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Sandra Richter: „Eine Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur“

Am: | November 27, 2017

Ein wichtiger Hinweis vorab: Bevor Sie dieses Buch aufschlagen und darin blättern, sollten Sie den Schutzumschlag entfernen, denn er ist irreführend. Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber die Illustrationen dieser Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur haben das Potenzial, die Einzigartigkeit und Qualität dieser Monographie zu verschleiern. Wie zu einem gemeinsamen Fototermin haben sich hier Mephisto, Herta Müller, Goethe, Thomas Mann und andere zusammengefunden und schauen mal grimmig, mal stolz, mal arrogant, mal genervt in die Kamera. Das Ganze würde vielleicht zu einem populärwissenschaftlichen Geschichtsbuch passen, aber doch nicht zu dieser wirklich bahnbrechenden und (im mehrfachen Sinne) grenzüberschreitenden literaturwissenschaftlichen Studie…

Wenn man sich also von der bunten Verpackung täuschen lässt, bekommt man einen völlig falschen Eindruck vom Inhalt und der Intention dieses Werkes; man denkt, es handele sich um eine hübsche bunte und reich illustrierte Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur. Zwar gibt es in diesem Buch viele Abbildungen, mehr als man von einer Literaturgeschichte erwarten würde; doch dieses Buch bietet viel mehr, als seine Verpackung erwarten lässt.

Es ist das Ziel der Autorin, Licht in das Dunkel der Wirkung der deutschsprachigen Literatur über die Sprachgrenzen hinaus zu bringen. Anhand einzelner Texte aus verschiedenen Epochen, beginnend mit dem Mittelalter und endend mit der jüngsten Vergangenheit, beleuchtet Sandra Richter deren Rezeptionsgeschichte im „Ausland“, was auch immer das jeweils zu jenen historischen Zeiten war. Gleichzeitig beschreibt sie aber auch Wechselwirkungen und rückwirkende Kräfte einer solchen Rezeption.

Wenn man mit dem Begriff “Weltliteratur“ hantiert, so ist das niemals unproblematisch, sondern „ein Koloss“. Sandra Richter geht sehr vorsichtig mit diesem vor allem in der deutschen Vergangenheit immer wieder missbrauchten Begriff um, und sie will ihn auch gar nicht in diesem (falschen) Sinne verstanden wissen. Folgerichtig handelt ihr Buch „bewusst nicht von ‚Weltliteratur‘, es schreibt keine ‚Geschichte der deutschsprachigen Weltliteratur‘, sondern will beobachten, wie deutschsprachige Literatur in der Welt wahrgenommen wird. Anhand von Fallbeispielen und ausgewählten Erzählungen legt dieses Buch deshalb eine — und nur eine — Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur vor.“

Es handelt sich bei dem vorliegenden Buch somit eben auch nicht um eine deutsche Literaturgeschichte, wie sie seit dem 19. Jahrhundert im Zuge der Schaffung hermetischer Nationalliteraturen geschrieben wurden. „Im 19. Und frühen 20. Jahrhundert waren sie als Repräsentationsgeschichten für die eigene Nation auf bestimmte pädagogische Ziele getrimmt und entsprechend eng geführt.“

Doch wie sähe eigentlich eine deutsche bzw. deutschsprachige Literaturgeschichte aus? Sie machte natürlich nicht an den Grenzen Deutschland (welches Deutschland zu welcher Zeit?) Halt, sondern müsste sich an der Produktion und Rezeption deutschsprachiger Texte orientieren. Folglich sind auch Texte einzubeziehen, die in Deutschland, Österreich und der Schweiz, früher auch im Baltikum, in Rumänien, in den deutschen Kolonien usw. entstanden sind. Letztlich umfasste sie alle Texte in deutscher Sprache, die weltweit produziert wurden.

Sowohl historisch als auch geographisch werden diese deutschsprachigen Texte weit über die jeweiligen Landesgrenzen hinausgehend produziert und rezipiert. Das gilt natürlich nicht nur für die deutschsprachige Literatur. Die Autorin nennt als Beispiel die französischsprachige Literatur der Hugenotten, die im 17. Jahrhundert nach Preußen kamen und hier eine neue Heimat fanden. Ihre Texte gehören natürlich in den Interessensbereich der französischen Literatur als in den der deutschen, obwohl diese Texte auf preußischem Boden verfasst wurden.

