Polly Tieck: „Die Freundin meines Freundes — Feuilletons aus den 1920er Jahren“

Dieses Buch ist ein guter Beweis dafür, dass die Erforschung der Geschichte — und hierzu gehört natürlich auch die Literaturgeschichte — im Grunde nie abgeschlossen ist: Immer wieder lassen sich unerwartete Entdeckungen machen, neue Konstellationen bilden und variante Interpretationen entwickeln. Verschollen geglaubte Artefakte und sensationelle Archivfunde auf der einen Seite, neue Analysetechniken und wissenschaftliche Verfahren auf der anderen Seite können im Zusammenspiel mit neuen interdisziplinären Forschungsansätzen den Möglichkeitsraum geschichtswissenschaftlicher Erkenntnis ins Unendliche erweitern.

Hierzu benötigt man jedoch neben Forschergeist, Kreativität und Finderglück vor allem ambitionierte Forscherinnen und Forscher, echte Enthusiasten auf ihrem Fachgebiet, kenntnisreiche Archivare und leidenschaftliche Leser historischer Quellen. — Und es braucht die Begeisterung und das fundierte Fachwissen von wissenschaftlichen Verlagen wie dem Wallstein Verlag in Göttingen, die solchen innovativen Forschungsprojekten das Leben schenken und die Forschenden tatkräftig unterstützen.

Und dann kommt solch ein wunderbares Juwel wie dieses vorliegende Buch zum Vorschein mit witzigen und flotten Feuilletons aus den 1920er Jahren. Die Autorin? — Polly Tieck! Oder auch einfach nur Polly, Katta Launisch, Polly Launisch oder Lieschen Laßdas! — Kennen Sie nicht?! Nun, alles dieselbe Frau, die mit bürgerlichem Namen Ilse Ehrenfried hieß, später Ilse Falkenfeld, dann Ilse Aufrichtig, und zwischen 1923 und 1933 in der Weimarer Republik ihre witzig-klugen Beiträge geschrieben hat für Publikationen im Ullstein Verlag.

Die Geschichte beginnt, wie so vieles in den 1920er Jahren begann: mit einem leichten Schwindel. Die Welt ist gerade erst wieder zusammengeflickt worden, notdürftig, schief, mit sichtbaren Nähten, und schon tanzt sie wieder Charleston. In diese taumelnde Zwischenzeit hinein schreibt eine Frau, die sich nicht festlegen lassen will, nicht einmal auf einen Namen. Polly Tieck nennt sie sich hier, anderswo Polly, dann wieder Polly Launisch, Katta Launisch oder gar Lieschen Laßdas. Schon diese Namen sind kleine Programme, Masken, die mehr verraten als verbergen. Der im Wallstein Verlag 2026 erschienene Band „Die Freundin meines Freundes — Feuilletons aus den 1920er Jahren“ versammelt eine Auswahl dieser Texte und bietet damit nicht nur eine Wiederentdeckung, sondern beinahe eine Wiederbegegnung mit einer Stimme, die zugleich leichtfüßig und hellwach ist, ironisch und empfindsam, und die in ihrer Zeit ebenso verankert ist wie sie über sie hinausweist.

Der Inhalt dieses Bandes ist weniger eine durchgehende Erzählung als vielmehr ein Kaleidoskop, ein rasch gedrehter Zylinder aus Momentaufnahmen, Beobachtungen, kleinen Szenen und großen Fragen. Da geht es um Beziehungen, natürlich, und um das titelgebende Dreiecksverhältnis, das sich weniger als Skandal, denn als feines soziales Geflecht entfaltet. Die Freundin meines Freundes ist keine Rivalin, sondern eine Figur, an der sich neue Formen von Nähe und Distanz, von Freiheit und Eifersucht erproben lassen. Tieck schreibt über das Flirten im Café, über das Warten auf Briefe, über die Neue Sachlichkeit der Gefühle und die alte Unordnung des Herzens. Sie beobachtet die Großstadt, ihre Rhythmen, ihre Verführungen, ihre Grausamkeiten. Sie schreibt über Mode, über das Rauchen von Frauen, über das Alleinsein im Hotelzimmer, über die kleinen Demütigungen des Alltags und die großen Illusionen der Liebe. Politik ist nie ganz weit weg, aber sie tritt selten frontal auf; sie ist eher ein Hintergrundrauschen, ein leiser Druck, der sich in den Texten bemerkbar macht, wenn es um Arbeitslosigkeit geht, um soziale Ungleichheit, um die fragile Stellung der Frau in einer Gesellschaft, die sich modern gibt und doch so vieles beim Alten belässt.

