Ulrich Steinvorths schmales Buch trägt einen Titel, der größer klingt, als es der Umfang zunächst vermuten lässt. „Was Philosophie war, ist und sein kann“ kündigt nichts Geringeres an als eine Selbstvergewisserung einer Disziplin, die sich seit zweieinhalb Jahrtausenden zwischen Weltdeutung, Kritik und Selbstzweifel bewegt. Dass dieses Unterfangen in ein handliches Reclam-Bändchen gepresst wird, ist Teil des Programms. Steinvorth tritt nicht mit der Geste des Systembauers auf, sondern mit der Haltung eines erfahrenen Gesprächspartners, der noch einmal zusammenfassen möchte, was er in Jahrzehnten des Denkens und Lehrens für wesentlich hält. Das Ergebnis ist weniger eine Einführung im klassischen Sinn als eine konzentrierte Meditation über den Sinn und die Möglichkeit philosophischen Denkens.
Inhaltlich folgt das Buch einer losen chronologischen Bewegung. Steinvorth beginnt bei den Anfängen der Philosophie im antiken Griechenland, bei jenen frühen Denkern, die sich erstmals von mythologischen Erklärungen lösten und die Welt aus sich selbst heraus verstehen wollten. Er streift Platon und Aristoteles, verweilt bei den Umbrüchen der Neuzeit, bei Descartes, Kant und Hegel, und endet schließlich in der Gegenwart, in der Philosophie sich mit den Naturwissenschaften, der politischen Praxis und der eigenen gesellschaftlichen Randständigkeit auseinandersetzen muss. Doch diese historische Linie ist weniger als lückenlose Darstellung gedacht denn als Folie für eine wiederkehrende Frage: Was tut Philosophie eigentlich, wenn sie ihrem eigenen Anspruch gerecht werden will?
Steinvorths Antwort ist so einfach wie anspruchsvoll. Philosophie erscheint bei ihm nicht als Lieferantin gesicherten Wissens, sondern als eine Praxis der Kritik, der begrifflichen Klärung und der Selbstbefragung. Sie ist dort am stärksten, wo sie sich nicht in Fachterminologien vergräbt, sondern ihre Begriffe an der Erfahrung, an politischen Konflikten und an moralischen Zumutungen prüft. Immer wieder betont der Autor, dass Philosophie historisch gesehen selten bequem war. Sie stellte Autoritäten infrage, geriet in Konflikt mit Religion und Staat und machte sich unbeliebt, gerade weil sie auf begrifflicher Genauigkeit und argumentativer Redlichkeit bestand. Diese Erinnerung an den widerständigen Kern philosophischen Denkens zieht sich wie ein leiser, aber beharrlicher Ton durch das ganze Buch.
Der eigentliche Reiz dieser Darstellung liegt jedoch weniger im Inhalt als in der Art, wie Steinvorth ihn entfaltet. Sein Stil ist essayistisch, gelegentlich anekdotisch, stets darauf bedacht, den Leser nicht mit Details zu erdrücken. Man spürt, dass hier jemand schreibt, der Philosophie nicht nur erforscht, sondern auch gelehrt hat und weiß, an welchen Stellen das Interesse wächst und wo es leicht erlahmt. Steinvorth formuliert knapp, oft zugespitzt, manchmal mit einem trockenen Humor, der sich besonders dann zeigt, wenn er die großen Gesten der Philosophiegeschichte relativiert. Große Systeme erscheinen bei ihm nicht als Denkmäler, sondern als zeitgebundene Versuche, Ordnung in eine widerspenstige Welt zu bringen.
Diese stilistische Zurückhaltung hat Folgen für den wissenschaftlichen Charakter des Buches. Wer eine streng akademische Einführung mit Fußnotenapparat, Literaturverweisen und methodischer Selbstverortung erwartet, wird enttäuscht sein; allerdings wäre eine solche Erwartung angesichts des geringen Seitenumfangs auch reichlich vermessen. Der methodische Ansatz des Autors ist ein anderer: Steinvorth verzichtet weitgehend auf den sichtbaren Nachweis seiner Quellen, auf die Auseinandersetzung mit aktuellen Forschungsdebatten und auf terminologische Präzision im engeren fachlichen Sinn. Stattdessen setzt er auf Übersicht, Verdichtung und argumentative Plausibilität. Das Buch lebt von der Autorität der Stimme, nicht von der demonstrativen Absicherung durch Sekundärliteratur. In einem feuilletonistischen Kontext lässt sich das als Stärke lesen, aus streng wissenschaftlicher Perspektive aber auch als bewusste Einschränkung.
Gerade an dieser Stelle stellt sich die Frage nach dem praktischen Nutzen dieses Büchleins. Wozu liest man heute eine so knappe Abhandlung über Philosophie, in einer Zeit, in der Einführungen, Podcasts und Onlinekurse im Überfluss vorhanden sind? Steinvorths Buch bietet keinen unmittelbaren Werkzeugkasten, keine klaren Anleitungen zum Argumentieren, keine methodischen Rezepte für den philosophischen Alltag. Wer etwa als Student nach einer systematischen Orientierung sucht oder als Lehrer nach didaktisch aufbereiteten Modellen, wird hier nur bedingt fündig. In diesem Sinne ist der praktische Nutzen begrenzt, zumindest wenn man ihn im engeren, instrumentellen Sinn versteht.
