Der Mensch unserer Zeit ist auf der Suche nach Orientierung. Zu komplex sind die Weltzusammenhänge, und zu fragmentiert erscheint die Wirklichkeit. Wie kann man da noch seinen Platz finden?! Der metaphysische Halt ist weg, und die „transzendentale Obdachlosigkeit“ des Menschen wird bereits seit hundert Jahren bejammert. Künstliche Intelligenz ist Göttergeschenk und Teufelswerk zugleich, Kriege brechen aus überall um uns herum und hören nie mehr auf, die wirtschaftliche Lage ist fragil, die Zukunft wartet geifernd auf uns und dämmert uns tiefschwarz vom Horizont entgegen … Ach, herrjemine, was soll bloß aus uns werden? Oh! und ach! Was wird nur werden …?! Wie geht es weiter? Wo muss ich hin? Wer bin ich — und wenn ja, wo ist mein Platz in dieser zersplitterten Welt? Wer ist Freund? Wer ist Feind? Was esse ich morgen zu Mittag? Warum liebt mich Fräulein Schmidt nicht mehr — und was hat dieses Buch auf meinem Tisch zu suchen?!
Der Mensch unserer Zeit sehnt sich nach Klarheit und Sicherheit, nach Anleitung zu einem besseren Leben. Und wo ließe sich das besser finden als in der Literatur?! — Was sagt uns dieses Buch über unsere Kultur? — Vielleicht mehr, als uns lieb sein kann.
Stefan Bollmann ist ein schlauer Kopf, hat über Thomas Mann promoviert, viele erfolgreiche Sachbücher verfasst und betreibt mit freilesen.com einen wirklich interessanten Literaturblog. Mit anderen Worten: Der Mann, weiß, was er tut, und die Idee, Erich Kästners „Lyrische Hausapotheke“ auf seine Lektüre-Empfehlungen für jede Lebenslage und gegen jedes mentale Zipperlein zu übertragen, scheint naheliegend. Natürlich ist er nicht der Erste — und sicherlich auch nicht der Letzte, der das Lesen von literarischen Texten (kurz oder lang) als schnellwirkendes Elixier gegen die Langeweile, gegen Unlust, enttäuschte Liebe oder Zahnschmerzen empfiehlt.
Als Herausgeber, Essayist und unermüdlicher Flaneur durch die Bibliotheken der europäischen Moderne hat sich Stefan Bollmann seit Jahren einen Namen gemacht. Seine Bücher über weibliche Lektüreleidenschaft — man erinnert sich an jene Studie über Leserinnen, die mit Virginia Woolf im Ohr durch das 20. Jahrhundert schritten — ebenso wie seine kulturhistorischen Streifzüge durch die Welt der Klassiker verraten einen Autor, der weniger Literaturkritiker als literarischer Kurator ist. Bollmann ordnet, arrangiert, empfiehlt; er ist ein Arrangeur von Stimmen, ein Bibliothekar mit feuilletonistischer Feder. Auch in seinem jüngsten Band „Die literarische Hausapotheke — Lektüren für jede Lebenslage“ bleibt er dieser Rolle treu. Das Buch versammelt Leseempfehlungen für nahezu alle denkbaren Zustände des bürgerlichen Daseins: Liebeskummer und Heimweh, Trauerfälle und Aufbruchssehnsucht, Krankheit, Langeweile, Eifersucht, Glück. Literatur erscheint hier als Arznei, als Trostmittel, als Stimulans, als mildes Sedativum oder als belebender Weckruf.
Wie gesagt, der Gedanke ist nicht neu. Seit der Antike gilt das Lesen als Seelenpflege, seit der Romantik als Selbstvergewisserung, im 20. Jahrhundert dann als Therapieform im engeren Sinn. Bollmann knüpft an diese Tradition an, ohne sie ausdrücklich theoretisch zu reflektieren. Er schreibt kenntnisreich, mit leichter Hand, mit dem Pathos des Liebhabers und der Sorgfalt des Sammlers. Kurze Einführungen rahmen die empfohlenen Texte; sie liefern biographische Hinweise, deuten Motive an, öffnen Interpretationsräume, ohne sie zu schließen. Der Ton ist freundlich, zugewandt, zuweilen diskret pädagogisch. Wer dieses Buch zur Hand nimmt, soll sich aufgehoben fühlen — wie in einer gut sortierten Hausapotheke, in der für jedes Symptom ein Fläschchen bereitsteht.
Doch gerade diese Metapher, die dem Band seinen Titel gibt, ist aufschlussreich. Eine Hausapotheke besitzt, wer über einen festen Wohnsitz verfügt, über Regale, Schubladen, Ordnungssysteme; sie ist Teil eines stabilen, abgesicherten Lebens. Sie impliziert Vorsorge, Planung, die Annahme, dass Unpässlichkeiten kalkulierbar sind. Literatur wird hier in ein Modell von Gesundheit und Krankheit eingespannt, das den Leser als Patienten adressiert, als jemanden, dessen Seelenhaushalt reguliert, justiert, beruhigt werden muss. Die Lektüreempfehlung fungiert als Rezept. Der Autor tritt als Arzt auf, der Diagnosen stellt — Liebeskummer, Midlife-Crisis, Erschöpfung — und passende Mittel verschreibt.
