Judith Hermann: „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“

Es gehört zu den eigentümlichen Bewegungen der Literatur, dass sie immer wieder dorthin zurückkehrt, wo das Erinnern unsicher wird. Gerade dort, wo Archive schweigen und Familiengeschichten brüchig sind, beginnt das Erzählen. Das neue Buch von Judith Hermann trägt einen Titel, der diese Bewegung bereits programmatisch formuliert: „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“. Doch dieser Wunsch ist weniger ein nostalgischer als ein erkenntnistheoretischer. Die Erzählerin dieses schmalen, schwer einzuordnenden Textes versucht nicht, eine verlorene Vergangenheit wiederzubeleben. Sie versucht vielmehr zu verstehen, was es bedeutet, in einer Gegenwart zu leben, deren Fundament auf einem kaum aufgeklärten Teil der eigenen Familiengeschichte ruht.

Im Zentrum dieser Geschichte steht der Großvater. Über ihn weiß die Erzählerin nur wenig. Es existieren wenige Dokumente, einzelne Fotografien, verstreute Erinnerungen. Bekannt ist lediglich, dass er während des Zweiten Weltkriegs der SS angehörte und zeitweise im polnischen Radom stationiert war. Diese Information wirkt zunächst wie ein dunkler Punkt in einer genealogischen Skizze. Doch sobald man den historischen Kontext hinzunimmt, verändert sich ihre Bedeutung radikal.

Radom gehörte während der deutschen Besatzung zum sogenannten Generalgouvernement und war ein Ort nationalsozialistischer Gewaltpolitik. Dort existierte ein großes Ghetto, dessen jüdische Bevölkerung im Verlauf des Krieges systematisch deportiert und ermordet wurde. Die Präsenz eines SS-Angehörigen in dieser Stadt ist daher keine bloße biografische Randnotiz. Sie verweist auf ein historisches Umfeld, in dem die administrative und militärische Organisation der Vernichtung stattfand.

Dass die Erzählerin über die konkrete Rolle ihres Großvaters so wenig weiß, ist dabei kein Zufall. Es gehört zu den Strukturmerkmalen vieler deutscher Familiengeschichten, dass die Generation der Täter oder Mitläufer nach 1945 häufig in ein Schweigen eintrat, das sich über Jahrzehnte hinweg verfestigte. Die Enkelgeneration steht deshalb vor einer paradoxen Situation: Sie lebt mit den Spuren einer Vergangenheit, über die in der eigenen Familie kaum gesprochen wurde.

Der literarische Impuls dieses Buches entsteht genau aus dieser Situation heraus. Der Text ist kein historischer Bericht und auch kein klassischer Roman. Er bewegt sich vielmehr in einem Zwischenraum aus autobiografischer Reflexion, essayistischem Nachdenken und erzählerischen Miniaturen. Die Erzählerin reist nach Polen, durchblättert alte Dokumente, erinnert sich an Gespräche mit der Mutter. Doch jede dieser Bewegungen führt weniger zu klaren Erkenntnissen als zu neuen Fragen.

Hier zeigt sich eine der zentralen Eigenschaften des Schreibens von Judith Hermann. Seit ihrem Debütband „Sommerhaus, später“ hat sie eine Prosa entwickelt, die von Auslassungen lebt. Ihre Texte erzählen nicht alles, sie umkreisen ihre Gegenstände. Bedeutungen entstehen weniger durch Erklärung als durch Wiederholung, durch kleine Verschiebungen im Tonfall, durch das vorsichtige Abtasten einer Erinnerung.

Diese Poetik der Zurückhaltung prägt auch „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“. Die Sätze sind oft kurz, manchmal fragmentarisch. Gedanken beginnen, verzweigen sich, kehren zu einem früheren Punkt zurück. Man spürt in diesem Schreiben eine permanente Selbstbeobachtung: Die Erzählerin prüft ihre eigenen Formulierungen, zweifelt an ihnen, korrigiert sich.

Dieser Stil hat eine doppelte Wirkung. Einerseits erzeugt er eine große Nähe zur Erfahrung des Erinnerns selbst. Wer versucht, eine entfernte Vergangenheit zu rekonstruieren, denkt selten in geradlinigen Narrativen. Erinnerungen tauchen auf, verschwinden wieder, werden von neuen Assoziationen überlagert. Die Prosa Hermanns bildet diese Bewegung mit großer Präzision nach.

Andererseits entsteht dadurch eine eigentümliche Spannung zwischen literarischer Form und historischem Gegenstand. Die Geschichte der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik ist historisch intensiv erforscht und dokumentiert. Die persönliche Perspektive der Erzählerin hingegen bleibt von Unsicherheit geprägt. Sie kann nicht feststellen, welche Rolle ihr Großvater konkret gespielt hat. War er ein unbedeutender Soldat, ein Mitläufer, ein Täter? Der Text gibt darauf keine Antwort.

