Götz Aly: „Unser Nationalsozialismus — Reden in der deutschen Gegenwart“

Es gibt in der zeitgenössischen Geschichtswissenschaft eine eigentümliche Form der Erstarrung, die sich umso verlässlicher einstellt, je monumentaler der Gegenstand wird, dem sie sich widmet. Wenn das Grauen der deutschen Jahre zwischen 1933 und 1945 verhandelt wird, betreten die Akteure zumeist ein gut ausgeleuchtetes Gehäuse des Konsenses, in dem die moralischen Koordinaten so fest verankert sind wie die akademischen Hierarchien. Man pflegt dort eine Sprache der kontrollierten Betroffenheit und der methodischen Akribie, die sich oft wie ein Schutzpanzer um das Unfassbare legt.

Inmitten dieses sorgsam gepflegten Gartens der Erinnerungskultur wirkt Götz Aly seit Jahrzehnten wie ein Einbrecher, der nicht gekommen ist, um die Pretiosen zu stehlen, sondern um das Fundament des Hauses mit einer Spitzhacke zu prüfen. Sein Sammelband, der unter dem aufrüttelnden und bewusst provokanten Titel Unser Nationalsozialismus firmiert und Reden in der deutschen Gegenwart versammelt, zeigt diesen Solitär der historischen Zunft noch einmal in seiner ganzen, oft ungemütlichen Pracht.

Unter den deutschen Historikern der Gegenwart nimmt Götz Aly eine Sonderstellung ein. Kaum ein anderer Forscher hat die öffentliche Debatte über den Nationalsozialismus und den Holocaust in den vergangenen drei Jahrzehnten so nachhaltig beeinflusst wie er. Seine Bücher erreichen regelmäßig ein breites Publikum, werden in zahlreiche Sprachen übersetzt und lösen intensive wissenschaftliche wie gesellschaftliche Diskussionen aus. Während viele Historiker ihre Wirkung vor allem innerhalb der akademischen Fachwelt entfalten, ist Aly gleichermaßen Wissenschaftler, Publizist und öffentlicher Intellektueller. Gerade diese Dreifachrolle erklärt sowohl seinen Erfolg als auch die Kontroversen, die seine Arbeiten begleiten.

Seine Bedeutung beruht dabei nicht allein auf spektakulären Thesen, sondern vor allem auf einer besonderen Art historischen Denkens. Aly interessiert sich weniger für abstrakte Ideengeschichte oder für die Rekonstruktion politischer Entscheidungsprozesse als für die sozialen, wirtschaftlichen und administrativen Mechanismen moderner Herrschaft. Seine zentrale Frage lautet häufig nicht, was geschah, sondern warum sich Millionen gewöhnlicher Menschen an einem verbrecherischen System beteiligten oder von ihm profitierten. Diese Perspektive hat die deutsche NS-Forschung nachhaltig verändert.

Aly ist kein Historiker, der im behaglichen Elfenbeinturm der reinen Theorie sitzt; seine Stimme besitzt die Schärfe des gelernten Journalisten und die Unbeugsamkeit eines Mannes, dessen Biografie sich wie ein Seismograph der bundesrepublikanischen Selbstbefragung liest. Seine Herkunft aus der antiautoritären Bewegung der späten sechziger Jahre hat ihn nicht etwa in die Sackgassen ideologischer Dogmen geführt, sondern ihm vielmehr einen illusionslosen, beinahe kühlen Blick auf die materiellen Realitäten des menschlichen Daseins geschenkt.

