Heute liest man diesen Essay an vielen Stellen mit Gänsehaut. Der Hanser-Verlag hat mit „Zeit der Oligarchen“, dem Titel der deutschen Übersetzung, genau den richtigen, richtungsweisenden Ton getroffen; der Titel des englischen Originals („Science, Liberty and Peace“) klingt dagegen geradezu harmlos und seltsam indifferent.
Davon abgesehen, werden die heutigen Leser ihre Lektüre vor dem Hintergrund der neuen Weltordnung à la „TPX“ (Trump-Putin-Xi und anderer Autokraten) anders erleben als die Zeitgenossen Huxleys, die den 1946 erschienenen Essay mit ihren jeweiligen persönlichen Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs gelesen haben. — Darüber wird noch zu sprechen sein.
Es ist der Verdienst des Hanser-Verlags, diesen 80 Jahre alten Text für die deutschsprachige Gegenwart aus dem Schattenreich des Vergessens gerettet zu haben. In der großartigen Übersetzung von Jürgen Neubauer wurde größtenteils erfolgreich versucht, das englische Original auch sprachlich in unsere Zeit zu heben. Die angenehm flüssige Lektüre wird einzig von einem wiederholt auftauchenden Begriff irritiert: dem „Boss“. An verschiedenen Stellen taucht dieser Begriff auf, es ist die Rede von der „Tyrannei der Bosse“, den „wirtschaftlichen Bossen“ oder den „kapitalistischen und staatlichen Bossen“ — ein Begriff mit vielen Bedeutungen.
In der Tat wird auch im englischen Originaltext von Huxley häufig der Begriff „boss“ verwendet, so dass eine entsprechende (Nicht-)Übersetzung zunächst keine Nachlässigkeit des Übersetzers ist. — Hierzu passt vielleicht ein biografischer Einschub: Aldous Huxley ging 1937 nach Amerika und lebte fortan die meiste Zeit in Kalifornien. Er schrieb für eine globale englischsprachige Öffentlichkeit, aber eben auch für eine amerikanische, und genau hier wäre „boss“ ein adäquater, aus dem wirtschaftlichen Kontext stammender Begriff mit einer umgangssprachlichen und leicht pejorativen Färbung. Wer von einem „Boss“ spricht, positioniert sich selbst automatisch als jemand, der unter jenem steht; Sprache transportiert mehr als nur den sachlichen Inhalt. Für die deutsche Übersetzung (und für eine heutige Leserschaft) hätten sich jedoch leicht unterschiedliche Begriffe (Anführer, Unternehmer, Herrscher, …) finden lassen, welche die jeweilige Bedeutung besser differenzierten und die große semantische Bandbreite von „boss“ zugunsten einer je spezifischen Bezeichnung variierten.
In manchen Dingen unterscheidet sich die Welt von 1946 kaum von der Welt von 2026: Wenn sich Menschen zwischen „Freiheit“ und „Sicherheit“ entscheiden müssen, wählen viele von ihnen die Sicherheit. Wir haben es hier (im Hinblick auf die Gesellschaft) mit zwei Antipoden zu tun: Je mehr Freiheit (und Gesetzlosigkeit) eine Gesellschaft besitzt, desto unsicherer werden die Verhältnisse; umgekehrt führt die Konzentration auf Sicherheit (und Ordnung) schnell zu einem Verlust der Freiheit. In der Demokratie besteht nun die Kunst darin, eine gesunde Balance zwischen beiden Polen zu finden.
Die Welt befand sich damals (in der Entstehungszeit des Essays) im Umbruch und nach den Katastrophen der vergangenen Kriegsjahre auf der Suche nach einem rationalen Neuanfang; und auch heute befindet sich die Welt wieder in einer Zeit des Umbruchs im Angesicht vieler globaler Konflikte und der nahen Kriege. Die Macht liegt in vielen Regionen in der Hand von „Wenigen“, die ihre Interessen skrupellos durchzusetzen und die „Vielen“ zu unterdrücken versuchen. Neu ist (im Gegensatz zur Situation 1946) die Konzentration der Macht und die Gewalt, mit der die Disruption der bestehenden politischen und gesellschaftlichen Strukturen sowie die Aushöhlung der Demokratien vorangetrieben wird.
Die Erschütterungen, die von der einseitigen Aufkündigung des transatlantischen Bündnisses und durch die von der MAGA-Bewegung betriebene Umwertung aller Werte ausgehen, sind überall in Europa zu spüren. — Die Orientierungslosigkeit und die Suche nach einem neuen Wertesystem — was Georg Lukács nach dem Ende des Ersten Weltkriegs als „transzendentale Obdachlosigkeit“ beschrieben hatte, findet in einer neuen „transatlantischen Obdachlosigkeit“ der Europäer ihr aktuelles Pendant.
