Daniel Stähr: „Die neuen Propheten — Wie Ökonomen unsere Zukunft verspielen“

Daniel Stährs Buch „Die neuen Propheten — Wie Ökonomen unsere Zukunft verspielen“ ist ein Angriff, der leise beginnt und seine Schärfe erst allmählich entfaltet. Es ist kein Pamphlet, kein wütendes Gegenmanifest gegen eine angeblich allmächtige Zunft, sondern ein kulturkritischer Essay in Buchlänge, der sich für die Bedingungen interessiert, unter denen ökonomisches Denken zur dominierenden Deutungsinstanz unserer Gegenwart werden konnte. Stähr schreibt nicht aus der Pose des Außenseiters, sondern aus der Perspektive eines Kenners, der sich seiner Nähe zum Gegenstand bewusst ist und gerade daraus eine skeptische Haltung entwickelt. Das verleiht dem Buch jene Ambivalenz, die es lesenswert, aber auch angreifbar macht.

Der Autor hat bereits 2024 zusammen mit dem Literatur- und Kulturwissenschaftler Simon Sahner das hübsche (vor allem sprachkritische) Buch „Die Sprache des Kapitalismus“ verfasst, ebenfalls im Verlag S. Fischer erschienen. — Sprachkritik ist auch in diesem Fall als Systemkritik zu verstehen, so dass es nicht verwundert, dass der Autor mit seinem neuen Buch noch tiefer in die komplexen Zusammenhänge und Abhängigkeiten der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Systeme eintaucht, um diese schonungslos offenzulegen.

Im Zentrum steht die Beobachtung, dass Ökonomen in politischen und medialen Debatten eine Rolle übernommen haben, die über fachliche Beratung weit hinausgeht. Sie treten als Deuter der Zukunft auf, als Instanz, die sagt, was möglich ist und was nicht, welche politischen Optionen realistisch erscheinen dürfen und welche als naiv oder verantwortungslos gelten müssen. Stähr wählt dafür bewusst den Begriff des Propheten, nicht um religiöse Inhalte zu unterstellen, sondern um auf eine strukturelle Ähnlichkeit hinzuweisen. Wie Propheten versprechen diese Ökonomen Orientierung in Zeiten der Unsicherheit. Sie formulieren Warnungen und Heilsversprechen, sprechen von Wachstumschancen und Krisenszenarien, von notwendigen Reformen und unausweichlichen Einschnitten. Der entscheidende Punkt ist für Stähr dabei nicht, dass Prognosen falsch sein können, sondern dass sie oft mit einem Anspruch auf Alternativlosigkeit verbunden werden, der politische Auseinandersetzung verengt.

Der Autor nähert sich diesem Befund nicht über eine systematische Theorie der Ökonomie, sondern über ihre öffentliche Praxis. Ihn interessiert weniger, was in Fachzeitschriften verhandelt wird, als das, was in Talkshows, Leitartikeln und politischen Beratungsgremien ankommt. Das Buch rekonstruiert, wie bestimmte ökonomische Denkfiguren — etwa die Fixierung auf Wettbewerbsfähigkeit, Effizienz und Wachstum — zu scheinbar naturgegebenen Maßstäben geworden sind. Stähr zeigt, wie komplexe Modelle, die in der akademischen Welt mit Vorbehalten diskutiert werden, in der öffentlichen Kommunikation zu einfachen Wahrheiten verdichtet werden. Diese Übersetzungsleistung ist für ihn kein bloßer Verlust an Differenziertheit, sondern ein Machtprozess: Wer die Sprache der Zahlen beherrscht, setzt die Rahmenbedingungen der Debatte.

Inhaltlich bewegt sich das Buch entlang mehrerer thematischen Linien, die ineinandergreifen. Eine davon ist die Kritik an der Prognosekultur. Stähr beschreibt, wie ökonomische Vorhersagen trotz ihrer notorischen Unsicherheit eine enorme politische Wirkung entfalten. Haushaltszahlen, Wachstumsprognosen oder Arbeitsmarktindikatoren fungieren als Begründung für Entscheidungen, die tief in das soziale Gefüge eingreifen. Dabei wird, so Stähr, selten thematisiert, dass diese Zahlen auf Annahmen beruhen, die selbst normativ aufgeladen sind. Die Wahl bestimmter Parameter spiegelt Wertentscheidungen wider, die jedoch als technische Notwendigkeiten ausgegeben werden. Der Autor legt den Finger auf diese Verschleierung und fragt, warum Gesellschaften bereit sind, sich solchen Prognosen zu unterwerfen.

