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Kathrin Kunkel-Razum u. a.: „Warum es nicht egal ist, wie wir schreiben“

Am: | März 8, 2018

Wenn man täglich liest, sei es beruflich oder zum Vergnügen, bekommt man unweigerlich den Eindruck, dass es vielen Autoren offenbar relativ egal ist, wie sie schreiben oder ob sie den Anforderungen der deutschen Rechtschreibung gewachsen sind. Offensichtlich gibt es auch viele Autoren, die sich allein auf die automatischen Korrektur-Module ihrer Textprogramme verlassen — ein folgenreicher Fehler, wie man eigentlich aus eigener Erfahrung wissen sollte.

Was im privaten Schriftverkehr vielleicht gerade noch so tolerierbar ist, führt bei der Erstellung von berufsbezogenen Texten schnell zum Punktabzug und Prestigeverlust. Zwischen dem privaten und dem beruflichen Bereich liegt der schulische, und um diesen geht es in dem vorliegenden Büchlein mit dem kämpferischen Titel Warum es nicht egal ist, wie wir schreiben.

Warum ist es nicht egal, wie wir schreiben? Die Nachlässigkeit, mit der Texte heute geschrieben werden, könnte doch genau das Gegenteil beweisen. Anscheinend schreibt doch jeder mittlerweile so, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Spätestens seit der letzten Rechtschreib-Reform ist in weiten Kreisen der Bevölkerung der Eindruck entstanden, dass die neuen Rechtschreiberegeln entweder undurchschaubar sind oder eine Grad der Dehnbarkeit erreicht haben, der eigentlich alles erlaubt, was gefällt. — Natürlich stimmt das nicht und natürlich ist es überhaupt nicht egal, wie wir schreiben.

Das vorliegende schmale Bändchen ist das Ergebnis einer Podiumsdiskussion in den Räumen der Duden-Redaktion, an der unter der Leitung von Kathrin Kunkel-Razum (Duden-Redaktion) Ulrike Holzwarth-Raether (Grundschullehrerin, Schulentwicklerin), Burghart Klaußner (Schauspieler) und Prof. Dr. Peter Gallmann (Inhaber des Lehrstuhls für Deutsche Sprache in der Gegenwart Jena) teilgenommen haben.

Wie es die Berufsfelder dieser Diskussionsrunde erwarten lassen, geht es vor allem um das Lesen und Schreiben an Schulen und Universitäten. Allen Beteiligten ist klar, dass eine Rechtschreibschwäche schon in frühen Jahren entsteht, eigentlich schon in jener Phase des Erlernens von Lesen und Schreiben. Lesen und Schreiben lernt man am besten im Verbund, wobei in jüngster Zeit der Weg des Erlernens eher über das Schreiben kommen soll.

Die Kinder schreiben also zunächst so, wie sie denken, dass es richtig ist, und lernen dann später im Lesen, das eigene Schreiben zu korrigieren. Das klingt nicht nur kompliziert, sondern diese ersten Schritte in eine Welt der Schriftsprache scheinen auch wirklich entscheidend für die kindliche Entwicklung zu sein, weshalb ihnen auch eine so große Bedeutung zukommt.

Bei Grundschulkindern muss man über die Jahre eine deutliche Zunahme an Problemfällen diagnostizieren. Viele Kinder nuscheln und sprechen undeutlich, und ebenso schreiben sie auch. Nicht immer kann die Schule allen Anforderungen gerecht werden, die an sie gestellt werden. Zu umfangreich ist der Lehrplan, zu groß das Pensum und zu kurz die Zeit, die für die Vermittlung der Grundtechniken des Lesens und Schreibens zur Verfügung stehen.

Leider werden die Lehrer auch immer häufiger mit der Aufgabe allein gelassen, Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern im Schnelldurchgang für den Schulalltag fit zu machen. Was früher noch im Elternhaus erlernt und von den Eltern gefördert wurde — Lesen, Schreiben, Grundrechnen —, findet heute zuhause nicht mehr statt und wird von der Schule erwartet.

Doch zum Glück, möchte man meinen, sind wir an den Universitäten besser dran, denn dort sind ja die Studierenden wohl auf jeden Fall des Lesens und Schreibens fähig… Leider entspricht diese Hoffnung nicht ganz den universitären Tatsachen. Viele Professoren klagen über mangelhafte Orthografie und den schlechten Schreibstil ihrer Studierenden. Auch hier haben wir eine negative Entwicklung zu beobachten, die in den letzten zehn, zwanzig Jahren an Fahrt aufgenommen hat.

Es gibt also viel zu tun, bloß wo soll man anfangen? Und wer kann oder soll etwas tun? — Natürlich sind in erster Linie die Lehrer gefragt, welche wieder verstärkt auf Rechtschreibung und Stil achten und sich dementsprechend auch durchsetzen müssen, was den zeitlichen Aufwand für die Vermittlung von Lese- und Schreibkompetenzen betrifft. Nicht zuletzt sind hier auch die Lehrpläne anzupassen und die Bemühungen zu intensivieren, um bereits die Grundschüler mit soliden Schreib- und Lesekenntnissen auszurüsten.

Doch selbstverständlich darf nicht alles immer nur an der Lehrerschaft hängen bleiben. Letztlich sind wir alle aufgefordert, uns um eine bessere, genauere und korrekte Sprache zu bemühen. Es ist eben nicht egal, wie wir schreiben! Jeder kann dies an einem einfachen Experiment selbst ausprobieren:

Stellen Sie sich einen beliebigen Text vor — eine technische Anleitung, einen persönlichen Brief, ein Bewerbungsschreiben, eine wissenschaftliche Hausarbeit oder einen Werbetext. Wie wirkt der Inhalt auf Sie, wenn der Text zwar inhaltlich vollkommen korrekt ist (und vielleicht sogar interessant!), jedoch gleichzeitig eine Menge Tippfehler oder schiefe Formulierungen aufweist? Schnell wird der Verfasser an Ansehen verlieren, ihm wird insgeheim die Kompetenz abgesprochen, denn wer so fehlerhaft und schlampig schreibt, macht vielleicht auch inhaltliche Fehler… Mit anderen Worten: Er diskreditiert sich selber, indem er einen fehlerhaften Text schreibt.

Deswegen ist es nicht egal, wie wir schreiben. Niemals. Weder im privaten noch im beruflichen Umfeld. Weder online noch offline. Weder als junger noch als alter Mensch. Was den Stil betrifft, so macht eben der Ton die Musik. Damit am Ende eine schöne Musik herauskommt, muss man aber auch das Instrument richtig spielen lernen, damit man die richtigen Töne trifft. — Genau so ist es mit dem Schreiben.

 

 

Autor: Kathrin Kunkel-Razum u. a.
Titel: „Warum es nicht egal ist, wie wir schreiben“
Taschenbuch: 64 Seiten
Verlag: Duden
ISBN-10: 3411742968
ISBN-13: 978-3411742967

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