Und doch entfaltet das Buch eine andere, weniger greifbare, aber nicht minder relevante Form von Praxisnähe: Steinvorth zeigt, wie man philosophisch auf Geschichte und Gegenwart blicken kann, ohne sich im Spezialwissen zu verlieren. Er bietet keine Lösungen, sondern eine Haltung: Skepsis gegenüber einfachen Antworten, Aufmerksamkeit für begriffliche Unschärfen, Sensibilität für die politischen und ethischen Implikationen von Theorien. Für Leser, die sich fragen, ob Philosophie heute noch mehr ist als akademische Selbstbeschäftigung, liefert das Buch eine leise, aber überzeugende Verteidigung. Sein Nutzen liegt darin, das Denken selbst zu schärfen, nicht in der Bereitstellung konkreter Anwendungsanleitungen.
Gerade in seiner Kürze liegt dabei ein paradoxer Vorteil. Das Buch zwingt zur Konzentration, sowohl den Autor als auch den Leser. Steinvorth kann es sich nicht leisten, lange auszuholen oder sich in Nebenwegen zu verlieren. Jede Seite trägt das Gewicht der Auswahl. Für den Leser bedeutet das eine Lektüre, die sich an einem Nachmittag bewältigen lässt, die aber nachwirkt, weil sie Grundfragen berührt. Man legt das Buch nicht mit dem Gefühl ab, etwas „abgeschlossen“ zu haben, sondern eher mit dem Eindruck, an ein Gespräch erinnert worden zu sein, das man fortsetzen sollte.
Die wissenschaftliche Kompetenz des Autors ist dabei stets präsent, auch wenn sie nicht demonstrativ ausgestellt wird. Ulrich Steinvorth, emeritierter Professor für Praktische Philosophie, hat sich in seiner akademischen Laufbahn intensiv mit politischer Philosophie, Ethik und Erkenntnistheorie beschäftigt. Diese Erfahrung prägt das Buch deutlich. Seine Urteile sind abgeklärt, selten polemisch, und doch nicht neutral im Sinne einer bloßen Aufzählung von Positionen. Steinvorth weiß, wovon er spricht, und genau deshalb erlaubt er sich Vereinfachungen. Sie wirken nicht fahrlässig, sondern reflektiert, als bewusst gewählte Reduktionen, um den Blick auf das Wesentliche freizugeben. In Beziehung zu seiner wissenschaftlichen Biografie erscheint das Buch wie ein Resümee, nicht wie ein Debattenbeitrag.
Kritisch ließe sich einwenden, dass diese Haltung auch eine gewisse Unverbindlichkeit mit sich bringt. Steinvorth vermeidet klare Positionierungen in aktuellen philosophischen Streitfragen. Er beschreibt, wägt ab, deutet an, zieht sich aber oft auf eine Metaebene zurück, auf der Philosophie als solche betrachtet wird. Für Leser, die nach Orientierung in konkreten ethischen oder politischen Fragen suchen, mag das enttäuschend sein. Das Buch will nicht eingreifen, sondern einordnen. Ob das genügt, hängt stark von den Erwartungen ab, die man an Philosophie stellt.
Am Ende bleibt der Eindruck eines klugen, leisen Buches, das seine Wirkung nicht aus Lautstärke oder Originalität bezieht, sondern aus Verdichtung und Erfahrung. Die wichtigsten Punkte lassen sich knapp benennen: Philosophie ist historisch wandelbar, aber ihrem kritischen Kern treu geblieben; sie lebt von der Frage, nicht von der Antwort; und sie bleibt relevant, solange sie sich nicht selbst für alternativlos erklärt. Steinvorth vermittelt diese Einsichten ohne Pathos, in einer Sprache, die respektvoll gegenüber der Tradition ist und zugleich offen für Zweifel.
Besonders ansprechen wird dieses Buch Leser, die sich der Philosophie mit Neugier, aber ohne akademischen Ehrgeiz nähern, ebenso wie jene, die sich nach Jahren der Beschäftigung eine erneute Standortbestimmung wünschen. Es eignet sich für das Nachdenken zwischendurch, für das Wiederlesen, für die leise intellektuelle Selbstvergewisserung. Wer Philosophie als Werkzeug erwartet, wird es vielleicht beiseitelegen. Wer sie als Haltung begreift, als eine Art, die Welt nicht vorschnell zu erklären, sondern geduldig zu befragen, dürfte in diesem schmalen Band mehr finden, als der Umfang erwarten lässt.
Autor: Ulrich Steinvorth
Titel: „Was Philosophie war, ist und sein kann“
Herausgeber: Reclam
Seitenzahl: 112 Seiten
ISBN-10: 3150146771
ISBN-13: 978-3150146774