Christiane Rösinger: „The Joy of Ageing“

Wie bitte?? Christiane Rösinger schreibt einen „Altersratgeber“?! — Das ist ein Buch, das man lesen muss! Und natürlich nicht nur „man“, sondern vor allem die Frau von heute. Den Schwerpunkt legt Frau Rösinger auf das Älterwerden von Frauen, was ja auch nur natürlich ist; schließlich ist sie selbst schon lebenslang eine solche, und über Männer gibt es sowieso nicht so viel zu sagen. Für die meisten Exemplare über 60 fallen ihr nur die leider erwartbaren Zuschreibungen ein: grummelig, uninteressant und immer nur mit den eigenen Problemen beschäftigt.

Dementsprechend muss sich der männliche Leser (und somit auch der Verfasser dieser Zeilen) darauf einstellen, eine Menge über die weibliche Sichtweise auf das Altern zu erfahren, manchmal mehr, als einem lieb ist, was am Ende aber gar nicht so weit weg ist von den männlichen Sorgen.

Die Lektüre gestaltet sich von Anfang an als sehr unterhaltsam. Wer hier einen klassischen Ratgeber erwartet — mit durchkonzipierter Gliederung, strukturiertem Aufbau, wissenschaftlichen Hintergrundinformationen — wird weitestgehend enttäuscht. Aber mal ehrlich, wer erwartet das schon?! Vielmehr hält man ein Buch in den Händen, das sich über weite Strecken wie ein autobiografischer Text über das Älterwerden liest — und genau das ist ja auch der eigentliche Sinn von Ratgebern: eine Sammlung von aus Lebenserfahrungen gespeisten Erkenntnissen.

Was hier zugegeben etwas gespreizt formuliert daherkommt, möchte ausdrücken, dass die Autorin über das schreibt, was sie selbst erfahren oder in ihrem Umfeld beobachtet hat. Also eine eher weibliche Herangehensweise an das große Projekt Altersratgeber. So beginnt das Buch mit einer Szene aus dem Alltag der Autorin: dem Aufwachen.

Christiane Rösinger schreibt literarisch und immer aus der Ich-Perspektive. Das Buch hat keine „starken autobiografischen Bezüge“, wie es so häufig in Buchrezensionen heißt, sondern es ist autobiografisch von A bis Z: Die Autorin beschreibt ihr Älterwerden, besonders viel Raum nimmt das „Ereignis“ ein (zwei leichte Schlaganfälle mit Anfang vierzig), die Aufenthalte in Kliniken und Reha-Sanatorien. Manche Passagen könnten für jene Leserinnen, die keine Ahnung haben, wer Christiane Rösinger ist, etwas lang werden; aber selbst für diese Minderheit hat das Buch dank des leichten und leicht schnoddrigen Stils einen großen Unterhaltungswert.

Frauen über 60 sind nicht mehr die „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“, von denen Rösingers Kreuzberger Kapelle, die „Lassie Singers“, in den 1990er Jahren gesungen haben; Frauen über 60 sind entspannter, haben endlich diesen ganzen Pärchen-Kram und die verzweifelte Suche nach dem Perfect Match, das es sowieso nie und nirgends gegeben hat und gibt, aufgeben; am besten kommt frau mit sich alleine zurecht, einen Mann braucht sie schon gar nicht für ihr Glück; wenn einer da ist, der okay ist — okay; aber meistens ist das Eine oder das Andere eben nicht okay.

Das Älterwerden habe einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem Jungsein, meint Rösinger: Wenn man akzeptiert, dass sich mit dem Altern der Wettbewerb mit den Jungen und Jüngeren sowieso nicht mehr gewinnen lässt, kann man es auch ganz sein lassen und die neue Freiheit genießen. Endlich — nach vielen Jahrzehnten des gegenseitigen Beobachtens, Vergleichens und Abschätzens — verlässt die kluge Frau die Arena der Schönheitswettbewerbe und genießt ihr Leben.

