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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Marie Haller-Nevermann: „Mehr ein Weltteil als eine Stadt… — Berliner Klassik um 1800 und ihre Protagonisten“

Am: | April 24, 2018

Wenn im kulturellen Kontext von „Klassik“ die Rede ist, so denken wir reflexartig an Weimar. Das ist so naheliegend wie falsch.

Ohne Zweifel waren Weimar und Jena in der Zeit um 1800 bedeutende Zentren der Kultur, Kunst und Literatur. Doch es gab im deutschsprachigen Raum noch ein weiteres Zentrum, in dem Kultur und Wissenschaften in einem bislang ungekannten Ausmaß gefördert und entwickelt wurden: die preußische Hauptstadt Berlin.

„Die Phase der Hochkultur in der preußischen Hauptstadt Berlin lässt sich annähernd datieren auf die Zeit zwischen 1786 (Todesjahr Friedrichs des Großen) und dem Wiener Kongress 1815 (Beginn der Restaurationszeit).“

Bei Weimar denken wir an das Viergestirn (Goethe, Schiller, Wieland und Herder), doch bei Berlin haben wir es mit einem viel größeren Spektrum zu tun als mit den schönen Künsten der Literatur. Hier nur ein paar Namen, die mit Berlin um 1800 auf Engste verbunden sind: Moses Mendelssohn, Lessing, Nicolai, Wilhelm und Alexander von Humboldt, E. T. A. Hoffmann, Karl Philipp Moritz, Heinrich von Kleist, Carl Gotthold Langhans, Karl Friedrich Schinkel, August Wilhelm Iffland, Johann Gottfried Schadow, Ludwig Tieck, Rahel Varnhagen, Bettina von Arnim usw. usf.

Angesichts dieser beeindruckenden Liste von Berühmtheiten aus den verschiedensten Disziplinen der Natur- und Geisteswissenschaften, Architektur, Stadtplanung, Theaterkunst und Literatur scheint es nicht übertrieben, mit gleichem Recht wie für Weimar auch von einer Berliner Klassik zu sprechen.

Das Forschungsprojekt Berliner Klassik. Großstadtkultur um 1800 unter der Leitung von Conrad Wiedemann an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften hat hierzu die nötige Grundlagenforschung erbracht, auf die die Autorin in ihrem Buch immer wieder zurückgreift.

In Weimar wie in Berlin war die Zeit um 1800 ein „der Aufklärung verpflichtetes Zeitalter der ästhetischen Ideale“, in der es zu einer wahren „Revolution des Geistes“ gekommen ist. Das neue Programm lautete: „Kunsterfahrung als Anleitung […] zum bewussten Gestalten der Welt“.

Der Kunstgenuss sollte, metaphorisch ausgedrückt, bestimmte neue Saiten in der Seele des Menschen zum Klingen bringen, die ihm einen neuen gestalterischen Zugang zur Welt und damit auch zur Gestaltung des eigenen Lebens eröffnen.

Mit dem vorliegenden Buch verfolgt die Autorin das Ziel, einerseits die problematische Dominanz der Weimarer Klassik infrage zu stellen und andererseits den neuen (und längst überfälligen) Begriff einer Berliner Klassik zu etablieren. „Das Ziel ist eine Epochenrekonstruktion; dieses Zeitalter und seine wichtigsten Protagonisten sollen in das kulturelle Gedächtnis zurückgeholt werden.“

Wollte man alle wichtigen Protagonisten jener Zeit in aller Ausführlichkeit vorstellen, so wäre dies ein Schreibprojekt, welches mehrere Bände umfassen würde. Also war die Autorin Marie Haller-Nevermann gezwungen eine subjektive Auswahl zu treffen. So beleuchtet sie in ihrem Buch die Berliner Bürgerkultur um 1800 aus elf unterschiedlichen Perspektiven, wobei jeweils eine Persönlichkeit des jeweiligen Bereichs mit ihrer Biografie paradigmatisch im Vordergrund steht.