Die zunehmende Konzentration der Wirtschaft in wenigen Großkonzernen und der Macht in den Händen einer Minderheit, den Oligarchen, führte 1946 und führt auch heute zu einem politischen und gesellschaftlichen Klima, in dem die Mehrheit, das Volk, mit einem Machtapparat konfrontiert ist, der vor allem seine eigenen Interessen verfolgt und die Interessen der Mehrheit nur im Rahmen und zum Zwecke des Machterhalts berücksichtigt, sie ignoriert oder gar aktiv unterdrückt. Huxley beobachtete die politische Situation in den USA unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit den Augen des Europäers. Er sieht die starke Verflechtung wirtschaftlicher Interessen der „Trusts“ und der großen Unternehmensgruppen mit den machtpolitischen Interessen der Politiker. Die Wissenschaften und die technologische Entwicklung werden in den Dienst des Landes, der „Nation“ — oder besser: in den Dienst der herrschenden Eliten gestellt. Es geht um den technischen Fortschritt, um die Optimierung der eigenen Wirtschaft. Und nicht zu vergessen: Es geht um Wettbewerb auf internationalem Parkett.
Denn der Zweite Weltkrieg hatte auch die USA wirtschaftlich stark beansprucht, doch ihre Vormachtstellung als größte Wirtschaftsmacht der Welt war ungebrochen; der Ausbau dieses Vorsprungs genoss daher nach Kriegsende wieder die oberste Priorität. Wissenschaft und Fortschritt, Wohlstand und „Leadership“ gingen Hand in Hand; wirtschaftliche und politische Macht bezeugten die Stärke des amerikanischen „Way of Life“ und einer vom Glauben an den Segen des Kapitalismus geprägten liberalen Demokratie.
Doch wo der Kapitalismus sich frei und schrankenlos entfalten kann, ohne dass kostspielige Sozialsysteme dessen Schattenseiten abfedern, wachsen die Sorgen der Menschen um den Erhalt von Arbeitsplätzen und um die finanzielle Sicherung der eigenen Existenz. Huxley erkennt zurecht, „dass der Fortschritt der angewandten Wissenschaften erheblich zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Unsicherheit beiträgt, wie sie für moderne Industriegesellschaften typisch ist.“ Diese Unsicherheit ist bedingt durch den unbeirrbaren Glauben an die Fortschrittsidee in der Wirtschaft und in den Wissenschaften; so werde nach Huxleys Ansicht der technische Fortschritt nicht in erster Linie dafür eingesetzt, die Arbeits- und Produktionsbedingungen zu erleichtern und auf diese Weise die Arbeit wieder menschlicher zu gestalten, sondern der Fortschritt diene im Gegenteil ausschließlich einer immer größeren Steigerung der Produktionsmengen und somit letztlich der Gewinnmaximierung des Großkapitals.
Auch unsere Gegenwart ist „durch Wissenschaft und Technik mit Zwangsmitteln von nie da gewesener Effizienz ausgestattet“. Während Huxley 1946 vor allem an „Panzer“, „Flammenwerfer“ und „Atombomben“ denkt, fallen uns spontan Videoüberwachung, KI, Rasterfahndung und exterritoriale Gefängnisse auf der einen Seite und Propaganda, Fake News und die staatliche Steuerung von Datenströmen in Social Media und anderen Kanälen ein.
Huxley schreibt weiter: „Die unerwünschte Propaganda geht so lange weiter, bis die Leute, die dafür bezahlen, ihre Meinung ändern oder andere Leute für etwas anderes bezahlen.“ — Die Realität der digitalen Datenflut sieht, wie wir heute wissen, anders aus. Die Leute bezahlen nicht mit Geld, sondern mit ihren eigenen Daten. Propaganda und Qualitätsjournalismus, Fake News und seriöse Informationen sind heute überall und zu jeder Zeit zu haben. Wofür sich die Leser entscheiden (und auch wogegen), hängt vor allem von der eigenen Medienkompetenz und den Vorlieben der eigenen Community ab.
„Zeitunglesen und Radiohören erzeugen psychische Abhängigkeit, die sich wie die körperliche Sucht nach Drogen, Tabak und Alkohol nur durch die Willensanstrengung des Süchtigen besiegen lässt.“ — Übertragen auf unsere Zeit ließe sich die Internetsucht nach TikTok, Instagram und anderen Kanälen nur durch eine strikte Enthaltsamkeit kurieren. Doch ein Verzicht bedeutete eben auch einen totalen Verlust von digitaler Teilhabe und die komplette Abkoppelung des Einzelnen von digitalen Informationsströmen — ein Zustand, den nur die Wenigsten dauerhaft aushalten.
