Es gibt Bücher, deren eigentlicher Gegenstand sich erst allmählich erschließt. Man schlägt sie in der Erwartung auf, etwas über Architektur, Stadtentwicklung oder Wohnkultur zu erfahren, und legt sie mit dem Eindruck aus der Hand, eine Untersuchung über die geistige Verfassung der Moderne gelesen zu haben. Hans-Georg von Arburgs Endlich wohnen! Zuhause bleiben in der existenziellen Moderne gehört in diese seltene Kategorie. Schon der Titel verrät jene eigentümliche Spannung, welche die gesamte Studie durchzieht. Das unscheinbare Adverb „endlich“ oszilliert zwischen Erleichterung und Verzweiflung. Es bezeichnet den Moment des Ankommens ebenso wie den Wunsch nach einem Ende rastloser Bewegung. Wer endlich wohnt, hat einen Ort gefunden; zugleich verrät die Formulierung, dass dieses Wohnen keineswegs selbstverständlich ist. Es muss erst errungen werden. Gerade darin liegt das zentrale Thema des Buches: Das Wohnen erscheint nicht als anthropologische Konstante, sondern als historisches Problem der Moderne.
Man könnte versucht sein, diese Untersuchung als einen Beitrag zur Geschichte der Wohnungsfrage um 1900 zu lesen. Tatsächlich spielt diese Epoche eine entscheidende Rolle. Industrialisierung, Urbanisierung, Massenmigration und technische Innovationen verändern die Lebenswelt Europas mit einer Geschwindigkeit, die frühere Generationen kaum gekannt hatten. Millionen Menschen verlassen dörfliche Zusammenhänge, ziehen in expandierende Städte, beziehen Mietskasernen, Vorstadtsiedlungen oder bürgerliche Wohnungen und erleben dabei nicht nur eine Veränderung ihres Wohnortes, sondern ihres gesamten Weltverhältnisses. Die Wohnung wird zum Schauplatz jener Umbrüche, die gewöhnlich unter dem Begriff der Moderne zusammengefasst werden. Doch gerade an diesem Punkt verweigert sich von Arburg einer engen sozialhistorischen Perspektive. Ihn interessiert weniger die statistische Entwicklung des Wohnungswesens als die kulturelle Semantik des Wohnens. Seine Frage lautet nicht allein, wie Menschen lebten, sondern was sie unter Wohnen verstanden, welche Hoffnungen sie mit dem Zuhause verbanden und welche Ängste sich in den neuen Wohnformen artikulierten.
Damit verschiebt sich der Horizont der Untersuchung beträchtlich. Das Buch handelt nicht bloß von Häusern, Grundrissen oder Siedlungen. Es handelt von einer kulturellen Imagination, deren Geschichte weit über Architektur hinausreicht. Von Arburg betrachtet das Wohnen als einen Knotenpunkt, an dem Literatur, Architektur, Sozialpolitik, Kunst, Alltagskultur und philosophische Anthropologie ineinandergreifen. Die Wohnung wird zur Bühne gesellschaftlicher Selbstverständigung. In ihr verdichten sich Vorstellungen von Privatheit und Öffentlichkeit, von Ordnung und Freiheit, von Eigentum und Gemeinschaft, von Sesshaftigkeit und Mobilität. Was zunächst wie ein alltäglicher Lebensvollzug erscheint, erweist sich als eine empfindliche Seismographie der modernen Kultur.
Gerade hierin liegt die eigentliche Originalität des Forschungsansatzes. Während die klassische Architekturgeschichte vor allem nach Bauformen, Stilentwicklungen oder städtebaulichen Konzepten fragt und die Sozialgeschichte den Wohnraum bevorzugt als Ausdruck ökonomischer Verhältnisse interpretiert, interessiert von Arburg das Wohnen als kulturelles Dispositiv. Wohnungen entstehen nicht allein aus Stein, Holz und Beton; sie entstehen ebenso aus Vorstellungen, Metaphern, literarischen Bildern und gesellschaftlichen Leitideen. Wer eine Wohnung betritt, betritt immer auch eine Ordnung des Denkens. Das Interieur erzählt von Moralvorstellungen ebenso wie von ästhetischen Idealen; der Grundriss spiegelt gesellschaftliche Rollenvorstellungen wider; selbst Möbel werden zu Trägern kultureller Bedeutungen. Diese Einsicht mag zunächst abstrakt erscheinen, doch von Arburg versteht es, sie an einer beeindruckenden Vielfalt historischer Quellen anschaulich werden zu lassen.
