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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Richard David Precht im Gespräch auf der Frankfurter Buchmesse 2016

Am: | Oktober 29, 2016

Richard David Precht (C) 2016 Ralph KrügerRALPH KRÜGER: Herr Precht, Sie haben sich ja bereits Ende der 1990er Jahre mit dem Thema Tierethik beschäftigt. Ist das jetzt erscheinende Buch „Tiere denken“ eine Neuauflage Ihres Buches von 1997 – „Noahs Erbe“?

RICHARD DAVID PRECHT: Nein, keine Neuauflage. Ich habe das Buch von 1997 als einen Steinbruch benutzt, um ein neues zu schreiben. Von den Gedanken her gibt es natürlich große Überschneidungen, aber es gibt auch einige deutliche Veränderungen.

RALPH KRÜGER: Ich habe nämlich im Vorfeld versucht, dieses Buch (Noahs Erbe) zu finden, hatte aber keinen Erfolg; das Buch ist also vom Markt verschwunden.

RICHARD DAVID PRECHT: Ja, ja, das ist teuer! Das Buch ist eine echte Rarität. Das Buch hatte auch nur eine kleine Auflage und war damals – sowohl als Taschenbuch als auch als Hardvover – ein Flop. Ich war damals ein ganz junger und völlig unbekannter Autor.

RALPH KRÜGER: Kommen wir also auf Ihr neues Buch zu sprechen: „Tiere denken“. Darin entwickeln Sie eine neue Tierethik. Warum sind Sie der Ansicht, dass wir eine neue Tierethik bräuchten?

RICHARD DAVID PRECHT: Zum Einen ist es eine große gesellschaftliche Aufgabe, die Menschen tierethisch zu sensibilisieren. Zum Anderen gibt es bei den bestehenden Tierethiken – oder Tierrechtsbegründungen – einige Defizite aus meiner Sicht. Deswegen setze ich mich auch im dritten Teil dieses Buches ganz genau mit diesen Begründungen auseinander und habe auch etwas andere Ansichten zur Moral als die „Gurus“ der Tierrechtsbewegung.

RALPH KRÜGER: Sie beginnen Ihr Buch ja mit der Feststellung, dass das menschliche Verhalten den Tieren gegenüber äußerst ambivalent ist: Einerseits lieben wir Tiere, wir bewundern sie, wir kuscheln mit ihnen und gehen äußerst zärtlich mit ihnen um; andererseits haben wir aber keine Probleme damit, Tiere züchten und für uns töten zu lassen, damit wir sie essen können…

RICHARD DAVID PRECHT: … oder nehmen Sie die Tierversuche: zwei Millionen im Jahr, mit Affen dreitausendfach im Jahr, Nerze zu vergasen für Pelzmäntel… Das ist in der Tat merkwürdig. Auf der einen Seite ist die Sensibilisierung dessen, was wir glauben, was wir Tieren gegenüber tun dürfen, enorm gestiegen. Wenn Sie mal gucken, wie das noch vor hundert oder zweihundert Jahren aussah und wie es heute aussieht, so sind heute die allermeisten Menschen der Überzeugung, man müsse Tiere achten und gut zu ihnen sein. Auf der anderen Seite steht das, was wir so hinter den Kulissen machen: barbarischer als je zuvor! Dieser Widerspruch ist ja bekannt, aber man muss immer wieder neu darauf aufmerksam machen, weil das leicht in Vergessenheit gerät.

RALPH KRÜGER: Und das Ganze funktioniert doch vor allem deshalb, weil es unsichtbar vonstatten geht.

RICHARD DAVID PRECHT: Genau. Überlegen Sie doch einmal: Wo gibt es ein zweites Beispiel in unserer Gesellschaft, wo wir etwas machen, was wir eigentlich für ethisch nicht vertretbar halten, es jedoch in ganz großem Stil und im Unsichtbaren betreiben? Das ist in der Tat im Augenblick der größte ethische Widerspruch in unserer Gesellschaft: Sensibilisierung und Praxis.

