Christine Benz: „How to retire — 18 Wege zu finanzieller Sicherheit und persönlicher Erfüllung nach dem Job“

Die sogenannte Boomer-Generation der zwischen 1956 und 1965 Geborenen geht nach und nach in Rente. Sie werden Boomer genannt, weil es besonders starke Jahrgänge waren, die das deutsche Wirtschaftswunder in der frühen Bundesrepublik (und aus anderen Gründen auch in der DDR) in jener Phase des Aufschwungs ermöglichten; doch darauf kommt es hier gar nicht an, denn How to Retire ist ganz allgemein ein Ratgeber zum Thema Ruhestandsplanung, und die in ihm enthaltenen Tipps sind natürlich für alle Gold wert, die sich aus Altersgründen mit dem eigenen Ruhestand beschäftigen. Kleiner Tipp am Rande: Es ist ratsam, diese Planung nicht erst mit 60 in Angriff zu nehmen, sondern sich auch ruhig schon fünf oder gar zehn Jahre früher die Frage zu stellen, wie man sich das Leben nach dem Berufsleben vorstellt …

Ein Buch mit dem schlichten Titel How to Retire verspricht auf den ersten Blick wenig Überraschendes. Man erwartet Tabellen, Rechenbeispiele, die berühmte „Vier-Prozent-Regel“ und den Hinweis, dass man eben früher hätte anfangen müssen zu sparen. Doch Christine Benz, langjährige Finanzexpertin bei Morningstar, geht es um etwas anderes. Sie nimmt ihre Leser an die Hand und führt sie hinaus aus der engen Welt der Formeln in einen weiteren Raum, in dem der Ruhestand nicht nur eine Rechenaufgabe, sondern eine Lebensphase ist – mit eigenen Sorgen, Chancen und Schönheiten.

Benz’ Ansatz ist ein dialogischer: Sie lässt achtzehn Expertinnen und Experten aus Finanzwissenschaft, Psychologie, Alters- und Ruhestandsforschung zu Wort kommen und kommentiert deren Einsichten mit eigenen Beobachtungen. So entsteht ein vielstimmiges Buch, das eher an ein klug geführtes Gespräch erinnert als an ein trocknes Handbuch. Und wie in jedem guten Gespräch bleibt der Leser nicht als unbeteiligter Beobachter an der Seitenlinie stehen, sondern steht im Zentrum der Gespräche: als jemand, der noch arbeitet und insgeheim fürchtet, dass das Ersparte nicht reicht; als jemand, der viel angesammelt hat und doch ahnt, dass Geld allein keine Antwort auf Sinnfragen gibt; oder als jemand, der mit bangem Blick auf zu viel freie Zeit schaut und sich fragt, wofür die Jahre reichen sollen.

Gleich zu Beginn rückt Benz den Blick zurecht: Ruhestand ist kein Zeitpunkt, sondern ein Zustand. Sie lässt den Ökonomen Michael Finke erklären, dass Zufriedenheit im Alter nicht aus dem Kontostand erwächst, sondern aus Gesundheit, Beziehungen und dem Gefühl, noch gebraucht zu werden. Der Neurologe und Finanzdenker William Bernstein warnt davor, den Tag ohne Struktur zu unterschätzen – nicht das fehlende Geld, sondern die Leere der Zeit sei das größere Risiko. Benz verweilt bei solchen Sätzen, weil sie weiß, wie ungewohnt sie klingen für Menschen, die ein Leben lang gelernt haben, ihr Glück in Prozenten und Renditen zu messen.

Überhaupt ist ihr Buch durchzogen von einem leisen, fast literarischen Plädoyer für die Langsamkeit. Wer sich zurückzieht, so ihre Empfehlung, sollte den Ruhestand „probeweise“ erproben: ein halbes Jahr lang mit reduziertem Budget leben, erste freie Tage gestalten, ehe der letzte Arbeitstag gekommen ist. In solchen Versuchen zeigt sich nicht nur, ob die Rechnung aufgeht, sondern auch, ob das erträumte Leben trägt. Vielleicht erweist sich die Weltreise als Überforderung, während die kleine Gartenarbeit vor der Haustür einen ganz anderen Reichtum schenkt.

Natürlich kommt Benz nicht um die klassischen Themen herum: die Entnahmestrategien, die Unsicherheit der Märkte, die Frage, ob die Sozialversicherung hält, was sie verspricht. Doch sie referiert diese Komplexe mit einer wohltuenden Nüchternheit. Die „Vier-Prozent-Regel“ etwa taugt für sie nicht als Dogma, sondern als Richtschnur, die man dem eigenen Leben anpassen muss. Sozialleistungen beschreibt sie weniger als kompliziertes System, denn als psychologisches Rückgrat: Wer eine sichere Basis hat, darf mit seinem Vermögen mutiger umgehen. An solchen Stellen zeigt sich ihre Stärke: Sie nimmt den Schrecken aus den Zahlen und macht sie zu Werkzeugen, die den Alltag erleichtern, anstatt ihn zu beherrschen.

Besonders eindrücklich ist ihr Kapitel über Gesundheit. Wo andere nur Kostenstellen sehen, erkennt sie Kapital in eigener Sache. Wer in Bewegung, Ernährung, Vorsorge investiert, vermehrt nicht nur Lebensqualität, sondern senkt auch die Risiken, die jede Finanzplanung bedrohen. „Gesundheit ist Vermögen“, lautet ihre stille Formel. Umgekehrt formuliert, kann Krankheit lebensverändernd sein. Je älter wir werden, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir früher oder später auch mit Krankheiten konfrontiert werden. Das blenden viele bei ihrer Ruhestandsplanung aus — ebenso wie den Gedanken an das eigene Lebensende. Benz erinnert ihre Leser daran, dass kein Konto der Welt verlorene Zeit zurückerstatten kann.

