kulturbuchtipps.de

Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Harald Welzer: „Die smarte Diktatur — Der Angriff auf unsere Freiheit“

Am: | Mai 11, 2016

Harald Welzer: „Die smarte Diktatur — Der Angriff auf unsere Freiheit“Wir leben in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft und haben ein Wohlstandsniveau erreicht, das historisch und auch im globalen Vergleich einzigartig ist. Uns geht es also gut, ja, sogar sehr gut. — Noch.

Wir sind dabei, unsere Freiheit zu verlieren. Mehr noch: Wir geben immer mehr Freiheiten freiwillig ab. Aus unseren noch bestehenden demokratischen Verhältnissen heraus handeln viele von uns vorsätzlich antidemokratisch und arbeiten fleißig mit an der Abschaffung unserer Freiheit und am Ende der Demokratie.

Was ist hier los? Und sind das nicht wieder einmal die übertriebenen Ängste linker Spinner, die sich nicht einfach mit der Realität abfinden können? Wird hier nicht wieder einmal gegen den „bösen Kapitalismus“ gewettert? Werden die Menschen nicht einfach nur verunsichert und mit einem völlig falschen Feindbild konfrontiert?

Nein, meint Harald Welzer, Soziologe und Autor des kürzlich erschienenen Buches „Die smarte Diktatur“. Nein, im Gegenteil ist alles noch viel schlimmer und viel ernster, als bislang gedacht. Welzer weist seit Jahren darauf hin, dass in unserer modernen Gesellschaft etwas grundlegend falsch läuft, wenn wir immer mehr konsumieren, immer mehr Daten von uns preisgeben, immer mehr der Überwachung Tür und Tor öffnen und in letzter Konsequenz unser gesamtes Privatleben veröffentlichen. Jetzt hat er ein neues Buch geschrieben, das viele seiner früheren Themen aufgreift und sie zu einem Ganzen zusammenfasst.

Mit „Die smarte Diktatur“ schließt sich der Kreis. Das Buch hat das Zeug zum Klassiker. Es ist zweifellos das Opus Magnum des zurzeit wohl wichtigsten und auch international am meisten wahrgenommenen deutschen Soziologen. Während der Buchpräsentation in Berlin-Mitte sagte Richard David Precht über Harald Welzers Buch, er habe seit langem kein Buch mehr so schnell und in einem Rutsch durchgelesen und habe am Ende so schlechte Laune gehabt wie bei diesem Buch. Dies darf man durchaus als ein großes Kompliment verstehen.

Was an diesem Buch von der ersten Seite an deutlich wird, ist die Wut, mit der es geschrieben wurde. Diese Wut des Autors ist es auch, was den Leser mitreißt, ihn packt und nicht mehr loslässt. „Die smarte Diktatur“ ist eine scharfsinnige und vernichtende Analyse unserer Gegenwart sowie eine schonungslose Abrechnung mit unserer selbstverschuldeten Unmündigkeit und kollektiven Blödheit im Umgang mit totalitären Digitalunternehmen. Bemerkenswert ist nicht nur die brennende Leidenschaft seiner Argumentation, sondern auch die sachliche Kälte, mit der Welzer Fakten zusammenträgt, die seine Sicht auf die Dinge nachdrücklich belegen. Wir befinden uns in einem Transformationsprozess von globalen Ausmaßen, der niemanden unverändert lassen wird. Die Welt um uns herum wird durch die wirtschaftlichen Kräfte der „solutionistischen Internationale“ — was das ist, wird gleich erklärt — radikal verändert: Komplexität und Vielfalt verschwinden,

Solutionismus
Die Solutionisten, das sind für Harald Welzer die vielen Apologeten des App- und Plattform-Kapitalismus. Facebook, Google, Apple & