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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Maria Zinfert (Hg.): “Kracauer Fotoarchiv”

Am: | April 24, 2017

In seinem Essay “Die Photographie” schrieb Siegfried Kracauer 1927: „Die Photographie erfaßt das Gegebene als ein räumliches (oder zeitliches) Kontinuum, die Gedächtnisbilder bewahren es, insofern es etwas meint.“ Was sind Gedächtnisbilder? – Kracauer versteht darunter lückenhafte Bilder, die eben nicht den gesamten räumlichen oder zeitlichen Verlauf miteinbeziehen, sondern das Wesentliche, das für das Gedächtnis Relevante hervorheben. Gedächtnisbilder sind nur dann von Bedeutung, wenn sie wahr sind, und wahr sind sie nur dann, wenn in ihnen die ganze Geschichte der gezeigten Person in einem einzigen Bild erzählt wird: Ja, das ist die Großmutter, wie wir sie kannten! Genau so war sie gewesen! – Ein Bild, das trifft, wird zu einem Gedächtnisbild.

In seinem wohl bekanntesten Essay über das „Ornament der Masse“ ging es Kracauer um die Analyse von „unscheinbaren Oberflächenäußerungen“. Die Oberfläche, das Oberflächliche, war ihm nicht nur das Offensichtliche, sondern ein Zugang zum Inneren der Dinge, zu ihrem Dahinter. Was im Kern sich anders darstellen mag, was seinem Gehalt nach gestaltet und geformt ist, wird oft durch eine glänzende und unscheinbare Oberfläche kaschiert. Denken wir an unsere heutige Werbe- und Warenwelt, so kann man auch von einer hübschen Verpackung sprechen, die uns darüber hinwegtäuschen soll, dass wir es mit ganz anderswertigen Dingen oder Inhalten zu tun haben, als die Verpackung uns glauben machen soll.

Fotografien sind Abbildungen von Oberflächen. In ihnen werden Ausschnitte aus einer Wirklichkeit abgebildet, die längst Vergangenheit geworden ist. Die in einer Fotografie eingefangenen Wirklichkeitsausschnitte sind durch ihre Abbildung dem Vergessen entrissen, für die Nachwelt gerettet. An diesem Punkt treffen Kracauers Analyse von „unscheinbaren Oberflächenäußerungen“ und Walter Benjamins Rettung der verlorenen Vergangenheit durch das Eingedenken, jene jüdische Spielart des Erinnerns, zusammen.

Inwiefern nun die in diesem Fotoarchiv versammelten Bilder auch Gedächtnisbilder sind, muss jeder Betrachter für sich selbst entscheiden, die meist undatierten und unkommentierten Fotos lassen der Reflexion des Betrachters genügend Raum.

Die Literaturwissenschaftlerin Dr. Maria Zinfert hat das Kracauer-Archiv in Marbach nach den privaten Fotoaufnahmen der Kracauers (Siegfried und Lili) durchforstet und mit dieser Publikation eine Lücke in der Kracauer-Forschung geschlossen. Dass jene Lücke zuvor offensichtlich von niemandem bemerkt wurde, erstaunt umso mehr, als jetzt das „Kracauer Fotoarchiv“ Zeugnis von der fotografischen Arbeit eines der wichtigsten Filmtheoretiker des 20. Jahrhunderts ablegt.

Natürlich war Siegfried Kracauer nicht nur Filmtheoretiker, sondern ein Forscher in vielen Disziplinen: Als ausgebildeter Architekt studierte er in jungen Jahren nebenbei Philosophie (u. A. bei Georg Simmel in Berlin), befasste sich als Feuilleton-Chef der Frankfurter Zeitung mit kulturwissenschaftlichen und soziologischen Themen, verfasste zahlreiche Film- und Theaterkritiken, wurde zum Wegbereiter (und Weggefährten) der Ahnherren der Kritischen Theorie (Horkheimer und Adorno), war eng nicht nur mit Adorno, sondern auch mit Benjamin, Bloch und Löwenthal befreundet, schrieb auch zwei Romane und avancierte im amerikanischen Exil zum bedeutendsten Filmtheoretiker seiner Zeit. Seine Arbeitsweise war niemals von dogmatischen Regeln geprägt, sondern immer von einer empirischen und interdisziplinären Annäherung an ein Thema.

