Johanna Roths Buch „This is America — Is this America?“ ist ein Buch über ein Land, das sich selbst immer wieder neu erzählen muss. Die Vereinigten Staaten von Amerika erscheinen darin nicht als fest umrissene politische oder kulturelle Größe, sondern als ein gewaltiger Resonanzraum aus Versprechen, Widersprüchen, Hoffnungen und Enttäuschungen. Roth nähert sich Amerika nicht mit dem Blick der distanzierten Beobachterin, die ein vermeintlich fremdes Land katalogisiert, sondern mit der Haltung einer Journalistin, die verstehen möchte, warum eine Gesellschaft, die sich seit ihrer Gründung auf Freiheit, Gleichheit und individuelle Entfaltung beruft, zugleich so tief von sozialen Gegensätzen, historischen Verletzungen und politischen Spannungen geprägt ist. Schon der Titel trägt diese doppelte Bewegung in sich: „This is America“ klingt zunächst wie eine selbstbewusste Feststellung, fast wie eine nationale Selbsterklärung. Der nachgeschobene Zweifel „Is this America?“ verwandelt sie jedoch in eine Frage. Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich das gesamte Buch: zwischen Selbstbild und Fremdbild, zwischen Mythos und Realität, zwischen dem amerikanischen Traum und den Erfahrungen jener Menschen, die sich fragen müssen, ob sie in diesem Traum überhaupt vorkommen.
Johanna Roth legt kein klassisches politikwissenschaftliches Sachbuch vor, das Institutionen, Wahlergebnisse oder Verfassungsfragen systematisch analysiert. Ihr Ansatz ist vielmehr journalistisch, erzählerisch und gesellschaftsdiagnostisch. Sie untersucht Amerika anhand von Geschichten, Beobachtungen und Begegnungen und verbindet persönliche Eindrücke mit historischen Linien. Das Land wird nicht von oben betrachtet, sondern von innen heraus erkundet. Ihre Methode erinnert an die große Tradition des literarischen Reportagejournalismus, der gesellschaftliche Entwicklungen nicht ausschließlich über Zahlen und Statistiken erklären will, sondern über Menschen, Orte und konkrete Lebenswirklichkeiten. Amerika wird bei Roth nicht zur abstrakten politischen Einheit, sondern zu einer Ansammlung von Biografien, Räumen und Erfahrungen.
Die Gliederung des Buches folgt dieser Idee einer vielstimmigen Annäherung. Roth bewegt sich durch verschiedene gesellschaftliche Bereiche und Regionen, betrachtet politische Konfliktlinien, kulturelle Selbstverständnisse und historische Brüche. Dabei geht es nicht allein um die bekannten Schlagworte der amerikanischen Gegenwart – Polarisierung, Trumpismus, Rassismus, soziale Ungleichheit oder der Streit um die Identität des Landes –, sondern um die tieferen mentalen und historischen Voraussetzungen, aus denen diese Konflikte entstanden sind. Die Autorin fragt weniger: Warum ist Amerika heute so gespalten? Ihre eigentliche Frage lautet: Welche Geschichten erzählt Amerika über sich selbst, und welche Geschichten werden verdrängt?
Gerade darin liegt die Stärke des Buches. Roth behandelt die Vereinigten Staaten nicht als ein politisches Problem, das von außen diagnostiziert werden kann. Sie nimmt ernst, dass Amerika immer auch eine Idee ist. Die Vereinigten Staaten wurden nicht nur als Staat gegründet, sondern als Versprechen. Dieses Versprechen ist bis heute wirksam. Es erklärt die enorme Anziehungskraft des Landes ebenso wie die Enttäuschungen, die entstehen, wenn Realität und Ideal auseinanderfallen. Roth interessiert sich für diesen Widerspruch. Sie zeigt, dass die amerikanische Geschichte nicht einfach eine Abfolge von Fortschritt und Rückschritt ist, sondern ein permanenter Streit darüber, wer zur Gemeinschaft gehört und wer ausgeschlossen bleibt.
Ihr Blick ist dabei kritisch, aber nicht zynisch. Das unterscheidet ihr Buch von vielen europäischen Betrachtungen der USA, die häufig zwischen Bewunderung und Abrechnung schwanken. Roth verweigert beide Haltungen. Sie betrachtet Amerika weder als gescheitertes Modell noch als uneingelöstes Paradies. Ihre Perspektive ist komplexer: Sie beschreibt ein Land, dessen Probleme gerade aus seinen eigenen Idealen entstehen. Der Anspruch auf Freiheit erzeugt immer wieder die Frage, wer diese Freiheit tatsächlich genießen kann. Der Anspruch auf Gleichheit führt zur Auseinandersetzung mit historischen Ungleichheiten. Der Glaube an individuellen Erfolg steht im Konflikt mit sozialen Realitäten.