Es ist diese Verknüpfung aus lebensgeschichtlicher Prägung und einem radikalen, durch keine akademische Rücksichtnahme korrumpierten Erkenntnisdrang, die Aly in der deutschen Historikerlandschaft so singulär macht. Während die etablierte Zunft ihn lange Zeit als einen lästigen Außenseiter, ja als einen handwerklich vielleicht zu forschen Publizisten argwöhnisch beäugte, hat sich sein Ansatz längst als ein unumgängliches Korrektiv erwiesen. Aly fragt nicht zuerst nach den metaphysischen Abgründen der totalitären Ideologie, er fragt nach dem Kassenbuch. Sein Geschichtsverständnis ist im tiefsten, produktivsten Sinne materialistisch, ohne dabei den platten Schablonen eines dogmatischen Marxismus zu verfallen. Ihn interessiert das Alltägliche, das pekuniäre Geflecht, die Verteilungsfrage und der soziale Nutzen, den die breite Masse der Bevölkerung aus dem Unrecht zog.

Wer die Herkunft dieses Historikers verstehen will, muss zurückgehen in jene Jahre des Aufbruchs und der radikalen Brüche, die West-Berlin und die alte Bundesrepublik umgepflügt haben. Aly, der als junger Mann die hitzigen Debatten der Achtundsechziger-Bewegung nicht nur miterlebte, sondern aktiv mitgestaltete, sog damals jenen Geist der permanenten Befragung von Autoritäten auf, der sein späteres Werk charakterisieren sollte. Doch während viele seiner damaligen Weggefährten den Marsch durch die Institutionen antraten oder sich in den theoretischen Windungen des Poststrukturalismus verloren, wählte Aly einen anderen, steinigeren Pfad. Er ging in die Archive. Die dort gefundene Wahrheit war für ihn kein abstraktes Konstrukt, sondern das Resultat akribischer Aktenfresserei.

Seine biografische Station bei der neugegründeten Tageszeitung in den späten siebziger Jahren schärfte seinen Blick für das Konkrete, für die tagesaktuelle Relevanz des Vergangenen und vor allem für eine Sprache, die sich vom Fachjargon der Universitäten befreien wollte. Diese doppelte Identität als Journalist und Forscher brachte ihm in der traditionellen Gelehrtenrepublik anfänglich tiefe Skepsis ein. Man warf ihm vor, zu thesengetrieben zu arbeiten, zu journalistisch zuzuspitzen, die feinen Nuancen der etablierten Forschung zu ignorieren.

Doch Alys wissenschaftliche Kompetenz erwies sich gerade durch diese Unabhängigkeit als krisenfest. Er war nicht erpressbar durch das Schielen auf Ordinarienstellen oder den Beifall von Fakultätskollegen. Seine Kompetenz speiste sich aus einer unbändigen Neugier und der Bereitschaft, dorthin zu schauen, wo die akademische Geschichtsschreibung allzu oft diskret weggesehen hatte: auf die bürokratische Normalität des Verbrechens, auf die Schreibtischtäter der zweiten und dritten Reihe, auf die Mediziner, Ökonomen und Juristen, die den Apparat des Terrors mit rationaler Effizienz am Laufen hielten.

Dieses Fundament erklärt das zutiefst materialistische Geschichtsverständnis, das Alys gesamte Arbeit durchzieht und das in den Texten des neuen Sammelbandes eine reife, essayistische Verdichtung erfährt. Aly bricht radikal mit jener idealistischen Tradition, die den Nationalsozialismus primär als das Ergebnis einer kollektiven Geisteskrankheit, eines metaphysischen Sündenfalls oder der dämonischen Verführungskraft eines einzelnen Mannes begreifen will. Für ihn ist die Ideologie nicht der Motor der Geschichte, sondern oft genug der Überbau, der das handfeste materielle Interesse legitimiert.

Die Deutschen wurden unter Hitler nicht primär zu fanatischen Antisemiten, weil sie Tag und Nacht Rassenideologie studierten, sondern weil das Regime ihnen handfeste materielle Vorteile bot. Der Nationalsozialismus war, so hat es Aly in früheren Werken dargelegt und so dekliniert er es in seinen aktuellen Reden weiter durch, eine moderne Gefälligkeitsdiktatur, ein korruptes System der sozialen Bestechung. Es war ein Wohlfahrtsstaat für Arier, finanziert durch die systematische Ausplünderung der europäischen Juden und der besetzten Gebiete. Indem das Regime die Steuern für die breite Masse niedrig hielt, Kriegsopfer großzügig entschädigte und die Wohnungen der deportierten jüdischen Mitbürger billig an die treue Bevölkerung verteilte, schuf es eine tiefe, materielle Komplizenschaft.