RALPH KRÜGER: Gerade die Sensibilisierung scheint doch heute größer denn je…

RICHARD DAVID PRECHT: Ich habe gerade eben zuvor mit Veganern gesprochen, die meinten, es gäbe mittlerweile mit gesicherten Zahlen 1,6 Mio. Veganer, und die letzte Zahl, die ich von vor zwei Jahren habe, sind 900.000; wir haben 7,8 Mio. Vegetarier in Deutschland… Das ist gesellschaftlich überaus relevant.

RALPH KRÜGER: Wenn wir uns diese Ambivalenz im menschlichen Verhalten anschauen, so funktioniert das ja nicht nur, weil wir die unethischen Handlungen im Unsichtbaren vollziehen lassen, sondern vor allem, weil wir versuchen, eine ganz klare Trennlinie zwischen Mensch und anderen Tieren zu ziehen.

RICHARD DAVID PRECHT: Diese Grenze ist so, wie sie in unserer Sprache und in unserem Denken vorkommt, Unsinn. Das wird natürlich jeder Biologe auch so sehen. Rein in der Sprache und auch in der Rechtsprechung ist der Graben zwischen Mensch und Schimpanse größer als der zwischen Schimpanse und Blattlaus. Ich kenne aber keinen Menschen, der behauptet – außer, er ist religiös fanatisiert -, dass man diese Grenze so sinnvoller Weise ziehen kann. Mit klaren Worten: Diese Grenze ist Quatsch. – Ich werde auch oft pauschal gefragt, wie sollen wir mit Tieren umgehen? Damit lege ich jedoch den Schimpansen, die Blattlaus und die Zecke und den Maulwurf auf einen Begriff; aber für mich sind das ganz, ganz unterschiedliche Lebewesen, für die sich ganz unterschiedliche Fragen stellen.

RALPH KRÜGER: Gut, Sie argumentieren jetzt gerade mit dem Aspekt der Unterschiedlichkeit. Wenn wir aber sagen: Menschen und Tiere sind alle Lebewesen, die aus der gleichen Wurzel entsprungen sind, dann wäre ein solches Verhalten, wie wir es im Umgang mit Tieren heute an den Tag legen, geradezu unmöglich…

RICHARD DAVID PRECHT: Na, es gäbe ja auch das Argument zu sagen: Okay, Ihr habt mich überzeugt: Der Mensch ist ein Tier, andere Tiere essen auch Fleisch, der Mensch ist genauso wie er Löwe in der Lage, dies zu tun, also warum sollen wir das nicht auch dürfen? Diese Argumentation gibt es ja auch.

RALPH KRÜGER: Bei der Suche nach einer Trennlinie von Mensch und Tier kommt man immer wieder zurück auf den Begriff der Kultur…

RICHARD DAVID PRECHT: … wobei es natürlich unterschiedlichste Formen von Kulturen im weitesten Sinne auch bei Tieren gibt. Es gibt sogar so etwas wie „oral tradition“, indem gewisse Spielregeln abgeguckt und vererbt werden. Ein Schönes Beispiel ist von de Waal, wo er zeigt, dass zwei verschiedene Rhesusaffen-Kolonien unterschiedliche soziale Spielregeln haben; bei der einen ist ein Männchen der Chef und alle Anderen sind die Untergebenen; in der anderen Kolonie ist das Zusammenleben eher demokratisch organisiert, und das bleibt ewig so. Das ist ganz eindeutig ein kulturelles Lernen und nicht nur die Prägung. So etwas haben wir also auch im Tierreich, aber was der Mensch kann: Gesetze formulieren, ethische Normen, Reflexionen – all das machen wir zumindest in einem Ausmaß wie kein anderes Tier. Deswegen gibt es ja in meinem Buch auch diese Argumentation: Wenn wir uns als Menschen über die Moralität definieren und den Menschen als einzigartig moralfähig ansehen, dann sollten wir auch von unserer Moralfähigkeit Gebrauch machen!

