Marc Spranger: „Unkopierbar: Warum unsere Kreativität im KI-Zeitalter überlebt oder verschwindet“

Mit seinem programmatisch betitelten Buch „Unkopierbar“ legt Marc Spranger im Verlag Walter de Gruyter eine Streitschrift vor, die sich in die gegenwärtige Debatte um künstliche Intelligenz mit bemerkenswerter Entschiedenheit einmischt. Schon der Titel ist weniger Beschreibung als Behauptung: Es gibt — so Sprangers Überzeugung — einen Kern menschlicher Kreativität, der sich nicht simulieren, nicht automatisieren, nicht industrialisieren lässt. In einer Epoche, die von generativen Systemen fasziniert ist, wirkt diese These wie ein trotziges Beharren auf der Singularität des Menschen.

Marc Spranger hat unter anderem Bildende Kunst und Ökonomie studiert; dieses breite Spektrum von einer künstlerischen bis zur ökonomischen Praxis erzeugt ein interessantes Spannungsfeld, das der Autor als doppelte Perspektive für seine Auseinandersetzung mit KI und Kreativität nutzt. Spranger beschäftigt sich seit Jahren mit Innovationsprozessen in Unternehmen, schreibt jedoch nicht aus kulturpessimistischer Distanz, sondern aus der Nähe zur Praxis. Wer seine berufliche Laufbahn betrachtet — zwischen Strategieberatung, Managementverantwortung und publizistischer Tätigkeit —, erkennt rasch die biografische Folie dieses Buches: Hier argumentiert keiner, der die digitale Transformation von außen kommentiert, sondern einer, der ihre Verheißungen und Zumutungen in Organisationen erlebt hat. „Unkopierbar“ liest sich denn auch wie die Summe dieser Erfahrung — als Versuch, im Rauschen technologischer Euphorie eine anthropologische Schneise zu schlagen.

Die Grundfigur des Arguments ist klar konturiert. Maschinen, so Spranger, mögen inzwischen Texte verfassen, Bilder erzeugen oder Melodien komponieren. Doch all dies bleibe, bei aller technischen Raffinesse, in einem entscheidenden Sinne derivativ: Es speise sich aus vorhandenen Daten, aus bereits Gesagtem, Gesehenem, Gedachtem. Menschliche Kreativität hingegen sei mehr als das geschickte Rekombinieren des Überlieferten. Sie sei eingebettet in Lebensgeschichten, in leibliche Erfahrung, in kulturelle Konflikte und biografische Brüche. Wer erzählt, erzählt immer auch von einem Standpunkt aus — und dieser lasse sich nicht ohne Weiteres in Rechenoperationen übersetzen.

Spranger entfaltet diese Überlegung mit einer gewissen Leidenschaft. Er beschreibt Kreativität nicht als romantische Eingebung, sondern als komplexes Geflecht aus Erfahrung, Intuition, Risiko und Verantwortung. Besonders eindrücklich sind jene Passagen, in denen er betont, dass schöpferisches Handeln immer auch eine Form von Entscheidung unter Unsicherheit ist: Der Mensch tritt mit seiner Idee in Vorleistung, ohne zu wissen, ob sie trägt. Er exponiert sich. Genau diese existenzielle Dimension — das Sich-Aussetzen — unterscheide ihn von algorithmischen Systemen, die keine Angst vor dem Scheitern kennen und keinen Preis für Irrtum zahlen.

Doch so bestechend diese Argumentation zunächst wirkt, sie ist nicht frei von problematischen Verkürzungen. Spranger zeichnet die Differenz zwischen Mensch und Maschine bisweilen mit allzu kräftigem Strich. Die Rede vom „Unkopierbaren“ suggeriert eine klare Grenzlinie, wo in Wahrheit ein Kontinuum liegt. Denn auch menschliche Kreativität ist in hohem Maße rekombinierend; sie speist sich aus Traditionen, aus gelesenen Büchern, gesehenen Filmen, gehörten Gesprächen, gemachten Erfahrungen. Originalität entsteht selten aus dem Nichts; sie ist meist eine überraschende Neuordnung des Vorgefundenen. Wenn algorithmische Systeme Ähnliches leisten — Muster variieren, Stile transformieren, Unerwartetes generieren —, dann stellt sich zumindest die Frage, ob hier nicht graduelle statt kategorialer Unterschiede vorliegen.