Für die Architektur Carl Gotthard Langhans; für die Stadtplanung Karl Friedrich Schinkel; die Bildhauerkunst wird von Johann Gottfried Schadow repräsentiert; für die Theaterkunst August Wilhelm Iffland; für die Verbindung von Literatur und Psychologie Karl Philipp Moritz; für die Sing-Akademie Carl Friedrich Fasch und Carl Friedrich Zelter; der Diskursraum der Berliner Salons mit Rahel Varnhagen und Henriette Herz; die Berliner Frühromantik mit Ludwig Tieck und Wilhelm Heinrich Wackenroder; das moderne Pressewesen mit Heinrich von Kleist; E. T. A. Hoffmann dient als Folie für die Beschreibung eines Multitalents; Wilhelm von Humboldt für das Berliner Bildungswesen.

Ein kurzer Blick auf den letzten Absatz genügt um zu verstehen, dass „das klassische Berlin das erste deutsche Versuchslabor urbaner Modernisierung“ war. Anders als in Weimar, für das vor allem „die Landschaft der geistige Schwingraum der klassischen deutschen Kultur“ ist, wird im preußischen Berlin durch die wachsende und sich entfaltende Bürgerkultur ein urbanes Experimentierfeld geschaffen, das seinerzeit im deutschsprachigen Raum seinesgleichen sucht.

Goethe begriff Weimar ganz und gar als Landschaft. Die Stadt war für ihn stets ein die Kreativität bedrohender Raum. Dies erklärt auch, warum der Großstädter Goethe (geboren in Frankfurt) dem Ruf ins beschauliche Fürstentum Weimar folgte: Der konservative Goethe wählte ganz bewusst die klar geordnete und reibungslose Kleinstruktur im Umfeld des Weimarer Hofes, um dort, quasi unter dem Artenschutz eines „kulturellen Reservats“, sein klassisches Bildungsprogramm für eine aristokratische Elite zu entwickeln. Diese sollte dann ihr Wissen und ihre Kultur in die Welt tragen und auf diese Weise zu einer kulturellen Transformation der Gesellschaft beitragen.

Der Berliner Weg war, wenn man so will, dem genau entgegengesetzt. Überspitzt formuliert, schaffte Weimar die klassischen Werke, mit deren Hilfe das Bildungsniveau gehoben werden sollte, und Berlin ermöglichte auf allen Ebenen den freien Zugang zu den Bildungsgütern, wodurch es die gesellschaftlichen Voraussetzungen für eine grundlegende Demokratisierung des Bildungswesens schaffte.

Während das Bildungsideal der Weimarer Klassik von einer Vermittlung „top-down“ ausging, war den Berliner Geistesgrößen vor allem die Schaffung von freiem Zugang für alle Bürger ein Anliegen: freie Museen, freie Bildungsmöglichkeiten sowie jene bereits oben erwähnte „Kunsterfahrung als Anleitung zum bewussten Gestalten der Welt“ standen in der neuentstehenden Bürgerkultur Berlins im Vordergrund.

Es war jener „Wunsch nach einer grundlegenden historischen Erneuerung“ sowie „das ambitionierte Ziel weitgehender, an den Erkenntnissen der Aufklärung orientierter Reformen“, welche die Berliner Reformer antrieb. Nach dem Tod Friedrichs des Großen öffnete sich eine Tür für solche Entwicklungen, und in den kommenden Jahren nach 1786 begann eine kurze, aber äußerst fruchtbare Phase politischer, kultureller und gesellschaftlicher Entwicklung, die erst 1815 mit dem Einsetzen der Restaurationszeit ihr vorläufiges Ende fand.

