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Richard Schneider: „Berlin — Industrie und Technik in der Malerei von 1847 bis 1929“

Am: | März 13, 2019

Industrie und Technik dürften diejenigen Bereiche der gesamtgesellschaftlichen Modernisierungstendenzen des 19. Jahrhunderts sein, die im Stadtbild der sich gleichzeitig formenden Großstädte — und hier allen voran in Berlin — die prägnantesten Spuren hinterlassen haben. Somit scheint es naheliegend, dass sich die Kunst auch immer mehr den Phänomenen der Großstadt zuwandte.

Mitte des 19. Jahrhunderts befreite sich die Malerei des Impressionismus von den Fesseln der akademischen Vorgaben und aus dem Dunkel der Ateliers. Ins Freie, in die Luft und die Landschaft, nach draußen ging die Maler-Bewegung, und neben die impressionistische Darstellung der Natur trat schon bald die künstlerische Reflexion der Überwältigung durch die sinnlichen Eindrücke der modernen urbanen Welt.

Die Malerei des Impressionismus stand noch lange Zeit im künstlerischen Wettbewerb mit dem neuen Medium der zeitgenössischen Fotografie. Diese hatte sich noch nicht als eigene Kunstgattung etabliert und ästhetisch von der Malerei emanzipieren können, war also in erster Linie reproduktiv und dokumentarisch.

Dass sich die Malerei in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts so lange gegenüber der Fotografie behaupten konnte, lag gewiss auch an der technisch bedingten Reduktion der Farbigkeit der Wirklichkeit auf das Schwarz, Weiß und Grautöne der Fotografien. Erst um 1900 mit dem Piktorialismus und nach 1920 durch die Emanzipation des Neuen Sehens wurde die Fotografie zu einer wirklich eigenständigen Kunstgattung.

Die sowohl von der Malerei als auch von der dokumentarischen Fotografie gewählten Sujets ähnelten sich. Es galt, das transitorische, den Wandel und das Neuartige im Stadtbild künstlerisch festzuhalten. Insofern ging es auch der Malerei zumindest während der Phase des Impressionismus vor allem um das Einfangen der Eindrücke, die durch die „steinernen Tatsachen“ jener neuen Lebenswirklichkeiten beim Betrachter ausgelöst wurden.

Der Kunsttheoretiker und Architekt August Endell verfasste 1908 eine kleine Schrift über „Die Schönheit der großen Stadt“, mit welcher er den Blick des Betrachters auf den ästhetischen Reiz eben jener Besonderheiten des Stadtbilds zu lenken versuchte. Sein bedeutendster Antagonist war seinerzeit sicherlich der Kunstkritiker Karl Scheffler, der unter Anderem in seinem Buch „Berlin — Stadtschicksal“ sehr klare Worte fand. Für Scheffler war Berlin „die Hauptstadt aller modernen Häßlichkeit“.

Jene Stadt, die laut Scheffler allein durch ihre geographische Anlage dazu verdammt war, „immer zu werden, niemals zu sein“, hat in der Zeit zwischen 1848 und 1929 eine wahrhaft märchenhafte Entwicklung vollzogen. Die Einwohnerzahl stieg von etwa 420.000 Einwohnern im Jahr 1848 auf über 4,3 Mio. Einwohner 1929. Natürlich hat die Gebietsreform mit der Eingemeindung der umliegenden Dörfer und Städte im Jahr 1920 auch dazu beigetragen, die Gesamteinwohnerzahl noch einmal deutlich zu erhöhen; jedoch unterstreicht dies nur die grundsätzliche Tendenz eines durch die Industrialisierung und den Ausbau der Verkehrswege angestoßenen und beschleunigten Migrationsprozess.

Gerade der Ausbau der Industrie und die fortschreitende Entwicklung des Schienennetzes beschleunigten sich in Berlin gegenseitig und führten zu mehreren Randwanderungen der Industrie aus den Innenstadtbezirken in die Außenbezirke. Je weiter man die Industriestandorte nach draußen verlagerte, umso schneller füllten neue Wohnsiedlungen die städtischen Lücken.

Für die Zeitgenossen und Augenzeugen dieser kräftigen Expansionsbewegungen war der Wandel ihres urbanen Umfeldes in jedem Moment spürbar. Das 19. Jahrhundert war das Zeitalter des Positivismus und des Fortschrittsoptimismus; in allen Bereichen der Wirtschaft, der Wissenschaften, der technischen sowie der sozialen und gesellschaftlichen Entwicklung standen die Zeichen auf Fortschritt.

Gleichzeitig bildete sich im Zuge der Modernisierung und der in ihr entstehenden Massengesellschaft unterhalb der bürgerlichen Schichten mit dem Proletariat eine neue Schicht, die größtenteils von prekären Arbeits- und Lebensbedingungen und sozialer Not geprägt war. Viele Maler — die Bilder in diesem Band zeigen es deutlich — versuchten sich gerade mit diesem Spannungsverhältnis von technischem Fortschritt und sozialen Verwerfungen künstlerisch auseinanderzusetzen.