Die zweite Seite einer solchen Literaturgeschichte befasste sich mit der Rezeption deutschsprachiger Texte, und schnell wird klar, dass sich hier eine unüberschaubare Zahl an neuen Türen öffnet. Wo werden deutsche Texte gelesen? Im Original, in Übersetzungen? Und überhaupt: Übersetzungen! Das allein wäre schon ein Thema für eine eigene Abhandlung! Was ist eine gute Übersetzung? Sprache, Form und Struktur eines Textes sind immer auch selbst Teil des zu übersetzenden Werkes. All dies unter einen Hut bzw. in einer vernünftigen Übersetzung einzubeziehen, ist ein Kunststück, und leider ist die Literaturgeschichte eine Geschichte voller schlechter Übersetzungen — bis heute.

Doch im Rahmen einer historischen Betrachtung der Übersetzungen deutschsprachiger Literatur sind diese auch von großem Nutzen, wie die Autorin bemerkt: „Übersetzungen erweisen sich als wichtige Indizien für eine Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur. Sie bilden Knoten des Literaturkontakts, deuten auf heiße und kalte Phasen des wechselseitigen literarischen Austauschs hin.“

Schließlich gibt es auch noch eine dritte Ebene, die sich für die theoretische Auseinandersetzung mit einer Weltgeschichte der deutschsprachigen Literaturgeschichte in Fallbeispielen bietet: die in gegenläufiger Richtung verlaufende Inspiration deutscher Texte durch fremdsprachige Vorlagen. Welche Bücher „ausländischer“ Autoren haben deutschsprachige Autoren beim Verfassen ihrer Texte inspiriert? Wo wurden vielleicht sogar ganze Teile übernommen, Handlungen adaptiert oder Einfälle kopiert? In Zeiten vor der Einführung des Urheberrechts waren Texte grundsätzlich der Gefahr ausgesetzt, kopiert — oder vulgo: geklaut zu werden.

Wenn man sich diese drei Ebenen theoretischer Analyse vor Augen hält, wird schnell klar, wie komplex eine solche Literaturgeschichte deutschsprachiger Texte auszusehen hätte. Sandra Richter leistet mit der vorliegenden Studie einen ersten wichtigen Beitrag einer solchen über die Länder und Sprachgrenzen hinausgehenden Rezeptions- und Inspirationsgeschichte deutschsprachiger Literatur.

Eine derartige „Weltgeschichte“ ist immer auf Fallbeispiele angewiesen, denn nur hier macht eine transnationale Sicht auf literarische texte Sinn. Folglich besteht diese Studie aus zahlreichen Fallbeispielen, an denen die Autorin aufzeigt, wie Literatur wirkt, wodurch sie angeregt und beeinflusst wird und welch unterschiedliche Lesarten ein Text im internationalen Vergleich haben kann.

Sandra Richter ist nicht nur Professorin für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Stuttgart, sondern darüber hinaus auch noch Mitglied im Expertengremium des Elitenetzwerks Bayern, im Barockarbeitskreis der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, in der Forschungsstelle Historische Epistemologie und Hermeneutik an der Humboldt Universität zu Berlin, im Arbeitskreis für Geschichte der Germanistik im Deutschen Literaturarchiv Marbach, sowie assoziiertes Mitglied im Think Tank 30 des Club of Rome.

Als ob das nicht schon reichen würde, wurde sie vor kurzem auch noch zur neuen Direktorin des Deutschen Literaturarchivs in Marbach nach dem Ausscheiden von Ulrich Raulff zum 1. Januar 2019 berufen. Eigentlich zeigt diese Aufzählung schon, dass Sandra Richter eine sehr offene und interdisziplinär denkende Frau ist. Sie ist kreativ, und ihre Kreativität lebt sie folgen- und segensreich auf dem ansonsten oftmals etwas trockenen Gebiet der Literaturwissenschaft aus.

Diese Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur liest sich spannend und abwechslungsreich; sie bietet sowohl dem Studierenden der Literaturwissenschaft als auch dem Literaturliebhaber eine Fülle von Anregungen und verführt dazu, den einen oder anderen Originaltext erneut oder zum ersten Mal zu lesen.

Es kommt selten vor, dass in der Literaturwissenschaft wirklich etwas Neues gedacht wird. Dieses Buch ist ein solch seltener Glücksfall, den man sich nicht entgehen lassen sollte, wenn man sich für die Geschichte der deutschsprachigen Literatur und ihre zahlreichen Wechselwirkungen mit anderen Literaturen der Welt interessiert.

 

 

Autor: Sandra Richter
Titel: „Eine Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur“
Gebundene Ausgabe: 728 Seiten
Verlag: C. Bertelsmann Verlag
ISBN-10: 3570101517
ISBN-13: 978-3570101513

 

 

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