Jo Failer: „Ich denk nicht dran — Ein Vermächtnis zu Lebzeiten“

Manche Bücher kann man nicht einfach nur lesen, sondern man muss sie betreten — wie ein Raum, dessen Wände sich langsam verschieben, während man noch versucht, die Tür hinter sich zu schließen. Jo Failers „Ich denk nicht dran — Ein Vermächtnis zu Lebzeiten“ gehört zu diesen seltenen, verstörend stillen und zugleich eigentümlich hellen Texten, die sich einer eindeutigen Gattung entziehen. Erinnerungs-Schnipsel, Krankheitsbericht, Selbstvergewisserung, literarische Intervention — all das trifft zu und zugleich nicht. Denn was Jo Failer hier unternimmt, ist weniger die Niederschrift einer Diagnose als vielmehr der Versuch, dem Verschwinden eine Form zu geben, die nicht Defizit, sondern Gegenwart bedeutet.

Die biografischen Koordinaten sind schnell skizziert und doch von erheblicher Fallhöhe: Jo Failer, ein Mann in der Mitte des Lebens, beruflich etabliert, sozial eingebunden, geistig wach — und dann die Diagnose: Demenz mit 51. Ein Einschnitt, der in der kulturellen Vorstellung noch immer als das radikale Ende von Autonomie, Identität und Sprache gilt. Während viele Erzählungen über Demenz retrospektiv von Angehörigen geschrieben werden oder den fortschreitenden Verlust dokumentieren, entscheidet sich der Autor für einen anderen Weg: Er schreibt aus dem Inneren des Prozesses, nicht als Chronist des Verfalls, sondern als Zeuge einer Gegenwart, die sich selbst entgleitet.

Das ist die erste und vielleicht wichtigste Verschiebung, die dieses Buch so bemerkenswert macht. Jo Failer verweigert sich dem vertrauten Narrativ der Tragödie. Er lehnt die klassische Dramaturgie des „Noch“ und „Nicht-mehr“ ab, die so viele Krankheitsgeschichten prägt. Stattdessen entwickelt er eine Perspektive, die man als radikal gegenwärtig bezeichnen könnte. Sein Schreiben ist kein Festhalten, sondern ein Mitgehen. Kein Versuch, die eigene Identität zu konservieren, sondern ein tastendes Erkunden dessen, was bleibt, wenn Gewissheiten sich auflösen.

Dabei liegt die eigentliche Kühnheit des Buches nicht allein im Thema, sondern in der Form. Der Autor schreibt nicht linear, nicht kohärent im klassischen Sinn, sondern in Fragmenten, Schleifen, Wiederholungen. Gedanken setzen an, brechen ab, kehren in veränderter Gestalt zurück. Was zunächst wie eine stilistische Eigenwilligkeit erscheinen mag, erweist sich bald als präzise gewählte Entsprechung seines Gegenstandes. Die Form ist nicht Mittel, sondern Ausdruck. Sie bildet nicht nur ab, sie vollzieht nach.

Und doch ist dieses Schreiben keineswegs hilflos oder diffus. Im Gegenteil: Es besitzt eine eigentümliche Klarheit, eine fast irritierende Präzision im Ungefähren. Failer gelingt es, das Unscharfe wieder scharf zu machen, ohne es zu verraten. Seine Sätze wirken oft wie tastende Bewegungen, die sich selbst beobachten. Sie sind vorsichtig, aber nicht zaghaft; fragil, aber nicht schwach. Man spürt in ihnen ein Bewusstsein, das sich seiner eigenen Brüchigkeit bewusst ist — und gerade daraus eine neue Form von Genauigkeit gewinnt.

Was dieses Buch von vielen anderen Texten zum Thema Demenz unterscheidet, ist genau diese Verweigerung einer Perspektive des Defizitären. Failer schreibt nicht über das, was verschwindet, sondern über das, was sich verändert. Er interessiert sich weniger für den Verlust als für die Verschiebung. Das Gedächtnis wird bei ihm nicht als Speicher begriffen, der langsam leerläuft, sondern als dynamisches Gefüge, das sich neu organisiert. Erinnerungen sind keine festen Größen, sondern bewegliche Konstellationen, die sich entziehen und zugleich neue Bedeutungen erzeugen.

