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Victor Klemperer: „Warum soll man nicht auf bessere Zeiten hoffen — Ein Leben in Briefen“

Am: | März 28, 2018

Wie kann man so optimistisch bleiben in einer Zeit der Umbrüche, während ein Privileg nach dem anderen genommen wird und man erst durch seinen Verlust der Tatsache gewahr wird, dass es sich um ein privilegiertes Leben gehandelt hatte? Wie lässt sich in solch einer Situation weiterleben und weiterarbeiten?

Victor Klemperer dürfte den meisten Lesern vor allem durch LTI (Lingua Tertii Imperii), seine Sprachanalyse des Dritten Reiches, bekannt sein. Doch würde man sein philologisches Werk auf diese im Verborgenen geschriebene Studie reduzieren, so würde man Klemperer in keiner Weise gerecht. LTI wurde heimlich als das „Notizbuch eines Philologen“ geschrieben, als die Nationalsozialisten ihn längst mit einem Arbeitsverbot belegten. Erst nach dem Kriegsende konnte es veröffentlicht werden. Doch Victor Klemperers eigentliches Forschungsfeld war die französische Literatur des 18. Jahrhunderts.

Geboren am 9. Oktober 1881 in Landsberg an der Warthe, wuchs er in einer jüdischen Rabbinerfamilie auf; sein Vater wird bald in Berlin Zweiter Prediger der liberalen Jüdischen Reformgemeinde. Die ganze Familie ist von einem starken Assimilierungswillen geprägt, und so schlägt auch Victor eine akademische Laufbahn ein, allerdings in geisteswissenschaftlichen Fächern; er dann Philosophie, Romanistik und Germanistik in München, Genf, Paris und Berlin. In den 1910er Jahren ließ er sich promovieren und habilitierte sich bei Karl Vossler mit einer Arbeit über Montesquieu.

Vor dem Ersten Weltkrieg arbeitete er als Lektor, meldete sich dann 1915 als Kriegsfreiwilliger an die Front. Im Jahr 1920 wurde er als Professor für Romanistik an die Technische Hochschule Dresden berufen. Nach Inkrafttreten des Reichsbürgergesetzes im Jahr 1935 wurde Klemperer aus seiner Professur in den vorzeitigen Ruhestand versetzt und zog sich seitdem mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Er blieb in Dresden, immer auf der Flucht vor der Gestapo, und entging der Verfolgung und Verhaftung in verschiedenen Verstecken.

Während der Kriegsjahre legte er mit seinen Tagebuchaufzeichnungen die Grundlage für seine spätere Abhandlung zur Sprache des Dritten Reiches sowie zu anderen Arbeiten, die erst wieder nach dem Kriegsende aufgenommen und veröffentlicht werden konnten. Nach dem Kriege blieb er in der sowjetischen Besatzungszone und half mit beim Aufbau der DDR. Er trat schon bald der KPD bei, war an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und an der Humboldt-Universität zu Berlin tätig. Am 15. Oktober 1950 zog er als Abgeordneter des Kulturbunds der DDR in die Volkskammer ein und wurde ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Am 11. Februar 1960 starb Klemperer im Alter von 78 Jahren.

Kann ein solches Leben allein in Briefen angemessen beschrieben und vermittelt werden? — Im Aufbau-Verlag, der bereits viele Werke Klemperers, unter anderem auch das Tagebuch von 1945-1949, verlegt hat, wurde dies versucht, und der Versuch darf als gelungen betrachtet werden. Briefe sind Lebensäußerungen, sind Streiflichter eines Lebens und seiner Umstände. Klemperers Leben als Romanist, Germanist, Lektor, Professor und Philosoph war zeitlebens eng mit dem geschriebenen Wort verbunden; die lebenslange Nähe zum Schreiben war für ihn so selbstverständlich und das Briefeschreiben eine so natürliche Form der Kommunikation, dass es eigentlich keiner besonderen Erwähnung bedarf.

Der intellektuelle Austausch mit Gleichgesinnten war für Klemperer, vor allem in den schweren Zeiten, wichtig, ja lebenswichtig. Neben der persönlichen Begegnung darf der Austausch in Briefen als durchaus gleichwertig angesehen werden. Das vorliegende Buch mit einer Auswahl von Briefen aus allen Lebensphasen gibt darüber Auskunft und ist ein beeindruckendes Zeugnis von Klemperers umfangreichem Briefverkehr. Das vorliegende Buch zeichnet Victor Klemperers Leben als ein solches Leben in Briefen nach.

 

 

Autor: Victor Klemperer
Titel: „Warum soll man nicht auf bessere Zeiten hoffen — Ein Leben in Briefen“
Gebundene Ausgabe: 640 Seiten
Verlag: Aufbau Verlag
ISBN-10: 3351036612
ISBN-13: 978-3351036614

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