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Arnold Hauser: „Sozialgeschichte der Kunst und Literatur“

Am: | Juli 13, 2018

Arnold Hauser (1892 – 1978) zählt zweifellos zu den bedeutendsten Kultursoziologen des 20. Jahrhunderts. Ab 1916 gehörte er (durch Vermittlung seines Freundes Karl Mannheim) dem Budapester Sonntagskreis um Georg Lukács an, was für seine weitere intellektuelle und wissenschaftliche Entwicklung prägend war.

Kunst war für Hauser der standortgebundene Ausdruck eines gesellschaftlichen Zustands. Er verstand ein Kunstwerk auch (in Anlehnung an Karl Mannheims Wissenssoziologie) als ein „soziologisches Dokument“ sowie als eine gesellschaftliche Momentaufnahme, die immer auch ideologiekritisch hinterfragt werden kann und muss.

Dem Freund und Philosophen Karl Mannheim ist es auch letztlich zu verdanken, dass Arnold Hausers Sozialgeschichte der Kunst und Literatur geschrieben wurde: 1940 hatte ihn Mannheim um ein Vorwort zu einer Anthologie kunstsoziologischer Aufsätze gebeten; dieses Vorwort wurde nie geschrieben, stattdessen verfasste Arnold Hauser in den kommenden zehn Jahren dieses epochale kunstsoziologische Werk, das völlig zurecht zu einem Standardwerk der Sozialgeschichte der Kunst und Literatur wurde.

Erst relativ spät, in den 1960er Jahren, bildeten sich in Deutschland Tendenzen einer historischen Sozialwissenschaft heraus, die einen verstärkt sozialgeschichtlichen Fokus auf Kultur und Gesellschaft richteten und gesellschaftliche Aspekte in die Geschichtsschreibung mit einbezogen. Aus dieser Perspektive betrachtet, war Arnold Hauser ein früher Vorläufer jener historischen Ausrichtung der Soziologie und anderer Sozialwissenschaften, und seine 1951 erschienene Sozialgeschichte der Kunst und Literatur darf zurecht als Blaupause für zahlreiche spätere sozialgeschichtliche Abhandlungen verstanden werden.

Hausers Sozialgeschichte übertrug als eine der ersten Abhandlungen soziologische Fragestellungen auf andere Disziplinen (Kunst, Literatur, Musik, Theater, Film) und bot dank ihres neuen Blickwinkels völlig neue Zugänge und Einblicke in die soziologischen Zusammenhänge. Auf diese Weise vermittelte Hauser nicht nur neue Erkenntnisse zum Verständnis der menschlichen Motivationen für ihr künstlerisches Schaffen, sondern beschreibt auch in sehr lesbarer Form die komplexen Zusammenhänge und Wechselbeziehungen zwischen Kunst und Gesellschaft durch alle Zeitalter hindurch von der Steinzeit bis ins 20. Jahrhundert.

Nicht nur das breite Spektrum der wissenschaftlichen Betrachtung, sondern auch die ungebrochene Aktualität von Hausers Fragestellungen macht seine Sozialgeschichte der Kunst und Literatur bis heute zu einem Standardwerk der Kunstsoziologie.

1000 Seiten Sozialgeschichte der abendländischen Kunst und Literatur von der Steinzeit bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts. — Wie geht man mit solch einem Buch um? Man könnte sich beispielsweise vornehmen, bis auf Weiteres freiwillig auf das abendliche Fernsehen und anderes Divertissement zu verzichten und sich in dieser nun zur Verfügung stehenden Zeit der Lektüre dieses beeindruckenden sozialgeschichtlichen Ziegelsteins hinzugeben.

Nehmen wir an, man würde nur zehn Seiten pro Tag schaffen, so hätte man immer noch satte drei Monate der köstlichsten Lektüre vor sich! Danach ist man nicht nur bedeutend schlauer als zuvor, sondern man hat vielleicht auch diese lästige Zeitverschwendung namens Fernsehkonsum aus seinem Leben verbannt.

Das einzige Problem könnte sein, dass man in seiner Nachbarschaft und im Freundeskreis kaum noch Anknüpfungspunkte für ein oberflächliches Gespräch über Alltägliches finden wird; dem ließe sich begegnen, indem man wenigstens die Nachrichten schaut und auf diese Weise zumindest peripher am Zeitgeschehen teilnimmt und basal über die Entwicklungen der Weltpolitik informiert ist. Doch mal ehrlich, wer diese erhebende Lektüre hinter sich hat, wird sich nur noch schwer für den täglichen Kleinkram unserer ach so wichtigen Zeit begeistern können, sondern nur noch weise (und ein wenig müde) über das ewige Hamsterrad tagespolitischer Meinungsmache lächeln.

Wollte man diese Neuorientierung der abendlichen Freizeitgestaltung auf die Spitze treiben, so ließe sich Arnold Hausers Sozialgeschichte der Kunst und Literatur vortrefflich ergänzen durch eine Parallel-Lektüre von Egon Friedells Kulturgeschichte der Neuzeit. Mit diesem zweiten Leseprojekt (1.520 Seiten in zwei Bänden) könnte man (nach obigem Zeitmaß gerechnet) etwa nach vier Wochen einsetzen (280 Seiten Hauser). Durch Friedells Kulturgeschichte würde der Fokus einerseits geweitet (von Kunst und Literatur auf die Kultur insgesamt), andererseits „beschränkt“ sich Friedell in seinem historischen Abriss auf die Zeit von der Renaissance bis ins frühe 20. Jahrhundert. Um in etwa zeitgleich mit Hausers Sozialgeschichte zu enden, wären täglich zusätzlich etwa 26 Seiten Kulturgeschichte zu lesen, was bei Egon Friedells ausschweifendem Wiener Erzählstil kein sonderliches Problem darstellt.

Was hat man am Ende gewonnen? Sicherlich die Erkenntnis, dass unsere Kultur im Allgemeinen — und Kunst und Literatur im Besonderen — aus einem zutiefst menschlichen Gestaltungsbedürfnis heraus entstanden sind; dass Kunst und Literatur schon immer Formen der Interpretation der Wirklichkeit waren und der gemeinsamen Verständigung über eine angemessene Weltdeutung dienten; dass Kultur niemals statisch oder hermetisch verstanden werden kann, sondern immer nur im Austausch mit anderen Kulturen sich befruchtet und entwickelt; dass die Motivationen für künstlerisches oder kulturelles Handeln in allen Zeitaltern ähnlich waren.

 

 

Autor: Arnold Hauser: „Sozialgeschichte der Kunst und Literatur“
Gebundene Ausgabe: 1.136 Seiten
Verlag: C.H.Beck
ISBN-10: 3406721095
ISBN-13: 978-3-406-72109-0

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