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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Ulrich Raulff: „Wie es Euch gefällt — Eine Geschichte des Geschmacks“

Am: | November 24, 2025

Wenn man dieses Buch in die Hand nimmt, merkt man sofort seine Besonderheit. Man hält ein Juwel in den Händen, ein — im wahrsten Sinne — geschmackvolles und hochwertig gestaltetes Stück Buchkunst, das schon in seiner außergewöhnlichen Materialität Auskunft gibt über seinen exquisiten Inhalt. Es ist dieser Tage ein seltenes und jeden Bücherfreund geradezu beglückendes Erlebnis, ein solches Buch nicht nur zu besitzen, sondern seinen Inhalt mit allen Sinnen zu genießen und dem Autor auf seinen verschlungenen intellektuellen Wegen durch Raum und Zeit folgen zu dürfen.

Ulrich Raulffs Buch „Wie es euch gefällt — Eine Geschichte des Geschmacks“ ist ein intellektueller Streifzug durch jene kulturellen, historischen und sozialen Landschaften, in denen sich der Begriff des Geschmacks über Jahrhunderte hinweg ausgebildet hat. Raulff nähert sich diesem Thema mit der für ihn typischen Mischung aus Belesenheit, essayistischem Wagemut und einem gewissen Hang zum assoziativen Denken.

Dabei entsteht ein Buch, das weniger eine chronologisch geordnete Geschichte beschreibt, als vielmehr eine vielschichtige Erkundung des Geschmacks als gesellschaftliche Sinnpraxis. Der Autor meidet didaktische Stränge und starre Argumentationsgerüste und bevorzugt eine Form, die eher an gelehrte Plaudereien im besten Sinne erinnert: ein mäanderndes, aber über weite Strecken fesselndes Denken über das Denken, ein Innehalten über die Art und Weise, wie wir Schönes, Wertvolles oder Fragwürdiges beurteilen.

Raulff definiert Geschmack als einen historisch wandelbaren, zugleich gesellschaftlich regulierenden und zutiefst persönlichen Code der Wahrnehmung. Diese Definition entfaltet er, indem er eine Vielzahl von Epochen und Diskursen miteinander ins Gespräch bringt. Ausgehend von der Frühen Neuzeit verfolgt er, wie Geschmack zu einem Signum bürgerlicher Selbstvergewisserung wird, wie er durch die Entwicklung ästhetischer Theorien im 18. Jahrhundert philosophisch konturiert und durch die moderne Konsumkultur im 20. Jahrhundert vervielfältigt und in einem gewissen Sinne demokratisiert wird.

Besonders aufschlussreich ist sein Blick auf die Gegenwart, in der Geschmack durch digitale Öffentlichkeiten zugleich hyper-individuell und kollektiv getrieben erscheint: Die Reproduzierbarkeit, die algorithmische Verstärkung ästhetischer Trends und die rasende Beschleunigung kultureller Moden erschüttern jene Gewissheiten, die einst als stabil galten. Geschmack, so Raulffs These, ist heute weniger Ausdruck eines wohlerworbenen Urteils als vielmehr der Versuch, sich in einem überfüllten ästhetischen Raum noch zu positionieren und von den Anderen zu distinguieren.

Dass der Autor diese Entwicklung nicht rein kulturgeschichtlich rekonstruiert, sondern sie als Spiegel gesellschaftlicher Transformationsprozesse versteht, macht den besonderen Reiz seines Zugangs aus. Er betrachtet Geschmack als eine Art historische Membran, die verrät, wie eine Gesellschaft sich selbst sieht, welche Distinktionsmechanismen sie pflegt und wie Macht, Bildung und sozialer Status miteinander verschränkt sind.

Seine Nähe zu Pierre Bourdieu ist offensichtlich, doch Raulff bricht dessen Theorie durch literarische und essayistische Perspektiven auf. Das Ergebnis ist weniger ein soziologischer Befund als eine kulturhistorische Meditation über das Urteil und seine Bedingungen. Besonders interessant ist dabei die Beobachtung, dass Geschmack gerade dort am stabilsten erscheint, wo er sich als vermeintlich individuell ausgibt: Die Entscheidung für einen bestimmten Kleidungsstil, eine Möbelästhetik oder ein Kunstwerk scheint persönliche Intuition zu sein, während sie sich in Wahrheit aus einem komplexen Gefüge aus Herkunft, Zeitgeist und medialen Einflüssen speist.

