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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Gerhard R. Kaiser (Hg.): „Deutsche Berichte aus Paris 1789-1933 – Zeiterfahrung in der Stadt der Städte“

Am: | Mai 12, 2017

Ah, Paris! Die Stadt der Städte! Paris hat schon immer die Fantasien beflügelt, Emotionen geweckt und Illusionen ausgelöst. Nicht erst als die „Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts“, wie sie Walter Benjamin nannte, verzauberte Paris die Reisenden, sondern das war wohl schon immer so. Bestimmt vermochte selbst das antike Lutetia durch seine Größe, seinen Reichtum seinen nternationalen Flair den Reisenden und Handeltreibenden magisch anziehen.

Das vorliegende Buch versammelt also deutsche Reiseberichte aus den vergangenen 200 Jahren. Die Beziehung der Deutschen zu den Franzosen war lange Zeit von einem antagonistischen Klima geprägt. Was die einen „Kultur“ nannten, war für die anderen „civilisation“ und umgekehrt. Jeder hielt den jeweils Anderen für moralisch und kulturell (oder eben zivilisatorisch) unterlegen.

Wenn man als Nachbarland solch ein kulturelles Gegengewicht hat, kann man sich wunderbar profilieren und abgrenzen; gleichwohl schielt man immer öfter heimlich über den Zaun um zu sehen, was der Nachbar so treibt. Die Auseinandersetzung mit der Kultur des Anderen fällt dann mitunter nicht leicht, und letztlich ist es immer auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur.

Das ist auch das wirklich Spannende an diesen deutschen Berichten aus Paris. Denn gerade jene Auslandsberichte sind es doch, die dem deutschen Leser das eigene Leben im Vergleich zu jenen beschriebenen Pariser Verhältnissen wie einen Spiegel vorhalten.

Die gewählten zeitlichen Beschränkungen (1789 und 1933) jener Anthologie sind vor allem politisch konnotiert, machen jedoch Sinn, weil mit der Französischen Revolution eine besonders politisch-freiheitlich motivierte Berichterstattung einsetzte, die mit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1933 für längere Zeit beendet wurde. Deutsche Stimmen, die, wie Franz Hessel oder Kurt Tucholsky, seinerzeit aus der französischen Hauptstadt berichteten, verstummten schnell.

Die Besonderheit dieser Anthologie liegt neben ihrer Widerspiegelung des aktuellen Forschungsstandes vor allem in ihrer Beschränkung, ein Umstand, der bei einem Buchumfang von 548 Seiten erstaunen mag. Dieser Sammelband beschränkt sich zum überwiegenden Teil auf selbständig erschienene Publikationen. Denn die zuerst in der periodisch erschienenen Presse veröffentlichten Beiträge haben in unzähligen Publikationen bereits zur Buchform gefunden, während jene selbständigen Publikationen noch auf eine Wiederveröffentlichung warteten.

„Die Beschränkung auf Berichte lässt Gattungen und Darstellungsformen wie die Reportage und die Beschreibung, das Porträt und den Essay, das Feuilleton und die Glosse zu, schließt aber konsequent fiktionalisierte Formen wie den Paris-Roman aus.“ erklärt der Herausgeber Gerhard R. Kaiser.

Gerhard R. Kaiser (nicht zu verwechseln mit dem von 1966-1990 in Freiburg lehrenden Germanisten Gerhard Kaiser!) war ab 1973 Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik in Gießen sowie von 1993 bis 2008 in Jena. In zahlreichen Forschungsprojekten und Publikationen hat er sich mit dem deutsch-französischen Literaturraum beschäftigt.

„Jede Reise in eine fremde Kultur ist eine durch räumliche Veränderung ermöglichte Differenzerfahrung“ schreibt Kaiser weiter in seiner hervorragenden Einleitung. Differenzen finden sich dem Suchenden auf nahezu allen Ebenen: zeitlich wie räumlich, kulturell wie sozial. Was die eine Kultur bereits für selbstverständlich erachtet, erscheint in der anderen erst als schwach leuchtende Verheißung.

Der Blick aus der Fremde in die Heimat lässt leicht die Unterschiede erkennen. Paris wurde so für die deutschen Berichterstatter zu einem Betrachtungsgegenstand für ihre jeweiligen Zeitdeutungen. Indem man die Zeit deutet — mit allen denkbaren Aspekten, die dieser weitgefasste Begriff im kulturellen und politischen Kontext ermöglicht —, gewinnt man unterschiedliche Erkenntnisse aus einer solchen Betrachtung. Demnach wundert es nicht, dass die hier von Gerhard R. Kaiser vorgestellten Berichte ein sehr breites Spektrum von Themen bearbeiten.

Dem Wissenschaftsbetrieb wird mit dieser neuen Anthologie ein hochinteressantes und natürlich auch größeren akademischen Ansprüchen genügendes Werk präsentiert. Der Anhang, bestehend aus einem neunzigseitigen Kommentar, Quellenangaben, Literaturverzeichnis, Register, und umfasst 140 Seiten.

Wer sich also für die deutsche Sicht auf die französische Kultur im historischer Kontext interessiert, wird an diesem Sammelband lange seine Freude haben. Der Blick auf Paris ist natürlich immer auch ein Blick ins Herz der französischen Gesellschaft, und so bieten diese deutschen „Berichte aus Paris 1789-1933“ auch einen facettenreichen Einblick in die französische Geschichte von der Revolution bis zum Schicksalsjahr 1933.

Voilà, in diesem Sinne: „Bon voyage dans les temps“ und viel Freude beim Lesen!

 

Autor: Gerhard R. Kaiser (Hg.)
Titel: „Deutsche Berichte aus Paris 1789-1933 – Zeiterfahrung in der Stadt der Städte“
Gebundene Ausgabe: 550 Seiten
Verlag: Wallstein
ISBN-10: 3835330187
ISBN-13: 978-3835330184

 

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