Die Materialbasis seiner Untersuchung ist entsprechend weit gespannt. Literarische Texte stehen neben architekturtheoretischen Schriften, Wohnratgeber neben Ausstellungsprojekten, Essays neben journalistischen Debatten. Gerade diese Heterogenität gehört zu den großen Stärken des Buches. Sie verhindert jene künstliche Trennung zwischen sogenannter Hochkultur und Alltagsgeschichte, die lange Zeit sowohl die Literaturwissenschaft als auch die Architekturgeschichte geprägt hat. Von Arburg zeigt vielmehr, dass Roman, Zeitschrift, Bauausstellung und Wohnreformbewegung an derselben kulturellen Selbstbeschreibung der Moderne beteiligt sind. Die Grenzen zwischen ästhetischem Diskurs und gesellschaftlicher Praxis lösen sich dabei zunehmend auf.
Bemerkenswert ist auch die Komposition des Buches. Sie folgt keiner linearen Chronologie, sondern einer begrifflichen Dramaturgie. Verschiedene Modi des Wohnens — vom Residieren über das Mieten und Haushalten bis zum Logieren, Siedeln, Campieren oder Bleiben — erscheinen als unterschiedliche Antworten auf dieselbe historische Herausforderung. Dadurch gewinnt das Buch eine innere Beweglichkeit, die seinem Gegenstand entspricht. Die Moderne produziert eben nicht eine einzige Form des Wohnens, sondern eine Vielzahl konkurrierender Lebensentwürfe. Das Zuhause wird zur Experimentierfläche gesellschaftlicher Möglichkeiten.
Dabei entwickelt von Arburg eine These von beträchtlicher kulturhistorischer Tragweite. Die Moderne, so lässt sich seine Argumentation zuspitzen, erzeugt eine paradoxe Bewegung. Nie zuvor verfügten Menschen über eine derart ausgeprägte räumliche Mobilität; zugleich wächst mit jeder Beschleunigung das Bedürfnis nach Verankerung. Je leichter Orte verlassen werden können, desto dringlicher wird die Frage nach jenem Ort, an dem man bleiben möchte. Das Wohnen wird damit zu einer Antwort auf die Erfahrung permanenter Bewegung. Nicht zufällig gewinnt der Begriff des Zuhauses gerade in einer Epoche an emotionaler Intensität, die traditionelle Bindungen auflöst. Heimat erscheint nun weniger als geographische Tatsache denn als kulturelle Sehnsucht.
An diesem Punkt drängt sich unweigerlich eine Erinnerung an Martin Heideggers berühmten Vortrag Bauen Wohnen Denken auf, ohne dass von Arburg dessen philosophische Begriffe einfach übernimmt. Auch hier wird das Wohnen nicht als bloße Nutzung eines Raumes verstanden, sondern als Weise menschlicher Existenz. Doch während Heidegger das Wohnen aus einer ontologischen Perspektive entfaltet, interessiert von Arburg dessen historische Bedingtheit. Das Zuhause besitzt bei ihm keine zeitlose Wesensgestalt. Es verändert seine Bedeutung mit den gesellschaftlichen Konstellationen, in denen Menschen leben. Gerade diese historische Sensibilität bewahrt die Studie vor jeder kulturkritischen Nostalgie.
Ebenso ließe sich an Georg Simmels Überlegungen zur Großstadt denken, deren eigentümliche Mischung aus Freiheit und Überreizung den Hintergrund vieler von Arburg analysierter Entwicklungen bildet. Die moderne Wohnung erscheint hier als Gegenraum zur anonymen Dynamik der Metropole, als Versuch, jene Individualität zu bewahren, welche die Großstadt zugleich hervorbringt und bedroht. Auch Walter Benjamins Reflexionen über das bürgerliche Interieur oder Gaston Bachelards poetische Betrachtungen des Hauses klingen gelegentlich an, ohne dass der Autor seine Untersuchung in philosophische Exkurse auflöst. Die theoretischen Bezüge bleiben diskret im Hintergrund; sie verleihen der Argumentation Tiefenschärfe, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.
