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Hildegard Kernmayer, Simone Jung (Hg.): „Feuilleton — Schreiben an der Schnittstelle zwischen Journalismus und Literatur“

Am: | April 9, 2018

Anfangs war die Entstehung des Feuilletons einer drucktechnischen Ursache geschuldet. In den Jahren um 1800 verlängern viele französische Zeitungen das Seitenformat ihrer Paris-Ausgaben um etwa ein Drittel.

Der Raum am unteren Seitenende wurde durch einen Strich vom oberen Textteil abgetrennt und meist auch typographisch vom berichtsteil der Zeitung abgesetzt. Als Terminus technicus beschreibt das Feuilleton im Druckgewerbe eben jenen Faszikel, der etwa ein Drittel eines Druckbogens umfasst.

Dieser Raum wurde nun nach dem Druck vom Berichtsteil abgetrennt und als Beiheft den Pariser Ausgaben beigelegt, während in die Provinz lediglich der Hauptteil der Zeitung geliefert wurde. Somit wurde ins Feuilleton ausgelagert, was im Hauptteil der Zeitung keinen Platz mehr fand. In den französischen Revolutionsjahren gab es naturgemäß viel zu berichten, und so landete im Feuilleton alles, was nicht ganz so wichtig oder auch nur für einen Teil der Leser als relevant erschien.

Das Pariser Beiheft wurde vor allem mit dem aktuellen Theaterprogramm, mit Annoncen und kurzen literarischen Texten gefüllt. Später landeten auch nicht-fiktionale Texte im Feuilleton, das seit jeher als Schnittstelle zwischen Literatur und Journalismus verstanden wurde.

Naheliegend war das Feuilleton auch als Ort der Theater- und Literaturkritiken. In deren Windshatten wurden auch kulturelle Debatten und essayistische Texte zur beliebten feuilletonistischen Lektüre der Zeitungsabonnenten.

Später wurde das Feuilleton zu einem natürlichen und wichtigen Bestandteil der meisten Tageszeitungen. Der Annoncenteil wurde wieder vom Feuilleton getrennt und jenem mehr Raum gewährt als zuvor. Das Feuilleton wurde zum Forum für den intellektuellen Austausch und für kulturelle Debatten. In der Mitte des 19. Jahrhunderts war sogar eine „Feuilletonisierung“ der gesamten Zeitungen zu beobachten. Der literarische Stil fand auch in Reisebildern, Korrespondenten-Briefen und weiteren Nachrichtenformaten Eingang.

Nach dem Ersten Weltkrieg fand das Feuilleton in den deutschen Zeitungen seinen Höhepunkt. Die hohe Qualität der literarischen und wissenschaftlichen Debatten der Weimarer Zeit wird deutlich, wenn man nur einige Namen nennt: Egon Erwin Kisch, Karl Kraus, Thomas Mann, Siegfried Kracauer, Walter Benjamin, Joseph Roth.

Im Feuilleton wurde zu jener Zeit nicht nur über die Kultur(-Politik) gestritten, die soziale Wirklichkeit und zeitdiagnostisch analysiert, sondern hier fanden auch die großen literarischen Experimente jener Zeit ihr Publikum, wurden gelesen und diskutiert.

Dann kam die Zeit nach 1933 und mit ihr der Untergang des Feuilletons. Als ein typisch französisches — ja, typisch jüdisches Textformat wurde das Feuilleton im Nationalsozialismus abgeschafft zugunsten einer Neuordnung der nationalen Kultur, deren „Programm“ direkt mit dem Berichtsteil der Zeitungen verwoben wurde.

Nach 1945 konnte das Feuilleton nicht mehr an die Qualität der Zwischenkriegszeit anschließen, nicht zuletzt wegen der Vernichtung oder Emigration jüdischer Intellektueller im Dritten Reich. Doch das Feuilleton fand seinen neuen Platz als populäre Schnittstelle zwischen Kultur, Wissenschaft, Kunst und Politik.

Das Feuilleton der Gegenwart präsentiert sich hingegen eher als eine „relativ geschlossene Welt der aufeinander reagierenden Kulturteile in der überregionalen Tages- und Wochenpresse“. Es handelt sich also überwiegend um einen Inner circle der Feuilletonisten, um ein Feuilleton der Feuilletons nach dem Motto: „Zeitung X hat berichtet, dass…“ oder „Laut Y wird der Schriftsteller Z…“ — mithin um eine ziemlich esoterische und langweilige Angelegenheit.

Doch die Geschichte des Feuilletons ist spannend, wie man es sich kaum vorstellen kann. Der vorliegende Sammelband mit schlauen Beiträgen zum Thema Feuilleton wird von Hildegard Kernmayer und Simone Jung herausgeben. Hildegard Kernmayer forscht und lehrt an der Universität Graz zu Fragen der Ästhetik und Poetik in der Literatur und Publizistik des 18. bis 21. Jahrhunderts; Simone Jung forscht am Institut für Soziologie an der Universität Hamburg über das Politische im Feuilleton der Gegenwart. Beide haben für diesen Sammelband eine wirklich illustre Schar von Literatur- und Kulturwissenschaftlern, Mediensoziologen und Journalisten gebeten, Beiträge einzuliefern.

So werden die Aufsätze für diesen Band in fünf große Abschnitte unterteilt: 1. Das Feuilleton als Form und Schreibweise; 2. Feuilleton und Reportage; 3. Feuilleton und Literatur; 4. Das Feuilleton als Ort der Debattenkultur; 5. Die Zukunft des Feuilletons.

Wer sich mit dem aktuellen Forschungsstand in Sachen Feuilleton vertraut machen möchte, kommt um diesen (mit knapp 400 Seiten) recht umfangreichen Sammelband nicht herum. Insofern ist die Lektüre für jeden kultur- oder literaturwissenschaftlichen Studierenden Pflicht.

Doch selbst für den interessierten Laien ist dieser Sammelband interessant, bildet er doch das gesamte Spektrum dieses spannenden Medienformats ab, beschreibt seine historische Entwicklung von den Anfängen bis zur Gegenwart und versucht sogar einen Ausblick in die Zukunft des Feuilletons zu geben!

Die hier versammelten wissenschaftlichen Beiträge von neunzehn Autoren aus den verschiedenen Disziplinen zeugen von ihrer großen fachlichen Kompetenz und von ihrem hohen Reflexionsvermögen. Umso schöner ist die Tatsache, dass die Texte leicht verständlich und gut lesbar sind — wie man es auch von einem guten Feuilleton erwarten würde!

 

 

Autor: Hildegard Kernmayer, Simone Jung (Hg.)
Titel: „Feuilleton — Schreiben an der Schnittstelle zwischen Journalismus und Literatur“
Taschenbuch: 398 Seiten
Verlag: transcript
ISBN-10: 3837637220
ISBN-13: 978-3837637229

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