Diese thematische Breite ist es, die den Reiz des Bandes ausmacht. Polly Tieck kann von der scheinbar belanglosen Beobachtung eines Hutes im Vorübergehen zu einer Reflexion über Identität und Selbstinszenierung gelangen, ohne dass man den Übergang bemerkt. Sie kann in einem Text über einen Kinobesuch plötzlich die Frage aufwerfen, was Wirklichkeit eigentlich ist, wenn sie doch immer schon durch Bilder vermittelt wird. Und sie kann, fast nebenbei, eine ganze Epoche in einem Dialog zwischen zwei Freundinnen aufscheinen lassen. Die Feuilletons sind Momentaufnahmen, ja, aber sie sind zugleich kleine Seismografen, die die Erschütterungen ihrer Zeit registrieren.

Wer ist diese Autorin, die sich hinter so vielen Namen verbirgt? Der Band gibt darauf keine einfache Antwort, und das ist vielleicht sein größter Reiz. Denn Polly Tieck ist, wie sich im Nachwort des Herausgebers Hans-Joachim Heerde zeigt, eine literarische Konstruktion, ein Geflecht aus Identitäten, das sich erst mühsam entwirren lässt. Hinter den Pseudonymen steht Ilse Ehrenfried, später Ilse Aufrichtig, eine Frau, über deren Leben lange kaum etwas bekannt war. Heerde hat mit bewundernswerter Akribie Archive durchforstet, Melderegister konsultiert, vergilbte Zeitungen gelesen und dabei Stück für Stück ein Leben rekonstruiert, das selbst wie ein Feuilleton anmutet: voller Brüche, Wendungen, Maskierungen.

Die vielen Namen, unter denen Ehrenfried schrieb, sind dabei mehr als nur Tarnungen. Sie sind Ausdruck einer literarischen Strategie, die man kaum anders als spielerisch nennen kann. Polly, das klingt leicht, ein wenig englisch, ein wenig mondän. Polly Tieck — die „Politik“ ist hier unschwer als Vorlage zu erkennen — gibt dem Ganzen einen bürgerlichen Klang, eine Verortung. Polly Launisch deutet bereits an, dass hier jemand schreibt, der sich nicht festlegen lassen will, der die Laune zum Prinzip erhebt. Katta Launisch wirkt schon etwas derber, vielleicht auch provokanter, während Lieschen Laßdas fast wie eine Karikatur klingt, ein bewusst heruntergespieltes, verniedlichtes Ich, das sich zugleich entzieht. In dieser Vielfalt der Namen liegt eine Freiheit, die man in den Texten spürt: die Freiheit, verschiedene Stimmen auszuprobieren, verschiedene Perspektiven einzunehmen, ohne sich endgültig festzulegen.

Unweigerlich denkt man an Kurt Tucholsky, den großen Meister der Pseudonyme, der als Peter Panter, Theobald Tiger, Ignaz Wrobel und Kaspar Hauser schrieb und jede dieser Figuren mit einer eigenen Tonlage, einem eigenen Temperament versah. Auch bei Tieck ist diese Aufsplitterung des Autors in verschiedene Figuren mehr als nur ein Spiel; sie ist eine Form der Selbstermächtigung. In einer Zeit, in der Frauen in der Öffentlichkeit noch immer um ihre Stimme kämpfen mussten, schafft sie sich gleich mehrere. Und während Tucholsky seine Pseudonyme oft klar voneinander abgrenzt, scheinen sie bei Tieck ineinander überzugehen, sich zu überlappen, sich gegenseitig zu kommentieren. Es ist, als würde sie sich selbst beim Schreiben zusehen, sich korrigieren, sich widersprechen, sich neu erfinden.

Dieser spielerische Umgang mit Identität spiegelt sich auch in ihrem Stil. Tiecks Texte sind von einer bemerkenswerten Leichtigkeit, die jedoch nie ins Oberflächliche kippt. Sie schreibt in kurzen, oft pointierten Sätzen, die dennoch Raum für Zwischentöne lassen. Ironie ist ihr wichtigstes Werkzeug, aber es ist eine freundliche Ironie, die nicht verletzt, sondern aufklärt. Sie beobachtet genau, oft mit einem leicht schrägen Blick, der das Gewöhnliche fremd erscheinen lässt. Ihre Dialoge sind lebendig, ihre Beschreibungen präzise, und immer wieder blitzt ein Witz auf, der ebenso schnell wieder verschwindet. Man liest diese Texte mit einem Lächeln, das manchmal in ein Nachdenken übergeht.