Gerade diese intellektuelle Ökonomie zeichnet das Buch aus. Von Arburg demonstriert seine Gelehrsamkeit nicht; er setzt sie voraus. Seine Argumentation entfaltet sich mit ruhiger Präzision und verzichtet auf jene demonstrative Theoriesprache, die in Teilen der Kulturwissenschaft lange Zeit als Ausweis wissenschaftlicher Seriosität galt. Stattdessen vertraut der Autor auf die Überzeugungskraft sorgfältiger Lektüren und historischer Konstellationen. Der Leser wird nicht mit Begriffen überwältigt, sondern zum Mitdenken eingeladen. Darin liegt eine Form wissenschaftlicher Eleganz, die heute keineswegs selbstverständlich ist.
Freilich verlangt diese Schreibweise Aufmerksamkeit. Endlich wohnen! ist kein populäres Sachbuch, das seine Ergebnisse in raschen Pointen präsentiert. Der Text entwickelt seine Argumentation langsam, gelegentlich in weit ausgreifenden Satzperioden, deren Rhythmus an die große essayistische Tradition deutschsprachiger Geisteswissenschaft erinnert. Wer sich auf diese Bewegungsform des Denkens einlässt, wird allerdings reich belohnt. Denn gerade in der Langsamkeit seiner Argumentation entsteht jene begriffliche Präzision, die komplexe historische Phänomene erst sichtbar werden lässt.
So erweist sich bereits der erste Eindruck des Buches als trügerisch. Was wie eine Spezialstudie über Wohnkultur beginnt, entwickelt sich Schritt für Schritt zu einer umfassenden Reflexion über die kulturelle Selbstbeschreibung der Moderne. Das Wohnen bildet dabei weder Randthema noch dekoratives Motiv. Es wird zum Brennpunkt einer Epoche, die den Menschen in bislang unbekanntem Maße mobilisierte und ihn gerade deshalb mit wachsender Intensität nach einem Ort suchen ließ, an dem Bewegung für einen Augenblick in Dauer übergehen konnte. Dass diese Suche bis in die Gegenwart nichts von ihrer Dringlichkeit verloren hat, ist vielleicht die erste große Einsicht, mit der Hans-Georg von Arburgs bemerkenswerte Studie den Leser entlässt.
Dass Endlich wohnen! eine derart souveräne Verbindung unterschiedlicher Wissensgebiete gelingt, hat nicht zuletzt mit der wissenschaftlichen Biographie seines Autors zu tun. Hans-Georg von Arburg gehört zu jener Generation von Literatur- und Kulturwissenschaftlern, die ihre Disziplin längst nicht mehr als philologische Insel verstehen, sondern als Teil einer umfassenden Kulturgeschichte der Moderne. Seine akademische Laufbahn führte ihn über Studien der Germanistik, Romanistik und Musikwissenschaft an den Universitäten Zürich, Genf und Konstanz schließlich an die Universität Lausanne, wo er seit vielen Jahren als Professor für Neuere deutsche Literatur lehrt und forscht. Schon diese intellektuelle Sozialisation erklärt den eigentümlichen Horizont seiner Arbeiten. Von Arburg interessiert sich weniger für Literatur als abgeschlossenen Kanon denn für jene Grenzbereiche, in denen literarische Texte mit Architektur, bildender Kunst, Wissenschaftsgeschichte und den materiellen Bedingungen des Alltags in Berührung treten.
Diese Offenheit prägt sein wissenschaftliches Werk seit seinen Anfängen. Bereits seine frühen Forschungen bewegten sich an den Schnittstellen von Literatur, visueller Kultur und Wissensgeschichte. Seine Dissertation widmete sich Georg Christoph Lichtenbergs Auseinandersetzung mit William Hogarths Kupferstichen und untersuchte damit ein Thema, das weit über klassische Literaturinterpretation hinausreichte. Schon dort ging es um die Frage, wie Bilder Wissen erzeugen und wie ästhetische Wahrnehmung kulturelle Ordnungsmuster hervorbringt. Ähnliche Fragestellungen bestimmten später seine Habilitationsschrift über die ästhetische Bedeutung der Oberfläche in Architektur und Literatur des späten 18. und 19. Jahrhunderts. Auch dort standen nicht einzelne Autoren oder Bauwerke im Mittelpunkt, sondern kulturelle Wahrnehmungsformen, deren Reichweite weit über die Grenzen einzelner Disziplinen hinausreichte.