RALPH KRÜGER: Wir gehen ja mit Tieren ganz unterschiedlich um und tun dies vor allem aus einer rein menschlichen Perspektive: Wir vermenschlichen sie, wir versachlichen sie, wir vergöttern oder verteufeln die Tiere. Immer sind wir in unserer Binnenperspektive gefangen: Weil wir Menschen sind, können wir – wie es Thomas Nagel für die Fledermaus exemplifizierte – niemals wirklich fühlen und verstehen, wie ein Tier sich fühlt…

RICHARD DAVID PRECHT: Sie haben Recht, wir kommen niemals aus dem Käfig unseres Bewusstseins heraus, aber wir können uns innerhalb unseres Bewusstseins zu uns selbst in Distanz setzen. Sonst könnte man ja so ein Buch gar nicht schreiben… Und das ist es ja, was in dem Begriff der „Anthrozoologie“ anklingt, den ich etwas anders verwende als Hal Herzog, der ihn vor ein paar Jahren einmal eingeführt hat. Ich versuche den Begriff etwas fruchtbarer zu machen; es geht mir um die „gefühlte Nähe“ des Menschen zum Tier. Diese möchte ich wieder kultivieren und die Menschen sensibilisieren, diese Nähe wieder stärker zu empfinden, denn ich glaube, dass aller ethischer Fortschritt allein davon abhängt – und nicht von irgendwelchen Vernunftüberlegungen, Gerechtigkeitsvorstellungen usw. All dies ist letztlich nicht hilfreich; ich kann dies zwar als Argumente benutzen, aber eigentlich geht es in der Ethik immer nur um Sensibilisierung und um nichts Anderes. Schon in der Antike gab es kluge Denker, wie Diagoras, die genau analysiert haben, warum man Sklaverei aus moralischen Gründen nicht betreiben kann. Das ist alles überzeugend gewesen, und dann haben die anderen Philosophen gesagt: Ja, mag ja alles richtig sein, aber wir machen es trotzdem. Auch hier haben sich damals nicht die Vernunftargumente durchgesetzt. So ähnlich ist das auch bei der Tier-Frage: Es geht nicht darum, vernünftig schöne Argumente aufzulisten, sondern es geht darum, die Menschen dazu zu bringen, dass sie selber das Gefühl entwickeln, so können wir nicht weitermachen.

RALPH KRÜGER: Da sind wir auch schon bei einem ganz wichtigen Punkt. Sie schreiben einerseits, dass Wissen ein wichtiger Schlüssel zum Tierschutz sein könnte. Andererseits proklamieen Sie ja in Ihrem Buch interessanter Weise eine „Tierethik des Nicht-Wissens“.

RICHARD DAVID PRECHT: Eben gerade weil unser Bewusstsein begrenzt ist, sollte wir aufhören, mit holzhackerischer Sicherheit darüber zu urteilen, was in Tieren vor sich geht oder nicht vor sich geht. Sondern wir können natürlich Informationen wahrnehmen, können diese sammeln und versuchen, uns ein Bild zu machen; aber es muss immer klar sein, dass dies ein Bild ist, das sich ein Menschen-Tier in einem bestimmten Moment von einem anderen Tier macht.

RALPH KRÜGER: In diesem Zusammenhang wird ja auch der Begriff der Würde in Ihrem Buch sehr ausführlich behandelt. Diese Würde, vor allem eben die Menschenwürde, ist ja ein philosophischer Begriff, der in der Geschichte immer wieder gerne herangezogen wurde, um gegen ein Tier-Recht zu argumentieren.

RICHARD DAVID PRECHT: Die Würde war ja ursprünglich im theologischen Kontext an die Unsterblichkeit gekoppelt. Heute glauben die Menschen nicht mehr an die Unsterblichkeit, aber die Menschenwürde gibt es noch. Aber die Trennlinie zum Tier ist weg, wenn die Unsterblichkeit als Unterscheidungskriterium nicht mehr da ist.

RALPH KRÜGER: Ich denke in diesem Zusammenhang natürlich sogleich an Kant, der die Würde ja exklusiv für den Menschen reserviert hatte und jegliche Rechte immer auch mit Pflichten verbunden sah.

RICHARD DAVID PRECHT: Die Menschwürde wurde erstmals popularisiert von Pico della Mirandola in der italienischen Renaissance, er hat die nicht erfunden, aber er hatte ein Buch geschrieben, wo die Menschenwürde erstmals in den Titel kam. Hier geht es von Anfang an ausschließlich um den Menschen. Und natürlich war das ein wichtiger und für die Aufklärung zentraler Begriff. Aber für die Tiere war das eher ungünstig: Früher war es die Unsterblichkeit, die den Menschen besonders machte, jetzt ist es die Würde. Die Würde ist die Säkularisierung der Unsterblichkeit.

