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Dudenredaktion (Hg.): „Der Duden — Band 1: Die deutsche Rechtschreibung“

Am: | August 14, 2017

Dick, schwer und solide liegt die 27. Auflage des Duden auf dem Tisch. Da könnte ein mittleres Erdbeben den Berliner Boden erschüttern, der Duden würde sich um keinen Zentimeter von der Stelle bewegen. Eine derartige Präsenz und Materialität macht sinnlich: Sanft streichen die Finger über den festen Einband, vorsichtig öffnen sie das neue Buch, durchblättern ehrfürchtig die ersten Seiten und landen beim ersten lexikalischen Eintrag: „a = 1Ar; Atto…“, was auch immer das bedeuten möge.

Zuvor mussten jedoch 160 Seiten überwunden werden mit Hinweisen zur Wörterbuchbenutzung, den Abkürzungen, wichtigen grammatischen Fachausdrücken, zu den wichtigsten Regeln der deutschen Grammatik, Rechtschreibung und Zeichensetzung sowie einige Anmerkungen zur Textverarbeitung, zum Schreiben von E-Mails und Geschäftsbriefen, zum Zeichenkanon für die Textkorrektur, der Umsetzung der amtlichen Rechtschreibregelung in Pressetexten und schließlich ein paar auflockernde Fakten und Zahlen zur deutschen Sprache.

Der Duden Band 1 liefert seit jeher das Wie und nicht das Was; er sagt uns, wie etwas geschrieben wird, jedoch nicht, was es bedeutet. Nur ab und an wird eine kurze Erklärung in Klammern gewährt. Das ist jedoch überhaupt nicht schlimm, denn der kluge Mensch weiß ja sowieso, wonach er schaut. Und der nicht ganz so Schlaue hat schon genug mit der Suche nach der richtigen Schreibweise zu tun.

Der Duden ist noch dicker geworden: Er ist von 1.216 (26. Auflage 2013) auf 1.264 Seiten (27. Auflage 2017) angewachsen, also von rund 140.000 auf 145.000 Stichwörter. Ganze 5.000 neue Wörter wurden in ihm aufgenommen! Das spricht für die deutsche Sprache. Sie wächst, sie nimmt zu, sie wird gesprochen!

Lässt man einmal seinen Blick kursorisch über die 5.000 neuen Wörter fliegen, die jetzt Eingang in den Duden gefunden haben, so wird ein Trend zur Anglisierung deutlich, den man auch im täglichen Sprachgebrauch wiedererkennen kann. Von „Adblocker“ über „cracken“ und „fancy“ bis zu „Jumpsuit“, „liken“, „oldschool“ und „playlist“, am Ende auch noch „taggen“, „Thumbnail“ und „tindern“. Interessant sind auch Anleihen aus anderen Sprachen, wie die „Chica“, das „Namaste“ oder das „Tikitaka“. Letztgenanntes stammt übrigens aus dem Spanischen und beschreibt ein Kurzpassspiel beim Fußball. Man lernt nie aus.

Das längste Wort (im Duden) ist mit 44 Buchstaben die „Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung“; da ist ADHS eindeutig kürzer. Eindeutig „kürzer“ war übrigens auch der erste Duden von 1880, er umfasste lediglich 27.000 Stichwörter. Doch selbst in der neuen Auflage wurden nicht nur neue Wörter aufgenommen, sondern es flogen auch eine ganze Menge Wörter raus. So sind „depensieren“ (ausgeben, verschwenden), „Rezdechaussee“ (Erdgeschoss) und „fuchsschwänzeln“ (schmeicheln) nicht mehr dabei, auch nicht „kandidel“ (fröhlich, lustig), die „Auxiliarkraft“ (Hilfskraft) oder das „Zugemüse“ (Gemüsebeilage). Dies dürfte vor allem dem „Veggie“ (neu 2017) sehr fehlen.

Das Layout wurde, wenn überhaupt, dann nur sehr marginal verändert, und das ist gut so. In einer Welt, in der sich alles ständig verändert und in der es zunehmend „postfaktisch“ (neu 2017) zugeht, wünscht man sich doch ein wenig Kontinuität, und der Duden leistet hier ganze Arbeit. Er ist die kleine Heimat des schreibenden Menschen. Mit ihm fühlt er sich wohl und zuhause. — Man kann übrigens auch „zu Hause“ schreiben, wenn man möchte, aber „zuhause“ sieht schöner aus.

Für die ganz Eiligen unter unseren Zeitgenossen fällt aus einer der hinteren Seiten beim Durchblättern ein kleines Faltblättchen heraus: „Deutsche Rechtschreibung in Kürze“. Hier werden dem ungeduldigen Leser die wichtigsten „Dos and Don´ts“ (ja, das wird jetzt wirklich so geschrieben!) der deutschen Rechtschreibung vermittelt: 111 Wörter, die häufig falsch geschrieben werden, Groß- und Kleinschreibung, Getrennt- und Zusammenschreibung, „ss“ oder „ß“ und der ganze Kleinkram, den man immer wieder vergisst, wenn man zu eilig über die Tastatur fribbelt. — Na? Das Wort „fribbeln“ kennen Sie noch nicht? Können Sie auch nicht, denn ich habe es mir gerade ausgedacht; es steht auch nicht im Duden, aber aus dem Kontext heraus versteht wohl jeder, was gemeint ist. Und genau das ist ja auch das Schöne an unserer Sprache: Sie ist erweiterbar und man kann kreativ mit ihr umgehen, mit ihr spielen und seinen Schabernack mit ihr treiben, wenn es einem danach gelüstet.

Fribbeln Sie also fröhlich über Ihre Tastatur und schreiben Sie fleißig! Wer weiß, vielleicht hat der nächste Duden (Nr. 28) ja dann dieses hübsche kleine Wörtchen mit im Gepäck, in einer noch dickeren und noch schöneren Auflage?!

 

 

Autor: Dudenredaktion (Hg.)
Titel: „Der Duden — Band 1: Die deutsche Rechtschreibung“
Gebundene Ausgabe: 1264 Seiten
Verlag: Duden; Auflage: 27. Auflage. (7. August 2017)
ISBN-10: 3411040173
ISBN-13: 978-3411040179

 

 

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