Vor diesem Hintergrund erscheint Endlich wohnen! keineswegs als überraschender Themenwechsel. Vielmehr bündelt das Buch Forschungslinien, die den Autor seit Jahrzehnten beschäftigen. Architektur wird hier nicht allein als bauliche Praxis verstanden, sondern als kulturelle Sprache; Literatur erscheint nicht bloß als Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen, sondern als Ort, an dem sich historische Selbstverständnisse überhaupt erst artikulieren. Was frühere Arbeiten über Fassaden, Oberflächen oder Bildlichkeit bereits erkennen ließen, findet nun im Motiv des Wohnens einen neuen Fluchtpunkt. Man könnte sogar sagen, dass der Begriff des Wohnens jene Klammer bildet, welche die unterschiedlichen Interessen des Autors auf bemerkenswerte Weise zusammenführt. Denn kaum ein anderer Bereich verbindet ästhetische Erfahrung, materielle Kultur und gesellschaftliche Ordnung so eng miteinander wie das Wohnen.
Gerade deshalb liest sich das Buch niemals wie eine Spezialstudie für ein eng begrenztes Fachpublikum. Zwar bewegt sich die Untersuchung auf hohem wissenschaftlichem Niveau, doch ihr eigentlicher Erkenntnisgewinn liegt in einer Perspektivverschiebung, die weit über den engeren Forschungsgegenstand hinausreicht. Von Arburg fragt nicht einfach, wie sich Wohnformen historisch verändert haben. Ihn interessiert vielmehr, weshalb das Wohnen selbst in der Moderne zu einem Problem geworden ist. Diese Verschiebung des Blicks ist alles andere als selbstverständlich. Denn das Wohnen gehört zu jenen alltäglichen Vollzügen, deren historische Bedingtheit sich dem Bewusstsein gewöhnlich entzieht. Gerade weil jeder Mensch wohnt, scheint das Wohnen kaum erklärungsbedürftig zu sein. Die Kulturgeschichte beginnt jedoch häufig dort, wo vermeintliche Selbstverständlichkeiten ihre Unschuld verlieren.
In dieser Hinsicht erinnert von Arburgs Vorgehen an jene Form Historischer Anthropologie, wie sie etwa Michel de Certeau oder Philippe Ariès betrieben haben, ohne dass der Autor deren theoretisches Instrumentarium ausdrücklich übernimmt. Auch bei ihm geht es darum, alltägliche Praktiken aus ihrer vermeintlichen Natürlichkeit herauszulösen und als historisch gewachsene Konstellationen sichtbar zu machen. Das Wohnen erscheint dadurch nicht mehr als bloßer Hintergrund gesellschaftlichen Lebens, sondern als eine seiner grundlegenden Ausdrucksformen. Wer verstehen will, wie eine Gesellschaft sich selbst begreift, muss ihre Wohnungen lesen lernen.
Diese methodische Entscheidung erklärt zugleich den besonderen Charakter des Buches. Von Arburg argumentiert nicht entlang großer historischer Ereignisse oder politischer Zäsuren. Seine Aufmerksamkeit gilt vielmehr jenen Verschiebungen im kulturellen Imaginären, die langfristig oft weit folgenreicher sind als spektakuläre Einschnitte. Begriffe, Metaphern, Wohnideale, ästhetische Programme oder architektonische Leitbilder werden zu Indikatoren eines umfassenderen kulturellen Wandels. Darin liegt eine stille, aber außerordentlich wirkungsvolle Form kulturwissenschaftlicher Erkenntnis. Geschichte erscheint nicht länger ausschließlich als Abfolge politischer Entscheidungen oder wirtschaftlicher Prozesse, sondern als Veränderung jener Denk- und Wahrnehmungsformen, in denen Menschen ihre Welt überhaupt erst erfahren.
Dass eine solche Perspektive auch sprachlich ihre Entsprechung finden muss, versteht sich beinahe von selbst. Von Arburgs Stil besitzt eine bemerkenswerte Sorgfalt, die man heute nur noch selten antrifft. Er schreibt weder ornamental noch demonstrativ schwierig. Seine Sprache ist von jener kontrollierten Eleganz geprägt, die wissenschaftliche Präzision und essayistische Beweglichkeit miteinander verbindet. Begriffe werden behutsam entwickelt, historische Konstellationen nicht vorschnell auf Thesen reduziert. Statt schneller Pointen bevorzugt der Autor langsame Entfaltungen. Seine Argumentation schreitet in konzentrischen Bewegungen voran. Ein Gedanke wird aufgenommen, variiert, aus einer anderen Perspektive betrachtet und schließlich in einen größeren Zusammenhang eingeordnet. Gerade diese Form des Schreibens verlangt Konzentration, eröffnet aber zugleich jene Tiefenschärfe, die sich in knappen Zusammenfassungen kaum erreichen ließe.