Diese Einsicht verschiebt den Fokus der Schuld fundamental. Die Täter waren nicht mehr nur die SS-Schergen in den osteuropäischen Wäldern, sondern die Finanzbeamten, die das geraubte Eigentum taxierten, die Hausfrauen, die sich über billige Möbel freuten, und die Arbeiter, die von den neuen Sozialleistungen profitierten. Es ist diese ungemütliche Wahrheit, die Aly mit einer unbarmherzigen Klarheit vorträgt und die ihn in der Zunft so isoliert wie unentbehrlich macht.

Wie brillant Aly diesen materialistischen Sezierblick auf die vermeintlich rein geistigen Phänomene der Geschichte anwendet, zeigt sich mustergültig an seinem Text über die kritische Edition von Hitlers Mein Kampf, der in dem vorliegenden Sammelband ein intellektuelles Glanzlicht setzt: „Adolf Hitler in Anmerkungen eingesargt“, erschienen im Januar 2016 in der Berliner Zeitung. — Unter dem bezeichnenden Titel, dass dieses Buch in Anmerkungen eingesargt worden sei, seziert Aly das monumentale Editionsunternehmen des Münchener Instituts für Zeitgeschichte. Die Veröffentlichung dieser tonnenschweren, zweibändigen Ausgabe wurde im deutschen Feuilleton und in der Politik als ein Akt der nationalen Befreiung, als ein endgültiger Sieg der Aufklärung über das Unwesen des Faschismus gefeiert. Man glaubte, durch die schiere Masse an wissenschaftlichen Fußnoten, durch das unermüdliche Korrigieren von Hitlers historischen Irrtümern und Lügen, dem Text seine gefährliche Aura nehmen zu können. Aly jedoch blickt mit der Skepsis des gelernten Archivars und des scharfsinnigen Kritikers auf dieses Spektakel der Gelehrsamkeit.

Gerade bei diesem brillanten Text glaubt man, eine an Walter Benjamins materialistischer Literaturkritik geschulten Geist zu erkennen, der mit der Kühle eines distanzierten Blicks die Mimikry entlarvt, die im philologischen Sperrfeuer der Fußnoten das Allheilmittel gegen die toxische Wirkung jenes Machwerks sieht. Aly erkennt in der Philologisierung des Terrors eine tiefere Fluchtbewegung der Gegenwart. Das Bild des „Einsargens“ trifft das Zentrum einer akademischen Praxis, die das Unheimliche dadurch unschädlich zu machen versucht, dass sie es unter einem Berg von Sekundärliteratur begräbt. Aly weist nach, dass die Kommentatoren in ihrer manischen Fixierung auf das Aufdecken von Hitlers handwerklichen Fehlern und logischen Widersprüchen das Wesentliche übersehen haben: die suggestive, soziale und eben materielle Verführungskraft, die von diesem Text ausging.

In seiner Besprechung legt Aly offen, dass Hitlers Manifest keineswegs nur das wirre Stammeln eines Geisteskranken war, sondern ein präzise kalkuliertes Angebot an die Sehnsüchte der deutschen Moderne. Die Kommentatoren der Edition bemühten sich redlich, jeden rassistischen Ausfall zu widerlegen, doch sie übersahen dabei, dass die Attraktivität des Buches für die damaligen Leser nicht in der wissenschaftlichen Korrektheit der Rassenlehre lag, sondern im Versprechen einer radikalen sozialen Gleichheit innerhalb der eigenen Volksgemeinschaft.