Zugleich ist da eine große Sensibilität für Stimmungen, für das Flüchtige, das sich schwer festhalten lässt. Tieck kann eine Atmosphäre mit wenigen Strichen einfangen: das Licht in einem Café am späten Nachmittag, die Nervosität vor einem Rendezvous, die Müdigkeit nach einer durchfeierten Nacht. Diese Fähigkeit, das Ephemere zu bannen, macht ihre Feuilletons so lebendig. Sie wirken, als seien sie eben erst geschrieben worden, als hätte jemand die zwanziger Jahre in ein Glas gefüllt und gut verschlossen, um es nun wieder zu öffnen.

Die Texte dieses Bandes erschienen ursprünglich in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften der Weimarer Republik, vor allem in den 1920er Jahren, einer Zeit, in der das Feuilleton eine zentrale Rolle im kulturellen Leben spielte. Es war der Ort, an dem man über alles schreiben konnte, was nicht unmittelbar politisch war, und gerade deshalb oft politischer war als die Leitartikel. Tiecks Beiträge finden sich in bürgerlichen Tageszeitungen ebenso wie in eher unterhaltungsorientierten Blättern, in denen das Feuilleton eine Mischung aus Literatur, Gesellschaftskolumne und Lebensratgeber darstellte. Diese Vielfalt der Publikationsorte spiegelt sich auch in der thematischen und stilistischen Bandbreite ihrer Texte. Manche sind eher leicht und verspielt, andere haben einen ernsteren Ton, wieder andere bewegen sich irgendwo dazwischen.

Dass diese Texte nun in einem Band versammelt sind, verdankt sich nicht zuletzt dem Nachwort von Hans-Joachim Heerde, das weit mehr ist als ein bloßer Anhang. Es ist eine kleine Forschungsleistung, ein detektivischer Bericht darüber, wie man einer fast vergessenen Autorin wieder auf die Spur kommt. Heerde schildert, wie er auf die verschiedenen Pseudonyme gestoßen ist, wie er Verbindungen hergestellt, Widersprüche aufgedeckt und schließlich eine plausible Biografie rekonstruiert hat. Dabei wird deutlich, wie schwierig es ist, eine Autorin zu fassen, die sich bewusst entzogen hat. Die Archive geben nur bruchstückhafte Auskünfte, vieles bleibt im Dunkeln, manches lässt sich nur vermuten.

Gerade diese Mischung aus Gewissheit und Ungewissheit macht das Nachwort so spannend. Heerde zeigt nicht nur die Ergebnisse seiner Recherche, sondern auch den Weg dorthin, mit all seinen Sackgassen und Umwegen. Man liest dieses Nachwort fast wie einen Krimi, in dem es nicht um ein Verbrechen, sondern um eine Identität geht. Und man versteht dabei, wie sehr literarische Geschichte von solchen mühsamen Rekonstruktionen abhängt. Ohne diese Arbeit wäre Polly Tieck vielleicht eine Fußnote geblieben, ein Name ohne Gesicht. Nun tritt sie, zumindest in Umrissen, wieder hervor.

Heerde gelingt es zudem, die Texte in ihren historischen Kontext einzuordnen, ohne sie darauf zu reduzieren. Er zeigt, wie sie in die Debatten ihrer Zeit eingebunden sind, wie sie auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren, wie sie zugleich Teil einer literarischen Tradition sind und diese weiterentwickeln. Dabei vermeidet er es, die Texte zu überfrachten oder ihnen Bedeutungen aufzuzwingen, die sie nicht tragen. Stattdessen öffnet er einen Raum, in dem man sie neu lesen kann.

Für wen ist dieses Buch geschrieben, oder besser: für wen ist es heute lesenswert? Sicherlich für alle, die sich für die Weimarer Republik interessieren, für ihre Kultur, ihre Literatur, ihre Alltagsgeschichte. Wer wissen möchte, wie sich das Leben in den zwanziger Jahren anfühlte, jenseits der großen politischen Ereignisse, findet hier reiches Material. Auch Leserinnen und Leser, die sich für die Geschichte des Feuilletons interessieren, werden ihre Freude haben, denn Tiecks Texte zeigen exemplarisch, was dieses Genre leisten kann.

Darüber hinaus spricht der Band aber auch ein Publikum an, das weniger historisch interessiert ist, sondern einfach gute, kluge, unterhaltsame Texte lesen möchte. Denn das ist vielleicht die größte Überraschung: Wie wenig diese Feuilletons gealtert sind. Viele der Themen, die Tieck behandelt, sind erstaunlich aktuell. Die Frage nach neuen Formen von Beziehungen, nach der Balance zwischen Freiheit und Bindung, nach der Inszenierung des eigenen Selbst in der Öffentlichkeit — das kommt uns doch ziemlich bekannt vor und könnte auch in einem heutigen Magazin oder Blog stehen. Natürlich haben sich die äußeren Umstände verändert, die technischen Möglichkeiten, die sozialen Rahmenbedingungen. Aber die grundlegenden Fragen sind geblieben.

