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Christiane Rösinger: „Zukunft machen wir später – Meine Deutschstunden mit Geflüchteten“

Am: | Juni 26, 2017

Zukunft machen wir später, das ist in diesem Fall doppelt gemeint; Futur I („Ich werde eine Ausbildung machen.“) und Futur II („Ich werde eine eigene Wohnung gefunden haben.“) sind nicht nur Zeitformen für Fortgeschrittene, sondern für die meisten Geflüchteten absolute Zukunftsmusik. In der Zwischenzeit geht es um die Gegenwart,, und die ist schon kompliziert und bunt genug. Wer immer schon einmal wissen wollte, wie der Umgang mit Geflüchteten konkret aussehen kann, findet in Christiane Rösingers neuem Buch eine aufschlussreiche Lektüre. Vor allem aber wird der Leser erfahren, mit wie viel Spaß die Helfer bei der Sache sind.

Und so haben letztlich die Migrationsbewegungen der letzten zwei Jahre dazu geführt, dass Christiane Rösinger, unsere Christiane!, einer geregelten Tätigkeit nachgeht. Nach Jahrzehnten der Zwangskreativität findet sie ihr Glück in einer beruflichen Nische, die ihr das perfekte Gleichgewicht zwischen Struktur und Freiraum bietet. Zwar handelt es sich um eine unbezahlte, dafür jedoch umso erfüllendere Tätigkeit, sie gibt Deutschkurse für Geflüchtete in Kreuzberg.

Christiane wird zur Dozentin im Rahmen eines DaZ-Kurses eines freien Trägers. DaZ steht für „Deutsch als Zweitsprache“ und ist für Menschen gedacht, die sich in Deutschland aufhalten und sich hier verständlich machen wollen. Anders als „Deutsch als Fremdsprache“ finden diese Sprachkurse nicht in den Heimatländern statt, sondern eben hier vor Ort.

Wer Christiane Rösinger „kennt“, als Musikerin der „Lassie Singers“, von „Britta“ und schließlich als Solomusikerin, der ist gespannt, wie sie es anstellt, Geflüchtete zu unterrichten. Wie sie selbst schreibt, war und ist ihr Leben als Musikerin, als Künstlerin, Kolumnistin und Schriftstellerin stets geprägt gewesen von finanzieller Unsicherheit, von der Frage nach dem Sinn des nächsten Albums und des neuen Buches.

Ein Leben im kreativen Prekariat von Kreuzberg, das sie mit vielen ihrer Freundinnen und Bekannten teilte, ein Leben, das keine großen Sprünge erlaubte und doch auf seine Art glücklich und gut war. Christiane Rösingers von Selbstzweifeln, Melancholie und dunklem Humor geprägten Texte wirken niemals aufgesetzt, sondern kommen tief aus dem Herzen der Wahl-Kreuzbergerin. Sie ist im besten Sinne authentisch.

Der Sprung ins kalte Wasser tut ihr richtig gut. Improvisieren ist sie gewohnt, das ist mit einer Band auch gar nicht anders möglich. Diese Eigenschaft hilft ihr beim kreativen Umgang mit dem täglichen Chaos, denn sie weiß nie, wie viele TN (Teilnehmer) am nächsten Tag in ihrer Klasse sitzen und von welchem Sprachniveau sie ausgehen kann.

Die Arbeit mit Geflüchteten empfindet nicht nur Rösinger als sinnvoll und befriedigend, auch die meisten anderen Helfer erfahren, dass Helfen hilft. Durch den Umgang mit Geflüchteten erhält man einen ganz neuen Bezug zu den eigenen Problemen. Diese Menschen haben in der Regel ihr Leben aufs Spiel gesetzt, sind vor Krieg, Terror und Hunger geflüchtet, um hier in Deutschland unterzukommen und anzukommen. Auch wenn in den Sprachklassen niemals die Themen Flucht und Vertreibung angesprochen werden, sind sie im Hintergrund stets präsent. Manchmal erzählt auch jemand von sich aus, wie es bei ihm war und wie es jetzt in seiner Heimat, bei seinen Familien und Freunden aussieht, doch die meisten blicken nach vorne, wollen lernen und sich in ihrer neuen Heimat verständlich machen können.

Wenn hier (und natürlich auch im Buch) bewusst von „Geflüchteten“ die Rede ist und nicht von „Flüchtlingen“, so hat das einen einfach Grund. Der Suffix „-ling“ führt stets eine pejorative und abwertende Konnotation mit sich: Schönling, Feigling, Schädling, Fiesling sind alles keine angenehmen Zeitgenossen, da werden Flüchtlinge keine Ausnahme machen, oder? Mit Flüchtlingen assoziiert man die Flüchtlingskrise, das Flüchtlingsproblem, den Flüchtlingstsunami und andere eindeutig negative Erscheinungen. Allenfalls der Frühling und der Schmetterling scheinen den negativen Beigeschmack abgelegt oder nie gehabt zu haben. – Deshalb spiecht man lieber wertneutral und gender-gerecht von „Geflüchteten“, auch wenn der Begriff zunächst etwas Künstliches hat.

