Schon der Titel von „Ach, die dumme Literatur!“ klingt wie ein Seufzer, halb ironisch, halb erschöpft, und tatsächlich ist dieses schmale, elegant gestaltete Buch nichts anderes als eine Sammlung solcher Seufzer — allerdings nicht von irgendwem, sondern von den großen Namen der Literaturgeschichte. In Briefen, Tagebüchern und Notizen stöbert der Wiener Zeichner und Autor Nicolas Mahler und fördert dabei eine erstaunliche Wahrheit zutage: Schriftsteller sind, wenn sie über ihre eigene Arbeit sprechen, selten erhaben, oft verzweifelt und bisweilen schlicht unerquicklich komisch. Das Buch versammelt solche Äußerungen und kombiniert sie mit Mahlers lakonischen, auf das Wesentliche reduzierten Zeichnungen, die die Melancholie und Komik dieser Selbstzeugnisse pointieren. Von Schreibhemmungen über verletzte Eitelkeiten bis zu der unerquicklich banalen Realität von Honoraren und Lesereisen entsteht so ein kaleidoskopisches Bild des literarischen Betriebs — eines Betriebs, der weniger von Genie als von Zweifel lebt.
Diese kurze Skizze des Inhalts täuscht jedoch darüber hinweg, wie präzise das Buch komponiert ist. Mahler arrangiert die Stimmen der Vergangenheit wie ein Dirigent, der weiß, wann er das Pathos kippen lassen muss, damit es ins Komische umschlägt. Wenn Hermann Hesse über die Unmöglichkeit klagt, „etwas Rechtes“ zu Papier zu bringen, oder Max Frisch lakonisch feststellt, es gelinge ihm „fast nichts“, dann liegt in der Wiederholung dieser Geständnisse weniger Tragik als eine fast tröstliche Routine. Selbst Ingeborg Bachmann, deren Werk heute zum Kanon gehört, erscheint hier als jemand, der sich mit erstaunlicher Konsequenz selbst sabotiert. Mahler macht daraus kein Tribunal, sondern eine Galerie menschlicher Schwächen, in der sich der Leser unweigerlich wiedererkennt.
Um die besondere Qualität dieses Buches zu verstehen, muss man sich den Autor genauer ansehen. Nicolas Mahler, 1969 geboren und in Wien tätig, gehört seit Jahren zu den eigenwilligsten Stimmen der deutschsprachigen Comiclandschaft. Seine Zeichnungen sind radikal reduziert, oft kaum mehr als Strichfiguren mit wenigen Linien, die dennoch eine erstaunliche Ausdruckskraft entfalten. Diese Reduktion ist kein Mangel, sondern Methode: Mahler interessiert sich nicht für Detailrealismus, sondern für Verdichtung. Man könnte fast behaupten, seine Figuren stünden unter „intellektuellem Druck“, sie sind Träger von Gedanken, Pointen und Absurditäten.
Bekannt wurde Mahler zunächst durch seine Cartoons in Zeitungen und Magazinen wie der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung oder der Titanic, wo er eine unverwechselbare Mischung aus literarischem Witz und visueller Lakonie entwickelte. Später wandte er sich verstärkt der Bearbeitung literarischer Stoffe zu. Seine Adaptionen von Klassikern — etwa von Thomas Bernhard oder Robert Musil — sind keine bloßen Nacherzählungen, sondern eigensinnige Transformationen, in denen der Text auf seine komischen und absurden Momente hin gelesen wird. Mahler nimmt die Hochliteratur ernst genug, um sie respektlos behandeln zu können. Gerade diese Haltung macht ihn zu einem idealen Kommentator des literarischen Betriebs.
„Ach, die dumme Literatur!“ fügt sich nahtlos in dieses Œuvre ein, wirkt aber zugleich wie eine Verdichtung seiner bisherigen Arbeit. Während Mahler früher Texte anderer Autoren adaptierte, geht er hier einen Schritt weiter: Er macht nicht mehr die Werke selbst zum Gegenstand, sondern deren Entstehungsbedingungen. Es ist ein Buch über das Schreiben als Zumutung, als endlose Reihe von Selbstzweifeln und kleinen Niederlagen. In gewisser liebevollen Weise ist es auch ein Anti-Künstlerbuch, das den Mythos des genialen Schöpfers systematisch unterläuft.
Dabei bleibt Mahler seiner Ästhetik treu. Die Zeichnungen sind minimalistisch, oft nur wenige Striche, die eine Figur andeuten. Gerade diese Einfachheit erzeugt eine eigentümliche Komik. Die großen Namen der Literatur erscheinen nicht als monumentale Gestalten, sondern als fragile, fast lächerliche Figuren, die an ihrem eigenen Anspruch scheitern. Es ist, als würde Mahler sagen: „Seht her, das sind sie, eure Helden — und sie sind kaum weniger hilflos als Ihr selbst!“
Warum aber ist das so lustig? Warum bereitet es ein solches Vergnügen, den Menschen im Schriftsteller zu entdecken, zu verstehen, dass auch sie ganz alltägliche Probleme haben wie wir anderen auch? Und was ist so interessant und geradezu wohltuend daran, Autoren beim Scheitern zu beobachten? Die Antwort liegt vermutlich in einer Mischung aus Identifikation und Entzauberung: Schreiben gilt gemeinhin als eine Tätigkeit, die von Inspiration, Talent und vielleicht sogar von einer gewissen Erhabenheit geprägt ist. Mahler zeigt das genaue Gegenteil: Schreiben ist vor allem Arbeit, oft unerquicklich, häufig unerquicklich banal. Diese Entzauberung hat etwas Befreiendes. Sie erlaubt es dem Leser, die Distanz zu den vermeintlich unerreichbaren Größen der Literatur zu verringern.