In dieser Konstellation offenbart sich eine gesellschaftliche Struktur, die man durchaus auch als Symptom einer spätbürgerlichen Kultur lesen könnte. Gehen wir also in unsere Bibliothek und werfen mal einen Blick ins Bücherregal: Walter Benjamin hat in seinen Passagen-Studien die Warenwelt des 19. Jahrhunderts als Traumhaus der Moderne beschrieben, als ein Interieur, in dem sich das Bürgertum einrichtet, während andernorts die Straßenkämpfe um die gesellschaftlichen Produktionsmittel toben. Die literarische Hausapotheke ist ein solches Stück Interieur. Sie verwandelt Literatur in eine konsumierbare, portionierbare Ware, die nach Bedarf eingesetzt wird. Der Text wird zum Mittel, nicht mehr zum Ereignis; er dient der Stabilisierung eines Subjekts, das im Alltag erschüttert wird und sich durch kulturelle Konsumgüter wieder ins Gleichgewicht bringen möchte. Der Text als Konsumgut dient demnach auch immer der Stabilisierung der Machtverhältnisse, der Sicherung der Herrschaft der Wenigen und der Ohnmacht der Massen.
Bollmanns Bücher verkaufen sich bestens; er trifft ganz offenbar mit seinen Themen und seinem leicht konsumierbaren und immer unterhaltsamen Schreibstil den Nerv und/oder den Geschmack des Publikums. Dass ein solches Buch (mit Lektüreempfehlungen) zum Bestseller werden kann, verweist auf eine Gesellschaft, die ihre Krisen individualisiert. Statt strukturelle Ursachen von Erschöpfung, Einsamkeit oder Sinnverlust zu benennen — Arbeitsverdichtung, Vereinzelung, Prekarisierung, digitale Dauerpräsenz —, werden diese Zustände als private Befindlichkeiten behandelt, die mit der richtigen Lektüre zu kurieren seien. Literatur wird so zum Reparaturbetrieb für ein beschädigtes Innenleben. Der Leser kauft nicht nur ein Buch, er kauft die Hoffnung auf Selbstoptimierung durch Kultur.
Damit diese kleine Buchbesprechung nicht zu einem sozialpädagogischen oder pseudomarxistischen Kampftext entartet, sei an dieser Stelle der Stöpsel gezogen und das Wasser abgelassen. — Denn dieses Buch macht auch Spaß: Man blättert darin hin und her, findet Altbekanntes und wenig Neues, kann seine Zeit mit ihm aber sicherlich deutlich besser verbringen als mit digitalem Doom-Scrollen. — Doch mal ehrlich, es stellt sich noch die vielleicht wichtigste Frage:
Wer erwirbt eine literarische Hausapotheke? Vermutlich jene gebildete Mittelschicht, die über kulturelles Kapital verfügt und zugleich unter dem Druck steht, dieses Kapital permanent zu aktualisieren. Menschen, die Bücherregale besitzen, aber nicht immer wissen, welches Buch sie im entscheidenden Moment aus dem Regal ziehen sollen. Das Empfehlungsbuch entlastet. Es reduziert die Überfülle des Angebots auf handhabbare Dosierungen. In einer Zeit, in der der Buchmarkt jährlich Tausende Neuerscheinungen produziert und Algorithmen unsere Aufmerksamkeit steuern, erscheint die kuratierende Instanz des Feuilletonisten als vertrauenswürdige Alternative. Man delegiert die Entscheidung an den Experten, der verspricht, aus dem Chaos der Möglichkeiten eine sinnvolle Auswahl zu treffen.
Hier berührt Bollmanns Projekt die Logik des Marktes selbst. Das Buch über Bücher ist ein Metaprodukt, eine Ware zweiter Ordnung. Es profitiert von der Unsicherheit der Konsumenten, die angesichts der Fülle ratlos werden. Die literarische Hausapotheke verspricht Orientierung und verwandelt diese Orientierung in einen verkäuflichen Gegenstand. Man könnte sagen: Sie ist ein Navigationsgerät im Meer der Texte — und wie jedes Navigationsgerät lebt sie davon, dass sich ihre Nutzer ohne sie verloren fühlen.
Walter Benjamin hat einmal vom „Verlust der Erfahrung“ gesprochen, der die Moderne kennzeichne. Erfahrung, so seine Diagnose, werde durch Information ersetzt, durch rasch konsumierbare, austauschbare Inhalte. In Bollmanns Buch wird Literatur in kleine appetitliche Informationshäppchen zerlegt, die sich einer Lebenslage zuordnen lassen. Der Roman, das Gedicht, das Märchen erscheinen nicht mehr als komplexe Gebilde mit widerständiger Form, sondern als funktionale Antworten auf klar definierte Fragen. Was lese ich bei Liebeskummer? Was bei Trauer? Was bei beruflicher Krise? Die Texte werden aus ihrem historischen und sozialen Kontext gelöst und in eine gegenwärtige Bedürfnisökonomie eingespeist.