In dieser Hinsicht lässt sich sein Ansatz fast als poetologisch verstehen. Failer nutzt die eigene Erkrankung, um grundlegende Fragen nach Identität, Sprache und Zeit neu zu stellen. Was bleibt vom Ich, wenn die Kontinuität des Erinnerns brüchig wird? Was bedeutet Erzählen, wenn die narrative Ordnung zerfällt? Und ist das, was wir als „Verlust“ begreifen, nicht vielleicht auch eine andere Form von Freiheit – eine Befreiung von der Tyrannei der linearen Biografie?

Solche Fragen werden bei Failer nicht theoretisch verhandelt, sondern in der Bewegung des Schreibens selbst erprobt. Seine Texte sind Denkbewegungen, keine fertigen Antworten. Sie oszillieren zwischen Selbstbeobachtung und Reflexion, zwischen persönlicher Erfahrung und allgemeiner Erkenntnis. Dabei entsteht ein Ton, der sich jeder eindeutigen Einordnung entzieht: zugleich nüchtern und poetisch, analytisch und empfindsam, distanziert und zutiefst berührend.

Die Intention des Autors, über seine eigene Erkrankung zu schreiben, wird in diesem Zusammenhang vielschichtig. Natürlich ist da das Bedürfnis, sich mitzuteilen, Zeugnis abzulegen, vielleicht auch Kontrolle zu bewahren über das eigene Narrativ. Doch darüber hinaus scheint es Failer um etwas Grundsätzlicheres zu gehen: um die Sichtbarmachung einer Erfahrung, die gesellschaftlich noch immer von Angst, Verdrängung und Stereotypen geprägt ist. Demenz erscheint in der öffentlichen Wahrnehmung häufig als ein Zustand des reinen Mangels, als ein Leben jenseits von Subjektivität.

Failer widerspricht dieser Sichtweise nicht lautstark, sondern leise, beharrlich, fast unmerklich. Indem er schreibt, zeigt er, dass Denken auch dort noch möglich ist, wo es als verloren gilt. Dass Reflexion nicht an das perfekte Funktionieren des Gedächtnisses gebunden ist. Und dass Identität nicht allein aus der Summe erinnerter Fakten besteht, sondern auch aus der Art und Weise, wie wir uns im Moment der Unsicherheit zu uns selbst verhalten.

Jo Failers beruflicher Hintergrund liegt im Journalismus, genauer im Sportjournalismus, und auch das ist für die Tonlage und Perspektive seines Buches keineswegs unerheblich. Über Jahre hinweg arbeitete er als Beobachter und Erzähler sportlicher Ereignisse, als jemand, der aus der Dynamik des Augenblicks heraus Bedeutung generiert und komplexe Abläufe in klare, nachvollziehbare Geschichten übersetzt. Auch seine Tätigkeit als Moderator verweist auf eine Praxis der Präsenz: das Sprechen im Moment, die Reaktion auf Unvorhergesehenes, das strukturierende Ordnen von Gesprächssituationen. Diese professionelle Prägung ist in seinem Schreiben deutlich spürbar. Failers Sprache bleibt auch im Angesicht der eigenen Erkrankung bemerkenswert kontrolliert, präzise und zugleich zugänglich; sie verzichtet auf unnötige Verschleierung und sucht stattdessen die unmittelbare Ansprache. Vielleicht erklärt sich aus dieser journalistischen Herkunft auch sein Gespür für Perspektivwechsel: die Fähigkeit, nicht nur über etwas zu berichten, sondern die eigene Position immer wieder neu zu befragen. So entsteht ein Text, der — bei aller existenziellen Schwere — nie ins Lamento kippt, sondern offen bleibt für den Leser, für Dialog, für das, was sich im Erzählen erst formt.

Warum erscheint ein solches Buch gerade jetzt? Die Antwort liegt wohl in einer Konstellation aus gesellschaftlichen, medizinischen und kulturellen Entwicklungen. Die steigende Lebenserwartung und die damit verbundene Zunahme neurodegenerativer Erkrankungen haben das Thema Demenz stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Gleichzeitig wächst das Bedürfnis nach differenzierten, individuellen Erzählungen, die über medizinische Diagnosen hinausgehen.

