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André Comte-Sponville: „Woran glaubt ein Atheist?“

Am: | März 28, 2009

André Comte-Sponville: "Woran glaubt ein Atheist?"Die Etymologie des Begriffs „Religion“ ist nicht abschließend geklärt. Zwei Ursprünge sind denkbar: Vom lateinischen „religare“ (einbinden, festmachen) oder von „relegere“ (wieder lesen, sammeln, wiederholen). Wenn beide Definitionen miteinander verbunden werden, entsteht ein sinnvolles Konstrukt für diesen Terminus.

Der Autor geht in seinem Essay wirklich sehr gründlich vor. Zu schnell definieren wir Religion im Spiegel unseres Kulturkreises als monotheistischen Glauben. Juden, Christen und Muslime glauben an einen (1) Gott; dennoch sind die monotheistischen Religionen nur eine Variante unter vielen. Es gibt auch atheistische oder agnostische Religionsformen, gott-lose Religionen wie den Buddhismus oder auch polytheistische Formen wie den Hinduismus oder tribale Religionsformen wie die afrikanischen Naturreligionen.

Comte-Sponville ist als Katholik aufgewachsen und hat im Laufe seines Lebens den Glauben an Gott verloren. Als Philosoph widmet er sich nun der Frage, ob und woran man auch als überzeugter Atheist glauben könne. Er nimmt den Leser mit auf diese spannende analytische Forschungsreise.

Die Lektüre ist vergnüglich und weckt die Aufmerksamkeit des Lesers durch neue Sichtweisen auf vermeintlich bekannte Begriffe und Themen. Beispiel: Der zentral-katholische Terminus der „Kommunion“ wird von Comte-Sponville in seiner ursprünglichen Bedeutung als „Gemeinschaft“ und als Zusammensein verstanden. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, kann es Kommunion auch ohne christlichen Glauben geben, jedoch niemals ohne ein gemeinsames „Bekenntnis“, das erst ein echtes Gemeinschaftsgefühl ermöglicht. Durch das Teilen dieses Gefühls gewinnt der Teilende umso stärkere Glücksgefühle und Bestätigung je mehr er teilt. Es ist wie beim gemeinsamen Genuss eines Kuchens: Allein kann ich zwar mehr davon essen, den Genuss kann ich jedoch nur im Teilen mit Anderen genießen und steigern.

Woran glaubt ein Atheist? – Der Autor bekennt gleich zu Anfang des Buches freimütig, dass er seinen Glauben an Gott verloren hat. Wird er dadurch aber gleich zu einem Atheisten? – Wer seinen Gottglauben verliert, könnte doch genauso gut diesen Verlust beklagen, frei nach dem Motto: Ich kann nicht mehr an Gott glauben, würde es aber gerne.

Anders der überzeugte Atheist. Er ist sich sicher, dass es Gott nicht existiert. Oder er nimmt sich bewusst die Freiheit heraus, an diesen (doch existierenden) Gott nicht glauben zu wollen.

Seine Spurensuche führt Comte-Sponville in den drei Abschnitten des Buches von der Eingangsfrage „Kann man auf Religion verzichten?“ zum zentralen Thema „Gibt es einen Gott?“ und von dort zu einer Gebrauchsanweisung für Atheisten, wie spirituelles Leben auch ohne Religion aussehen könnte.

Comte-Sponville schreibt in einem anregenden Stil. Er nimmt den Leser mit auf eine analytische Reise und versucht seine Hypothese zu belegen, dass auch ohne Gott-Glauben und ohne Religion Spiritualität gelebt werden kann.

Gibt es nun einen Gott? – „An Gott glauben heißt nicht, an etwas zu glauben, sondern an jemanden!“ schreibt der Autor. Wer an Gott glaubt, glaubt an einen Willen und eine Liebe. Man kann an Gott glauben, aber man kann seine Existenz nicht wirklich wissenschaftlich beweisen. Wenn ich mein Weltbild jedoch auf reine Erkenntnis aufbaue, wie es die Aufklärung fordert, so kann ich seine Existenz nicht beweisen, schlussfolgert Comte-Sponville: „Wenn das auch noch kein Grund ist, Atheist zu sein, ist es zumindest einer, den Glauben zu verweigern.“

Teilweise geht die Argumentation des Autors aus christlicher Sicht manchmal scharf am Kern vorbei, z.B. wenn er die Existenz des Bösen und die Mittelmäßigkeit der Menschen als indirekte Beweise für die Nicht-Existenz Gottes anführt. Wer sich auch nur rudimentär mit den Grundlagen der Bibel und des christlichen Glaubens beschäftigt hat, weiß, dass nach christlichem Verständnis das Böse in Gestalt Satans die Welt regiert und dass die Menschen „von Grund auf schlecht“ sind, weil sie mit der „Sünde“ befleckt sind.