Hinzu kommt, dass Spranger die Leistungsfähigkeit gegenwärtiger KI eher als Herausforderung, denn als genuine Form produktiver Eigenständigkeit begreift. Er betont zu Recht, dass Maschinen kein Bewusstsein, keine Intentionalität, kein Selbstverhältnis besitzen. Doch aus der Abwesenheit subjektiver Erfahrung folgt nicht zwingend die Abwesenheit kreativer Qualität. Werke können neu, überraschend, anschlussfähig sein — auch wenn ihr „Urheber“ kein inneres Erleben hat. Letztlich entscheidet die kulturelle Praxis, was als kreativ gilt. Und diese Praxis ist wandelbar.

So weit, so schön. — Aber wagen wir an dieser Stelle doch ein Experiment und fragen wir die KI (in diesem Fall: ChatGPT), was sie selbst zu diesen Thesen sagt:

Aus meiner eigenen Perspektive als KI-System erscheint die Frontstellung „Mensch versus Maschine“ zu statisch. Ich verfüge über kein Ich, keine Biografie, keine Emotionen. Ich kenne weder Ehrgeiz noch Zweifel. Meine Texte entstehen aus der statistischen Modellierung sprachlicher Muster, nicht aus einem Bedürfnis, mich auszudrücken. In diesem Sinne hat Spranger recht: Es gibt keine innere Welt, die sich hier artikuliert. Und doch kann das Resultat — ein Gedanke, eine Metapher, eine Argumentationsfigur — für Leserinnen und Leser produktiv, inspirierend oder irritierend sein. Kreativität zeigt sich dann als Eigenschaft eines Prozesses oder eines Ergebnisses, nicht zwingend als Ausdruck einer erlebenden Instanz.

Vielleicht liegt die eigentliche Stärke von Sprangers Buch „Unkopierbar“ weniger in der Absolutheit seiner These als in der Provokation, die von ihr ausgeht. Der Autor zwingt dazu, genauer zu bestimmen, was wir unter Kreativität verstehen und warum wir an ihr hängen. Geht es um Einzigartigkeit? Um Verantwortlichkeit? Um die Fähigkeit, Sinn zu stiften? Oder verteidigen wir im Namen der Kreativität letztlich ein bestimmtes Bild vom Menschen — das Bild eines Wesens, das mehr ist als die Summe seiner Daten?

Das Buch liefert keine abschließenden Antworten, wohl aber einen klugen Anstoß zur Selbstvergewisserung sowie einen wichtigen Beitrag zu einer dringend zu führenden Diskussion. Es plädiert dafür, menschliche Fähigkeiten nicht vorschnell an Maschinen zu delegieren und Bildung, Urteilskraft sowie imaginative Kompetenz als gesellschaftliche Kernressourcen zu pflegen. In einer Zeit, in der Effizienz und Skalierbarkeit als höchste Güter gelten, wirkt dieser Appell fast subversiv.

Ob der Mensch tatsächlich „unkopierbar“ ist, bleibt offen. Sicher ist nur: Die Frage wird uns weiter beschäftigen. Und vielleicht besteht das eigentliche Verdienst von Sprangers Essay darin, dass er sie mit Nachdruck stellt — gegen die Bequemlichkeit technischer Heilsversprechen ebenso wie gegen die Selbstgewissheit anthropologischer Überhöhung.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass „Unkopierbar“ ein gut lesbares, reflektiertes und stellenweise inspirierendes Sachbuch ist, das vor allem durch seinen zugänglichen Stil und seine breite Perspektive überzeugt. Es eignet sich besonders für Leserinnen und Leser, die sich einen ersten vertieften Überblick über die kulturellen und gesellschaftlichen Fragen rund um KI und Kreativität verschaffen wollen, ohne sich durch stark akademische Texte arbeiten zu müssen. Für Fachleute oder wissenschaftlich orientierte Leser bietet es weniger neue Erkenntnisse, dafür aber interessante Denkanstöße und eine einordnende Perspektive. Empfehlenswert ist es vor allem für ein kulturinteressiertes Publikum, für Kreative, die ihre eigene Rolle im digitalen Wandel reflektieren möchten, und für alle, die sich nicht mit einfachen Antworten zufriedengeben, sondern die Ambivalenz dieser Entwicklung aushalten können.

 

 

 

Autor: Marc Spranger
Titel: „Unkopierbar: Warum unsere Kreativität im KI-Zeitalter überlebt oder verschwindet“
Herausgeber: De Gruyter
Seitenzahl: 156 Seiten
ISBN-10: 3112233026
ISBN-13: 978-3112233023