Doch Jo Failers Buch trifft noch einen anderen Nerv der Gegenwart: die zunehmende Fragilität von Identität in einer Welt, die sich permanent verändert. In Zeiten, in denen Biografien brüchiger werden, Gewissheiten schwinden und die Erfahrung von Kontrollverlust allgegenwärtig ist, gewinnt ein Text, der sich genau mit diesen Phänomenen auseinandersetzt, eine besondere Resonanz. Die Demenz wird hier nicht nur als individuelle Erkrankung sichtbar, sondern auch als Metapher für eine allgemeine Verunsicherung.

Dabei wäre es zu einfach, das Buch auf eine solche metaphorische Ebene zu reduzieren. Seine Stärke liegt gerade darin, dass es das Konkrete nicht verlässt. Failer bleibt bei sich, bei seinem Erleben, bei den kleinen Verschiebungen des Alltags. Er beschreibt Momente des Vergessens, der Irritation, der Verlangsamung — aber immer aus einer Perspektive, die nicht urteilt, sondern beobachtet. Diese Haltung verleiht dem Text eine große Würde. Er ist frei von Sentimentalität, frei von Pathos, und gerade deshalb so eindringlich.

Auch stilistisch zeigt sich hier eine bemerkenswerte Konsequenz. Der Autor verzichtet weitgehend auf rhetorische Effekte, auf große Gesten, auf literarische Selbstinszenierung. Sein Schreiben ist reduziert, konzentriert, manchmal fast spröde. Und doch liegt in dieser Zurückhaltung eine eigene Form von Schönheit. Die Sätze wirken wie sorgfältig gesetzte Markierungen in einem Gelände, das sich ständig verändert. Sie geben Halt, ohne festzulegen.

Auf diese Weise entwickelt der Autor eine Poetik der Unsicherheit. Eine Schreibweise, die das Ungewisse nicht glättet, sondern sichtbar macht. In einer literarischen Landschaft, die oft von der Sehnsucht nach Klarheit und Eindeutigkeit geprägt ist, ist das ein bemerkenswerter Gegenentwurf. Sein Text verlangt vom Leser Geduld, Aufmerksamkeit, die Bereitschaft, sich auf Unschärfen einzulassen. Doch gerade darin liegt seine Wirkung.

Die Lektüre wird so zu einer Erfahrung, die über das Thema hinausweist. Man liest nicht nur über Demenz, sondern man erfährt etwas über die Bedingungen des Denkens selbst. Über die Fragilität von Erinnerung, die Konstruktion von Identität, die Rolle von Sprache. In diesem Sinne ist dieses Buch nicht nur ein persönliches Dokument, sondern auch ein Beitrag zu einer größeren Debatte: darüber, was es bedeutet, ein Subjekt zu sein in einer Welt, die keine festen Koordinaten mehr kennt.

Am Ende bleibt ein Text, der sich jeder abschließenden Bewertung entzieht. „Ich denk nicht dran“ ist kein Buch, das man „gefällt“ oder „nicht gefällt“. Es ist ein Buch, das einen verändert — leise, unaufdringlich, aber nachhaltig. Es fordert heraus, irritiert, berührt. Und es stellt Fragen, die weit über den Einzelfall hinausgehen.

Für wen ist eine solche Lektüre besonders interessant? Sicherlich für Menschen, die sich beruflich oder persönlich mit dem Thema Demenz auseinandersetzen — allerdings weniger im Sinne eines Ratgebers als vielmehr als Einladung zu einem Perspektivwechsel. Ebenso für Leserinnen und Leser, die sich für literarische Formen jenseits des Konventionellen interessieren, für essayistische Texte, die Denken und Schreiben miteinander verschränken.

Darüber hinaus dürfte das Buch all jene ansprechen, die sich für grundlegende Fragen von Identität, Erinnerung und Selbstwahrnehmung interessieren. Es ist ein Text für Leser, die bereit sind, sich auf Unsicherheit einzulassen, die keine einfachen Antworten erwarten, sondern komplexe Erfahrungen suchen. Und nicht zuletzt ist es ein Buch für eine Gegenwart, die selbst immer brüchiger wird — und gerade deshalb nach neuen Formen des Erzählens verlangt.

 

 

 

 

Autor: Jo Failer
Titel: „Ich denk nicht dran — Ein Vermächtnis zu Lebzeiten“
Herausgeber: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
Seitenzahl: 192 Seiten
ISBN-10: 3423264675
ISBN-13: 978-3423264679