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Eike Rautenstrauch: „Berlin im Feuilleton der Weimarer Republik — Zur Kulturkritik in den Kurzessays von Joseph Roth, Bernard von Brentano und Siegfried Kracauer“

Am: | August 10, 2016

Eike Rautenstrauch: „Berlin im Feuilleton der Weimarer Republik — Zur Kulturkritik in den Kurzessays von Joseph Roth, Bernard von Brentano und Siegfried Kracauer“Heute gibt es kein Feuilleton mehr. Jedenfalls keines, das mit dem der Weimarer Zeit vergleichbar wäre. Damals wurden die verschiedenen Beiträge der „kleinen Form“ von vielen Menschen gelesen und bildeten die Grundlage eines gesellschaftlichen Diskurses über aktuelle Themen — zumindest in der kleinen Schicht der Intellektuellen.

Ein vergleichbares Medium wie die Feuilletons der überregionalen Zeitungen gibt es heute nicht mehr. Wir haben zwar immer noch einen für die Kultur reservierten Teil in einigen Tageszeitungen, doch mal ehrlich: Wer liest das noch? Und vor allem: Wer spricht darüber und diskutiert die in diesen Texten aufgeworfenen Fragen?

Heute haben wir Blogs; auch diese Seiten hier könnte man hierzu zählen, keine Frage. Doch ein Blog ist etwas völlig Anderes als ein Kurzessay in einem überregionalen Feuilleton. Vielleicht wird der Blog von Tausenden gelesen, und mit Hilfe der Kommentarfunktion kann man sich auch über das Geschriebene austauschen. Und dennoch reicht seine gesellschaftspolitische und kulturelle Funktion nicht an die Wirksamkeit der Feuilletonbeiträge in jener Zeit heran, die in der vorliegenden Abhandlung untersucht werden.

Eike Rautenstrauch hat seine Dissertation über das Berlin-Bild im Feuilleton der Zwanziger Jahre geschrieben. Anhand von drei exemplarischen Autoren — Joseph Roth, Bernard von Brentano und Siegfried Kracauer — möchte er zeigen, wie sich alle drei anhand von Architekturfigurationen in den kulturellen Diskurs ihrer Zeit eingeschrieben haben. Seine Arbeit verbindet erstmals literaturwissenschaftliche und kulturhistorische Ansätze in der Forschung.

Essays sind ein dankbarer Untersuchungsgegenstand literaturwissenschaftlicher Forschung. Wie es dem wissenschaftlichen Anspruch dieses Fachs entspricht, wird vor allem die literarische Form untersucht, während der Inhalt jener Essays zumindest nicht im Vordergrund steht, sondern eher als eine Nebensache behandelt wird. Im Gegensatz hierzu betont der kulturhistorische Ansatz der Feuilletonforschung viel mehr die inhaltliche Ebene des Gegenstands, also die Frage, was in den Feuilletons aus historischer Sicht behandelt wurde. Die Form selbst, die mediale Vermittlung, spielt eher eine Nebenrolle.

Die Feuilletons der Weimarer Republik bieten einen reichen Fundus an prosaischen Texten zu aktuellen Zeitthemen, wie auch zu ahistorischen Fragen aus Leben, Kultur und Gesellschaft. Die Spanne reicht vom klassischen Essay bis zur Glosse, vom bissigen Kommentar bis zur Reportage, von der Kolumne bis zum politischen Aufruf. In seiner Zeit war das Zeitungsfeuilleton noch ein echtes öffentliches Podium des kulturellen Diskurses.

Die Architektur repräsentiert wie kein anderes materielles Artefakt den kulturellen Erneuerungswillen der Zwischenkriegszeit. An ihr lassen sich die progressiven Strömungen der Neuen Sachlichkeit besonders gut nachvollziehen. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang aber die feuilletonistische Reflexion der neuen Architekturen.

Während die großen Formen des Romans und der Erzählung der Weimarer Republik mit ihrem Fokus auf die Großstadt (und hier allen deutschen Städten voran auf Berlin) bereits durch die Literaturwissenschaft ausführlich untersucht worden ist, wurde die kleine Form des Feuilletons meist vernachlässigt oder übersehen. Doch es wäre ein fataler Fehler, die Bedeutung des Feuilletons als Podium der zeitgenössischen kulturellen Debatten in seiner Wirkung zu unterschätzen. Eike Rautenstrauch hat mit seinem Buch nicht nur gezeigt, dass der feuilletonistische Fundus der Weimarer Republik für die kultur- und literaturwissenschaftliche Arbeit noch eine Fülle an Anregungen bietet, sondern er hat mit seiner wichtigen und höchst interessanten Arbeit auch vorgemacht, wie man interdisziplinär an die reizvolle Aufgabe gehen kann, einen medienbasierten Blick auf diese faszinierende Epoche zu werfen.