RALPH KRÜGER: Mit dem Begriff der Unsterblichkeit sind wir ja automatisch bei den Religionen. In Ihrem Buch liefern Sie ja auch einen kulturgeschichtlichen Abriss des menschlichen Umgangs mit den Tieren. Noch bei den alten Ägyptern gab es ein Grundgefühl der gemeinsamen Herkunft und der Gemeinschaft von Mensch und Tier. In der griechischen Antike wird das Verhältnis von Mensch und Tier bereits differenzierter gesehen, und spätestens seit den monotheistischen Religionen – Judentum, Christentum und Islam – wird der Mensch als Herr über die Natur und somit auch über die Tiere gesehen.

RICHARD DAVID PRECHT: Die Religion hatte ja in den früheren Kulturen die Funktion, das Zusammenleben der Menschen zu regeln. Die Religionen haben ja nichts erfunden, sondern sie haben die Spiritualität, die in dem jeweiligen Land da war, nur in eine Form gegossen. Das alte Ägypten muss man sich vorstellen wie die Serengeti: Elefanten, Giraffen, Antilopen, Flusspferde, Löwen, Leoparden – all diese Tiere gab es noch im alten Ägypten. Heute ist das auch noch bei manchen indigenen Völkern so: Wenn man in einem Naturkontext lebt, hat man ein anderes Verhältnis zu Tieren: Man fürchtet sie auch, man verehrt sie, man bekämpft sie, aber Achtung ist eigentlich durch den Bewandtnis-Konzept gegeben. Erst durch Ackerbau und Viehzucht und die Ausbreitung der Religionen in semi-ariden und ariden Gebieten gelang die Versachlichung des Tieres. Anders als Schopenhauer, der die Ursachen allen Übels im Judentum und Christentum sah, versuche ich immer zu erklären, dass das Judentum ja nicht Anderes gemacht hat, als auf die veränderten Umweltbedingungen zu reagieren. Das Judentum hat also nicht das Böse in die Welt gebracht gegenüber den Tieren, sondern es hat die Versachlichung, die längst praktiziert wurde, entsprechend religiös festgeschrieben.

RALPH KRÜGER: Seitdem zieht es sich jedoch wie eine gerade, ununterbrochene Linie bis in unsere Gegenwart hindurch…

RICHARD DAVID PRECHT: … dann kam die Technik, dann der Kapitalismus, und so hatte sich die Versachlichung und die Entfremdung vom Tier immer weiter durchgesetzt.

RALPH KRÜGER: Die Industrialisierung der Tierproduktion war dann nur die logische Folge.

RICHARD DAVID PRECHT: Früher wurden die Tiere noch in der Stadt geschlachtet. Dann wurden die Tierindustrien aus den Städten ausgelagert, also exterritorialisiert. Um mit Horkheimer und Adorno zu sprechen: alles eine Folge der instrumentellen Vernunft.

RALPH KRÜGER: Aber eigentlich sollte der Mensch heutzutage doch schlauer sein und dazugelernt haben…

RICHARD DAVID PRECHT: Wir sind ja schlauer, wollen es aber gar nicht so genau wissen. Das liegt natürlich vor allem an politischen Strukturen. Wir leben heute in einer Gesellschaft des totalen Diktats der Ökonomie – und zwar in einem unglaublichen Ausmaß. Dies Strukturen werden durch die Entwicklungen der Europäisierung und der Globalisierung natürlich immer weiter radikalisiert. Dieses Problem haben wir nicht nur in der Tier-Frage, sondern in nahezu allen Fragen möglichen ethischen Fortschritts. Wenn wir dann noch Freihandelsabkommen machen und Mindeststandards global festlegen, wird sich nie mehr was ändern. Wir sind im Grunde dabei, das politische Handeln aus der Hand zu geben und damit ethischen Fortschritt zu blockieren. Das ist die historische Situation, in der wir uns befinden. In einer solchen Situation ist es fast unmöglich, an den bestehenden Verhältnissen noch etwas zu ändern. Die eine Aussicht ist, dass durch die Weiterentwicklung der Technik die Sache irgendwann besser wird: In meinem Buch beschreibe ich, wie man mit der Nackenzelle einer einzigen Kuh heute schon in der Lage ist, diese Zellkultur zu vermehren und daraus einen Burger zu machen. Wenn man es schaffen würde die Zellteilung zu beschleunigen – das ist im Augenblick die Klippe -, dann könnte man rein theoretisch echtes Fleisch herstellen, für das kein Tier hat sterben müssen und das preisgünstiger wäre als die heutige Massentierhaltung. Wenn das klappen würde, wäre diese Lösung natürlich die überzeugendste.

