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Bernd Wedemeyer-Kolwe: „Aufbruch — Die Lebensreform in Deutschland“

Am: | Juli 17, 2017

Die wenigsten Kunden, die ein Reformhaus betreten, dürften sich der Tatsache bewusst sein, dass es sich hierbei um ein Relikt der Lebensreform-Bewegung handelt, die bereits im Deutschen Kaiserreich in vielschichtiger Weise und auf den verschiedensten gesellschaftlichen Ebenen als anti-moderne Protestbewegung entstand.

Ebenso wird, wer heute auf die sanften Heilverfahren der Naturheilkunde setzt, sich mit Yoga und mit Hilfe einer ausgewogenen und überwiegend vegetarischen Ernährung in der Balance halten will oder auch die Kraft der Sonne und des Lichts als heilsam empfindest, ahnen, dass auch er auf Elemente der Lebensreform zurückgreift, die seit über hundert Jahren in Deutschland angewandt werden.

Unter dem Motto „Zurück zur Natur“ (Rousseau) oder auch „Zurück o Mensch, zu Mutter Erde“ setzte sich die Lebensreformbewegung „der negativ gedeuteten, durch Verstädterung und Kapitalismus geprägten modernen Industriegesellschaft ein positives soziales Utopia entgegen“, schreibt Bernd Wedemeyer-Kolwe, Historiker und Sportwissenschaftler, in seiner jetzt bei der WBG erschienenen Abhandlung „Aufbruch — Die Lebensreform in Deutschland“.

Unter dem Begriff Lebensreform lassen sich viele, zum Teil auch sehr unterschiedliche Strömungen zusammenfassen. Allen gemeinsam war der Wunsch, die durch die rasant voranschreitende Verstädterung vermeintlich entwurzelten Menschen zu heilen, ihr Leben zu reformieren, es neu zu ordnen und wieder auf die natürliche Lebensweise der vorindustriellen Zeit zurückzuführen.

„Zu den Ingredienzien der Lebensreform gehörten neben vielen anderen Zutaten eine gesunde Ernährung (Vegetarismus), natürliche Heilmittel (Naturheilkunde), ein natürliches Körperbewusstsein und ein gesunder Körper (Körperkultur) sowie eine natürliche Wohnumgebung (ländliche Siedlung).“

Das vorliegende Buch will ein „Kompendium der Lebensreformbewegung“ erstellen, das eine fundiert recherchierte Übersicht und Einführung in die Lebensreform geben soll. Der Begriff der Lebensreform wurde und wird immer wieder sehr weit gefasst und die verschiedensten Phänomene unter seinem Dach versammelt; entsprechend unübersichtlich ist die Fachliteratur und andren Publikationen, und der Begriff wurde mit der Zeit „definitorisch so konturlos wie thematisch beliebig“, stellt Wedemeyer-Kolwe kritisch fest. Seine Studie möchte hier Abhilfe schaffen — ein Vorhaben, das schon an dieser Stelle als gelungen bezeichnet werden darf.

Die Lebensreform war in ihren Ursprüngen eine sozialreformerische Bewegung. „Selbstreform, Sozialutopie und Erlösungsphantasien […] unterschieden die Lebensreform von flankierenden zeitgenössischen Reformbewegungen.“ Das Ziel war immer auch eine Reform der Gesellschaft, allerdings mit dem Umweg über die Selbstreform des Einzelnen. Der Gedanke war, dass durch die Gesundung ihrer Individuen letztlich auch die Gesellschaft geheilt werden könne; denn man betrachtete die Gesellschaft als krank und aus dem Gleichgewicht geraten.

Das lateinische Wort Reform bedeutet eigentlich Zurückbildung einer augenblicklich bestehenden Einrichtung auf ihre frühere Form, doch den Lebensreformern ging es um mehr: Sie wollten das Leben nicht nur reformieren, sondern revolutionieren. Nach der Selbstheilung des Einzelnen sollte die Heilung der gesamten Gesellschaft durch die neue Lebensweise erreicht werden.

