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Katja Lange-Müller: „Das Problem als Katalysator — Frankfurter Poetikvorlesungen“

Am: | März 27, 2018

In ihren Frankfurter Poetik-Vorlesungen geht Katja Lange-Müller ans Eingemachte. Die Frage nach den Bewertungskriterien für gute Literatur wird immer wieder gestellt, und Katja Lange-Müller stellt sie sich selbst im Rahmen ihrer fünf Vorlesungen an der Frankfurter Goethe-Universität.

Gute Literatur entsteht vor allem dann, wenn das Schreiben not-wendig ist, also eine Not wenden kann, mit anderen Worten, wenn sich die Frage, ob man schreiben soll oder nicht, sich gar nicht stellt. Nur wenn ein existenzielles Problem im Raum steht bzw. auf den Schultern eines Autors lastet und sein Herz beschwert, nur dann kann das Schreiben diese Not wenden und nur dann kann das Problem als Katalysator den Schreibfluss in Gang setzen.

Die Abschrift von Vorlesungstexten ist normalerweise nicht ganz unproblematisch und kann je nachdem, wie frei die Rede des Vortragenden ist, zu einem eher langweiligen oder (im besseren Fall) interessanten Text führen; in diesem vorliegenden Fall ist die Schriftform (im Vergleich zum Besuch der Vorlesungen) wahrscheinlich sogar von Vorteil, denn die Autorin/Dozentin verweist während ihrer Vorlesungen immer wieder auf kürzere oder längere Textpassagen, die in Buchform sozusagen in ihrer natürlichen Umgebung (dem Buch) präsentiert werden, in einer Vorlesung aber eben nur vorgelesen werden.

Die Themen der einzelnen Vorlesungen bauen zwar in gewisser Weise aufeinander auf, müssen aber nicht zwingend in der vorgegebenen Reihenfolge gelesen werden. Für wen aber ist dieses Buch gedacht und wer wird es mit Gewinn lesen?

Wenn es um Poetik geht, um das Schreiben, das Verfassen und Interpretieren von literarischen Texten, so werden in erster Linie die Studierenden der Literaturwissenschaft angesprochen sein. Darüber hinaus sind aber auch alle Leser, die sich für das Handwerk der schriftstellerischen Arbeit interessieren, aufgerufen, einen Blick in dieses leicht lesbare und sehr ansprechende Buch zu werfen.

Die Autorin gibt darin einen tiefen Einblick in die eigene Schreib-Biographie — von ihren schweren Anfängen als linkshändige Grundschülerin, der man das „richtige“ Schreiben mit der rechten Hand einbläute; bis heute schreibt sie nicht gerne, hat sogar immer wieder Angst davor, und doch kann sie es nicht lassen, sobald ein Stoff, eine Idee, sie gefangen nimmt.

Dieses Bild stammt ursprünglich von Heinrich Heine, der überzeugt war, dass nicht der Schriftsteller eine Idee ergreift, sondern dass es sich genau umgekehrt verhält. Wenn den Kreativen die Muse küsst, so liegt nicht allzu viel in seinem Verdienst, sondern er öffnet sich einfach nur für die Idee, die von ihm Besitz ergreift. Er wird zum Sprachrohr von Wem-oder was-auch-Immer.

Nach der Schule wurde Katja Lange-Müller zur Schriftsetzerin ausgebildet. Damals arbeitete man noch mit Bleilettern und Setzkasten, und diese mühselige Arbeit des zeilenweisen „Abschreibens“ von Manuskripten hat in ihr eine lebenslange Abscheu gegenüber Redundanzen und Geschwafel bewirkt. Folgerichtig sah und sieht sie in der Kurzgeschichte und der Erzählung die eigentlichen Königsdisziplinen der Literatur.

Den Großteil der Vorlesungen beschäftigen sich mit diesen beiden verwandten literarischen Gattungen, und Katja Lange-Müller zeigt anhand von vielen Beispielen, wie (nach ihrer Ansicht) eine gelungene Kurzgeschichte oder Erzählung aussehen.

Vor allem sind es die konsequente und harte Arbeit am literarischen Text, die immer weiter geführte Reduktion des Manuskripts auf das Allernötigste sowie die größtmögliche Präzision im Ausdruck, die aus einem seichten und zu langen Text eine gute Kurzgeschichte machen. Die Autorin vergleicht in diesem Zusammenhang die gelungene Kurzgeschichte mit einem „Brühwürfel“.

Um zu veranschaulichen, was sie unter einer guten Kurzgeschichte versteht, greift Katja Lange-Müller zu zahlreichen Beispielen aus der deutschen und internationalen Literaturgeschichte: Hebel, Böll, Bobrowski, Dürrenmatt, Fleißer, Genazino auf der deutschen und Poe, Faulkner, Hemingway, Irving und Twain auf der internationalen Seite.

Schließlich widmet sich ein Vorlesungstag einem eigenen Roman, Drehtür von 2016. Die Autorin erzählt über die Hintergründe und die komplexen Zusammenhänge, die über viele Jahre aus einzelnen Passagen und Vortexten dieses Roman-Projekt entstehen ließen. Auch hier wird die Nähe zum Text und zum Schreibprozess geradezu physisch spürbar — dies eine Stärke der Autorin in ihren Texten wie im Rahmen einer Poetikvorlesung.

Wie nicht anders zu erwarten, lesen sich diese verschriftlichten Vorlesungen wunderbar leicht, unterhaltsam und, bei aller Beschwingtheit des Vortrags, immer wieder lehrreich. Die Autorin gibt einen tiefen Einblick in ihre Schreibpraxis und erzählt über ihre grundsätzliche Motivation zum Schreiben. Ein Buch, welches nicht nur eine Menge über den Alltag einer Schriftstellerin erzählt, sondern sogar das Potenzial hat, vielleicht sogar manch einen Leser selbst zum Schreiben zu verleiten.

 

 

Autor: Katja Lange-Müller
Titel: „Das Problem als Katalysator — Frankfurter Poetikvorlesungen“
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN-10: 3462050907
ISBN-13: 978-3462050905

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