Damit sind wir bei der vielleicht interessantesten Frage, die dieser Band aufwirft: Welche Bedeutung haben solche Feuilletonbeiträge aus den 1920er Jahren für unsere Gegenwart? Sind sie bloß historische Dokumente, die man mit einem gewissen antiquarischen Interesse liest, oder haben sie mehr zu sagen? Die Antwort liegt, wie so oft, irgendwo dazwischen, und gerade in diesem Dazwischen entfaltet sich ihre Stärke.

Als historische Quellen sind diese Texte unschätzbar. Sie geben Einblick in den Alltag, in Denkweisen, in Stimmungen, die in offiziellen Dokumenten selten greifbar sind. Sie zeigen, wie Menschen ihre Welt wahrgenommen haben, wie sie über sich selbst gesprochen haben, welche Themen sie beschäftigt haben. In einer Zeit, in der wir zunehmend sensibel für die Vielfalt von Perspektiven geworden sind, ist es besonders wertvoll, eine weibliche Stimme aus dieser Epoche zu hören, die nicht nur über die großen Fragen, sondern auch über die kleinen, oft übersehenen Dinge schreibt.

Doch die Texte erschöpfen sich nicht in dieser dokumentarischen Funktion. Sie haben eine literarische Qualität, die sie über ihre Zeit hinaushebt. Tiecks Ironie, ihre Beobachtungsgabe, ihre sprachliche Eleganz — all das spricht auch heutige Leserinnen und Leser an. Man kann diese Texte einfach genießen, sich an ihren Pointen erfreuen, sich von ihren Bildern tragen lassen. In einer Gegenwart, die oft von schnellen, zugespitzten Meinungen geprägt ist, wirkt diese Art des Schreibens fast wie ein Gegenentwurf: differenziert, offen, neugierig.

Vielleicht liegt die eigentliche Relevanz solcher Feuilletons aber darin, dass sie uns einen Spiegel vorhalten. Indem wir sehen, wie ähnlich manche Fragen damals und heute sind, wird uns bewusst, dass unsere Gegenwart nicht so einzigartig ist, wie wir manchmal glauben. Die Unsicherheit gegenüber neuen Lebensformen, die Faszination für technische Entwicklungen, die Suche nach individueller Freiheit — all das gab es schon einmal, in anderer Form, aber mit vergleichbaren Emotionen. Diese Erkenntnis kann beruhigend sein, aber auch irritierend. Sie fordert uns auf, unsere eigene Zeit mit etwas mehr Distanz zu betrachten.

Zugleich zeigen uns die Unterschiede, wie sehr sich die Welt verändert hat. Die sozialen Normen, die Rolle der Frau, die Möglichkeiten der Kommunikation — all diese Dinge, das ist keine Frage, haben sich in den vergangenen hundert Jahren grundlegend gewandelt. Jedoch indem wir Tiecks Texte lesen, können wir diese Veränderungen besser verstehen, weil wir einen Ausgangspunkt haben, von dem aus sie sichtbar werden. Die Vergangenheit wird nicht zu einem fremden Land, sondern zu einem Ort, mit dem wir in Beziehung treten können.

Es wäre also zu kurz gegriffen, diese Feuilletons nur als Unterhaltung oder nur als Forschungsobjekt zu betrachten. Sie sind beides, und noch mehr. Sie sind literarische Kunstwerke, historische Dokumente, intellektuelle Anregungen und nicht zuletzt auch kleine Vergnügungen, die man sich zwischendurch gönnen kann. Vielleicht ist gerade diese Vielschichtigkeit das, was sie so zeitlos macht.

So bleibt nach der unterhaltsamen und kurzweilige Lektüre der Eindruck, einer Autorin begegnet zu sein, die sich nicht festlegen lassen wollte und gerade darin ihre Stärke fand. Polly Tieck, Polly Launisch, Katta Launisch, Lieschen Laßdas — hinter all diesen Namen steht eine Stimme, die sich der Eindeutigkeit entzieht und gerade dadurch so klar klingt. Der Band „Die Freundin meines Freundes“ ist eine Einladung, dieser Stimme zuzuhören, sich von ihr überraschen zu lassen, sich in ihr zu verlieren und vielleicht auch ein Stück weit sich selbst darin zu erkennen. In einer Zeit, die oft nach schnellen Antworten verlangt, ist das ein seltenes und kostbares Angebot.

 

Autor: Polly Tieck
Titel: „Die Freundin meines Freundes — Feuilletons aus den 1920er Jahren“
Herausgeber: Wallstein Verlag
Seitenzahl: 362 Seiten
ISBN-10: 3835360906
ISBN-13: 978-3835360907