Eine zweite Linie ist die Auseinandersetzung mit dem Selbstverständnis der Ökonomen. Stähr zeichnet das Bild einer Disziplin, die sich lange als wertfrei und objektiv inszeniert hat und gerade dadurch politische Wirksamkeit erlangte. Die mathematische Formulierung ökonomischer Zusammenhänge erzeugt einen Eindruck von Exaktheit, der Kritik erschwert. Wer Einwände erhebt, riskiert, als irrational oder populistisch diskreditiert zu werden. Stähr argumentiert, dass diese Form der Autorität demokratische Prozesse unterminiert, weil sie politische Entscheidungen in den Bereich des Sachzwangs verschiebt. Allerdings bleibt er dabei nicht bei einer einfachen Schuldzuweisung stehen. Er zeigt auch, wie stark Ökonomen selbst unter Erwartungsdruck stehen, klare Antworten zu liefern, selbst wenn die Datenlage das kaum zulässt.

Der Blickwinkel des Buches ist dezidiert gesellschaftstheoretisch. Stähr interessiert sich für die kulturellen Voraussetzungen der ökonomischen Dominanz. Er fragt, warum gerade ökonomische Argumente in spätmodernen Gesellschaften so anschlussfähig sind. Seine Antwort verweist auf eine tiefsitzende Sehnsucht nach Kontrolle. In einer Welt, die von globalen Krisen, technologischen Umbrüchen und ökologischen Grenzen geprägt ist, bieten ökonomische Modelle eine scheinbare Ordnung. Sie reduzieren Komplexität, machen Zukunft berechenbar und versprechen Handlungsfähigkeit. Dass diese Versprechen oft nicht eingelöst werden, führt paradoxerweise nicht zu einem Vertrauensverlust, sondern zu einer noch stärkeren Nachfrage nach Expertise. Stähr beschreibt diesen Mechanismus mit feinem Gespür für Ironie.

Kritisch zu hinterfragen ist dabei, ob der Autor die Heterogenität der Ökonomie ausreichend berücksichtigt. Zwar betont er mehrfach, dass es auch „die Ökonomen“ als Generalisierung nicht gibt, doch in der Argumentation verschwimmen die Unterschiede zwischen verschiedenen Schulen und Ansätzen teilweise deutlich. Die Kritik richtet sich vor allem gegen eine bestimmte Form des Mainstreams, der in Politikberatung und Medien präsent ist. Alternative ökonomische Ansätze, die sich explizit mit Unsicherheit, Macht und sozialen Konflikten befassen, tauchen eher am Rand auf. Hier hätte man sich eine stärkere Differenzierung gewünscht, um nicht selbst in jene Vereinfachung zu verfallen, die das Buch kritisiert.

Auch die zentrale These, Ökonomen hätten unsere Zukunft „verspielt“, ist bewusst zugespitzt. Sie suggeriert eine Verantwortung, die nicht allein bei einer Berufsgruppe liegen kann. Stähr ist sich dessen bewusst und relativiert diese Aussage im Verlauf des Buches immer wieder. Letztlich geht es ihm weniger um Schuldzuweisung als um die Beschreibung eines Systems, in dem ökonomisches Wissen eine privilegierte Stellung einnimmt. Dennoch bleibt die Frage, ob der prophetische Gestus nicht ebenso von Politikern und Medien eingefordert wird wie von Ökonomen selbst. Die Nachfrage nach einfachen Antworten kommt nicht aus dem Nichts, sondern ist Teil einer politischen Kultur, die Ambivalenz schlecht erträgt.

Stilistisch bewegt sich Stähr souverän im feuilletonistischen Register. Er schreibt klar, oft elegant, gelegentlich mit einer leicht ironischen Distanz, die den Text vor moralischer Schwere bewahrt. Metaphern werden sparsam, aber wirkungsvoll eingesetzt, vor allem wenn er religiöse Bilder aufgreift, um die Sakralisierung ökonomischer Kennzahlen zu beschreiben. Gleichzeitig bleibt der Ton sachlich genug, um nicht ins Polemische abzurutschen. Die Lesbarkeit des Buches ist hoch, auch für Leser ohne vertiefte ökonomische Vorkenntnisse. Fachbegriffe werden erklärt, ohne belehrend zu wirken, komplexe Zusammenhänge anschaulich entfaltet, ohne sie zu trivialisieren. Man spürt, dass hier jemand schreibt, der sein Publikum ernst nimmt.