Das digitale Dilemma unserer Zeit besteht in eben dieser Unentrinnbarkeit vor dem Zugriff der Datenströme auf unser Leben und dem Versuch des Individuums, nicht von den Fluten ungefragt von allen Seiten auf uns einstürzenden Informationen mitgerissen zu werden. Eine gesunde digitale Resilienz und ein medienkompetenter Umgang mit den sich ständig aktualisierenden Variationen von Wirklichkeit sind die Anforderungen, die unsere Gegenwart an den „mündigen Bürger“ stellt.
Huxleys Essay ist zeitbedingt sehr wissenschaftskritisch, und so findet er in ihr den Hauptangeklagten für die prekären Machtverhältnisse: „Indem die Wissenschaft der herrschenden Oligarchie wirkungsvollere Zwangs- und Überzeugungsmittel zur Verfügung stellt, trägt sie direkt zur Konzentration der Macht in den Händen der Wenigen bei.“
Nur ein Jahr nach Huxleys Essay erscheint eine Abhandlung zweier deutscher Philosophen und Soziologen, die im kalifornischen Exil eine ähnlich kritische Gegenwartsdiagnose stellen und sich mit verschiedenen Aspekten der „Dialektik der Aufklärung“ beschäftigten. Die Rede ist von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, die sich in ihrem 1947/48 erschienenen Werk als Vertreter der Kritischen Theorie unter anderem auch mit den Machtverhältnissen und den künstlichen Produkten der sogenannten „Kulturindustrie“ beschäftigten. Gerade am Beispiel der Filmindustrie in Hollywood ließ sich jene von ihnen kritisierte immer „wiederholte Produktion des Immergleichen“ beobachten, eine leicht zu konsumierende Filmkunst, welche die Leute stets von Neuem beschäftigte und von politischem Denken und Handeln abhielt.
Doch Huxley dachte nicht nur an die „Überzeugungsmittel“ der Macht, die wir heute mühelos mit den omnipräsenten digitalen Angeboten der Internet-Dienste identifizieren können; sondern Huxley hatte auch deren „Zwangsmittel“ im Blick: die staatliche Kontrolle, Zensur sowie die Androhung und Vollstreckung von Strafe bei Zuwiderhandlung im öffentlichen Raum und auch im privaten Umfeld.
Wenn es um die totale staatliche Macht, um die „Macht der Wenigen über die Vielen“ (Huxley) geht, darf ein Hinweis auf George Orwells „1984“ (erschienen 1948) nicht fehlen. Orwell beschäftigte sich — auf literarische Art — ebenfalls mit dem Thema der Macht, mit Propaganda, Überwachung und dem allgegenwärtigen Terror, und seine Dystopie entstand unter dem Eindruck des stalinistischen Terrors in der UdSSR. Dies führt uns zu der Erkenntnis, dass sich Huxleys Essay zunächst vor allem aus seiner Zeit heraus verstehen lässt. Wie bereits erwähnt, verbrachte Huxley ab 1937 den Rest seines Lebens in den USA — und hier vor allem in Kalifornien.
Versucht man sich die Lebenswelt im Kalifornien des Jahres 1946 zu vergegenwärtigen, so scheint es wahrscheinlich, dass beim Verfassen seines Essays trotz seiner Verbundenheit mit der englischen Heimat wohl allein schon durch die geografische Lage für ihn Asien (Japan) näher war als Europa — und somit auch die verheerenden Auswirkungen der Atombomben-Abwürfe auf Japan näher als die Gräuel und die industrielle Massenvernichtung in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern. In diesem Zusammenhang ist leichter nachvollziehbar, dass eine starke Wissenschaftskritik den zentralen Platz in seiner Argumentation einnimmt.