Das Alter macht auch milder. Sagt man. Manchmal kann aber auch das genaue Gegenteil der Fall sein. Was die Spätjungen und Mittelalten in ihrem Longevity-Wahn sich noch gar nicht vorstellen können, ist die simple Tatsache, dass Altern eben wirklich kein Spaß ist — und eben auch nichts ist, was man ewig hinausschieben kann. Ob der Mensch nun mit 60, 70, 80 oder 100 an sein biologische Haltbarkeitsdatum kommt, ist immer noch nur eine Frage der Zeit. Am Ende steht das Ende. Und wer beizeiten sein Leben genießt und einen Plan für jene Zeit macht, wo es wahrscheinlich nicht mehr so klasse sein wird, die oder der ist gut beraten.

Während früher alte Männer, auch wenn sie mürrisch und knurrig waren und bedrohlich wirkten, vor allem mit Weisheit und Lebenserfahrung konnotiert wurden, landete die alte und schlaue Frau schnell als „Hexe“ im Kochtopf. Die Hexe — das war in Kunst und Literatur die das Böse symbolisierende alte Frau: hinterhältig, verschlagen und gemein. Natürlich war und ist die Hexe auch schon immer vor allem eine Projektion des männlichen Blicks auf eine autonome weibliche Persönlichkeit gewesen, die ihr „Geheimwissen“ über Kräuter und Tinkturen zum Guten oder Bösen einzusetzen wusste — ein Metier, von dem der gewöhnliche Mann keine Ahnung hatte und das ihm deshalb suspekt vorkam.

Flott liest man durch dieses „Joy of Ageing“ genannte Buch, dessen Titel sich an den Bestseller „Joy of Sex“ aus den 1970er Jahren anlehnt, das nur den Boomern und älteren Menschen noch ein Begriff sein mag. Ob es nun „Ageing“ oder „Aging“ heißt, entscheidet, ob man eher der englischen oder der amerikanischen Variante den Vorzug gibt, in den Wissenschaften hat sich die englische Variante durchgesetzt; aber solange man es ausspricht, ist das sowieso egal. Hauptsache, man hat ein bisschen Spaß beim Lesen, denn das Altern selbst ist ja oft nicht so toll. Aber es betrifft uns alle. Wer nicht altern will, muss früh sterben: „Live fast! Die young!“, war die Devise der Rock-’n’-Roll- und Hippie-Generation, auch wenn der Spruch ursprünglich aus einem Film noir aus dem Jahr 1949 stammt (der übrigens „Knock on any door“ hieß), aber das ist schon wieder eine andere Geschichte, und ich schweife vom Thema ab: das Älter-Werden und das Alt-Sein. Beides ist nicht witzig, macht keinen Spaß, und doch kommt jede und jeder irgendwann in diese Lebensphase, die euphemistisch als „Herbst des Lebens“ verbrämt wird.

War man früher schon mit 50 alt und verstarb brav nur wenige Jahre nach dem Eintritt ins Rentenalter, so ist heute 60 das neue 40, und wir Boomer machen den Jungen vor, wie viel Spaß man haben kann, wenn man nicht mehr arbeitet, sondern die Vorzüge eines freien und unbelasteten Lebens genießt … Wenn man denn gesund bleibt. — Genau das war bei der Autorin aber leider schon um die 40 ein Problem, mit dem sie nicht gerechnet hatte. Sehstörungen (Doppelbilder) gingen nach einem durchfeierten Abend am nächsten Morgen nicht mehr weg und führten sie zum Arzt. Der weitere Verlauf der (Kranken-)Geschichte ist in diesem Buch beschrieben.

„The Joy of Ageing“ ist kein Altersratgeber, sondern ein sehr persönliches, autobiografisches Buch, das viele Einblicke in das Leben, Lieben, Lachen und auch Leiden der Autorin gewährt. Wie nicht anders zu erwarten, ist es ein über weite Strecken sehr lustiges und unterhaltsames Buch, obwohl der Inhalt eigentlich gar nicht lustig ist.

Doch genau darin steckt vielleicht die positive Kernaussage dieses Buches, die es dann doch wieder zu einem Altersratgeber macht: Bleibe bei dir selbst. Nimm auch die ernsten Dinge mit Humor. Das Leben ist zu kurz für blöde Gedanken. Und: Man ist immer nur so alt, wie man sich fühlt.

 

 

 

Autor: Christiane Rösinger
Titel: „The Joy of Ageing“
Herausgeber: Rowohlt Hardcover
Seitenzahl: 288 Seiten
ISBN-10: 349800753X
ISBN-13: 978-3498007539