Die literarische Beschreibung von Berliner Architekturen in den zeitgenössischen Feuilletons der großen, überregionalen Tageszeitungen macht den Mittelpunkt dieser Dissertation aus. Joseph Roth, Bernard von Brentano und Siegfried Kracauer bieten dem Autor mit ihren exemplarischen Texten die literarische Grundlage für seine Untersuchung des Berlin-Bildes im Weimarer Feuilleton. Rautenstrauch hat sich bewusst für jene drei Autoren entschieden, die für ihn das gesamte Spektrum abbilden, den literarischen Raum durchmessen und für das Feuilleton charakteristisch zeichnen. In seiner Einleitung begründet er seine Auswahl:

„Zeitliche Kontinuitäten und analoge Textprofile waren dafür ausschlaggebend: Zwischen 1920 und 1933 arbeiteten sie nacheinander als Berliner Korrespondenten für das Feuilleton der FZ. Im Rahmen ihrer Großstadtvermessungen erkundeten sie dieselben Räume und Topographien. Unter abweichenden Rahmenbedingungen gelangten sie allerdings zu heterogenen Perspektivierungen der Kultur Berlins in der Weimarer Republik.“

Was Roth, Brentano und Kracauer gleichwohl verbindet, ist ihre besondere Form eines poetischen Feuilletons, das sich weniger an den standardisierten literarischen Formen orientiert, als frei zu assoziieren und eine Atmosphäre, ein „Bild“ zu schaffen, das im Leser erzeugt wird. Alle drei haben nacheinander vom Anfang der 1920er bis zum Anfang der 1930er Jahre in der liberalen Frankfurter Zeitung publiziert und somit den kulturellen Diskurs ihrer Zeit entscheidend geprägt.

Während die Texte der Weimarer Republik in der Literaturwissenschaft weitestgehend große Beachtung gefunden haben und nahezu erschöpfend wissenschaftlich untersucht sind, wurden die Querverbindungen zwischen Essay und Feuilleton noch relativ selten erforscht. Eike Rautenstrauchs Abhandlung schließt hier eine klaffende Forschungslücke und tut dies durch seine Verknüpfung mit dem Sujet der Berliner Architekturfigurationen obendrein auf höchst interessante Weise.

Seine Studie geht der Frage nach, ob und inwieweit die modernen Architekturen Berlins in den Feuilletonbeiträgen von Roth, Brentano und Kracauer als Sinnbilder für die urbane Kultur der Moderne genommen werden. Der urbane Architekturraum wird bei allen drei Autoren zu einem kulturkritischen Kristallisationspunkt des modernen Lebens.

Während Joseph Roth der Stadt und ihrer Kultur eher kulturkonservativ begegnet, sah Bernard von Brentano die Großstadt als Gipfelpunkt einer fortschrittlichen gesamtgesellschaftlichen Entwicklung. Einen dritten, geradezu quer gegen diese beiden Kulturperspektiven gestellten Blick auf die Massengesellschaft versucht Siegfried Kracauer in seiner epistemologischen Kulturkritik. Die Zielgruppe seiner phänomenologischen Kurzessays waren vor allem die gebildeten Schichten und die liberalen Intellektuellen, in denen er ein Bollwerk gegen die nationalkonservativen und -sozialistischen Strömungen sah. Für Kracauer waren die Polyvalenz, die Mehrdeutigkeit, der urbanen Phänomene sowie ihre Unverbundenheit, das Fragmentarische unserer Wirklichkeiten, das eigentlich Charakteristische der Großstadtkultur.

Wer Rautenstrauchs Buch liest, erhält trotz seiner Beschränkung auf drei Autoren der FZ einen umfassenden historischen Abriss der Großstadt-Rezeption im Medium des Feuilletons der Weimarer Republik. Unter den verschiedenen Rahmenbedingungen wandelten sich auch der Blick und die Perspektive auf das urbane kulturelle Leben.

Diese Studie ist auch deswegen bedeutend, weil der Autor den wiederholten Gang in die Archive nicht scheute. So konnte er nicht nur auf die relevanten Feuilletonbeiträge ihrer drei Autoren zurückgreifen, sondern sich auch mit den jeweiligen Kotexten vertraut machen, die seinerzeit zusammen mit den jeweiligen Beiträgen publiziert wurden. Dank jener Kontextualisierung seiner Forschungsgegenstände schafft er ein wirklich umfassendes Bild der zeitgenössischen Publikationsverhältnisse.

„Berlin im Feuilleton der Weimarer Republik“ liegt voll hierbei im Trend der literaturwissenschaftlichen Forschung: Mit medien- und kulturwissenschaftlichen Perspektivierungen gelingt es der Literaturwissenschaft, ihren Untersuchungsgegenständen mehr Leben einzuhauchen und sie dank jener Interdisziplinierungen spannender und (auch für den interessierten Laien) lesenswerter zu machen. Die vorliegende Studie ist ein schönes Beispiel für eine solche interdisziplinär angelegte Forschung. Wer sich für die Weimarer Zeit, ihre Medienlandschaft und für das Berlin jener Zeit interessiert, wird in diesem Buch eine spannende Lektüre finden, die ihm Lust macht auf eine nähere und weitergehende Beschäftigung mit dem Feuilleton der 1920er Jahre.

 

Autor: Eike Rautenstrauch
Titel: „Berlin im Feuilleton der Weimarer Republik — Zur Kulturkritik in den Kurzessays von Joseph Roth, Bernard von Brentano und Siegfried Kracauer“
Broschiert: 382 Seiten
Verlag: transcript
ISBN-10: 3837635937
ISBN-13: 978-3837635935

 

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