Zugleich bedient das Buch eine alte, vielleicht etwas schadenfrohe Lust: die Lust daran, die Schwächen anderer zu sehen. Doch bei Mahler kippt diese Schadenfreude nie ins Bösartige. Dafür sorgt schon die Auswahl der Zitate, die weniger auf spektakuläre Abstürze als auf alltägliche Frustrationen zielen. Es geht nicht um den großen Skandal, sondern um das kleine Scheitern, das sich in jedem Schreibprozess wiederholt. Gerade darin liegt die Komik: im Wiedererkennen des Immergleichen.
Man könnte sagen, Mahler betreibt eine Art literarische Demontage, die jedoch nicht destruktiv ist. Er zerstört den Mythos des genialen Autors, um Platz zu schaffen für ein realistischeres Bild: den Autor als zweifelndes, oft überfordertes Wesen. Dieses Bild ist nicht nur komisch, sondern auch tröstlich. Es sagt: Wenn selbst die Großen scheitern, ist das eigene Scheitern kein Grund zur Verzweiflung.
In diesem Sinne richtet sich das Buch an ein erstaunlich breites Publikum. Literaturaffine Leser werden die zahlreichen Anspielungen und Zitate genießen, die wie kleine Insiderwitze funktionieren. Wer sich mit der Geschichte der Literatur auskennt, wird besonders viel Freude daran haben, die bekannten Namen in ungewohnten Rollen zu sehen. Gleichzeitig ist das Buch aber auch für jene zugänglich, die weniger Vorwissen mitbringen. Die Grundsituation — jemand versucht zu schreiben und scheitert daran — ist universell verständlich.
Besonders ansprechen dürfte das Buch all jene, die selbst schreiben oder es zumindest versuchen. Für sie ist „Ach, die dumme Literatur!“ fast so etwas wie eine Selbsthilfelektüre, allerdings eine, die ohne jede pädagogische Absicht auskommt. Sie zeigt, dass Schreibblockaden, Zweifel und Frustrationen keine individuellen Defekte sind, sondern strukturelle Bestandteile des Schreibens. In einer Zeit, in der Kreativität oft als jederzeit abrufbare Ressource dargestellt wird, wirkt diese Einsicht fast subversiv.
Auch Leserinnen und Leser, die sich für die Hinterbühne der Literatur interessieren, kommen auf ihre Kosten. Mahler öffnet die Werkstatt der Autoren und zeigt, wie wenig glamourös es dort zugeht. Die großen Werke erscheinen plötzlich als das Ergebnis von mühsamer Kleinarbeit, von Versuchen und Irrtümern, von Momenten der Verzweiflung. Diese Perspektive verändert den Blick auf Literatur insgesamt.
Nicht zuletzt spricht das Buch auch ein Publikum an, das schlicht Freude an klugem, trockenem Humor hat. Mahlers Witz ist kein lautes Gelächter, sondern ein leises, oft melancholisches Schmunzeln. Er arbeitet mit Untertreibung, mit der Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, mit dem abrupten Umschlagen von Pathos ins Lächerliche. Es ist ein Humor, der sich Zeit lässt und gerade dadurch nachhaltiger wirkt.
Am Ende bleibt der Eindruck eines Buches, das viel mehr ist als eine Sammlung witziger Anekdoten. „Ach, die dumme Literatur!“ ist eine Reflexion über das Schreiben selbst, über seine Bedingungen und seine Zumutungen. Es zeigt, dass Literatur nicht nur aus großen Ideen besteht, sondern auch aus kleinen, oft unerquicklich banalen Momenten. Gerade in dieser Mischung liegt seine Stärke.
Wer von der Lektüre besonders profitieren wird, lässt sich daher relativ klar sagen: Es sind diejenigen, die Literatur nicht als sakrosanktes Heiligtum betrachten, sondern als menschliche Kulturpraxis mit all ihren Unzulänglichkeiten. Es sind die Schreibenden, die sich in den Klagen ihrer Vorgänger wiederfinden. Und es sind die Leser, die bereit sind, über die großen Namen zu lachen, ohne ihnen den Respekt zu entziehen. Für sie ist dieses Buch nicht nur unterhaltsam, sondern auch erkenntnisreich — eine kleine, feine Erinnerung daran, dass selbst die größte Literatur aus ziemlich gewöhnlichen Zweifeln entsteht.
Autor: Nicolas Mahler
Titel: „Ach, die dumme Literatur! — Ausgewählt und gezeichnet von Mahler“
Herausgeber: Suhrkamp Verlag
Seitenzahl: 120 Seiten
ISBN-10: 3518475401
ISBN-13: 978-3518475409