Deshalb faszinieren uns seine Essays bis heute; deshalb fiel Kracauer aber auch meistens durch alle Raster der akademischen und wissenschaftlichen Disziplinen, so dass es sehr lange gedauert hat, bis die Bedeutung Siegfried Kracauers in seiner Interdisziplinarität erkannt wurde. Und so wurde auch Kracauers abwechslungsreiches Leben erst jüngst durch den Historiker Jörg Später in einer fulminanten Biographie gewürdigt, was längst überfällig war.

Wie hat nun einer selbst fotografiert, der sich so intensiv mit Bildern und ihren Wirkungen auf den Betrachter auseinandergesetzt hat? Und wie und was fotografierte die Frau an seiner Seite — Elisabeth, genannt Lili — jene frau, die ihn ein halbes Leben lang begleitete: in den 1920er Jahren, dann 1930 von Frankfurt nach Berlin, 1933 dann ins französische Exil nach Paris und später in die USA, wo die beiden in New York eine neue Heimat fanden.

Das private Fotoarchiv der Familie Kracauer gewährt nicht nur einen Einblick in ihr Privatleben und versorgt die Kracauer-Forschung mit neuem Bildmaterial ihres Zentralsterns, sondern sie zeigt auch, wie und was jemand in der Praxis fotografiert, der sich so intensiv mit der psychologischen und soziologischen Wirkung der bildgebenden Medien beschäftigt hat, wie kaum ein Zweiter.

Es ist der akribischen Arbeit sowie dem Spürsinn der Herausgeberin zu verdanken, dass sie mit dieser Publikation eine spannende und aller Wahrscheinlichkeit nach auch repräsentative Auswahl von Fotos aus der privaten Sammlung Kracauers zusammengestellt hat. Zeitlich spannt sich der Bogen vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in die 1960er Jahre und zeigt auf diese Weise auch, wie intensiv die beiden Leben von Siegfried und Lili Kracauer über vier Jahrzehnte miteinander verbunden waren. „Der Großteil der Fotografien wurde allerdings nicht von Siegfried, sondern von Lili Kracauer aufgenommen, und sie war es auch, die die Fotomaterialien geordnet hat.“ schreibt Maria Zinfert in ihrer Einleitung.

Leider ist diese ursprüngliche Ordnung aufgelöst worden, nachdem der Bestand aus dem Deutschen Literaturarchiv Marbach in den 1980er Jahren in das Ordnungssystem des Literaturarchivs eingegliedert und nach Bildmotiven sortiert worden ist. Zum Glück sind die von Lili Kracauer beschrifteten Kuverts erhalten geblieben und ermöglichten es der Herausgeberin, die alte Ordnung des Fotoarchivs zu rekonstruieren.

Es geht Maria Zinfert vor allem um die Zusammenarbeit von Siegfried und Lili Kracauer, die von der Kracauer-Forschung immer noch nicht genügend Würdigung empfängt; oft sind es gerade die Frauen an der Seite eines berühmten Wissenschaftlers, die, wie es damals üblich und erwünscht war, immer im Hintergrund blieben, von dort aus aber wichtige und mitunter auch entscheidende Impulse für die Arbeit ihrer Männer gaben.

Deshalb liegt der Schwerpunkt der hier präsentierten Fotos auf jener gemeinsamen Zeit von Lili und Siegfried Kracauer, also den Jahren 1934 – 1939 und 1945 – 1964. Die meisten abgebildeten Fotos sind von Lili Kracauer fotografiert, deren liebstes Sujet ihr Mann Siegfried war. Doch der Bogen der Motive spannt sich weit von frühen Aufnahmen aus dem Paris der 1930er bis zu Reisebildern aus Europa und den USA in den 1950er und 1960er Jahren.

Der vorliegende großformatige Bildband ist im Diaphanes-Verlag erschienen und glänzt mit einer hervorragenden Qualität der Reproduktion und der buchtechnischen Verarbeitung. Für die Reproduktionen wurden ausschließlich originale Vergrößerungen, Kontakte und Negative verwendet. Er zeigt die ganz private und bislang unbekannte Seite eines der bedeutendsten deutschen und amerikanischen Kultur- und Medien-Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts.

 

Autor: Maria Zinfert (Hg.)
Titel: “Kracauer Fotoarchiv”
Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: Diaphanes
ISBN-10: 3037346701
ISBN-13: 978-3037346709

 

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