Das heißt nicht, dass Bollmann seine Autoren banalisiert. Im Gegenteil, er begegnet ihnen mit Respekt. Aber die Struktur des Buches zwingt auch die größten Werke in ein Raster der Anwendbarkeit. Literatur wird zu etwas, das „hilft“. Hilfe aber ist ein Begriff, der asymmetrisch organisiert ist: Einer weiß, was dem anderen guttut. Der Leser tritt in die Rolle des Hilfesuchenden ein. Damit reproduziert das Buch eine Hierarchie, die zugleich paternalistisch und marktförmig ist.
Bemerkenswert und für unsere Zeit charakteristisch ist auch die therapeutische Semantik, die unsere Gegenwart durchzieht. Vom Coaching bis zur Achtsamkeit, vom Ratgeberregal bis zum Podcast: Überall wird das Subjekt dazu angehalten, an sich zu arbeiten, seine Gefühle zu regulieren, seine Resilienz zu stärken. Die literarische Hausapotheke fügt sich nahtlos in dieses Ensemble ein. Sie verspricht keine radikale Erschütterung, keine ästhetische Zumutung, sondern eine dosierte, verträgliche Erfahrung. Das Wilde, Verstörende, gesellschaftlich Sprengende der Literatur wird domestiziert.
Und doch liegt gerade in dieser Domestizierung eine paradoxe Sehnsucht. Wer zu einem solchen Buch greift, gesteht sich ein, dass er der Literatur eine Kraft zutraut, die über bloße Unterhaltung hinausgeht. In einer Zeit, in der Serien, Streamingdienste und soziale Medien um Aufmerksamkeit konkurrieren, setzt der Käufer einer literarischen Hausapotheke auf die Langsamkeit des Lesens. Er glaubt noch an die Möglichkeit, dass ein Gedicht oder ein Roman etwas in ihm verändern kann. Diese Hoffnung ist nicht zu verachten. Sie ist vielleicht das utopische Moment in einem ansonsten marktgängigen Produkt. Analoges Lesen in einer digital verkorksten Welt: das ist ein Statement, das man nicht unterschätzen sollte!
Die Frage bleibt jedoch, wer sich tatsächlich an die Empfehlungen hält?! Liest man die vorgeschlagenen Texte wirklich? Oder begnügt man sich mit der beruhigenden Gewissheit, im Bedarfsfall gewappnet zu sein? Jeder kennt das Phänomen: Die (medizinische) Hausapotheke steht oft unangetastet im Schrank, ein Symbol der Vorsorge. Ebenso könnte das Buch selbst zu einem Emblem des guten Willens werden: Man besitzt es, man blättert darin, man fühlt sich kulturell gerüstet. Ob die Lektüre dann tatsächlich stattfindet, ist eine andere Frage — nicht zuletzt auch eine Frage der Zeit.
So betrachtet ist Bollmanns Buch weniger ein Kompendium von Literatur als ein Dokument unserer mentalen Verfassung. Es erzählt von einer Gesellschaft, die ihre seelischen Krisen individualisiert und ihre kulturellen Ressourcen funktionalisiert. Es erzählt von einem Bürgertum, das an die heilende Kraft der Kunst glauben möchte, ohne die gesellschaftlichen Bedingungen zu ändern, die es krank machen. Und es erzählt von einem Markt, der selbst aus dieser Sehnsucht nach Heilung Kapital zu schlagen weiß.
Aus diesem Blickwinkel erscheint die literarische Hausapotheke als schönes, klug gemachtes, durchaus sympathisches Produkt — und zugleich als Symptom. Sie lindert, wo vielleicht eine politische Diagnose nötig wäre. Sie empfiehlt Bücher, wo man über Arbeitszeiten, Wohnverhältnisse, digitale Abhängigkeiten sprechen müsste. — Doch wenn wir ehrlich sind, ist unsere Gegenwart schon kompliziert genug, und die meisten von uns wären froh, wenn es in den täglichen Nachrichten etwas weniger um Politik und deren Probleme ginge. Aber vielleicht liegt in dieser Verschiebung auch eine leise Anklage: Wenn Literatur zur Medizin wird, dann deshalb, weil das Leben außerhalb der Bücher derart beschaffen ist, dass man Heilmittel braucht. In diesem Sinne ist Stefan Bollmanns neues Buch nicht nur ein Ratgeber, sondern ein Spiegel.
Autor: Stefan Bollmann
Titel: „Die literarische Hausapotheke — Lektüren für jede Lebenslage“
Herausgeber: Klett-Cotta
Seitenzahl: 304 Seiten
ISBN-10: 3608966919
ISBN-13: 978-3608966916