Hitler formulierte dort ein Programm des sozialen Aufstiegs, der Zertrümmerung der alten feudal-bürgerlichen Klassenbarrieren und der Etablierung eines modernen, rücksichtslosen Wohlfahrtsstaates, der freilich auf dem Ausschluss und der Vernichtung der Anderen basierte. Aly zeigt, dass das Buch deshalb so erfolgreich war, weil es die materiellen Ängste und Aufstiegsphantasien der kleinen Angestellten, der Arbeiter und der von der Inflation traumatisierten Mittelschicht bediente.

Indem die akademische Zunft den Text nun in Tausenden von Anmerkungen einsargt, betreibt sie eine Form des Exorzismus, die den eigentlichen Kern des Problems verfehlt. Sie suggeriert, dass der Nationalsozialismus ein Betriebsunfall der Rationalität gewesen sei, den man durch mehr Fußnoten und mehr Aufklärung retrospektiv korrigieren könne. Aly hält dagegen: Das Problem war nicht, dass die Deutschen zu wenig wussten oder dass Hitler unlogisch schrieb. Das Problem war, dass sie genau verstanden, welches materielle und soziale Angebot ihnen gemacht wurde, und dass sie dieses Angebot im vollen Bewusstsein der moralischen Kosten annahmen.

Damit weitet sich Alys Buchbesprechung von einer bloßen philologischen Kritik zu einer fundamentalen Diagnose unserer heutigen Erinnerungskultur aus und führt uns direkt zu der großen Meta-Frage, die über diesem gesamten Sammelband schwebt. Welche Bedeutung, welche Relevanz besitzen diese Erkenntnisse für unsere Gegenwart? Stehen wir hier vor einer brillanten intellektuellen Unterhaltung, vor glänzend geschriebenen Feuilletons für ein Bildungsbürgertum, das sich am wohligen Schauder der Vergangenheit ergötzt, während es im sicheren Sessel der demokratischen Gegenwart sitzt? Oder haben diese Analysen das Potenzial, die historische Forschung neu zu befruchten und unsere politische Selbstwahrnehmung tiefgreifend zu erschüttern? Man muss diesen Fragen einen weiten Raum geben, denn sie berühren das Nervenzentrum der modernen demokratischen Gesellschaft. Wenn man Alys materialistischen Ansatz ernst nimmt, verliert die heutige Form der Vergangenheitsbewältigung ihre beruhigende, kathartische Funktion. Die rituellen Staatsakte, die Mahnmale aus Beton und die feierlichen Schwüre, dass sich so etwas nie wiederholen dürfe, erscheinen dann in einem neuen und zurecht irritierenden Licht. Sie laufen Gefahr, zu einer reinen Wohlfühl-Veranstaltung zu werden, die uns von der Frage entlastet, wie wir selbst unter ähnlichen materiellen Bedingungen agieren würden.

Alys Erkenntnisse sind deshalb keine intellektuelle Unterhaltung, weil sie den zeitlichen Abstand zwischen den Generationen kollabieren lassen. Sie zeigen, dass die Anfälligkeit für autoritäre Versuchungen keine Frage der Epoche oder einer besonderen deutschen Veranlagung ist, sondern eine Konstante des modernen Wohlfahrtsbürgers. Wenn die Stabilität des Nationalsozialismus darauf beruhte, dass das Regime die materiellen Interessen der Mehrheit bediente und soziale Sicherheit garantierte, dann bedeutet dies im Umkehrschluss, dass die Loyalität zur Demokratie in Krisenzeiten weitaus fragiler sein könnte, als wir uns das in unseren Sonntagsreden eingestehen.

Eine Gesellschaft, die sich über den Konsum, über den Erhalt ihres materiellen Status und über die Absicherung gegen die Risiken der Moderne definiert, gerät in eine existenzielle Krise, wenn diese Versprechen nicht mehr eingelöst werden können. In diesem Moment, das lehrt uns Alys materialistischer Blick, schlägt die Stunde der Demagogen, die nicht mit metaphysischen Ideen um Gefolgschaft werben, sondern mit ganz handfesten Versprechungen der Privilegierung der eigenen Gruppe auf Kosten der anderen. Die Relevanz dieses Buches liegt also darin, dass es uns die Illusion nimmt, wir seien durch unsere moralische Läuterung vor den Abgründen der Geschichte geschützt.