Der lebensreformerische Begriff der „Natur“ stand zwar durchaus in Opposition zur entarteten „Kultur“ des Großstadtlebens mit seiner Hektik, dem Tempo, der ungesunden Lebensweise mit zu viel fleischlicher Ernährung und zu wenig Schlaf, mit Enge, schlechter Luft und einem dem Menschen durch die Industrialisierung aufgezwängten „Takt“, der seinen natürlichen „Rhythmus“ durcheinander bringt, und doch basierte der lebensreformerische Naturbegriff auf den bürgerlichen Naturdiskursen seit der Aufklärung.

„Die Rückkehr zur Natur und die anschließende Symbiose von Mensch und Natur spiegeln sich in den an religiöse Motive angelehnten stereotypen Erweckungsgeschichten vieler Protagonisten der Lebensreform wider.“ Oft sind es Städter und Akteure aus dem Bürgertum, die sich selbst als Heilsbringer berufen fühlten, und ihre eigene Heilsgeschichte wird zum überzeugenden Mythos stilisiert, der die jeweilige lebensreformerische Praktik als das Allheilmittel herausstellt.

Der Heilsweg führte über die geistige und körperliche Gesundung des Einzelnen, mit dem Ziel des harmonischen Einklangs von Körper, Geist und Seele. Immer wieder finden sich in den Selbstbeschreibungen der Lebensreform dieselben Schlagwörter: „Wahrhaftigkeit, Reinheit, Klarheit, Harmonie, Schönheit, Echtheit, Einfachheit, Ehrlichkeit und Veredelung“.

„Verbanden sich derlei lebensreformerische Vorstellungen mit einer dezidiert völkischen Haltung, dann konnte „Natur als Norm“ zu einem national ausgerichteten Naturkonzept verengt werden.“ schreibt der Autor in Bezug auf die rechten Strömungen der Bewegung, die später im Nationalsozialismus auch im Sinne einer rassistischen und antimodernen Politik instrumentalisiert wurden.

Damals im deutschen Kaiserreich wurden Thematiken wie religiöse Naturverehrung und antimoderne Zivilisationskritik breit diskutiert; der gesellschaftliche Umbruch, welcher durch die rasante Industrialisierung des Deutschen Reiches ausgelöst wurde (und dessen Dynamik sich erst mit dem totalen Zusammenbruch am Ende des Zweiten Weltkrieges abbremste), erzeugte in breiten Teilen der Bevölkerung für große Verunsicherung. Die Zäsuren des verlorenen Ersten Weltkrieges und der Zusammenbruch der europäischen Monarchien, die jungen Demokratien der Weimarer Zeit sowie der Nationalsozialismus beschleunigten schubweise die jeweiligen Entwicklungen sowohl der Modernisierung als auch der zivilisationskritischen Haltungen.

Kultur, Kapitalismus, moderne Technik, Industrialisierung, pluralistische Gesellschaft und intellektueller Rationalismus erzeugten bei nicht wenigen Zeitgenossen vor mehr als hundert Jahren gewisse Entfremdungsgefühle, die sich in einem diffusen Gefühl der persönlichen Unbehaustheit äußerten. Die Folge war die Suche nach alternativen Interpretationsangeboten der überwältigenden und als Bedrohung empfundenen Wirklichkeit. Viele Suchende fanden ihr Heil in einer oder mehrerer Heilverfahren der Lebensreform.

Nur die wenigsten Anhänger der Lebensreformbewegung waren wirklich radikal und wurden zu Aussteigern, wie Gusto Gräser oder andere Protagonisten der Szene. Die meisten Leute, die sich mit gesunder Ernährung, einer natürlichen Lebensweise oder mit den Naturheilverfahren, wie Wasser-, Luft- und Sonnen-Kuren) beschäftigten, taten dies für sich selbst oder auch in kleinen Gruppen und Vereinen. Ähnlich wie heute konnte man auch damals aus einem Katalog von Angeboten wählen, sich gesünder und fleischlos (oder lieber vegan?) ernähren und sich mit entsprechender Ratgeberliteratur eindecken, die Wochenenden auf dem Land verbringen, Wunden mit Heilerde bestreichen, mit Heilfasten den Körper von Umweltgiften entschlacken, sich ein kleines Schrebergärtchen zur eigenen Versorgung anlegen oder auch den erschlafften Körper mit Turnübungen und Kraftsport wieder auf Vordermann bringen. Wenn gar nichts mehr ging, buchte man einen längeren Aufenthalt in einem der angesagten Sanatorien.