RALPH KRÜGER: Ein solches „Kulturfleisch“ wäre letztlich nicht nur preisgünstiger, sondern vor allem auch ressourcen- und umweltfreundlicher, wenn wir an die Umweltbelastungen durch Massentierhaltungen denken…

RICHARD DAVID PRECHT: Auf jeden Fall! Die Hälfte des weltweiten Getreideanbaus wird an Tiere verfüttert. Achtzig Prozent des Wassers in Brasilien wird von Rindern weggesoffen. Wenn man sich das alles einmal überlegt: der Methan-Ausstoß, die Verseuchung der Böden, die Vergiftung der Flüsse – eigentlich ist doch sowieso klar, dass wir so nicht weitermachen können! Aber das ist ja wie bei allen Sachen, über die wir reden: Wir wissen es, aber wir glauben es nicht. Wir wissen es zwar, aber wir setzen es nicht in etwas um, was für uns bedeutsam ist. Es passiert irgendwo anders, und man kann ja doch nichts ändern.

RALPH KRÜGER: Dagegen möchten Sie mit Ihrem Buch angehen. Es soll sich was ändern in unserer Gesellschaft.

RICHARD DAVID PRECHT: Dieser Prozess ist ja bereits in vollem Gange. Wie gesagt, in meinem vorigen Gespräch mit Veganern wurde deutlich, dass wir jetzt deutlich über eine Million Veganer in Deutschland haben; als 1997 mein erstes Buch zur Tierethik erschien, waren es vielleicht 20.000 gewesen. Es bewegt sich also was in unserer Gesellschaft, und es sind ganz viele junge Menschen! Irgendwann ist so viel Druck auf dem Kessel, nicht dass wir alle Veganer werden, sondern dass wir in der Tier-Frage deutlich umdenken werden. Ich bin zum Beispiel sicher, dass meine Enkelkinder es seltsam finden werden, dass in der Generation ihres Opas diese Form von Massentierhaltung geherrscht hat. Ich bin auch ganz sicher, dass irgendwann einmal drei oder vier Schlachthöfe nicht etwa abgerissen, sondern zu Gedenkstätten umgebaut werden, wo die Schulklassen dann reingehen und sagen: So ist das hier früher mal gewesen… Dies alles sehe ich kommen, allerdings unter einem Vorzeichen: dass nicht vorher alles hier den Bach runtergeht.

RALPH KRÜGER: Na, davon gehen wir mal aus…

RICHARD DAVID PRECHT: … na ja, im Moment ist ja vieles in einer Umbruchphase und so manches steht auf der Kippe…

RALPH KRÜGER: Da haben Sie Recht, es gibt in letzter Zeit so einige gesellschaftliche Bereiche, in denen das Wetter etwas unbeständiger wird.

RICHARD DAVID PRECHT: Ja, sicher. Die Digitale Revolution wird beispielsweise unsere Arbeitswelt radikal verändern. Das wird die Leute in Zukunft noch viel stärker verunsichern als jetzt schon. Die Finanzindustrie ist dabei, den nächsten Crash zu produzieren. Wir kommen in sehr spannende Zeiten… Wenn wir uns vorstellen, dass selbst in der Wohlfühlkultur von heute schon so viel Unzufriedenheit herrscht, dann möchte ich gar nicht wissen, was passiert, wenn mal wirklich was passiert.

RALPH KRÜGER: Auf diese Art von Spannung kann man eigentlich gerne verzichten, aber vielleicht ist eine solche Phase der Unsicherheit auch notwendig um weiterzukommen.