Für die historische Forschung wiederum bedeuten Alys Interventionen eine permanente Provokation, die bis heute nicht gänzlich verarbeitet ist. Er zwingt die Zunft, die ausgetretenen Pfade der reinen Politik- und Ideologiegeschichte zu verlassen und sich den profanen Niederungen der Wirtschafts-, Sozial- und Verwaltungsgeschichte zuzuwenden. Die Erforschung des Nationalsozialismus darf sich nicht darin erschöpfen, die Reden von Goebbels zu analysieren oder die Organisationsstruktur der NSDAP zu rekonstruieren. Sie muss sich mit den Steuergesetzen der damaligen Zeit beschäftigen, mit den Mechanismen der Devisenbewirtschaftung, mit den Bilanzen der Landesbanken und den Versteigerungsprotokollen von jüdischem Hausrat in den deutschen Kleinstädten.

Erst in dieser mikrohistorischen, materiellen Tiefenbohrung offenbart sich das wahre Gesicht des Systems. Alys Arbeiten zeigen, dass die historische Forschung dort am produktivsten ist, wo sie wehtut, wo sie die Kontinuitäten der Institutionen und der Mentalitäten freilegt, die das Jahr fünfundvierzig unbeschadet überstanden haben. Seine Methode ist eine Absage an jeden historischen Provinzialismus, der den Nationalsozialismus als ein singuläres Phänomen außerhalb der normalen Moderne betrachten möchte.

Es ist diese Weigerung, die Geschichte zu sakralisieren, die Aly so wertvoll macht. In einer Zeit, in der die Erinnerung an die Verbrechen des zwanzigsten Jahrhunderts zunehmend in Gefahr gerät, zu einer staatlich verordneten Zivilreligion zu erstarren, hält er die Wunde offen. Er tut dies nicht mit pathetischen Worten, sondern mit Zahlen, Fakten und einer unbestechlichen Ironie, die auch vor den heiligen Kühen des heutigen Kulturbetriebs nicht haltmacht.

Die wissenschaftliche Sonderstellung Götz Alys ergibt sich aus mehreren Faktoren. — Aly verbindet unterschiedliche Disziplinen miteinander. Seine Arbeiten stehen an der Schnittstelle von Geschichtswissenschaft, Sozialwissenschaft, Wirtschaftsgeschichte, Verwaltungsforschung und politischer Analyse. Dadurch entstehen Fragestellungen, die innerhalb einer einzelnen Disziplin oft gar nicht gestellt würden.

Hierbei besitzt Aly eine außergewöhnliche Quellenkenntnis. Seine Bücher beruhen auf umfangreichen Archivstudien. Gerade weil seine Thesen häufig provozieren, legt er großen Wert auf eine detaillierte Dokumentation der verwendeten Quellen. Selbst Kritiker räumen regelmäßig ein, dass seine empirische Arbeit außerordentlich gründlich ist.

Zudem unterscheidet sich sein Schreibstil deutlich vom akademischen Mainstream. Während viele historische Monographien ausschließlich für Spezialisten verständlich sind, schreibt Aly bewusst klar, prägnant und argumentativ zugespitzt. Seine Bücher werden deshalb nicht nur von Historikern gelesen, sondern auch von Journalisten, Lehrern, Politikern und historisch interessierten Laien.

Und schließlich besitzt Aly eine ungewöhnliche intellektuelle Unabhängigkeit. Da er nie dauerhaft in universitäre Karrierehierarchien eingebunden war, konnte er wissenschaftliche Kontroversen häufig freier führen als Kollegen, deren beruflicher Aufstieg stärker von akademischen Netzwerken abhängig war. Diese Unabhängigkeit erklärt teilweise seine Bereitschaft, etablierte Lehrmeinungen offen anzugreifen.

