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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Quentin Bajac, Lucy Gallun u. a. (Hg.): “Die große Geschichte der Photographie. Die Moderne: 1920 bis 1960“

Am: | Januar 31, 2017

Ohne Übertreibung darf man feststellen, dass sich im New Yorker MoMA (Museum of Modern Art) die weltweit wohl wichtigste Fotosammlung befindet. Sie ist eine wahre Fundgrube von ikonischen Meisterwerken der Photographie, und es lassen sich in ihr auch immer wieder neue und überraschende Entdeckungen machen. Schon in den 1930er Jahren begann man hier, photographische Kunst zu sammeln und in Ausstellungen zu zeigen.

Wenn ein so grundlegendes Buchprojekt wie „Die große Geschichte der Photographie“, die auf insgesamt drei umfangreiche Bände ausgelegt ist, sich auf die Sammlungen des MoMA New York stützt, so hat es die richtige Wahl getroffen, weil sich in eben jenen Sammlungen nahezu alle Inkunabeln der Photographie-Geschichte finden lassen.

Der vorliegende zweite Band, der nach dem Band III (1960 bis heute) als zweiter der Trilogie erscheint, beschreibt die Geschichte der Photographie in den entscheidenden Jahren von 1920 bis 1960. Der dritte und letzte Band (1839 bis 1920) wird aller Voraussicht nach im Laufe dieses Jahres (2017) erscheinen.

Die 1920er Jahren waren noch entscheidend von den traumatischen Erlebnissen des Ersten Weltkriegs geprägt, deren Erschütterungen auch in der Kunst zu spüren waren. Es kam nach dem Ende des Kriegs zu einer neuen Aufbruchsstimmung, die sich in einer Vielzahl von Stilen und Bewegungen ausdrückte.

Parallel zu diesen Entwicklungen eroberte auch die Photographie in jener Zeit ganz neue Terrains. Man denke nur an die von Oskar Barnack entwickelte Leica, die ab 1924 in Serie gefertigt wurde und dem Photographen eine bis dahin ungekannte Mobilität und ganz neue künstlerische Freiheiten ermöglichte. Die Erfindung der Kleinbildkamera befreite den Photographen von den Fesseln des Stativs, die schwerfällige Plattenkamera bekam eine schnelle Konkurrenz: die kleine Schwester war flink und leichter zu bedienen — und sie war billiger.

So war die Geschichte der Photographie auch immer mitgeprägt von den technologischen Entwicklungen und der künstlerischen Auseinandersetzung mit ihnen. Doch vor allem ging es um die Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Realität, also mit der künstlerischen Interpretation und Konstruktion der Wirklichkeit. Es ist das Verdienst dieses aufwändigen Buchprojekts, die internationale Geschichte der Photographie in ihren Bildern darzustellen.

Der zweite Band spannt den Bogen von der europäischen (und hier besonders der deutschen) Avantgarde bis zur amerikanischen Avantgarde, vom Surrealismus bis zum „dokumentarischen Stil“ und die Subjektive Photographie, von der Street Photography bis zur Studio-Photographie. Um dem Leser dieser Besprechung eine genauere Vorstellung vom Inhalt des Buches zu geben, seien hier ausnahmsweise die acht Abschnitte genannt: „Die amerikanische Moderne 1920-1940“; „Der neue Photograph 1920-1940“; „Surrealismus und Alltag 1920-1940“; „Amerika und der dokumentarische Stil 1930-1950“; „Geschichten aus dem öffentlichen Raum 1920-1960“; „Studio und Schnappschuss 1929-1960“; „Subjektive Experimente 1940-1960“; „Kreative Photographie 1940-1960“.

Die hochwertig gedruckten Reproduktionen dieser Buchreihe werden von ergänzenden Texten der Herausgeber begleitet, die jeweils eine kompetente und interessante Einführung in einen der acht Abschnitte des Buches geben und den Leser mit dem nötigen Hintergrundwissen versorgen. Der eigentliche Schwerpunkt dieser Reihe liegt jedoch ganz klar auf der möglichst farb- und tonwertgetreuen Wiedergabe jener Ikonen der Photographie-Geschichte; es ist also in erster Linie ein Bilderbuch der Photographie-Geschichte.

Nicht nur der an Photographie interessierte Leser dürfte sich an dieser repräsentativen und umfangreichen Fotosammlung erfreuen, sondern vor allem der aktive Photograph: Er findet hier ein geradezu unerschöpfliches Schatzkästlein an Ideen und Motiven für die eigene kreative Arbeit. Somit gehört dieses Buch nicht nur ins Regal, um dort den Besucher zu beeindrucken, sondern es muss gelesen, angesehen und immer wieder durchblättert werden!

 

Autor: Quentin Bajac, Lucy Gallun u. a. (Hg.)
Titel: “Die große Geschichte der Photographie. Die Moderne: 1920 bis 1960“
Gebundene Ausgabe: 392 Seiten
Verlag: Schirmer Mosel
ISBN-10: 3829607784
ISBN-13: 978-3829607780

 

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