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Wolfgang Brenner: „Zwischen Ende und Anfang — Nachkriegsjahre in Deutschland“

Am: | Juli 5, 2017

Die Älteren unter uns haben vielleicht noch von ihren Eltern, die Jüngeren von den Großeltern erzählt bekommen, wie das damals so war: nach Kriegsende und in den ersten Jahren, bevor sich 1949 die beiden deutschen Teilstaaten gründeten.

Doch was in diesen Erzählungen an uns Nachgeborene weitergegeben wurde, sind oft schiefe Bilder, die aus den eigenen Erfahrungen ganz unbewusst dasjenige herausfiltern, was nicht ins offizielle Bild (der Geschichte / der Eltern und Großeltern) passen will; und es wurden viele Details weggelassen, die für die damals Lebenden ganz selbstverständlich, für uns in anderen Umständen Aufgewachsene jedoch alles Andere als normal sind.

Somit ist es sehr wahrscheinlich, dass die uns nacherzählten Nachkriegsjahre nicht mit jenem Bild übereinstimmen, welches ein Historiker aus seiner reflektierenden Distanz heraus über jene Zeit zeichnet, in der ein Volk zwischen Aufatmen und Hoffen, zwischen Erschöpfung und Vergessen-Wollen, zwischen Wut, Trauer, Verzweiflung und Überlebensglück vorsichtige erste Schritten in eine neue ungewisse Zukunft unternimmt.

Wolfgang Brenner ist kein Historiker, sondern Journalist und Schriftsteller; er ist Autor zahlreicher Romane, Sachbücher und Drehbücher. „Zwischen Ende und Anfang“ ist ein flüssig geschriebenes, spannendes Buch, das sich vor allem mit dem Alltagsleben während der ersten Nachkriegsjahre beschäftigt. Es ist leicht zu lesen und sehr informativ, ergänzt durch einige Abbildungen und bietet einen ganz neuen Blick auf jene deutschen Nachkriegsjahre.

Das Leben in der Nachkriegszeit war stark bestimmt durch das Verhältnis zu den Besatzungsmächten. Sie hatten das Sagen, sieschafften die Strukturen, regelten den institutionellen Neuanfang und sorgten für die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen. Um so erstaunlicher ist, dass es bislang keine größeren Publikationen gibt, die sich mit dem Verhältnis der Deutschen zu den Besatzungsmächten während jener frühen Jahre befasst haben. Wolfgang Brenners Buch schließt hier eine Lücke.

Dieses vorliegende Buch befasst sich aber auch mit den niederen Ebenen des Alltags der Menschen nach dem Kriege, und gerade dieser genaue Blick auf das scheinbar Alltägliche lässt uns jene pechschwarze Tiefe erahnen, die sich in den Herzen der Menschen eingegraben hat und die sie, so gut es eben geht, durch die Alltäglichkeit zu verstecken suchen. Ihre Welt liegt in Trümmern, die Infrastruktur wird nur langsam wiederaufgebaut, der Blick geht durch verwüstete Städte, über Trümmerhalden und Schuttberge, ausgebombte Wohnungen in halbzerfallenen Häuser, nicht selten durch tote Augen in ausgebrannte Seelen.

Dieser Alltag wird selten explizit angesprochen, scheint aber immer wieder durch die Ritzen des Textes. Vor allem in den ersten beiden Abschnitten wird sehr deutlich, wie hart und ungewiss, wie schwierig und auch fremd jener Neuanfang gewesen sein muss. Nicht nur politisch betrat man im Nachkriegsdeutschland absolutes Neuland; denn es galt, ein ganzes Volk von seinem Irrweg abzubringen und es (wieder) an die Kultur und das Denken der abendländischen Wertegemeinschaft zu verbinden.

Das Buch umfasst zwölf Abschnitte und zeigt sehr deutlich, dass die Deutschen seinerzeit Antworten auf ganz unterschiedliche Fragen finden mussten. Das Politische übertönte nicht selten das Private; Entnazifizierung und die ersten Anzeichen des Kalten Krieges beschäftigten die Menschen ebenso wie die fundamentale Sorge ums eigene Überleben, die Beschaffung des Lebensnotwendigen und die ersten kleinen Schritte zur Aufbau einer eigenen Existenz in einem vom Krieg zerstörten Umfeld.

Wolfgang Brenners Buch über die Nachkriegszeit ist spannend geschrieben und malt das facettenreiche und bunte Bild einer Zeit, die uns mit ihren Sorgen und Nöten, ihrer Ungewissheit und ihren Träumen so fremd ist wie jene aktuellen Bilder aus den Kriegsgebieten im Nahen Osten. Dieses arme, besiegte und besetzte Deutschland hat nichts mit der deutschen Gegenwart gemein, und doch wurden hier die Wurzeln gelegt für den Wohlstand und den Reichtum, von dem wir heute noch profitieren. Schon allein aus diesem Grund ist dieses Buch wert gelesen zu werden. Doch es lässt auch erahnen, wie schwer der Neuanfang in jenen dunklen Jahren gewesen sein muss.

 

Autor: Wolfgang Brenner
Titel: „Zwischen Ende und Anfang — Nachkriegsjahre in Deutschland“
Gebundene Ausgabe: 392 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
ISBN-10: 3423281065
ISBN-13: 978-3423281065

 

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