Seine Reden und Aufsätze sind Geschosse, die gegen die intellektuelle Bequemlichkeit gerichtet sind. Sie fordern vom Leser eine Form der intellektuellen Redlichkeit, die schmerzhaft ist, weil sie den Blick auf die eigene Verstrickung, auf die Kontinuitäten des eigenen Wohlstands und auf die Fragilität der eigenen moralischen Gewissheiten lenkt.

Götz Aly gehört zweifellos zu den wichtigsten deutschen Historikern der Gegenwart. Seine Arbeiten haben das Verständnis des Nationalsozialismus um entscheidende Perspektiven erweitert. Indem er soziale Interessen, wirtschaftliche Mechanismen und bürokratische Verwaltungsprozesse in den Mittelpunkt rückte, hat er traditionelle Erklärungsmodelle ergänzt und teilweise grundlegend infrage gestellt.

Seine besondere Stellung innerhalb der Wissenschaft erklärt sich aus der Verbindung mehrerer Eigenschaften: der sorgfältigen Archivarbeit des Historikers, der analytischen Perspektive des Sozialwissenschaftlers, der sprachlichen Prägnanz des Journalisten und der intellektuellen Unabhängigkeit eines Forschers, der nie vollständig in akademischen Routinen aufgegangen ist. Diese ungewöhnliche Kombination macht ihn zu einer Ausnahmefigur innerhalb der deutschen Geschichtswissenschaft.

Ob seine einzelnen Thesen dauerhaft Bestand haben werden, ist letztlich weniger entscheidend als die Tatsache, dass sie die Forschung nachhaltig verändert haben. Große Historiker zeichnen sich nicht dadurch aus, dass ihre Interpretationen unangreifbar wären. Vielmehr stellen sie Fragen, die auch nach Jahrzehnten nichts von ihrer Aktualität verlieren. Genau dies ist Götz Aly gelungen. Seine Arbeiten haben den Blick auf die deutsche Geschichte geschärft und zugleich gezeigt, wie eng wissenschaftliche Erkenntnis, öffentliche Debatte und demokratische Erinnerungskultur miteinander verbunden sein können. In diesem Sinne gehört er zu jenen Historikern, deren Bedeutung weit über die Grenzen ihres eigenen Fachs hinausreicht.

Götz Aly hat der deutschen Geschichtswissenschaft gezeigt, dass man das Unfassbare nicht dadurch versteht, dass man es in ehrfürchtigem Schweigen umrundet oder in tausenden von Fußnoten einsargt, sondern indem man es unbarmherzig dorthin verfolgt, wo es seinen Ursprung hatte: im ganz normalen, alltäglichen Streben nach dem eigenen Vorteil.

So erweist sich der Sammelband am Ende als ein Vermächtnis zu Lebzeiten und als eine Warnung zugleich. Er dokumentiert das lebenslange Bemühen eines Historikers, der sich weigerte, Mitglied eines akademischen Kartells zu werden, und der stattdessen die Rolle des freien, kritischen Aufklärers wählte.

Die Erkenntnisse, die wir aus diesen Texten ziehen können, sind kein historisches Ornament zur Verschönerung unseres Bildungsbürgertums. Sie sind Werkzeuge der Selbstbefragung, die wir dringender denn je benötigen in einer Gegenwart, die von neuen globalen Krisen, Verteilungskämpfen und der Renaissance autoritärer Politikformen erschüttert wird. Wer Götz Aly liest, verliert den Trost der moralischen Überlegenheit, aber er gewinnt jene Klarheit des Blicks, die die einzige verlässliche Waffe gegen die Versuchungen der Geschichte bleibt.

 

 

 

Autor: Götz Aly
Titel: „Unser Nationalsozialismus — Reden in der deutschen Gegenwart“
Herausgeber: FISCHER Taschenbuch
Seitenzahl: 304 Seiten
ISBN-10: 3596714109
ISBN-13: 978-3596714100