihr Interesse gilt einer Figur aus dem Hintergrund: Martha, einer Frau, deren Leben im Berliner Alltag zunächst unscheinbar erscheint und gerade dadurch zu einem literarischen Zugang zur Geschichte wird.

Martha ist Hausbesorgerin in einem Berliner Mietshaus. Sie kennt die Bewohner, die Geräusche des Hauses, die wechselnden Stimmungen in den Wohnungen. Was zunächst wie die Beschreibung einer gewöhnlichen Existenz wirkt, erweist sich als Ausgangspunkt einer Geschichte, in der sich die politischen Erschütterungen des 20. Jahrhunderts im Privaten spiegeln. Das Mietshaus wird zum Schauplatz einer Entwicklung, in der Nachbarschaften zerbrechen, Menschen verschwinden und die staatlich organisierte Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in die alltäglichen Beziehungen eindringt.

Kupferberg erzählt von mehreren Frauen, deren Lebenswege durch den Nationalsozialismus geprägt wurden. Im Zentrum steht neben Martha insbesondere die junge Liane Berkowitz, die sich dem Widerstand gegen das NS-Regime anschloss und als Mitglied der sogenannten „Roten Kapelle“ verfolgt und ermordet wurde. Doch der Roman interessiert sich nicht ausschließlich für den Widerstand als historische Kategorie. Er fragt vielmehr danach, welche Formen von Haltung und Menschlichkeit unter Bedingungen möglich sind, unter denen jede Entscheidung Konsequenzen haben kann.

Gerade hier unterscheidet sich „Stunden wie Tage“ von vielen historischen Romanen über die NS-Zeit. Kupferberg sucht nicht das dramatische Ereignis, sondern den moralischen Zwischenraum. Ihre Figuren handeln nicht in den großen Momenten der Geschichte, sondern in den kleinen Situationen, in denen sich zeigt, ob ein Mensch wegschaut oder hinsieht. Der Roman erzählt von Verantwortung, ohne seine Figuren nachträglich zu Helden zu machen. Er interessiert sich für Ambivalenzen, für Unsicherheit und für die Schwierigkeit, in einer zerstörten gesellschaftlichen Ordnung menschlich zu bleiben.

Die Sprache der Autorin entspricht diesem Ansatz. Sie ist von einer auffälligen Klarheit und Zurückhaltung geprägt. Kupferberg vermeidet jede Form von erzählerischer Überwältigung. Die Schrecken der Zeit werden nicht ausgestellt, sondern durch genaue Beobachtung vermittelt. Ein Gegenstand, ein Raum oder eine beiläufige Erinnerung können bei ihr eine historische Tiefe erhalten. Ihre Prosa vertraut darauf, dass gerade das Unscheinbare eine große Aussagekraft besitzen kann.

Diese sprachliche Reduktion ist zugleich die ästhetische Grundlage der Erzählstruktur. Der Roman entfaltet sich in kurzen, konzentrierten Kapiteln, die eher Momentaufnahmen als breit entwickelte Szenen darstellen. Die Fragmentierung entspricht der Logik der Erinnerung selbst: Vergangenheit erscheint nicht als geschlossene Erzählung, sondern als Sammlung von Spuren. Die Leserinnen und Leser werden nicht durch eine chronologisch umfassende Darstellung geführt, sondern müssen die Verbindungslinien zwischen einzelnen Lebensabschnitten und historischen Ebenen selbst herstellen.

Auch die zeitliche Konstruktion des Romans verweigert eine einfache historische Abfolge. Die Geschichte bewegt sich zwischen der Zeit des Nationalsozialismus, den Nachwirkungen dieser Jahre und der späteren Wiederentdeckung beziehungsweise Rekonstruktion vergangener Schicksale. Damit folgt Kupferberg einer literarischen Perspektive, die Vergangenheit nicht als abgeschlossenen Zeitraum betrachtet. Geschichte bleibt gegenwärtig, solange ihre Folgen in Familien, Orten und gesellschaftlichen Debatten fortwirken.

