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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Florence Braunstein, Jean-Francois Pépin: „1 Kilo Kultur“

Am: | Mai 1, 2017

Dieses Buch wiegt mehr als 1 Kilo; das ist nicht schlimm, gibt jedoch einen deutlichen Hinweis auf die Handlichkeit dieses Handbuches. Nein, es ist kein Taschenbuch, doch das tut der Tatsache keinen Abbruch, dass es sich bei diesem Titel um ein wirklich hochinteressantes Projekt handelt.

Denken wir an die Kulturgeschichte des Abendlandes, so sollte uns automatisch Egon Friedells „Kulturgeschichte der Neuzeit“ (erschienen in drei Bänden von 1927-1931) in den Sinn kommen. Das hier vorliegende einbändige Werk setzt jedoch nicht erst (wie Friedell) mit dem ausgehenden Mittelalter und der Epoche der Renaissance ein, sondern versucht eine Kulturgeschichte der Menschheit vom Anbeginn ihrer Existenz. Die Vor- und Frühgeschichte der Menschheit wird hier ebenso kulturgeschichtlich analysiert, wie die folgenden Jahrtausende bis zur Gegenwart. Das ist ein mutiges Projekt, denn es setzt einen weitgefassten Kulturbegriff voraus, der zumindest für die Vor- und Frühgeschichte auf seinen alten begriffsgeschichtlichen Kern und Ausgangspunkt zurückweist: „cultura“, lateinisch für „Bearbeitung“, „Pflege“ und „Ackerbau‘.

Gute 90 Jahre nach Friedells „Kulturgeschichte“ wird also hier der Versuch unternommen, die Geschichte der kulturellen Entwicklung der Menschen in ihrer Gesamtheit zu erfassen und zu beschreiben. Natürlich gab es auch seit den 1930er Jahren immer wieder derartige Versuche, doch meistens wurden einzelne Aspekte der menschlichen Kultur einer historischen Analyse unterworfen und eben nicht die „Kulturgeschichte der Menschheit“.

Florence Braunstein und Jean-Francois Pépin sind, wie man unschwer erkennen kann, Franzosen: Pépin ist ein in Frankreich weithin bekannter Philosoph und sehr erfolgreicher Buchautor; Braunstein 25 Jahre lang Studium-generale-Kurse an großen Pariser Universitäten gegeben und zahlreiche erfolgreiche Bücher geschrieben. Zusammen haben beide zuvor den sehr erfolgreichen Titel „La Culture générale pour les nuls“ (mit über 200.000 verkauften Exemplaren) herausgegeben und nun „1 Kilo de culture générale“ — eben „1 Kilo Kultur“.

Die Tatsache, dass es sich um zwei französische Autoren handelt, ließe vermuten, dass sich das Werk in erster Linie an französische Leser wendete (richtig) und den Stoff vor allem aus einer frankozentrierten Perspektive präsentierte (falsch). Die beiden Autoren scheinen von Anfang an ein Werk geplant zu haben, welches den aktuellen Stand der kulturwissenschaftlichen Forschung in die Konzeption miteinbezieht und somit einen historischen Abriss der „culture générale“, also der allgemeinen Kultur aus aktueller Sicht bieten soll.

In diesem Zusammenhang war es selbstverständlich, den Fokus nicht durch nationalstaatliche Konzentration zu verengen; sogar eine künstliche Verengung durch einen starken eurozentrischen Blick wurde vermieden, was sehr zu begrüßen (und aktueller „state of the art“ in den vergleichenden Kulturwissenschaften) ist.

Bemerkenswert ist hier allerdings die vergleichsweise schmal ausfallende Beschäftigung mit Afrika, Amerika und Asien. Das hat allerdings auch seine Berechtigung, wenn man die Relevanz jener Kulturen für die europäische Kultur berücksichtigt. Umgekehrt hatte die europäische Kultur im Zuge der jahrhundertelangen Kolonialherrschaft einen starken Einfluss auf jene außereuropäischen Kulturen; doch dies in der nötigen Ausführlichkeit zu beschreiben, hätte das Buch noch dicker gemacht und den durchschnittlichen europäischen Leser vielleicht auch überfordert.

So haben wir also den umfangreichen und mutigen Versuch vor uns liegen, eine Welt-Kulturgeschichte zu präsentieren, wie sie sich aus heutiger Sicht dem europäischen Leser darbietet. Hierbei werden zu weiten Teilen nationale Kulturgeschichten erzählt, was einen einfachen Grund hat: In früheren Jahrhunderten waren die Kulturen der einzelnen Staaten und Völker noch klar und deutlich voneinander zu unterscheiden; ein kultureller Austausch, wie wir ihn heute in Zeiten der Globalisierung und Nivellierung von kulturellen Besonderheiten kennen, gab es lange Zeit nicht.

Kultureller Austausch fand in der Regel nur punktuell und auf wenige Kulturbereiche begrenzt statt; meist war er eingebettet in die bestehenden Herrschaftsstrukturen. Die Globalisierung und ihre Tendenz zum Mainstreaming ist ein relativ junges Phänomen. Die Vormachtstellung der westlichen Konsumkultur als weltweiter Taktgeber jener Ökonomisierung aller Lebensbereiche ist ein Kind des 21. Jahrhunderts. Die Zerstörung regionaler und nationaler Kulturen ist ihre logische Folge.

Der Wälzer umfasst zwar immerhin stolze 1258 Seiten (plus 48 Seiten Namensregister), doch das ist nicht viel für eine universelle Kulturgeschichte der Menschheit. Dementsprechend der Zwang zur Verkürzung und zum Weglassen komplexer Zusammenhänge. Auch das ist nicht besonders schlimm, aber schade, weil es zur Folge hat, dass man in den einzelnen Abschnitten immer nur mit wenigen exemplarischen Häppchen versorgt wird, die stellvertretend für eine Epoche stehen sollen und müssen.

Auf diese Weise hangelt sich der Text oft von einem berühmten Namen zum nächsten — eine Art kulturgeschichtliches „name-dropping“ —, doch die Personen hinter diesen Namen können aufgrund des fehlenden Platzes nicht immer mit Leben gefüllt werden. Diesen grundsätzlichen und systematischen Nachteil teilt dieses Werk mit manchen enzyklopädischen Projekten, denen es wiederum an den Möglichkeiten einer personen- oder begriffsbergreifenden Darstellung eines Gesamtzusammenhanges mangelt.

Gleichwohl ist dieser Block mehr als „1 Kilo Kultur“: Es ist ein Grundlagenwerk, das in jeden Haushalt (und in jeden Kopf) mit einem gewissen Bildungsanspruch gehört. Denn in ihm ist das gesamte kulturelle Erbe Europas und der Welt versammelt. In gewisser Weise ließe sich aus diesen 1258 Seiten auch die Essenz einer europäischen Leitkultur ziehen, falls man solch einen Führungsanspruch für den eigenen Kontinent geltend machen wollte. Aber auch sonst ist dieses Buch eine lohnenswerte Lektüre, die — vielleicht begleitend zum Geschichtsunterricht der oberen Klassen — auch von Jugendlichen in Betracht gezogen werden sollte. Denn „Wissen ist Macht“, das wusste nicht erst Francis Bacon im 16. Jahrhundert, das galt immer und das gilt auch heute noch.

 

Autor: Florence Braunstein, Jean-Francois Pépin
Titel: „1 Kilo Kultur“
Gebundene Ausgabe: 1296 Seiten
Verlag: C.H.Beck
ISBN-10: 3406705979
ISBN-13: 978-3406705977

 

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