Der Journalist und Buchautor Richard Schneider führt zunächst in einer wundervoll geschriebenen und anregenden Einleitung einen historischen Überblick über die städtische und industrielle Entwicklung sowie über die künstlerische Auseinandersetzung mit der Stadt Berlin, ihrer Industrie und Technik in der Zeit von 1847, kurz vor der bürgerlichen Revolution von 1848, bis zum Ende der Zwanzigerjahre (1929). Das ist — auch kunstgeschichtlich betrachtet — eine lange Zeit, immerhin 80 Jahre, in der nicht nur in allen gesellschaftlichen, politischen, ökonomischen und technischen Bereichen viel passiert ist, sondern natürlich auch im Bereich der Kunst und Ästhetik.

So erstreckt sich diese Bildersammlung gleich über mehrere Kunstepochen — vereinfacht gesagt: Impressionismus, Realismus und Expressionismus, Konstruktivismus und Neue Sachlichkeit. Der Bildteil dieses schönen Buches beginnt bei Adolph Menzel, der 1852 noch das berühmte Gemälde vom „Flötenkonzert Friedrich des Großen“ geschaffen hat, doch schon fünf Jahre früher sein Bild der „Berlin-Potsdamer Eisenbahn“ (1847). Sein „Eisenwalzwerk“ (1872-73) findet sich nicht in diesem Band, weil es ja die Königshütte in Oberschlesien zeigt, also kein Berliner Motiv.

Der Bildteil lädt den Leser/Betrachter ein auf eine historische Reise von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die letzten Jahre der Weimarer Republik. Zu jedem der hier vorgestellten Bilder gibt es eine ausführliche Beschreibung, die sowohl zeitlich als auch geographisch das Motiv im Stadtbild verortet. Weitere Hintergrundinformation betten das Motiv in die Berliner Stadtgeschichte ein.

So wird diese Reise gleichzeitig zu einem Gang durch die Stadt- und die Kunstgeschichte, zu einem Wandel durch die Gänge eines virtuellen Museums, in dem sich alles findet, was im 19. und im beginnenden 20. Jahrhundert in der deutschen Malerei Rang und Namen hatte:

Adolph Menzel, Ludwig Meidner, Hans Baluschek, Franz Skarbina, Max Pechstein, Erich Heckel, Lyonel Feininger, Ernst Ludwig Kirchner, Max Beckmann, Lesser Ury, George Grosz und Oskar Nerlinger, um nur die ganz großen Namen zu nennen.

Der Bildteil endet mit einem Bild von Gustav Wunderwald, dem „Bahndamm Berlin N“. Zu sehen ist in winterlicher Stimmung ein Bahndamm im Weichbild Berlins; ein Zug ist gerade vorbeigefahren, die roten Lichter des Zuges sind noch zu sehen, und weißer Dampf behauptet sich trotzig gegen die Macht jenes graublauen Winterhimmels über ihm.

Wir wissen nicht, ob der Zug in Richtung der großen Stadt fährt oder ob er sie gerade erst verlassen hat. Doch dieses letzte Bild hätte als Abschluss dieser schönen Sammlung nicht besser gewählt werden können. Denn es ist Abschied und Anfang zugleich: Abschied, wenn wir den Zug als einen wegfahrenden interpretieren; Anfang, wenn wir in ihm mitfahren, hinein in die große Stadt Berlin, wie es Julius Hart 1882 in seinem Gedicht „Auf der Fahrt nach Berlin“ schrieb:

Die Fenster auf! Dort drüben liegt Berlin!
Dampf wallt empor und Qualm, in schwarzen Schleiern
Hängt tief und steif die Wolke drüber hin,
Die bleiche Luft drückt schwer und liegt wie bleiern …

Uns Lesern ist möglich, was im wahren Leben nicht geht: am Ende dieses schönen Buches einfach wieder achtzig Jahre in der Zeit zurückzuwandern und wieder von vorne zu beginnen: bei Adolph Menzel und seinem Bild von der „Berlin-Potsdamer Eisenbahn“!

Fazit: ein wunderschönes Buch über das industrielle Berlin des 19. Jahrhunderts, über die Zeit der Industrialisierung und Modernisierung sowie über die Ästhetisierung von Industrie, Technik und Großstadt in der zeitgenössischen Malerei!

 

 

Autor: Richard Schneider
Titel: „Berlin — Industrie und Technik in der Malerei von 1847 bis 1929“
Gebundene Ausgabe: 106 Seiten
Verlag: Lukas Verlag für Kunst- und Geistesgeschichte
ISBN-10: 3867322996
ISBN-13: 978-3867322997

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