Der Schreibstil der Autorin ist geprägt von journalistischer Präzision und literarischer Aufmerksamkeit. Nach dem Studium der Literatur- und Politikwissenschaft in Bamberg, Paris und Berlin hat sie eine Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München absolviert, arbeitete danach bei der taz und ZEIT Online; aktuell ist sie als Auslandskorrespondentin für DIE ZEIT tätig.
Roth schreibt anschaulich, aber nicht effekthascherisch. Ihre Sprache sucht nicht die schnelle Pointe, sondern die genaue Beobachtung. Sie besitzt ein Gespür für Details, für Situationen, in denen sich größere gesellschaftliche Entwicklungen spiegeln. In der Tradition guter Feuilletonisten versteht sie es, aus einzelnen Momenten größere Zusammenhänge sichtbar zu machen. Ein Gespräch, ein Ort, eine persönliche Geschichte können bei ihr zum Ausgangspunkt einer historischen Reflexion werden.
Dabei erinnert ihre Arbeitsweise an jene Form des politischen Schreibens, die nicht zwischen Journalismus und Literatur trennt, sondern beide Bereiche miteinander verbindet. Die Nähe zu Autoren wie Volker Weidemann oder Florian Illies zeigt sich weniger in Stilkopie als in der Fähigkeit, Geschichte über menschliche Erfahrungen zugänglich zu machen. Roth schreibt nicht akademisch im engeren Sinne, aber sie schreibt mit wissenschaftlichem Bewusstsein. Sie kennt die historischen Debatten, arbeitet mit politischen und gesellschaftlichen Kontexten und verbindet Recherche mit erzählerischer Darstellung.
Ihre fachliche Kompetenz ergibt sich aus einer Verbindung von politischer Bildung, journalistischer Erfahrung und langjähriger Beschäftigung mit den Vereinigten Staaten. Roth studierte Literatur- und Politikwissenschaft und absolvierte anschließend die Deutsche Journalistenschule in München. Diese Kombination ist für ihr Buch entscheidend: Die Literaturwissenschaft schärft den Blick für Erzählungen und kulturelle Selbstbilder, die Politikwissenschaft für institutionelle und gesellschaftliche Zusammenhänge, der Journalismus für die konkrete Beobachtung von Menschen und Wirklichkeiten. Ihre Jahre als Journalistin und ihre Arbeit als Korrespondentin aus Washington haben ihr zudem eine Nähe zur amerikanischen Gesellschaft ermöglicht, die über reine Sekundärkenntnis hinausgeht.
Die Biografie der Autorin ist eng mit dem Gegenstand ihres Buches verbunden. Johanna Roth gehört zu einer Generation deutscher Journalistinnen, die Amerika nicht mehr ausschließlich durch die historischen Erfahrungen der Nachkriegszeit betrachten. Für viele frühere Generationen stand die USA vor allem für Wiederaufbau, westliche Demokratie und kulturelle Modernität. Roths Generation erlebt Amerika stärker als ambivalente Macht: als Verbündeten und Konfliktpartner, als kulturelles Vorbild und als Gesellschaft im inneren Streit. Ihre Perspektive entsteht aus dieser historischen Situation.
Die Bedeutung des Buches liegt deshalb nicht nur in seiner Beschreibung der Vereinigten Staaten, sondern auch in seiner Frage an Europa. Amerika ist in Roths Darstellung immer auch ein Spiegel, in dem europäische Gesellschaften eigene Fragen erkennen können. Wie stabil sind demokratische Institutionen? Wie gehen Gesellschaften mit historischen Schuldfragen um? Wie entsteht politische Entfremdung? Welche Rolle spielen Medien, soziale Ungleichheit und kulturelle Identität? Diese Fragen sind längst nicht mehr ausschließlich amerikanische Fragen.
