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Thomas Großbölting, Niklas Lenhard-Schramm (Hg.): „Contergan — Hintergründe und Folgen eines Arzneimittel-Skandals“

Am: | Januar 31, 2018

Sobald heute in den Nachrichten Meldungen von einem Arzneimittel-Skandal auftauchen, ist der Vergleich mit Contergan nicht weit. Contergan wurde zum Präzedenzfall und somit auch zum Referenzpunkt für alle zukünftigen pharmazeutischen Skandale.

Das von 1957 bis 1961 als Schlaf- und Beruhigungsmittel der Firma Grünenthal verschriebene Contergan galt als angenehme Arznei ohne Nebenwirkungen. Leider hatte sich diese Einschätzung in Bezug auf schwangere Frauen als katastrophal falsch erwiesen, wie die zunehmenden Fälle von Missbildungen an neugeborenen Kindern zeigten. Contergan blieb auf dem deutschen Markt, wurde weiterverkauft und konsumiert. Eine Arzneimittel-Prüfung, wie sie heute selbstverständlich ist, gab es damals noch nicht.

In der Tat war es vor allem der Contergan-Skandal, der zu einer Verschärfung des Arzneimittel-Gesetzes sowie für die Pharma-Industrie zu höheren Auflagen und erschwerten Prüfungsmechanismen vor der Marktzulassung eines neuen Medikaments führte. „Doch der Fall Contergan war mehr als ein Arzneimittel-Skandal. Für seine nachhaltige Wirkung waren nämlich vor allem seine mannigfachen sozialen Folgen entscheidend. Durch die tausendfachen Schädigungen der Kinder wurden immer neue Probleme aufgeworfen, wodurch sich auch immer wieder neue Konflikte an den ursprünglichen Skandal anlagerten.“

So waren nicht nur die geschädigten Kinder ein Problem für die bundesrepublikanische Gesellschaft der frühen 1960er Jahre, nicht nur weil sie das mühsam erarbeitete Selbstbild des Wirtschaftswunders und des unbremsbaren Aufschwungs ganz schön ins Wanken brachten. Plötzlich musste auch der richtige Umgang mit behinderten Kindern erlernt werden, und für jeden einzelnen „Contergan-Fall“ stellte sich die Frage nach Inklusion oder Ausgrenzung. In vielen Fällen war es eine Frage des Lebensumfelds, die im städtischen Umfeld anders beantwortet wurde als in ländlichen Gebieten. Während man in den Städten die Contergan-Kinder je nach Grad der Schädigung in normalen Kindergärten und Schulen zu integrieren versuchte, wurden geschädigte Kinder in ländlichen Gebieten oft versteckt und kamen in Sondereinrichtungen.

Heute leben noch etwa 2.500 Contergan-Geschädigte in Deutschland, und der Rezensent ist einer von ihnen. Die Schädigungen sind verschieden und entstanden je nach Zeitpunkt und Dauer der Einnahme während der Schwangerschaft. Der Wirkstoff Thalidomid wird für die Unterbrechung und Verlangsamung von Entwicklungsprozessen am Embryo verantwortlich gemacht.

Bis heute warten die Contergan-Geschädigten auf eine Entschuldigung von der Firma Grünenthal. Ab 1968 standen mehrere verantwortliche Mitarbeiter der Grünenthal GmbH vor Gericht. Dieser Prozess endete im April 1970 mit einer Einstellung des Verfahrens wegen geringfügiger Schuld der Angeklagten und mangelndem öffentlichen Interesses an der Strafverfolgung.

Grünenthal verpflichtete sich zur Zahlung einer Schadenssumme in Höhe von 110 Millionen D-Mark zur finanziellen Unterstützung der Contergan-Geschädigten. Als dieses Geld 1997 aufgebraucht war, lehnte Grünenthal bis 2008 weitere Zahlungen an die Contergan-Geschädigten ab, zahlte später aber doch freiwillig 50 Mio. Euro in die Conterganstiftung ein. Doch eine Aufarbeitung des Contergan-Skandals scheint es weder intern noch durch eine Aussprache mit den Geschädigten gegeben zu haben.

Thomas Großbölting ist Professor für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und Niklas Lenhard-Schramm einer seiner wissenschaftlichen Mitarbeiter. Zusammen haben sie diesen bemerkenswerten und längst überfälligen Sammelband zum Thema Contergan herausgebracht. In ihm werden die verschiedenen Ursachen und Auswirkungen des Contergan-Skandals erstmals zusammengefasst und einem wissenschaftlichen Publikum präsentiert. Doch selbst der interessierte Laie wird diesen Sammelband mit Gewinn studieren können, denn er gewährt einen umfassenden Einblick in die Problematik, bleibt dabei jedoch stets leicht lesbar und auch ohne Vorkenntnisse verständlich.

Die Beiträge decken den gesamten Bereich ab von der historischen Einordnung über die rechtlichen, verwaltungstechnischen und gesellschaftlichen Reaktionen auf diesen Skandal bis zu seinen langfristigen kulturellen und gesellschaftlichen Auswirkungen. Die neun Autorinnen und Autoren stammen alle aus Wissenschaft und Forschung und liefern in ihren Beiträgen einen ihrem jeweiligen Fachbereich entsprechenden Zugang zum Thema Contergan.

Wer also aus heutiger Sicht verstehen möchte, was es mit dem „Contergan-Skandal“ auf sich hatte und welche Bedeutung dieser Arzneimittel-Skandal für die Entwicklung des bundesrepublikanischen Arzneimittel-Gesetzes und für den vorsichtigeren Umgang bei der Einführung pharmazeutischer Produkte hatte, der findet in diesem Sammelband eine sehr informative und spannende Lektüre.

 

 

Autor: Thomas Großbölting, Niklas Lenhard-Schramm (Hg.)
Titel: „Contergan — Hintergründe und Folgen eines Arzneimittel-Skandals“
Gebundene Ausgabe: 221 Seiten
Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
ISBN-10: 3525301839
ISBN-13: 978-3525301838

 

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