In der Mitte des Buches findet sich ein Abschnitt, der stärker biografisch geprägt ist und den Autor selbst sichtbarer macht. Stähr reflektiert dort seine eigene Ausbildung und seine anfängliche Faszination für die Klarheit ökonomischer Modelle. Diese Selbstverortung ist mehr als ein autobiografischer Einschub; sie fungiert als Schlüssel zum Verständnis des gesamten Projekts. Stähr ist kein Gegner der Ökonomie, sondern jemand, der aus der Erfahrung ihrer Attraktivität heraus ihre Grenzen thematisiert. In früheren Veröffentlichungen hatte er sich bereits mit der politischen Rolle von Expertenwissen beschäftigt, allerdings meist in kürzeren, essayistischen Formaten. „Die neuen Propheten“ wirkt demgegenüber breiter angelegt und ambitionierter. Im Vergleich zu anderen aktuellen Büchern, die entweder eine radikale Abkehr vom ökonomischen Denken fordern oder technokratische Reformvorschläge unterbreiten, setzt Stähr stärker auf Reflexion und Selbstkritik. Er reiht sich damit eher in eine Tradition kritischer Gesellschaftsanalyse ein als in die der wirtschaftspolitischen Intervention.

Die wissenschaftliche Fundierung des Buches ist solide, wenn auch nicht im strengen Sinne akademisch. Stähr arbeitet mit einer Vielzahl von Studien, historischen Beispielen und theoretischen Bezugspunkten, ohne diese in einem engmaschigen Apparat aus Fußnoten auszustellen. Das entspricht dem Genre, birgt aber auch Risiken. Leser, die eine detaillierte Auseinandersetzung mit ökonometrischen Modellen oder eine systematische Diskussion der Fachliteratur erwarten, werden enttäuscht sein. Die Recherche ist breit, aber selektiv. Sie dient der Argumentation, nicht der Vollständigkeit. Das ist legitim, verlangt aber Vertrauen in die Urteilsfähigkeit des Autors. An manchen Stellen hätte eine genauere Auseinandersetzung mit Gegenpositionen die Überzeugungskraft erhöht.

Besonders stark ist das Buch dort, wo es die Verbindung zwischen ökonomischem Denken und politischer Imagination sichtbar macht. Stähr zeigt, wie bestimmte Zukunftsbilder — etwa die Vorstellung von permanentem Wachstum oder von der Effizienz des Marktes als universellem Problemlöser — nicht nur analytische Annahmen sind, sondern normative Leitbilder. Indem Ökonomen diese Leitbilder als Sachzwänge formulieren, entziehen sie sie der politischen Debatte. Hier liegt der eigentliche Kern der Kritik. Es geht nicht darum, Prognosen zu verbieten oder Expertise zu delegitimieren, sondern darum, ihre Voraussetzungen offenzulegen und zur Diskussion zu stellen.

Am Ende plädiert Stähr für eine neue Bescheidenheit der Ökonomie. Er fordert keine Abschaffung von Modellen, sondern eine stärkere Reflexion ihrer Grenzen. Ökonomen sollten weniger als Propheten auftreten und mehr als Teilnehmer einer offenen gesellschaftlichen Debatte. Diese Forderung ist ebenso plausibel wie schwer umzusetzen. Sie setzt eine politische Kultur voraus, die Unsicherheit aushält und Konflikte nicht als Störfaktoren betrachtet, sondern als Ausdruck demokratischer Auseinandersetzung. Ob ein solches Umdenken realistisch ist, bleibt offen. Das Buch liefert keine einfachen Lösungen, sondern eine Einladung zum Nachdenken.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass „Die neuen Propheten“ ein kluges, anregendes und stellenweise provokantes Buch ist, das einen wichtigen Beitrag zur Debatte über die Rolle der Ökonomie in der Gesellschaft leistet. Es überzeugt durch seinen essayistischen Zugriff, seine sprachliche Klarheit und seine Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge verständlich zu machen. Kritisch anzumerken ist die gelegentliche Vereinfachung der ökonomischen Landschaft und die zugespitzte Rhetorik des Titels, die Erwartungen weckt, die das Buch selbst differenziert. Besonders geeignet ist das Buch für Leserinnen und Leser, die sich für Politik, Gesellschaft und die kulturellen Grundlagen ökonomischen Denkens interessieren, ohne ein rein fachwissenschaftliches Werk lesen zu wollen. Studierende, Journalisten, politisch interessierte Laien und auch Ökonomen mit Sinn für Selbstkritik dürften hier Gewinn ziehen. Wer hingegen konkrete wirtschaftspolitische Rezepte sucht oder eine detaillierte Fachdebatte erwartet, wird eher enttäuscht sein. Gerade darin liegt jedoch die Stärke des Buches: Es zwingt dazu, über die Bedingungen unseres Denkens über Zukunft nachzudenken, bevor man sie in Zahlen fasst.

 

 

 

 

Autor: Daniel Stähr
Titel: „Die neuen Propheten — Wie Ökonomen unsere Zukunft verspielen“
Herausgeber: S. FISCHER
Seitenzahl: 336 Seiten
ISBN-10: 310397728X
ISBN-13: 978-3103977288