„Diese Phase des Neubeginns verdichtet sich in der preußischen Hauptstadt zu einem urbanen Kulturkonzept, zu einer einschneidenden Emanzipationsbewegung, die in der kurzen glanzvollen Phase der preußischen Reformen gipfelt.“ In Weimar wie in Berlin ging es „um Selbstbestimmung, um ein Individualitätskonzept, um emanzipierte Forderungen, die auf den Grundüberzeugungen der Aufklärung, der Empfindsamkeit, des Idealismus basieren.“

Berlin und Preußen werden gedanklich zumeist mit einer starken Konzentration auf das Militärwesen verbunden, was im Hinblick auf die preußische Geschichte auch naheliegend ist. Allerdings war und wurde Berlin gerade in jener Zeit um 1800 auch zu einem Ort der Wissenschaften und der Kunst sowie der Reformen. „Die Berliner Klassik war das Gegengewicht zu der Tradition des preußischen Militärstaates und zugleich Wegbereiter der modernen Entwicklungslinien in Berlin.“

In Berlin bildete sich eine frühe Großstadtkultur heraus, die von Grund auf bürgerlich war. Das aufklärerische Bildungsprogramm wurde hier in allen Bereichen der Wissenschaften und der Kunst, der Kultur sowie auf dem Gebiet sozialer Reformen umgesetzt. „Die Autonomie der Kunst (Karl Philipp Moritz), der Fantasie (Ludwig Tieck), der Wissenschaft (Wilhelm von Humboldt), der Bildung (Friedrich Schleiermacher) und der Lebenspläne (Rahel Levin, Heinrich von Kleist) standen zur Disposition.“

Dieser breite und zugangsfreie Ansatz unterscheidet die Berliner Klassik grundlegend von den eher elitären und esoterischen Zirkeln der “Weimarer Klassik“. Während in Weimar noch der Hof des kleinen Fürstentums das Zentrum des klassischen Bildungsprogramms war, vollzieht sich „in dem geistigen Berlin um 1800 […] die kulturelle Emanzipation der Bürgerstadt vom Hof, im Hinblick auf das Individuum bedeutet das den Gleichheitsanspruch des Untertans mit dem Bürger.“

In der Zeit um 1800 verdoppelte sich die Einwohnerzahl der preußischen Hauptstadt von etwa 140.000 auf fast 300.000 Einwohner. Berlin expandierte. Dennoch war Berlin noch längst keine Weltstadt wie Paris (über 500.000) oder gar London (900.000 Einwohner), und doch war es die Phase eines grundlegenden strukturellen Wandels. Mit dem sprunghaften Zuwachs seiner Bevölkerung bildete sich auch in Berlin etwas heraus, das man mit dem Begriff der Urbanität umschreibt: eine moderne Bürgerkultur.

Von Jean Paul stammt jenes Zitat, das auch im Buchtitel aufgegriffen wurde, Berlin sei „mehr ein Weltteil als eine Stadt“. Die ersten Schritte in eine Modernisierung der städtischen Strukturen wurde flankiert von einer grundlegenden Reform der kulturellen und bildungsrelevanten Strukturen. Der Bau von Museen und Theatern bis hin zur Einführung des Humanistischen Gymnasiums und die Gründung der Berliner Universität durch Wilhelm von Humboldt sind alle von demselben aufklärerischen Gedanken getragen, die Mündigkeit der Bürger durch eine flächendeckende Gewährleistung von Bildungszugängen zu fördern und somit die Grundlagen für die Schaffung einer bürgerlichen und emanzipierten Gesellschaft zu schaffen.

Das zentrale Kapitel dieses Buches findet sich übrigens mitten im Buch: Es handelt sich um die Beschreibung der Berliner Salonkultur. Sie war das Werk vor allem von Jüdinnen wie Henriette Herz und Rahel Levin (später Varnhagen). In ihren Salons traf sich alles, was in Berlin Rang und Namen hatte, auf Augenhöhe. Dies war eine Neuheit, und allein die Tatsache, dass es gerade Jüdinnen (!) und Frauen (!) waren, die in ihre Salons einluden, um hier frei über Literatur, Kunst, Kultur sowie über philosophische und gesellschaftliche Fragen zu diskutieren, war in Deutschland einzigartig.