Gerade diese Leerstelle wird zum Motor der Erzählung. Der Versuch, sie zu füllen, führt die Erzählerin immer wieder zurück zu ihrer eigenen Biografie. Erinnerungen an die Kindheit, an Gespräche mit der Mutter, an Momente des Schweigens in der Familie tauchen auf. Die Familiengeschichte erscheint dabei weniger als lineare Erzählung, denn als ein Geflecht aus Andeutungen und Verdrängungen.

Die autobiografische Dimension des Buches ist unübersehbar. Dennoch bleibt der Text literarisch konstruiert. Die Erzählerin trägt zwar den Namen der Autorin, doch die Darstellung folgt keinem dokumentarischen Protokoll. Vielmehr entsteht eine Art literarisches Selbstporträt, in dem biografische Erfahrung und erzählerische Gestaltung ineinandergreifen.

Diese Verbindung von autobiografischem Material und fiktionaler Form gehört zu den interessantesten Aspekten des Buches. Judith Hermann schreibt nicht einfach über ihre Familie. Sie schreibt darüber, wie sich eine Familiengeschichte überhaupt erzählen lässt. Die Suche nach dem Großvater wird dadurch zu einer Reflexion über die Möglichkeiten und Grenzen des autobiografischen Schreibens.

Dabei taucht immer wieder eine grundlegende Frage auf: Warum schreibt man über eine solche Vergangenheit? Was kann Literatur hier leisten?

Der Text selbst gibt darauf mehrere mögliche Antworten. Schreiben erscheint zunächst als Versuch der Selbstvergewisserung. Die Erzählerin möchte verstehen, welche Rolle die Geschichte ihres Großvaters in ihrem eigenen Leben spielt. Gleichzeitig wirkt das Schreiben wie ein Akt der historischen Annäherung. Indem sie den Ort besucht, an dem ihr Großvater stationiert war, versucht sie, die abstrakte Vergangenheit räumlich erfahrbar zu machen.

Doch der Text zeigt auch die Grenzen dieser Annäherung. Die Vergangenheit bleibt fragmentarisch. Die Stadt, die Archive, die Familienerinnerungen — alles liefert nur Teilstücke einer Geschichte, die sich nicht vollständig rekonstruieren lässt.

In dieser Hinsicht steht das Buch in einer literarischen Tradition, die sich seit Jahrzehnten mit der deutschen Erinnerungskultur beschäftigt. Schon Autoren wie W. G. Sebald oder Alexander Kluge haben gezeigt, dass die literarische Darstellung der Vergangenheit oft in fragmentarischen Formen erfolgt: Collagen, Essays, autobiografische Skizzen. Judith Hermann knüpft an diese Tradition an, allerdings mit einer deutlich leiseren, introspektiveren Stimme.

Besonders bemerkenswert ist dabei, wie stark der Text die Erfahrung der Nachgeborenen reflektiert. Die Erzählerin trägt keine unmittelbare Schuld an den Ereignissen der Vergangenheit. Dennoch spürt sie, dass diese Vergangenheit Teil ihrer eigenen Geschichte ist. Die Reise nach Radom wird so zu einer symbolischen Bewegung: eine Annäherung an einen historischen Raum, der zugleich familiär und fremd ist.

Die literarische Kraft des Buches liegt genau in dieser Ambivalenz. Es vermeidet einfache moralische Positionen und hält stattdessen die Unsicherheit aus, die aus der Konfrontation mit einer unaufgeklärten Familiengeschichte entsteht.

Am Ende bleibt der Eindruck eines Textes, der weniger Antworten geben will als Fragen stellt. Judith Hermann verbindet autobiografische Erinnerung, historische Reflexion und literarische Selbstbeobachtung zu einem dichten, nachdenklichen Essay in erzählerischer Form.

Zusammenfassend lässt sich sagen: „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ ist ein Buch über Erinnerung, über familiäre Leerstellen und über die Schwierigkeit, historische Schuld in persönliche Geschichten zu übersetzen. Sein besonderer Reiz liegt weniger in der Rekonstruktion der Vergangenheit als in der präzisen Darstellung eines Suchprozesses.

Leserinnen und Leser, die sich für autobiografische Literatur und für die literarische Verarbeitung der deutschen Geschichte interessieren, werden hier einen ungewöhnlichen, stillen Text finden. Wer Judith Hermanns Prosa kennt, wird viele ihrer charakteristischen Qualitäten wiedererkennen: die reduzierte Sprache, die Sensibilität für Zwischenräume, die Fähigkeit, aus wenigen Details eine ganze Stimmung entstehen zu lassen.

Gerade in dieser Verbindung von persönlicher Erinnerung und historischer Reflexion liegt die Bedeutung des Buches. Es zeigt, dass Literatur nicht nur Geschichten erzählt. Sie kann auch ein Instrument sein, um sich einer Vergangenheit zu nähern, die sich dem direkten Zugriff entzieht — einer Vergangenheit, die in vielen Familien noch immer im Schatten liegt.

 

 

 

 

 

Autor: Judith Hermann
Titel: „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“
Herausgeber: S. FISCHER
Seitenzahl: 160 Seiten
ISBN-10: 3103977646
ISBN-13: 978-3103977646