Wenn sie über das Altern schreibt, über Pflegebedürftigkeit, über die Wahl zwischen Verbleib im eigenen Haus oder Umzug ins Heim, dann tut sie es ohne Pathos, aber mit spürbarer Empathie. Sie ermutigt zu Gesprächen in der Familie, bevor Entscheidungen unausweichlich werden, und gibt so eine Art seelischen Kompass. In diesen Abschnitten verwandelt sich das Buch in einen Begleiter, der nicht nur Rat gibt, sondern Anteil nimmt.

Und dann ist da das (eigentlich paradoxe) Problem des Ausgebens. Viele, die ein Leben lang eisern gespart haben, finden im Ruhestand nicht die Freiheit, sondern eine neue Fessel: die Angst, vom eigenen Vermögen zu zehren. Benz löst diese Fessel behutsam, indem sie daran erinnert, dass Geld dazu da ist, Freude zu ermöglichen. Sie spricht von „Mikro-Freuden“, den kleinen Dingen – einem Spaziergang, einer Mahlzeit, einer Begegnung –, die den Alltag reich machen. Ihr Rat ist fast subversiv: Wer sein Leben lang den Konsum gezügelt hat, darf im Alter auch einmal verschwenderisch sein – solange er sich selbst treu bleibt.

So fügt sich das Buch aus achtzehn Lektionen zu einer Philosophie: Ruhestand ist kein Rechenexempel, sondern eine Kunst der Gestaltung. Man muss sich nicht in Sicherheit wiegen, man muss lernfähig bleiben. Man braucht nicht das größte Vermögen, sondern eines, das die eigenen Werte trägt. Wer sich diesem Denken öffnet, erkennt den Ruhestand nicht als Abbruchkante, sondern als Übergang; nicht als Schlusspunkt, sondern als Beginn.

Benz schreibt dabei in einem Ton, der auffallend unaufgeregt ist. Sie ist keine Gurufigur, die Wunderformeln verspricht, sondern eine freundliche Weggefährtin, die mitgeht, Fragen stellt, vorsichtige Antworten gibt. Gerade in einer Literaturgattung, die von Angstmacherei und Patentlösungen wimmelt, wirkt diese Bescheidenheit wie eine Erleichterung.

Natürlich bleibt der Blick auf den Ruhestand auch trotz einer wirklich guten Übersetzung amerikanisch geprägt: Sozialversicherung, Medicare, Steuertricks — vieles gilt nur in den USA. Wer anderswo (beispielsweise in Deutschland) lebt, muss manches — auch im kulturellen Sinne —übersetzen. Und wer sich im Finanzwesen auskennt, findet in dem Buch keine revolutionären Neuigkeiten. Doch darauf kommt es nicht an. Die eigentliche Leistung von How to Retire ist der umfassende Blick der Autorin auf das komplexe Thema Ruhestandsplanung: weg von der Fixierung auf den Kontoauszug, hin zu einem Leben, das von einem gefüllten Bankkonto nur einen Teil seiner Sicherheit bezieht.

Die amerikanische Perspektive äußert sich natürlich auch in der Auswahl der Börsenplätze; hier steht die Wall Street im Mittelpunkt, was vor einigen Jahren vielleicht noch viele deutsche Anleger irritiert haben dürfte, heute jedoch dank der technischen Möglichkeiten der Portfolio-Gestaltung in Eigenregie für Investoren mit internationalem Horizont keinerlei Probleme darstellt.

Nach wenigen Seiten fällt es leicht, die entscheidenden Aussagen der amerikanischen Interviewpartner auf deutsche Verhältnisse und auf die eigene individuelle Situation zu übertragen und anzuwenden. Auf diese Weise erhält der Leser einen umfassenden und breit aufgestellten Ratgeber für die eigene Ruhestandsplanung, der eben nicht nur, wie viele andere Bücher zu diesem Thema, sich auf die finanzielle Planung beschränkt, sondern das Blickfeld auf diesen neuen Lebensabschnitt deutlich erweitert und auch eine Fülle an Tipps und Anregungen zur eigenen Lebensplanung liefert.

Für wen also ist dieses Buch gedacht? Für die, die sorgsam gespart und doch ein ungutes Gefühl haben. Für die, die noch mitten im Beruf stehen und wissen wollen, wie es weitergehen könnte. Für Witwen, die nicht wissen, ob das Geld reicht, und für Paare, die über ihr Haus nachdenken. Für alle, die nicht nur Vorsorge, sondern auch Vorfreude suchen.

Am Ende bleibt der Eindruck, dass Christine Benz ihren Lesern etwas Seltenes schenkt: Sie nimmt sie ernst als ganze Menschen. Sie sieht sie nicht bloß als Kapitalverwalter, sondern als Sinnsuchende, die ihre Sorgen nicht verdrängen, sondern verwandeln wollen. Sie gibt keine Patentrezepte, sondern Gelassenheit. Und so liest sich How to Retire nicht wie ein trockener Ratgeber, sondern wie eine Einladung, die Jahre nach der Arbeit nicht als Restzeit, sondern als erfüllte Gegenwart zu begreifen.

 

 

 

Autor: Christine Benz
Titel: „How to retire — 18 Wege zu finanzieller Sicherheit und persönlicher Erfüllung nach dem Job“
Herausgeber: Piper
Seitenzahl: 352 Seiten
ISBN-10: 3492068790
ISBN-13: 978-3492068796