Kritisch ist bei alldem anzumerken, dass Raulff gelegentlich zu viel auf einmal möchte. Sein Zugriff ist prachtvoll, aber nicht immer präzise. Manchmal verliert man sich als Leser in einem Überfluss an Assoziationen, die mehr die Belesenheit des Autors als die Beweisführung stärken. Seine Gedankengänge springen zwischen dem höfischen Geschmack des Barock, der Empfindsamkeit des 18. Jahrhunderts, der Dialektik von Avantgarde und Masse im 20. Jahrhundert bis zu den digitalen Geschmacksblasen der Gegenwart, ohne dass die Übergänge immer vollständig logisch erscheinen. Diese Beweglichkeit ist Teil seines Stils, doch sie fordert eine hohe Aufmerksamkeit und lässt bisweilen den Wunsch nach stärkerer Struktur zurück. Auch bleiben manche seiner kulturhistorischen Thesen im Bereich der Skizze: Raulff deutet Entwicklungen an, statt sie detailliert auszuleuchten, und vertraut darauf, dass seine Leser die Leerstellen selbst füllen können.

Trotz dieser kleinen Schwächen überzeugt das Buch sprachlich auf ganzer Linie. Raulffs Stil ist elegant und voller ironischer Unterströmungen, die das Lesen zu einem Vergnügen machen. Er liebt gedankliche Arabesken, ohne sich in reiner Ornamentik zu verlieren, und verbindet eine präzise Beobachtungsgabe mit einem rhetorischen Spieltrieb. Sein Talent, komplexe Sachverhalte in pointierte Formulierungen zu gießen, ist unbestritten. Allerdings sollte man als Leser keine leichte Kost erwarten: Die Fülle an historischen Bezügen, literarischen Anspielungen und theoretischen Verschränkungen verlangt von den Lesenden eine gewisse Vorkenntnis und intellektuelle Geduld. Doch wer bereit ist, sich auf dieses Denken einzulassen, findet in diesem beeindruckenden Buch eine reiche und inspirierende Lektüre.

In Bezug auf seine wissenschaftliche Fundierung und Recherche lässt sich sagen, dass Raulff klar aus einem reichen Fundus schöpft. Sein Buch ist geprägt von jahrzehntelanger Lektüreerfahrung und intensiver Beschäftigung mit kulturhistorischen Quellen; dennoch ist es keine streng wissenschaftliche Monografie. Die Auswahl der Beispiele folgt eher der Logik eines Essays als der Systematik eines Forschungsberichts.

Er zitiert breit, aber selektiv, setzt Schwerpunkte nach persönlichem Interesse und nutzt historische Episoden häufig als erzählerische Fenster, weniger als empirisches Material. Wer einen methodischen, analytisch geschlossenen Zugang erwartet, dürfte ein wenig enttäuscht sein. Doch wer das Buch als intellektuell versierten, persönlich gefärbten Beitrag zur Kulturgeschichte des Urteilens versteht, wird die Fülle und Vielfalt der Bezüge zu schätzen wissen.

Ulrich Raulff, geboren 1950, hat sich als Literaturwissenschaftler, Journalist und langjähriger Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach einen herausragenden Ruf in der deutschen Geisteslandschaft erarbeitet. Seine Arbeiten, darunter der vielfach gelobte Band „Das letzte Jahrhundert der Pferde“ oder sein Werk über die Nachgeschichte des George-Kreises, zeigen ihn als einen Autor, der Übergänge liebt: Brüche, Wandlungen, kulturelle Schwellenmomente. Auch „Wie es euch gefällt“ fügt sich in dieses Œuvre. Es ist ein Buch über Transformationen, über das Ringen um Maßstäbe in einer Welt, die sie unaufhörlich infrage stellt. Raulff gelingen darin immer wieder überraschende Perspektivwechsel, die den Leser dazu einladen, eigene Gewissheiten neu zu befragen.

Am Ende bleibt ein Werk, das intellektuell fordert, aber zugleich inspiriert; das nicht belehrt, sondern zum Denken verführt; das auch kleine Fehler und Lücken hat, aber gerade dadurch lebendig wirkt. Für welche Leser eignet es sich besonders? Vor allem für jene, die Freude an kulturellen und historischen Reflexionen haben, die essayistische Formen schätzen, die bereit sind, sich auf ein breites Panorama einzulassen, ohne einen festen methodischen Leitfaden zu erwarten. Leserinnen und Leser, die nach Anregungen für eigenes Weiterdenken suchen, werden hier reich belohnt. Wer hingegen eine streng wissenschaftliche Geschichte des Geschmacks oder eine klar strukturierte Analyse der sozialen Mechanismen dahinter wünscht, sollte andere Titel bevorzugen.

Ulrich Raulff bietet eine ebenso belesene wie persönliche Erkundung eines schwer zu fassenden Themas. Sein Buch ist ein intellektuelles Abenteuer, das durch Sprachkraft, historische Tiefe und gedankliche Offenheit überzeugt. Es eignet sich besonders für kulturinteressierte Leser, akademisch neugierige Geister und all jene, die lieber denken als sich belehren lassen.

 

 

 

Autor: Ulrich Raulff
Titel: „Wie es Euch gefällt — Eine Geschichte des Geschmacks“
Herausgeber: C.H.Beck
Seitenzahl: 480 Seiten
ISBN-10: 3406837301
ISBN-13: 978-3406837302

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