Dass diese Perspektive der Autorin besonders vertraut ist, hängt eng mit ihrer eigenen Biografie zusammen. Shelly Kupferberg wurde 1974 in Tel Aviv geboren und wuchs in Berlin auf. Als Journalistin und Kulturmoderatorin, unter anderem für den Rundfunk Berlin-Brandenburg und Deutschlandfunk Kultur, beschäftigt sie sich seit vielen Jahren mit Literatur, Kultur und gesellschaftlicher Erinnerung. Ihre schriftstellerische Arbeit verbindet daher journalistische Recherche mit einer literarischen Annäherung an historische Stoffe.

Bereits ihr Buch „Isidor. Ein jüdisches Leben“ zeigte diesen Zugang. Dort rekonstruierte Kupferberg die Lebensgeschichte ihres Urgroßonkels Isidor und verband die persönliche Familiengeschichte mit den politischen und gesellschaftlichen Veränderungen des frühen 20. Jahrhunderts. „Stunden wie Tage“ führt diese Beschäftigung mit Erinnerung und jüdischer Geschichte fort, verschiebt den Schwerpunkt jedoch von einer einzelnen Familienbiografie auf ein Geflecht verschiedener Lebensgeschichten.

Eine besondere Bedeutung erhält der Roman durch den Epilog und das Nachwort, in denen Kupferberg die historischen Grundlagen ihrer Erzählung offenlegt. Diese Ergänzungen machen sichtbar, dass der Roman auf konkreten Lebenswegen basiert. Zugleich markieren sie die Grenze zwischen historischer Recherche und literarischer Gestaltung. Kupferberg rekonstruiert nicht einfach Vergangenes, sondern schafft eine Erzählform, in der Fakten und Vorstellungskraft miteinander verbunden werden.

Im gegenwärtigen literarischen Umfeld steht „Stunden wie Tage“ in einer Entwicklung, die seit einigen Jahren den deutschen Buchmarkt prägt. Die Erinnerung an Nationalsozialismus und Shoah wird zunehmend über individuelle Perspektiven erzählt. Neben den großen historischen Darstellungen treten Geschichten von Menschen, deren Namen weniger bekannt sind, deren Erfahrungen aber exemplarische Bedeutung besitzen. Die Literatur sucht nach den Leerstellen des kollektiven Gedächtnisses und versucht, verlorene Stimmen wieder hörbar zu machen.

Diese Entwicklung ist nicht nur ein literarischer Trend, sondern auch eine Antwort auf eine veränderte Erinnerungskultur. Je größer der zeitliche Abstand zur NS-Zeit wird, desto wichtiger wird die Frage, wie historische Erfahrung vermittelt werden kann. Persönliche Geschichten können dabei eine Brücke schlagen zwischen Wissen und Verständnis. Sie ersetzen keine historische Analyse, aber sie verleihen historischen Tatsachen eine menschliche Dimension.

Kupferbergs Roman ist deshalb weniger ein Buch über die Vergangenheit als ein Buch über den Umgang mit Vergangenheit. Er zeigt, dass Erinnerung nicht allein aus Gedenkorten und historischen Daten besteht, sondern aus den Geschichten einzelner Menschen. Seine Stärke liegt in der Konzentration, in der sprachlichen Disziplin und in der Fähigkeit, aus einer kleinen Lebensgeschichte eine größere moralische Frage zu entwickeln.

„Stunden wie Tage“ empfiehlt sich vor allem für Leserinnen und Leser, die historische Romane mit literarischem Anspruch suchen, für alle, die sich mit deutscher Erinnerungskultur beschäftigen, und für jene, die verstehen möchten, wie sich große politische Katastrophen in den scheinbar privaten Räumen des Lebens ereignen. Shelly Kupferberg gelingt ein Roman der leisen Töne — und gerade deshalb ein eindringlicher Beitrag zur Gegenwartsliteratur.

 

 

 

Autor: Shelly Kupferberg
Titel: „Stunden wie Tage“
Herausgeber: Diogenes
Seitenzahl: ‎272 Seiten
ISBN-10: 3257073488
ISBN-13: 978-3257073485