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Gabriele Diewald, Anja Steinhauer: „Richtig gendern — Wie Sie angemessen und verständlich schreiben“

Am: | Januar 22, 2018

Richtig gendern — warum eigentlich? Es ist immer wieder faszinierend, welchen Einfluss der jeweils aktuelle Stand der kulturellen Sonne auf die Länge unserer Schatten haben kann. Was die meisten von uns vor zehn oder zwanzig wahrscheinlich für einen ziemlich schlechten Witz gehalten hätten, ist heute nicht nur zu einer Frage des guten Anstands geworden, sondern Gesetz.

Wer in der Öffentlichkeit kommuniziert, muss sich dem Diktum einer politisch korrekten und damit auch gender-gemäßen Sprache unterwerfen, wenn er verhindern möchte, früher oder später an den medialen Pranger gestellt zu werden.

Wie viele andere kulturelle Errungenschaften, so haben wir auch die Gender-Sprache vor einiger Zeit aus den USA importiert. Im Land der unbegrenzten Ungleichheit (zwischen Arm und Reich, Schwarz und Weiß, Dumm und Schlau usw.) wird penibel darauf geachtet, dass keine noch so kleine Minderheit im öffentlichen Kommunikationsraum benachteiligt oder diskriminiert wird. Was hier über die Sprache an scheinbarer Gleichheit hergestellt werden soll, ist so ziemlich das genaue Gegenteil jener täglich erfahrbaren sozialen Ungleichheit und der sich immer weiter öffnenden Schere zwischen Arm und Reich.

Da wir im Zuge der neoliberalen Globalisierung auch jene durch den Spätkapitalismus angestoßene Prekarisierung großer Bevölkerungsteile und die dadurch entstehende soziale Ungleichheit übernommen haben, sind wir nun auch in der Verlegenheit, sprachlich nachzuziehen und auf den einfahrenden Gender-Zug aufzuspringen.

Wie die beiden Autorinnen in einem kurzen historischen Abriss am Ende dieses kleinen Ratgebers bemerken, gibt es bereits seit den 1970er Jahren erste Bestrebungen einer gendergerechten Sprache: „Die öffentliche Auseinandersetzung um gendergerechte Sprache hat sich im Kontext feministischer Strömungen entwickelt, in denen es um grundsätzliche Emanzipationsbestrebungen und die Durchsetzung gesellschaftlicher Gleichheit von Frauen und Männern geht.“ Wenn in diesem Kontext von Gleichstellung gesprochen wird, so werden andere Formen der Ungleichheit aufgrund von sexueller Orientierung, ethnischer Zugehörigkeit usw. vernachlässigt, was den Autorinnen vielleicht bewusst sein mag, jedoch leider an keiner Stelle dieses Buches Erwähnung findet.

Ein Hauptstreitpunkt der feministischen Sprachkritik ist bis heute das generische Maskulinum. „99 Staatsbürgerinnen und ein Staatsbürger sind auf Deutsch 100 Staatsbürger.“ Die weiblichen Staatsbürger werden einfach immer mitgemeint, aber nicht explizit erwähnt. Diese Benachteiligung kann durch das berüchtigte „Binnen-I“ oder durch die Hinzusetzung von weiblichen Personenbezeichnungen („Bäckerinnen und Bäcker“) aufgehoben werden.

Zwar darf die Frage nach der Sinnhaftigkeit solcher Konstruktionen immer noch gestellt werden, doch der Nutzen ist in den meisten Fällen offensichtlich: Wir drücken uns klarer aus und benennen alle gemeinten Personengruppen korrekt. Darüber hinaus sind wir durch richtiges Gendern in der Lage, unserer Umwelt zu demonstrieren, dass wir uns bereits auf einer höheren kulturellen Ebene bewegen als die Anderen, die noch nicht gendern. Wir können zeigen, dass wir verstanden haben, dass gewisse Änderungen unserer Umgangsformen sowie einige chirurgische Eingriffe in unseren Sprachgebrauch erforderlich sind, um auch in der Sprache die nötigen Voraussetzungen für eine bessere Gleichstellung der Frauen zu schaffen.

Jetzt ist folgerichtig im Duden-Verlag ein Buch mit dem Titel Richtig gendern — Wie Sie angemessen und verständlich schreiben erschienen; verfasst wurde es übrigens von zwei Autorinnen, was der Gender-Beauftragte im Duden-Verlag eigentlich als einen Verstoß gegen den Paritätsgrundsatz bei der Verteilung von AutorInnen-Rollen hätte ahnden müssen. Doch vielleicht ist der Gender-Beauftragte ja ebenfalls eine Frau? Womöglich graben wir an dieser Stelle aber auch am falschen Ort und sollten uns lieber auf den Inhalt dieses hübschen gelben Buches konzentrieren, anstatt uns in Detailfragen zu verstricken.

Der Untertitel verspricht den Leser darüber aufzuklären, „wie Sie angemessen und verständlich schreiben“. Angemessen: okay, aber verständlich? Sind das „Binnen-I“ und die Versuche einer Feminisierung (Schaffnerin, Doktorin) bzw. Neutralisierung (Studierende) von Begriffen nicht geradezu dafür prädestiniert, den Lese- und Sprachfluss zu unterbrechen, den Leser ins Stocken zu bringen und einen Text noch unverständlicher zu machen, als er ohnehin schon ist. Dem Rezensenten fallen sofort abschreckende Beispiele aus der Verwaltungs- Kanzlei- oder Wissenschaftssprache ein.

Doch lassen wir die beiden Autorinnen zu Wort kommen. Beim Gendern geht es „um die geschlechtergerechte Repräsentation von Frauen und Männern im Sprachgebrauch“. Ein besonderer Schwerpunkt sind Personenbezeichnungen, wie „Doktorin Schnabel“ oder „Professor Humperdinck“.

Das Instrument, dessen wir uns bedienen, ist die deutsche Sprache. Daher ist es eine gute Idee der beiden Autorinnen, zunächst einige Grundlagen zu vermitteln, welche die Besonderheiten des deutschen Sprachgebrauchs betreffen. Die beiden hauptabschnitte dieses Ratgebers befassen sich mit dem richtigen Gendern auf Wortebene sowie in Satz und Text. Der letzte Abschnitt analysiert anhand von zahlreichen Beispielen die falsche und richtige Anwendung einer gendergerechten Sprache.

Ein hübsches und aktuelles Buch, das mit den Regeln eines sowohl korrekten als auch verständlichen Sprachgebrauchs vertraut macht und den Leserinnen und Lesern hilft, richtig zu gendern sowie angemessen und verständlich zu schreiben.

 

 

Autor: Gabriele Diewald, Anja Steinhauer
Titel: „Richtig gendern — Wie Sie angemessen und verständlich schreiben“
Taschenbuch: 120 Seiten
Verlag: Duden
ISBN-10: 3411743573
ISBN-13: 978-3411743575

 

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