RICHARD DAVID PRECHT: Der ethische Fortschritt braucht zwei Dinge: Auf der einen Seite braucht er die Rahmenbedingungen einer Wohlstandsgesellschaft, und andererseits braucht er Erschütterungen, die die Menschen zum Umdenken bringen. Das bedeutet: Für einen Fortschritt brauchen wir Crashs, aber möglichst nicht zu große. – Das gilt für alles: So brauchen wir zum Beispiel große Bank-Pleiten, die aber nicht allen Menschen das Geld wegnehmen. Also große Crashs, groß genug um zu sagen, so können wir nicht weitermachen.

RALPH KRÜGER: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass eine solche ethische Entwicklung im Umgang mit Tieren vollzogen werden könnte, wenn wir einen Wandel von einer „anthropozentrischen Verständigungsgesellschaft“ zu einer „anthrozoologischen Verständnisgesellschaft“ schaffen.

RICHARD DAVID PRECHT: Ja. Das wäre sehr schön, wenn wir das weiter kultivieren würden. Wir sind bereits dabei, das zu tun. Wir sind nur noch nicht dabei, die praktischen Konsequenzen daraus zu ziehen. Ich freue mich über die Sensibilität, die Menschen im Umgang mit Tieren haben. Natürlich gibt es auch manchmal merkwürdige Pathologien, die dabei herauskommen, aber insgesamt sind wir bereits auf dem richtigen Weg.

RALPH KRÜGER: Aber es scheint ja doch Widerstände zu geben. Sonst wären wir im Umgang mit Tieren doch schon viel weiter…

RICHARD DAVID PRECHT: In unserem politischen System hat das keine Lobby. Nirgendwo. Die Tierethik kommt nicht vor. – Wenn in Brüssel über Richtlinien in der Rinderhaltung entschieden wird, sitzen da keine NGOs. Da sitzen nicht die Veganer, nicht die Tierschützer, nicht die Tierrechtler, auch keine Umweltverbände, sondern ausnahmslos die Landwirtschafts-Lobbyisten unterschiedlicher Länder. Und dieses Europa ist eine Fehlkonstruktion. Ich bin für Europa, aber ich möchte, dass die Impulse, die aus der Bevölkerung kommen, gleichberechtigt daran beteiligt werden! Es gibt natürlich auch eine ökonomische Vernunft; aber die Diktatur der ökonomischen Vernunft, das ist das Verhängnis! Diesen Wandel müssen wir in Europa umsetzen; wenn wir das nicht schaffen – dieses bürgernähere, transparente politische Europa nicht schaffen, dann können wir in diesen Fragen nichts machen, und dann wächst das Ohnmachtsgefühl der Bevölkerung – und zwar nicht nur in der Tier-Frage, sondern in allen erdenklichen Fragen.

RALPH KRÜGER: Und das führt dann zu einer weiteren Radikalisierung…

RICHARD DAVID PRECHT: Das radikalisiert, natürlich! Aber das kann man den Menschen erst einmal nicht verdenken. Es nährt dieses Gefühl, dass es den Menschen auf der Entscheidungsebene nicht mehr gibt: Wir haben in der Welt Monopol-Konzerne, die eine Macht haben, wie niemand zuvor auf diesem Planeten. Wir nicken das einfach ab und machen da irgendwie mit! Auch in der Landwirtschaft reden wir ja nicht von Kleinbauern, sondern wir reden von global operierenden Großkonzernen.

RALPH KRÜGER: Dieses politische Ohnmachtsgefühl scheint mittlerweile ziemlich omnipräsent zu sein.

RICHARD DAVID PRECHT: Zurecht! Ich kann das schon nicht mehr hören, wenn Politiker sagen: Man kann doch wählen… – Klar, ich kann ohnmächtige Leute wählen.

RALPH KRÜGER: Jetzt sind wir auf einmal bei einer Kritik der politischen Kultur gelandet. Meinen Sie, dass zum Beispiel das Phänomen AfD solche kleineren Erschütterungen auslösen könnte, wie Sie sie vorhin beschrieben haben? Erschütterungen, die vielleicht sogar die Politiker der alten Volksparteien zum Umdenken bewegen könnten?