„Der technische Fortschritt schafft also wirtschaftliche und gesellschaftliche Unsicherheit“. Denken wir an den aktuellen Siegeszug der KI, so beschleicht uns ebenfalls schnell ein Gefühl der Unsicherheit; denn bei allen Vorzügen, die wir bei der persönlichen Nutzung von ChatGPT und anderen KI-Tools im täglichen Umgang genießen, erfassen oder erahnen nur die Wenigsten die radikalen (an die Wurzeln gehenden) Umwälzungen, die in allen Lebensbereichen durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz unser Leben verändern werden. Neben der gesellschaftlichen (kollektiven) und persönlichen (individuellen) Unsicherheit nimmt durch die Umstrukturierung und Rationalisierung durch KI-Systeme in der Wirtschaft auch die „wirtschaftliche Unsicherheit“ zu. Arbeitsplätze sind massenhaft gefährdet; ganze Wirtschaftsbereiche drohen durch den zukünftigen Einsatz von KI mit deutlich weniger (oder gar keinem) Personal mehr auszukommen. Die Welt der Arbeit, wie wir sie kannten, wird vielerorts in wenigen Jahren Geschichte sein.
Wenn in Huxleys Essay häufig die Rede von Freiheit ist, so meint er angesichts der oligarchischen staatlichen Ordnung zunächst einen negativen Freiheitsbegriff (eine Freiheit von etwas), also eine Freiheit/Befreiung von Ausbeutung, Überwachung und Unterdrückung. Ein positiv verstandener Freiheitsbegriff (eine Freiheit zu etwas) kann erst im Einzelnen und in der Masse sich entfalten, wenn die politischen Verhältnisse dazu Gelegenheit bieten. — Negative und positive Freiheit sind demzufolge zwei Enden eines Spektrums, dessen Positionierung durch die Form des politischen Systems bestimmt wird: Je autoritärer und repressiver ein Staat mit seinen Bürgern verfährt, desto stärker wird die Sehnsucht nach Freiheit dem negativen Freiheitsbegriff zuspielen; unter äußerem Druck sucht der Mensch instinktiv zunächst nach Befreiung, will die Last der Bevormundung, Gängelung und Unterdrückung loswerden. Je liberaler und demokratischer ein Herrschaftssystem wird, desto eher kann sich nach dem negativen auch ein positiver Freiheitsbegriff in den Menschen entfalten; politische Teilhabe, gesellschaftliches Engagement und der freiwillige Dienst zum Wohle der Gemeinschaft sind Kennzeichen eines freien und aktiven bürgerlichen Lebens in „Selbstbestimmung, dem eigentlichen Kern der demokratischen Freiheit“, wie Huxley schreibt.
Jedoch in einer „Zeit der Oligarchen“ ist die Missachtung und Unterdrückung der vitalen Interessen der Mehrheit, des Volkes, ein zentraler Bestandteil der repressiven Mechanismen der Machthaber. Propaganda, gezielte Steuerung der Konsumbedürfnisse durch eine perfekt abgestimmte „Kulturindustrie“ sowie die Überwachung und Sanktionierung regelwidrigen Verhaltens gehören ebenso zum Instrumentarium der Herrschaft wie die gewaltsame Unterdrückung und Niederschlagung von Aufständen durch den Einsatz eines modernen technologischen Waffenarsenals. Die enge Verzahnung von Wissenschaft und Macht führt zu einer bedingungslosen und — wenn nötig — auch gewaltsamen Durchsetzung des Narrativs des Fortschritts.
Huxley konstatiert, dass das Volk seinen Unterdrückern militärisch nichts entgegenzusetzen hat. Doch es gäbe eine Alternative: Henry David Thoreau hatte bereits Mitte des 19. Jahrhunderts (also aus Huxleys Perspektive 100 Jahre zuvor) mit seiner Schrift „Über die Pflicht zum zivilen Ungehorsam gegen den Staat“ Möglichkeiten eines gewaltfreien Widerstands gegen ungerechte politische Herrschaft aufgezeigt — eine zivile Form des Widerstands, die Mahatma Gandhi in einer indischen Variante — der „satyagraha“ — erfolgreich als Teil für den indischen Kampf um die Unabhängigkeit von der britischen Kolonialherrschaft einsetzen konnte. Ein Jahr nach Erscheinen von Huxleys Essay wurde die Unabhängigkeit Indiens und Pakistans von der britischen Krone 1947 Wirklichkeit.