Dabei fällt auf, dass von Arburg seine eigene Gelehrsamkeit mit bemerkenswerter Zurückhaltung einsetzt. Das Buch ist reich an Anspielungen auf philosophische, literarische und kulturhistorische Diskurse, doch diese werden niemals zum Selbstzweck. Anders als manche kulturwissenschaftliche Studie, deren theoretischer Apparat den Gegenstand beinahe überwuchert, wahrt Endlich wohnen! stets ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Interpretation und Material. Die Theorie dient der historischen Erkenntnis, nicht ihrer Inszenierung. Gerade darin zeigt sich eine wissenschaftliche Reife, die nicht mehr auf begriffliche Originalität um jeden Preis angewiesen ist.
Besonders eindrucksvoll gelingt dies dort, wo der Autor literarische Texte mit architekturgeschichtlichen Entwicklungen ins Gespräch bringt. Literatur illustriert hier nicht nachträglich architektonische Prozesse, ebenso wenig erklärt Architektur lediglich literarische Motive. Beide erscheinen vielmehr als unterschiedliche Artikulationsformen derselben kulturellen Problemlagen. Der Roman und der Grundriss, das Interieur und die Erzählung sprechen gewissermaßen dieselbe Sprache, wenn auch in verschiedenen Medien. Diese Einsicht gehört zu den produktivsten Momenten des gesamten Buches. Sie erinnert daran, dass Kulturgeschichte nur dann wirklich verständlich wird, wenn ihre unterschiedlichen Ausdrucksformen gemeinsam gelesen werden.
Gerade an diesem Punkt gewinnt die Studie eine intellektuelle Weite, die sie von vielen fachwissenschaftlichen Monographien unterscheidet. Sie beschränkt sich nicht auf die Rekonstruktion historischer Einzelphänomene, sondern fragt nach den Bedingungen ihrer Möglichkeit. Warum entwickelte sich das Zuhause gerade im späten 19. Jahrhundert zu einer kulturellen Leitvorstellung? Weshalb erhielt die Wohnung eine emotionale Bedeutung, die weit über ihre praktische Funktion hinausreichte? Warum entstand ausgerechnet in einer Epoche zunehmender Mobilität eine bis dahin unbekannte Sehnsucht nach Sesshaftigkeit? Solche Fragen führen notwendig über die Grenzen einzelner Disziplinen hinaus. Sie berühren Grundprobleme der Moderne selbst.
Man könnte deshalb versucht sein, Endlich wohnen! weniger als eine Monographie über das Wohnen denn als eine Genealogie moderner Beheimatungsversuche zu lesen. Die Wohnung erscheint darin als Antwort auf eine Erfahrung, die das moderne Zeitalter in immer neuen Variationen hervorbringt: die Erfahrung der Kontingenz. Traditionelle Bindungen verlieren ihre Selbstverständlichkeit, soziale Milieus geraten in Bewegung, räumliche Mobilität wird zur Normalität. Gerade unter diesen Bedingungen wächst das Bedürfnis nach einem Ort, der Dauer verspricht. Dass dieser Ort zugleich immer fragiler wird, bildet den eigentlichen Grundton des Buches. Die Geschichte des Wohnens ist deshalb niemals bloß eine Geschichte des Bauens. Sie ist die Geschichte eines kulturellen Versuchs, der Unruhe der Moderne eine Form zu geben.
Gerade aus dieser Perspektive erschließt sich die eigentliche Bedeutung des Buches für seine unterschiedlichen Lesergruppen. Wer Endlich wohnen! lediglich als Spezialstudie für Literaturwissenschaftler oder Architekturhistoriker betrachtet, unterschätzt seine Reichweite erheblich. Gewiss richtet sich die Untersuchung zunächst an ein akademisches Publikum, das mit kulturwissenschaftlichen Fragestellungen vertraut ist. Literaturwissenschaft, Architekturgeschichte, Kunstgeschichte, Kultursoziologie und Ideengeschichte bilden den natürlichen Resonanzraum dieser Arbeit. Doch ihr Erkenntnisinteresse reicht weit über die Grenzen universitärer Fachdiskurse hinaus. Das Wohnen gehört zu jenen kulturellen Phänomenen, deren historische Tiefendimension nahezu jeden betrifft, der sich für die geistige Signatur der Moderne interessiert.
