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Johannes Fried: „Die Deutschen — Eine Autobiographie“

Am: | Mai 28, 2018

Was ist deutsch? Gibt es eine Leitkultur? Sind wir Deutschen ein Volk, das stolz auf sich ist? — Das sind nur einige jener Fragen, die in letzter Zeit wieder eine Aktualität erlangt haben, welche viele von uns so nicht erwartet haben. Nachdem in Europa wieder das Gespenst des Nationalismus umgeht, drehen auch in Deutschland die Gestrigen wieder fleißig am Rad. Diese Renaissance der Retrotopisten und Ewig-Gestrigen ist umso bemerkenswerter, als die Welt immer bunter und die Kultur immer globaler wird. Globaler und einförmiger — vielleicht ist hier ein Grund für diesen nationalnostalgischen Rückwärtstrend zu finden.

Woher auch immer diese Deutschseligkeit kommen mag, wir haben ein falsches Selbstbild. Exportweltmeister, Fußball-Weltmeister, Land der Dichter und Denker, ein Land, in dem noch Recht und Ordnung herrschen — all dies ist richtig, und doch gibt es auch Gegenstimmen, und es gab sie schon immer.

Der Historiker Johannes Fried hat nun eine beeindruckende Studie vorgelegt, die entlang der deutschsprachigen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart Stimmen versammelt, welche sich an Deutschland reiben und diesen seltsam unfassbaren Begriff zu fassen versuchen.

Bis zu seiner Emeritierung war Johannes Fried Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Goethe-Universität in Frankfurt. Er ist erfolgreicher Autor zahlreicher historischer Publikationen; unter anderem erhielt er für seine Arbeiten 1995 den Preis des Historischen Kollegs und 2006 den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa.

Eine „Autobiographie“ nennt der Autor diese Spurensuche nach den Wurzeln des/der Deutschen. Vor allem aber und mehr noch ist es eine Art Selbstverständigung über das, was deutsch ist oder besser: was wir uns unter einem Deutsch-Sein vorstellen. Denn dieses Volk der Deutschen hat eine schwierige Entwicklungsgeschichte hinter sich als die meisten anderen Nationen.

Deutschland ist das Land der „Dichter und Denker“, so sagt man, doch nicht einmal die Original-Quelle dieses Etiketts ist überliefert, von einem Nachweis der Richtigkeit ganz u schweigen. Nicht zuletzt die deutsche Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ließ fundamentale Zweifel daran aufkommen, ob mit uns noch alles in Ordnung ist.

Eine Selbstverständigung ist nicht selten mit einem Prozess der Selbstfindung verbunden; manchmal geht die eine der anderen voraus, manchmal vollzieht sich die Findung im kollektiven Austausch und wird durch sie selbstverständlich. Leicht haben wir Deutschen es uns nie gemacht mit unserem Patriotismus: nicht uns selbst und auch nicht unseren Nachbarn. Heutzutage werden bei Fußball-Weltmeisterschaften wieder Fähnchen geschwenkt, aber sonst? Wer ist stolz darauf, ein Deutscher zu sein? Und wenn er es ist, so liegt einem die Frage nach dem Warum sogleich auf der Zunge. Viele sehen sich eher als Europäer denn als Deutsche; das ist auch weniger verfänglich und hatte lange Zeit einen guten Klan in der Welt, bis vor einigen Jahren ein europäischer Nachbar nach dem anderen damit begann, sich auf dumpf-nationalistische Positionen zurückzuziehen.

Wer sind die Deutschen? Was ist deutsch? Wer ist das Volk? Wer die Nation? — Wer mit dem emeritierten Historiker Johannes Fried auf eine historische literarische Spurensuche geht, wird am Ende dieser vierhundert Seiten nicht nur eine Fülle von erstaunlichen Anekdoten erfahren, sondern auch das Eine oder Andere finden, worauf er (oder sie) als Deutsche(r) wirklich stolz sein kann.

 

 

Autor: Johannes Fried
Titel: „Die Deutschen — Eine Autobiographie“
Taschenbuch: 400 Seiten
Verlag: C.H.Beck
ISBN-10: 3406720382
ISBN-13: 978-3406720383

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