Die Lektüre dieses historischen politischen Essays eröffnet dem heutigen Leser einen Spiegelblick auf die aktuellen Verhältnisse in postdemokratischen und autokratischen Ländern, allen voran das neue Amerika unter Donald Trump. Die disruptive Umgestaltung der Gesellschaft, die gezielte Zerstörung administrativer und institutioneller Strukturen, der Rückzug Amerika aus internationalen Verpflichtungen und die Abschottungspolitik mithilfe von Zöllen und Handelsbeschränkungen, das Vorantreiben einer massenhaften Remigration und deren Umsetzung durch den Einsatz einer paramilitärisch agierenden ICE, die Zensur und der Umbau der medialen Landschaft unter dem Primat der ideologischen Gleichschaltung, die massenmediale Propagierung und konsequente Umsetzung der Ziele der MAGA-Bewegung und der Agenda der Heritage Foundation —dies alles sind Teile eines umfassenden Umbaus der amerikanischen Politik und Gesellschaft mit dem Ziel der vollständigen Demontage demokratischer Institutionen. — Die enge Verbindung von Politik und Wissenschaft, von Macht und Wirtschaft, von der Huxley 1946 spricht, findet sein aktuelles Gegenstück in der widerspruchslosen Unterwerfung der großen Tech-Unternehmen der USA unter den Willen des neuen alten Präsidenten Donald Trump. Wer in den Medien den peinlichen Kotau der Tech-Milliardäre während der Feierlichkeiten zum Antritt von Trumps zweiter Amtszeit sieht, der weiß, wer hier nach wessen Pfeife tanzt: Der Führer gibt den Weg vor, und alle Tech-Konzerne machen mit, weil sie sich gute Geschäfte unter den neuen politischen Vorzeichen erhoffen. — Der historisch gebildete deutsche Leser wird stark an 1933 und an die damalige Allianz zwischen Wirtschaft und Politik erinnert.
Wer mit wachen Augen durch unsere Zeit geht, wird nach der Lektüre dieses kleinen Büchleins besser verstehen, wie alles zusammenhängt. Wie ein Rädchen ins nächste greift, wie sich eines zum anderen fügt, wie alles plötzlich einen höheren Sinn zu bekommen scheint: Wissenschaft und Macht, KI und Überwachung, Wirtschaftsmacht und politischer Einfluss, Fortschrittsglaube und Leugnung des Klimawandels, Konsum und Medien, Brot und Spiele, Zuckerbrot und Peitsche, Zollandrohung und Deal-Making, der Kampf um Rohstoffe und politischen Einfluss, Krieg oder Frieden.
Die Geschichte wiederholt sich nie, aber sie reimt sich oft. Vielleicht passt an dieser Stelle ein Denkbild von Walter Benjamin, in dem er ein kleines Gemälde von Paul Klee, den „Angelus Novus“, beschreibt: Auf diesem Bild ist ein Engel zu sehen, der den Betrachter mit weit aufgerissenen Augen und ausgebreiteten Flügeln anschaut. So müsse der „Engel der Geschichte“ aussehen, sagte Benjamin. Sein Blick ist auf die Vergangenheit gerichtet, auf die Katastrophe, und vor ihm türmen sich die Trümmer der Vergangenheit bis zum Himmel empor. Er möchte zurück in die Vergangenheit und den Schaden beheben, die Trümmer wieder aufrichten, das Verlorene retten. Doch „ein Sturm weht vom Paradiese her“ und ist so stark, dass der Engel seine Flügel nicht mehr schließen kann. „Dieser Sturm“, schreibt Benjamin, das ist, „was wir Fortschritt nennen“. Und so treibt dieser Sturm den Engel rückwärts in die ungewisse Zukunft … — Jener Sturm, der vom Paradiese her weht, ist stärker geworden. Er treibt auch uns rückwärts in die Zukunft, solange wir am Fortschrittsglauben festhalten.
Zuletzt noch kurz ein Wort zur Materialität dieses Buches: Der Hanser-Verlag hat es offenbar besonders gut gemeint und die Druckerei im C.H. Beck Verlag mit der Produktion eines Hardcover-Einbands beauftragt; dieser ist zudem noch in tiefem Schwarz gehalten, was für zusätzlichen Ärger sorgt: Schon nach kurzem Gebrauch beginnt sich der Einband zu verziehen; wenn man das Buch aus Vergesslichkeit auf dem Tisch liegen lässt und der liebe Gott die Sonne scheinen lässt, ist die Freude an der Lektüre gänzlich verdorben. — Schade, schade! Denn sowohl der Hanser-Verlag als auch C.H. Beck sind bekannt für ihre hochwertig und ansprechend gestaltetet Buchproduktionen, deren Benutzung ein wahrlich ästhetischer Genuss ist! Diesem kleinen Büchlein von gerade einmal 96 Seiten hätte ein Softcover (broschiert oder einfach als Taschenbuch-Ausgabe) deutlich besser gestanden, und es wäre eine gute Idee, eine zweite Auflage dieses interessanten Essays in einer solchen Form zu drucken.
Autor: Aldous Huxley
Titel: „Zeit der Oligarchen“
Herausgeber: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Seitenzahl: 96 Seiten
ISBN-10: 344628723X
ISBN-13: 978-3446287235