Gleichwohl musste man all diese Tätigkeiten niemals zwingend mit dem Begriff der Lebensreform in Verbindung bringen, solange man sie nur für sich selbst und zur Steigerung der eigenen Lebensqualität praktizierte. Und doch brachte es jene vielleicht typisch deutsche Angewohnheit, Tätigkeiten, Neigungen und Ideologien in Vereinen zu bündeln und zu organisieren, mit sich, dass es schon bald eine blühende Vereinskultur gab, die sich rund um die Themen der Lebensreform bildete. In diesem Zusammenhang müssen wir die gesamte Bandbreite von Wandervereinen bis hin zu Arbeiter-Sportvereinen, von Vegetariern bis zu Anthroposophen, von FKK-Anhängern bis hin zu Ernährungsschulen, von völkischen über naturverbundene bis hin zu naturreligiösen Gruppierungen mitdenken.

Der Autor hat seine Abhandlung über die Lebensreform in Deutschland in die vier großen Hauptbereiche Ernährung, Naturheilkunde, Körperkultur und Siedlung unterteilt. Diese Gliederung ist sinnvoll, denn sie unterstützt die Anliegen des Autors, dem Leser einen ersten Überblick zu liefern sowie eine neue Ordnung in die unübersichtliche Forschung zu bringen; wie bereits angedeutet, werden die unterschiedlichsten sozialen Phänomene unter dem Dachbegriff der Lebensreform behandelt, wobei jede Konturschärfe verloren geht, was keinem Forschungsgegenstand guttun kann.

Den vier Hauptabschnitten der Studie stehen eine Einleitung und ein Abschnitt über die Begriffe, Motive und Stichwortgeber der Lebensreform voran. Auf diese Weise werden das komplexe Forschungsfeld eingegrenzt und die Perspektivierung der Untersuchung aufgezeigt.

Der Text ist auch für den Laien sehr gut verständlich, bietet aber auch dem Forschenden einen ersten Zugang zur wissenschaftlichen Arbeit mit dem Thema. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis eröffnet viel Raum für weitere Beschäftigungen mit der Lebensreform in Deutschland. Allein die Anmerkungen greifen oft etwas zu kurz; so werden Zitate in der Regel nicht aus den Originalquellen, sondern nur über Sekundärliteratur erschlossen. Das fällt für den interessierten Laien überhaupt nicht ins Gewicht, erschwert jedoch die wissenschaftliche Weiterarbeit mit dem Text.

Insgesamt hat Bernd Wedemeyer-Kolwe echte Pionierarbeit geleistet. Dies ist uneingeschränkt anzuerkennen und zu loben. Manchmal wünschte man sich eine etwas stärkere Herausarbeitung der Verbindung von kulturellen (philosophischen, literarischen, künstlerischen, mentalitätsgeschichtlichen) Strömungen und dem Phänomen der Lebensreform, aber auch in der vorliegenden Form wird dieses Buch zur Lebensreform in Deutschland zu einem neuen Standardwerk avancieren. Es macht uns mit einem Thema vertraut, das bis heute in seinen verschiedensten Ausformungen fortbesteht und zu einem inhärenten Teil unseres Alltags geworden ist: die gesunde Lebensweise.

Gleichzeitig lässt die Lektüre uns das Spannungsfeld zwischen Kultur und Natur als das Erbe der Moderne erkennen — ein Erbe, das sich auch uns Menschen der Postmoderne noch als Aufgabe stellt, beide Lebensbereiche in uns selbst und in der Welt um uns zu versöhnen.

 

Autor: Bernd Wedemeyer-Kolwe
Titel: „Aufbruch — Die Lebensreform in Deutschland“
Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
Verlag: Verlag Philipp von Zabern in Wissenschaftliche Buchgesellschaft
ISBN-10: 3805350678
ISBN-13: 978-3805350679

 

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