Gerade deshalb besitzt das Buch eine Relevanz, die über die Tagespolitik hinausgeht. Es wäre zu kurz gegriffen, Roths Werk lediglich als Beitrag zur aktuellen Debatte über die USA zu lesen. Natürlich beschäftigt es sich mit den politischen Spannungen der Gegenwart. Doch sein eigentlicher Wert liegt darin, dass es historische Tiefenschichten sichtbar macht. Die Konflikte des heutigen Amerika erscheinen nicht als plötzliche Fehlentwicklung, sondern als Ausdruck ungelöster Widersprüche, die bis in die Gründungszeit zurückreichen.
Damit berührt das Buch auch die Frage nach der Rolle solcher Werke für die historische Forschung. „This is America — Is this America?“ ist keine klassische wissenschaftliche Monografie und erhebt auch nicht diesen Anspruch. Es ersetzt weder Archivarbeit noch akademische Analyse. Dennoch kann es einen wichtigen Beitrag zur historischen Erinnerung leisten. Die Geschichtsschreibung lebt nicht allein von Fachstudien, sondern auch davon, wie Gesellschaften ihre Vergangenheit erzählen. Journalistische Bücher wie dieses können Zwischenräume erschließen: Sie dokumentieren Stimmungen, Wahrnehmungen und gesellschaftliche Selbstdeutungen, die später für Historiker von Bedeutung sein können.
Gerade in Zeiten schneller politischer Veränderungen gewinnt diese Form der Gegenwartsdiagnose an Wert. Historische Forschung fragt nicht nur danach, was geschehen ist, sondern auch danach, wie Menschen eine Epoche erlebt haben. Roths Buch bewahrt solche Erfahrungen. Es zeigt, wie sich Amerika in einer Phase tiefgreifender Verunsicherung selbst betrachtet.
Die Zielgruppe des Buches ist entsprechend breit. Besonders profitieren dürften Leserinnen und Leser, die die USA jenseits vereinfachender Schlagzeilen verstehen möchten. Wer Amerika nur über politische Nachrichten wahrnimmt, erhält hier eine tiefere Perspektive. Ebenso richtet sich das Buch an historisch interessierte Menschen, an politisch neugierige Leser und an alle, die verstehen wollen, warum die Vereinigten Staaten eine solche globale Wirkung entfalten.
Auch für deutsche und europäische Leser ist das Buch besonders relevant, weil Amerika trotz aller Distanz weiterhin eine enorme kulturelle und politische Bedeutung besitzt. Die Vereinigten Staaten prägen internationale Beziehungen, Popkultur, Technologie, Wirtschaft und politische Debatten. Wer die Gegenwart verstehen möchte, kommt an einer differenzierten Betrachtung dieses Landes kaum vorbei.
Am Ende bleibt die wichtigste Frage: Ist ein solches Buch nur intellektuelle Unterhaltung? Die Antwort lautet eindeutig: nein. Gute politische Literatur erfüllt eine andere Funktion: Sie schafft Verständnis dort, wo öffentliche Debatten oft nur noch Positionen austauschen. Sie ermöglicht eine langsamere Betrachtung komplexer Wirklichkeiten. Roths Buch zwingt dazu, Amerika nicht als Schlagwort zu betrachten, sondern als lebendige, widersprüchliche Gesellschaft.
Gerade diese Fähigkeit zur Differenzierung macht den eigentlichen Wert von „This is America — Is this America?“ aus. Das Buch liefert keine einfache Erklärung für ein kompliziertes Land. Es bietet etwas Wertvolleres: eine Einladung zum genaueren Hinsehen. Amerika erscheint darin weder als Mythos noch als Warnung, sondern als historische Aufgabe. Die zentrale Frage des Titels bleibt bestehen: Ist dies Amerika? Die Antwort des Buches lautet letztlich: Ja – aber niemals nur das. Amerika ist immer auch das, was es sein wollte, was es geworden ist und was es noch werden könnte.
Johanna Roth gelingt damit ein bemerkenswertes Porträt einer Nation im Selbstgespräch. Ihr Buch verbindet journalistische Beobachtung mit historischer Sensibilität und macht sichtbar, dass die großen Konflikte der Gegenwart nicht allein politische Ereignisse sind, sondern Auseinandersetzungen um Erinnerung, Identität und Zukunft. Genau darin liegt seine bleibende Bedeutung, die weit über den 250. Jahrestag der USA am 4. Juli 2026 hinausgeht.
Autor: Johanna Roth
Titel: „This is America — Is this America?“
Herausgeber: Piper
Seitenzahl: 336 Seiten
ISBN-10: 3492074677
ISBN-13: 978-3492074674