RICHARD DAVID PRECHT: Es wäre leider zu vermuten, dass es zwar zu einem Umdenken kommt, allerdings in den falschen Dingen. Insofern bin ich mir nicht sicher, ob die Rolle der AfD langfristig zu etwas Gutem führt oder nicht. Das kann man noch nicht einschätzen. Vor allem passiert ja jetzt gerade Folgendes: Zuerst hat man die ja verlacht, dann hat man sie bekämpft, und jetzt versucht man sie als selbstverständlich hinzunehmen… Aber ich sehe das Heilsame an dieser Erschütterung noch nicht, denn das müsste ja eigentlich dazu führen, dass die Politiker sagen: Hey, wir entfremden uns ja von der Bevölkerung! – Aber damit können sie unglaublich gut leben!

RALPH KRÜGER: Nun sind wir beide ja in ungefähr demselben Alter. Ich erinnere mich noch gut an die Republikaner in den 1990er Jahren, die ja auch solch ein Auffangbecken für fremdenfeindliche Befindlichkeiten waren, ähnlich wie heute die AfD…

RICHARD DAVID PRECHT: Ich glaube in der Tat, dass die Zeit damals eine andere war. Wir hatten die Republikaner, die mit Schönhuber auch mal zweistellige Wahlerfolge hatten in Baden-Württemberg, und wir hatten auch mal die NPD im sächsichen Landtag, das ist noch gar nicht so lange her. Aber das ist jetzt was Anderes. Wir kommen ja jetzt auch in eine gesellschaftliche Situation rein, wo in zwanzig Jahren wahrscheinlich jeder Zweite keinen Job mehr haben wird. Das kann man gut oder schlecht finden. Ich persönlich finde das nicht so schlecht: Es gibt so viele miese Jobs, bei denen man froh sein kann, wenn ein Computer oder Roboter das macht! Die eigentliche Frage ist dann vielmehr, was diese Leute dann tun und wieviel sie dann in der Tasche haben, womit sie ihren Tag verbringen: Das sind die wichtigen Fragen! – Bei den alten Griechen hat keiner, der was auf sich hielt, gearbeitet… Gearbeitet haben nur die Frauen und die Sklaven. Die Roboter sind die Sklaven der Zukunft, da kann man was Gutes daraus machen… Aber sehen Sie in Deutschland auch nur eine einzige Partei, die dafür positive Zukunfts-Szenarien entwickelt?

RALPH KRÜGER: Es gibt aber auch die eher dystopische Vorstellung, dass die ganzen freigesetzten Menschen dann durch eine entsprechend angepasste Kulturindustrie – um mal mit Adorno zu sprechen – mit permanenter Unterhaltung und den passenden Informationen berieselt und ruhiggehalten werden. Auf diese Weise könnte ein sich selbst verstärkendes System entstehen, dass nichts so fürchtet wie Veränderung.

RICHARD DAVID PRECHT: Das ist die Utopie von Nerds: Die glauben, dass der gefütterte Mensch glücklich ist. Entweder ist man glücklich, wenn man programmiert oder wenn man Programme konsumiert. Das ist die digitale Verengung von Kultur, die wir gerade erleben. – Sehr spannendes Thema, aber damit machen wir ein neues Fass, ein Riesending auf…

RALPH KRÜGER: Vielleicht das Thema für ein neues Buch…

RICHARD DAVID PRECHT: Auf jeden Fall sind das die spannenden Themen und Fragen unserer Zeit. Als ein 68er-Kind hatte ich mir im Grunde immer gewünscht, wir würden in politisch spannendere Zeiten kommen. Jetzt kommen wir in diese Zeiten, die immer spannender werden, und langsam bin ich mir nicht mehr so sicher, ob ich sie mir immer derart spannend gewünscht hätte…

RALPH KRÜGER: Dann bleiben wir also gespannt, wie sich die Zeiten entwickeln werden – sowohl in der Tier-Frage als auch gesellschaftlich. – Herr Precht, ich danke Ihnen für dieses anregende Gespräch!

RICHARD DAVID PRECHT: Ich danke Ihnen!

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