Dem Salon-Kapitel vorangestellt ist ein Abschnitt über Moses Mendelssohn. Mit ihm fing in der Tat alles an. „Das Fundament der Berliner Klassik wird gelegt durch den Freundschaftsbund zwischen Gotthold Ephraim Lessing und Moses Mendelssohn, dem Schöpfer des modernen Judentums, dem Lessing mit seiner Figur des Nathan ein berühmtes Denkmal gesetzt hat.“

Mendelssohn steht für die geistesgeschichtliche Strömung der Haskala, der jüdischen Aufklärung, mit der er den Juden Anschluss an die europäische Aufklärung ermöglichte und gleichzeitig die wichtigsten Reformen für ein modernes Judentum anstieß. Die Haskala übersetzte die zentralen aufklärerischen Gedanken für die jüdische Bevölkerung und trug somit auch nachhaltig zur Hebung der Stellung der Frauen bei.

Ohne Mendelssohn wären diese Berliner Salons nicht denkbar gewesen, und umgekehrt ohne diese Salons nicht die Berliner Klassik in jener breiten Vorwärtsbewegung. Diese von Jüdinnen geführten Salons wurden zu den zentralen Knotenpunkten eines interdisziplinären Netzwerks. Hier wurde engagiert diskutiert und hier wurden über die Schranken der Disziplinen wie der Konventionen Gespräche geführt; natürlich waren die Salons auch ein attraktiver Heiratsmarkt, das soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben.

„In dieser Zeit bekommt Berlin ästhetisch und geistig eine neue Kontur, durch die Werke von Langhans, Schinkel, Schadow und vielen anderen entsteht das noch heute erkennbare ‚Spree-Athen‘ als Konzept und als Gestalt.“

Der Autorin gelingt es in diesem sehr unterhaltsam geschriebenen und äußerst lehrreichen Buch, „die geistig-kulturelle Entität dieser Stadt in der Zeit um 1800“ zu beschreiben. „Trotz der Diversität der Konstellationen und der vielfältigen Wechselbeziehungen wird eine weitgehend chronologische Darstellung der literatur- und geistesgeschichtlichen Entwicklung versucht.“

Dieser Versuch ist durchaus gelungen! Vielleicht hätte man sich manchmal etwas ausführlichere Schilderungen des damaligen Berliner Alltagslebens gewünscht; doch im Literaturverzeichnis findet sich u. a. der Hinweis auf eine Publikation, die diese Aufgabe mit Bravour erfüllt und auf diese Weise das vorliegende Buch über die Berliner Klassik um 1800 geradezu perfekt ergänzt: Bruno Preisendörfers Als Deutschland noch nicht Deutschland war — Eine Reise durch die Goethezeit. Um eine wirklich umfassende Vorstellung von dieser spannenden Sattelzeit um 1800 zu bekommen, sollte man am besten beide Bücher (das hier besprochene und das von Preisendörfer) parallel lesen.

Marie Haller-Nevermanns unterhaltsam und abwechslungsreich geschriebene Schilderung des Berliner Geisteslebens um 1800 gewährt erstmals in diesem Umfang eine Vorstellung davon, welche Aufbruchsstimmung in jener kurzen Blütezeit bis zur Restauration in der preußischen Hauptstadt geherrscht haben muss. Während in Weimar vor allem das Kunst-Programm der Weimarer Klassik entworfen wurde, entwickelte sich in Berlin eine Bürgerkultur, die für kurze Zeit von Toleranz und Gleichberechtigung sowie von den Gedanken der Aufklärung geprägt war.

Gerade hier in Berlin (und eben nicht in Weimar!) wurden damals die wirklich ersten Schritte des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit unternommen. In allen Bereichen der Naturwissenschaften, der Künste, der Kultur und des gesellschaftlichen Lebens trauten sich die Menschen, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen. Die preußischen Reformen setzten ihrerseits die Bestrebungen nach einer besseren Zukunft um. Damit begann die Entwicklung einer bürgerlichen Gesellschaft und einer großstädtischen Kultur sowie der Übergang in die Epoche der frühen Moderne.

 

 

Autor: Marie Haller-Nevermann
Titel: „Mehr ein Weltteil als eine Stadt… — Berliner Klassik um 1800 und ihre Protagonisten“
Gebundene Ausgabe: 512 Seiten
Verlag: Galiani Berlin
ISBN-10: 3869711132
ISBN-13: 978-3869711133

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