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Barbara Piatti (Hg.): “Von Casanova bis Churchill — Berühmte Reisende auf ihrem Weg durch die Schweiz”

Am: | Januar 3, 2017

Barbara Piatti (Hg.): “Von Casanova bis Churchill — Berühmte Reisende auf ihrem Weg durch die Schweiz”Die Schweizer Literaturwissenschaftlerin Barbara Piatti hat im Badener Hier-und-Jetzt-Verlag eine Anthologie bedeutender Schweiz-Reisen zusammengestellt. Die Orientierung an literarischen Vorlagen, an Tagebüchern und Notizen, aber auch an fiktionalen Texten berühmter Schweiz-Reisender mag für eine Literaturwissenschaftlerin naheliegend sein, doch diese Anthologie ist viel mehr als eben nur eine Anthologie.

Wie die Herausgeberin in ihrer Einleitung schreibt, geht es ihr nicht nur um eine Sammlung von Texten über die Schweiz und über das Reisen, sondern um die Konstruktion eines literarischen Raumes. Mit ihrer bewussten Auswahl an Texten möchte sie „Knotenpunkte, Kreuzungen und imaginäre Begegnungen“ aufzeigen.

Die ausgewählten Texte umspannen fast zwei Jahrhunderte — von 1760 mit Casanovas Reiseberichten bis zu Winston Churchills Schweiz-Aufzeichnungen von 1946. So können wir anhand der Reisebeschreibungen die Routen jener Reisenden nachverfolgen und sehen, wie sich über die Jahrhunderte die Wege immer wieder kreuzten. So entsteht ein vierdimensionales literarisches Bild der Schweiz mit vielen Wegkreuzungen in Zeit und Raum.

In Anlehnung an die Raumtheoretikern Doreen Massey geht es auch Piatti darum, Fährten aufzunehmen und räumliche wie zeitliche Verbindungslinien zu suchen: „Vielleicht können wir uns Raum vorstellen als eine Gleichzeitigkeit von (allen) bisherigen Geschichten“ zitiert sie Massey. „Durch die Bewegungen von Menschen, Ideen und Objekten wird ein Raum immer neu geschaffen.“ So erstellt Barbara Piatti mit ihrer subjektiven Auswahl von 35 Portraits berühmter Reisender einen „mehrdimensionalen helvetischen Raum-Zeit-Würfel“; wie Kometenbahnen überschneiden sich manche jener Reisen durch die Schweiz; manchmal ganz konkret an bestimmten Orten, manchmal auch an den gemeinsamen Träumen, Plänen, Ängsten und anderen Inspirationen.

Nur einige Beispiele: Franz Kafka, J. R. R. Tolkien und Walter Benjamin durchwanderten im heißen Sommer 1911 die Schweiz, und wenn man ihre Routen verfolgt, hätten sie sich durchaus treffen können. Arthur Conan Doyle und René Schickele fuhren zur selben Zeit in Davos Ski. Aber auch im zeitlochen Abstand wurden immer wieder dieselben Orte besucht; so stiegen Theodor Fontane und Franz Liszt im Hotel Storchen in Basel ab, allerdings mit vierzig Jahren Abstand. Giacomo Casanova, Friedrich Schinkel und James Fenimore Cooper vergnügten und reinigten sich alle im Berner Bad im Mattequartier an der Aare.

Piattis Anthologie zeigt deutlich, wie sehr die Schweiz über die Jahrhunderte zu einem beliebten Reiseziel der Dichter und Denker, der Künstler und Intellektuellen wurde. Vor allem als Zufluchtsort diente die beschauliche Schweiz dem überreizten Intellektuellen. Schriftsteller, Maler, Musiker, Philosophen, Architekten, Fotografen, Filmschaffende — aus den hektischen Großstädten flüchtete man gerne (wenigsten für eine kurze Zeit) in die Idylle dieses kleinen eidgenössischen Berg-Staates. Das ist heutzutage nicht viel anders, allerdings waren in früheren Jahrhunderten die Schweiz-Aufenthalte deutlich länger als heute; manch einer blieb sogar mehrere Monate in der Schweiz.

Die jeweiligen Originaltexte, die hier in Auszügen versammelt sind, werden ergänzt von sehr schönen, kurzen Portraits der jeweiligen Autoren. Piatti betont ausdrücklich, dass es sich hierbei nicht um „nostalgische Zeitreisen“ handelt: Die Autoren schrieben ihre Texte mitten im Strudel des politischen und gesellschaftlichen Geschehens und am Puls ihrer Zeit. Jede nostalgische Verklärung wäre hier fehl am Platze gewesen.

Kreuz und quer geht es durch die Schweiz und durch die Zeit. Es ist eine spannende und immer wieder überraschende Begegnung mit diesem kleinen Land und seinen Eigenarten, mit örtlichen Besonderheiten und den Gepflogenheiten seiner Bewohner. Auch für jemanden, der sich in der Schweiz nicht gut auskennt, sind diese Geschichten eine wertvolle und anregende Lektüre. Denn sie zeigen, wie sehr die Geschichten, die ein Land hervorbringt, zur Formung eines Bildes beitragen, das man sich von ihm macht.

Der französische Schriftsteller Michel Butor prägte in den 1990er Jahren den Begriff der „Stadt als Text“, worin er die Texte der Stadt und über die Stadt als prägend ansah für das Bild, das wir von der Stadt haben. Übertragen auf die Schweizer Landschaft zeigt Barbara Piattis Anthologie, dass man diese Sichtweise auch für ein ganzes Land einnehmen kann. Die Geschichten lassen sich leicht verorten, der Text wird zu einer konstituierenden Kraft bei der Entwicklung unseres Bildes von diesem Land. Mit Hilfe der vorliegenden Texte sind wir in der Lage, einen literarischen Raum zu konstruieren, eben jenen „helvetischen Raum-Zeit-Würfel“, von dem die Herausgeberin in ihrer Einleitung spricht.

Wer sich für dieses Buch interessiert, sollte sich unbedingt auch das Forschungsprojekt „Literarischer Atlas Europas“ von Barbara Piatti anschauen! Die Literaturwissenschaftlerin beschäftigt sich seit langem mit der Konstruktion einer literarischen Landkarte und mit der Verbindung von Geographie und Literatur.

 

Autor: Barbara Piatti (Hg.)
Titel: “Von Casanova bis Churchill — Berühmte Reisende auf ihrem Weg durch die Schweiz”
Gebundene Ausgabe: 512 Seiten
Verlag: Hier und Jetzt
ISBN-10: 303919349X
ISBN-13: 978-3039193493

 

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