Das Buch ist in Ich-Form geschrieben und zieht den Leser von der ersten Seite an in dieses Abenteuer Deutsch-Kurs. Wie bereits gesagt, liegt Rösingers große Stärke in der Authentizität ihrer Geschichte. Der Leser geht mit ihr auf die Reise, wird selbst zum stillen TN der Deutsch-Kurse, sitzt quasi mit auf der Schulbank und lernt eine Menge. Natürlich nicht in erster Linie über die deutsche Sprache, ihre Schönheit und ihre Tücken, sondern über die Lebensschicksale der Geflüchteten, die in Rösingers Kursen zusammenkommen. Er lernt auch eine Menge über die Zusammenhänge der Flüchtlings- und Asylpolitik, über die Art und Weise, wie sich abstrakte Gesetze ganz konkret im Leben und Alltag von Geflüchteten auswirken, und bekommt eine leise Ahnung davon, was es bedeutet, in einem fremden Land mit einer unbekannten Sprache Asyl zu finden, auf fremde Helfer angewiesen und in der Position eines Bittstellers zu sein.

Dieses Buch ist auch ein Live-Bericht aus den Jahren 2015 und 2016, in denen die Politik relativ schnell von jenem „Spät-Summer-of-Love“ des „Wir schaffen das!“ zu einer Abschottungspolitik der Grenzsicherung und Verschärfung des Asylrechts zurückkehrte. Die spontane Reaktion kollektiver Hilfsbereitschaft sollte durch eine Kampagne gedeckelt werden: „Die Stimmung kippt!“ unkte es unisono durch die Presselandschaft, doch da kippte nichts; die Helfer waren immer noch hilfsbereit und guten Willens. Was allerdings kippte, war die Stimmung gegenüber den staatlichen Institutionen, die immer wieder bürokratische Hürden aufbauten, den Helfenden Steine in den Weg legten und Abläufe erschwerten.

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass es sowohl von rechts als auch von links einige Stimmen gibt, die Zweifel am Sinn eines solchen Sprachkurses anmelden: Die rechten Kritiker kennt man, sie sehen in der Migration von Menschen aus fremden Kulturen eine fundamentale Bedrohung ihr eigenen Existenz, so irreal diese Ängste auch sein mögen. Doch auch eine kritische Linke hegt Zweifel, denn ein Sprachkurs würde die Geflüchteten bevormunden und ihre Autonomie untergraben. Indem man die Geflüchteten in Deutsch-Kurse stecke, liefe man Gefahr, dass die durchaus positiv gemeinte Solidarität in einen neuen Paternalismus umschlägt. – Dieses Argument ist zwar interessant, aber am Ende zählt zum Glück nur der Erfolg der freiwilligen Maßnahmen.

Auch Christiane Rösinger war dank ihrer neuen Lehrtätigkeit plötzlich mittendrin im Geschehen und wurde zu einer genauen Beobachterin des Umgangs mit Geflüchteten. Besonders interessant war und ist der Versuch der Kunst, aus dem Flüchtling künstlerisches Kapital zu schlagen: Natürlich gibt es auch ehrenwerte Projekte, die sich mit den Themen Flucht, Verfolgung usw. auseinandersetzen; doch bemerkenswert hoch scheint die Zahl der Trittbrett-Künstler zu sein, die in jeden Antrag zur Kunstförderung einen Flüchtlingsaspekt integrieren, um an Gelder zu kommen. Hier werden die Geflüchteten instrumentalisiert, um die eigene Karriere zu befördern, sich als Flüchtlingsfreund zu stilisieren und Aufmerksamkeit zu erreichen. Rösinger scheit sich auch nicht, ein paar abschreckende Beispiele beim Namen zu nennen, allen voran die unsäglichen Reenactment-Performances von Ai Wei Wei… – aber lesen Sie selbst.

Dieses Buch liest sich unglaublich leicht und macht Lust darauf, sich selbst auf die eine oder andere Art sozial zu engagieren. Es muss ja nicht immer, aber kann eben auch eine Arbeit mit Geflüchteten sein! Machen Sie sich also die Freude und lesen Sie dieses Buch! Es gibt viel zu lachen, auch wenn der ernste Hintergrund der menschlichen Schicksale niemals wirklich aus den Augen gerät. Doch dies entspricht auch dem Selbstverständnis der meisten TN der Kurse: Sie wollen nach vorne schauen, etwas lernen, sich in eine Zukunft träumen, die anders und besser ist als die Vergangenheit. Wer lernt, befasst sich mit der Zukunft und lebt ganz in der Gegenwart, auch wenn ihn die Vergangenheit immer wieder einholt.

Nach der Lektüre dieses Buches werden Sie die Geflüchteten und die Weltnachrichten mit anderen Augen sehen, selbst wenn Sie weiterhin keinen persönlichen Kontakt zu Geflüchteten in Ihrer Umgebung suchen sollten! Denn durch Christiane Rösingers unterhaltsamen Bericht aus der Kreuzberger Sprachschule bekommen Sie ein ganz neues (und vor allem konkretes) Bild von den Menschen, die seit 2015 unser Land bereichern und bunter machen. Aus Geflüchteten werden Menschen: Achmad, Baschar, Blaise, Mahmoud, Rodriguez, Tuncay, Selim, Aziz, Syrene, Tarek und wie sie alle heißen. Aus einem abstrakten Sammelbegriff werden konkrete Einzelschicksale. Lesen hilft zu verstehen, und Verständnis ist die Grundlage für Toleranz und Solidarität.

 

Autor: Christiane Rösinger
Titel: „Zukunft machen wir später – Meine Deutschstunden mit Geflüchteten“
Taschenbuch: 224 Seiten
Verlag: FISCHER Taschenbuch
ISBN-10: 3596298040
ISBN-13: 978-3596298044

 

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