Besonders profitieren werden Leserinnen und Leser, die weniger nach abgeschlossenen Antworten als nach einer neuen Art des Fragens suchen. Von Arburg liefert keine Theorie des Wohnens im emphatischen Sinne; vielmehr verändert er den Blick auf einen Gegenstand, dessen Vertrautheit seine historische Fremdheit lange verdeckt hat. Nach der Lektüre erscheint das eigene Zuhause nicht mehr als bloß privater Rückzugsraum, sondern als Ergebnis einer langen kulturellen Geschichte, in der sich soziale Erwartungen, ästhetische Leitbilder und anthropologische Selbstdeutungen sedimentiert haben. Gerade darin besteht die eigentümliche Wirkung guter geisteswissenschaftlicher Arbeiten: Sie erweitern nicht in erster Linie den Bestand unseres Wissens, sondern verändern die Weise, in der wir die Welt wahrnehmen.
Es wäre daher verfehlt, den Nutzen dieses Buches ausschließlich nach seinem Beitrag zur Forschung zu bemessen. Zwar wird die Studie zweifellos ihren festen Platz innerhalb der kulturhistorischen und literaturwissenschaftlichen Forschung behaupten. Ihre Materialfülle, ihre methodische Souveränität und die Originalität ihres Ansatzes machen sie zu einem gewichtigen Beitrag innerhalb der neueren Kulturgeschichte der Moderne. Doch ihre eigentliche Qualität erschöpft sich nicht im wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn. Sie liegt vielmehr in jener selten gewordenen Fähigkeit, historische Forschung in eine Form intellektueller Selbstverständigung zu überführen. Das Buch erinnert daran, dass Geisteswissenschaften nicht bloß vergangene Sachverhalte dokumentieren, sondern Begriffe bereitstellen, mit deren Hilfe Gegenwart überhaupt erst verständlich wird.
Gerade deshalb besitzt Endlich wohnen! eine Aktualität, die sich jedem vordergründigen Gegenwartsbezug entzieht. Von Arburg verzichtet erfreulicherweise darauf, seine historische Untersuchung mit eilfertigen Verweisen auf heutige Wohnungsmärkte oder politische Debatten künstlich zu aktualisieren. Das Buch argumentiert auf einer tieferen Ebene. Es zeigt, dass viele Konflikte der Gegenwart ihren Ursprung in kulturellen Transformationen besitzen, die bereits das späte 19. Jahrhundert hervorgebracht hat. Die heutige Rede von Wohnraummangel, Gentrifizierung, Verdichtung oder bezahlbarem Wohnen ist nur die sichtbare Oberfläche eines Problems, dessen geistige Voraussetzungen weit älter sind. Denn jede Epoche muss neu beantworten, was sie unter einem Zuhause versteht.
Diese Einsicht besitzt weitreichende Konsequenzen. In den gegenwärtigen Diskussionen dominiert häufig ein funktionalistisches Verständnis des Wohnens. Wohnungen erscheinen als ökonomische Güter, deren Verteilung effizient organisiert werden muss. Flächennutzung, Mietpreise, energetische Standards und städtebauliche Verdichtung bestimmen den politischen Diskurs. All dies ist selbstverständlich notwendig und unverzichtbar. Doch gerade die Konzentration auf technische und wirtschaftliche Parameter verstellt bisweilen den Blick auf jene symbolische Dimension, ohne die sich die gesellschaftliche Brisanz des Wohnens kaum erklären lässt. Warum berühren Fragen des Wohnens Menschen oftmals existenzieller als viele andere politische Themen? Warum löst der Verlust einer Wohnung weit mehr aus als lediglich den Verlust eines Gebrauchsgegenstandes? Weshalb besitzt das eigene Zuhause eine emotionale Intensität, die sich ökonomischen Kategorien nur unzureichend erschließt?