Dennoch machen diese kleinen Schwächen des Textes in der ansonsten sehr stringent geführten Argumentation den Lesespaß nicht wett. So wird die Lektüre des Buches selbst dem aufgeschlossenen Gläubigen (sei er Christ, Jude oder Muslim) durchaus Vergnügen bereiten.

Was ist aber mit den Werten und den Grundlagen unserer Kultur? Was wird aus dem christlichen Abendland ohne den christlichen Glauben? Comte-Sponville ist sich unserer philosophischen Wurzeln aus den griechisch-römischen und christlich-jüdischen Kulturkreisen bewusst. Diese Traditionen gilt es zu verteidigen und sich eindeutig zu diesen Werten zu bekennen. Auch hier verwendet er wieder den eigentlich meist nur im religiösen Kontext verwendeten Begriff „Bekenntnis“. Das Bekenntnis zu unseren christlichen Werten kann und muss für den Atheisten zum Ersatz des Glaubensbekenntnisses an Gott  werden.

Im letzten Teil des Buches zeigt der Autor, dass Spiritualität selbstverständlich auch ohne Glauben möglich ist. „Atheist sein heißt nicht, die Existenz des Absoluten zu verneinen, sondern nur dessen Transzendenz, Spiritualität, Personalität, also zu verneinen, dass dieses Absolute Gott sein.“

Spiritualität, so verstanden, ist also „Leben des Geistes“ in seiner Funktion als „Zugang zum Wahren, zum Universellen und zum Lachen“. – Zum Lachen?

Auch dies ein Hinweis des Autors, dass wer all diese Fragen nach Leben, Tod, Gott und die Welt und den Sinn des Lebens all zu ernst und verbissen angeht, dass der sich auf dem Holzweg befindet. Je mehr wir über die Welt erfahren und je tiefer wir uns auf die Reise in unser Inneres begeben, umso weniger ernst werden wir uns selbst nehmen, umso leichter wird unser Sein, und wir entwickeln Gelassenheit und Humor.

Wie wir wissen, hat auch Gott Humor, und so wird er auch dem Philosophen Comte-Sponville  gütig gestatten, seine kühnen weltlichen Theorien am den Leser zu bringen. Aber Gott existiert eben immer nur in den Köpfen derer, die an ihn glauben wollen.

Wie sieht es aber um die letzte Fragen im Leben eines Menschen aus – die Frage um Sterben, Tod und das Danach? Bestätigt sich hier vielleicht aus göttlicher Sicht der Satz, dass, wer zuletzt lacht, am besten lacht?

Comte-Sponville ist gründlich in seiner Analyse, widmet jedoch dem Thema Tod und Ewigkeit gerade mal zwei Seiten. „Wer in der Gegenwart lebt, lebt ewig“, zitiert er seinen Philosophen-Kollegen Wittgenstein, und das ist seine Antwort auf die Frage nach einem Leben nach dem Tod: „Vergangenheit und Zukunft existieren nicht mehr, wenn ich ganz in der Gegenwart lebe, mit ihr verschmelze und das „ozeanische Gefühl“ (Freud) der unauflöslichen Einheit mit dem großen Ganzen und der Zugehörigkeit zum Universellen spüre.“

Wenn diese Verschmelzung wirklich empfunden wird und das höchste Glück in dieser Selbst-Auflösung im Universellen gipfelt, dann ist der Glaube an dieses universelle und ewig gegenwärtige Sein in der Lage, den Glauben an einen Gott zu ersetzen und einem an diese Realität glaubenden Menschen ein glückliches Leben im Hier und Jetzt zu ermöglichen.

Comte-Sponvilles Buch „Woran glaubt ein Atheist?“ ermöglicht dem Leser ein umfassendes Verständnis atheistischen Denkens. Der Mensch als mündiges Wesen in bester aufklärerischer Tradition ist in der Lage, seinen Glauben auch ohne Gott zu leben. Wenn dieses Buch auf eine aufgeschlossene christliche Leserschaft trifft, könnte es zum Ausgangspunkt spannender Diskussionen werden über den Glauben, sei er christlich, jüdisch, muslimisch oder atheistisch. Welcher Glaubensrichtung der Leser auch anhängen mag: Die Lektüre dieses Essays des französischen Philosophen Comte-Sponville ist uneingeschränkt zu empfehlen.

 Autor: André Comte-Sponville
Titel: Woran glaubt ein Atheist?
Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
Verlag: Diogenes
ISBN: 3257066589
EAN: 978-3257066586

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