Von Arburg liefert keine unmittelbaren Antworten auf diese Fragen, doch seine historische Rekonstruktion macht deutlich, weshalb sie überhaupt entstehen. Die Moderne hat das Wohnen mit Erwartungen aufgeladen, die weit über seine praktische Funktion hinausreichen. Die Wohnung soll Schutzraum sein und Ausdruck individueller Persönlichkeit, Ort familiärer Geborgenheit und Bühne sozialer Repräsentation, Rückzugsort vor der Öffentlichkeit und zugleich sichtbares Zeichen gelungener Lebensführung. Kaum ein anderer Bereich des Alltags trägt eine vergleichbare Last symbolischer Bedeutungen. Dass diese Bedeutungsfülle selbst ein historisches Produkt ist, gehört zu den nachhaltigsten Einsichten des Buches.
Hier gewinnt die Studie eine kulturkritische Dimension, die weit über ihren historischen Gegenstand hinausweist. Die Moderne hat den Menschen nicht nur technisch mobilisiert, sondern auch existenziell entgrenzt. Berufliche Biographien verlaufen diskontinuierlich, soziale Milieus lösen sich auf, digitale Kommunikationsformen relativieren räumliche Nähe, internationale Mobilität wird zur Selbstverständlichkeit. Gerade unter diesen Bedingungen wächst paradoxerweise das Bedürfnis nach Verortung. Das Zuhause soll jene Kontinuität garantieren, welche die übrigen Lebensbereiche zunehmend vermissen lassen. Man könnte sagen: Je fluider die Gesellschaft wird, desto größer wird die symbolische Last, die auf dem Begriff des Wohnens ruht.
An dieser Stelle berührt von Arburg unversehens eine Grundfrage der europäischen Moderne. Seit Georg Simmel, Max Weber oder Walter Benjamin gehört die Erfahrung der Entwurzelung zu ihren beherrschenden Motiven. Die Moderne befreit den Menschen aus traditionellen Bindungen und konfrontiert ihn zugleich mit einer zuvor unbekannten Offenheit seiner Existenz. Freiheit und Heimatverlust bilden deshalb keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben historischen Bewegung. Das Wohnen wird unter diesen Bedingungen zu einer kulturellen Technik der Selbstvergewisserung. Man richtet nicht bloß Räume ein; man richtet sich selbst in der Welt ein. Möbel, Bücher, Bilder oder Erinnerungsstücke verwandeln den abstrakten Raum erst in einen Ort biographischer Identität. Die Wohnung wird zum materiellen Gedächtnis des eigenen Lebens.
Gerade diese Beobachtung macht verständlich, weshalb Endlich wohnen! weit mehr ist als eine Geschichte architektonischer Programme. Das Buch handelt letztlich von der Frage, wie moderne Menschen Dauer herstellen, obwohl sie in einer Kultur permanenter Veränderung leben. Die Wohnung erscheint darin als Versuch, Zeit räumlich zu binden. Sie konserviert Erinnerungen, stabilisiert Gewohnheiten und verleiht dem flüchtigen Verlauf des Lebens eine sichtbare Gestalt. Dass dieser Versuch niemals endgültig gelingen kann, bildet den melancholischen Unterton der gesamten Untersuchung. Das Zuhause bleibt stets prekär. Es muss immer wieder neu hergestellt werden.
Darin liegt zugleich die stille Aktualität dieses Buches. Es widerspricht jener Fortschrittserzählung, die technische Innovationen und gesellschaftliche Mobilität nahezu selbstverständlich mit wachsender Lebensqualität identifiziert. Von Arburg plädiert keineswegs für eine romantische Rückkehr vormoderner Lebensformen. Sein Buch kennt keine restaurative Sehnsucht nach einer vermeintlich heilen Vergangenheit. Wohl aber erinnert es daran, dass jede Form gesellschaftlicher Modernisierung neue Bedürfnisse hervorbringt, die sich technisch allein nicht befriedigen lassen. Die Geschichte des Wohnens ist deshalb immer auch die Geschichte einer bleibenden Unruhe. Je erfolgreicher die Moderne den Menschen in Bewegung setzt, desto dringlicher wird seine Suche nach einem Ort, an dem diese Bewegung wenigstens vorübergehend zur Ruhe kommen darf.
Gerade darin entfaltet Endlich wohnen! seine eigentliche kulturgeschichtliche Größe. Das Buch lehrt nicht lediglich etwas über das Wohnen. Es lehrt, die Moderne selbst anders zu lesen.
Autor: Hans-Georg von Arburg
Titel: „Endlich wohnen! — Zuhause bleiben in der existenziellen Moderne“
Herausgeber: Konstanz University Press
Seitenzahl: 295 Seiten
ISBN-10: 3835391968
ISBN-13: 978-3835391963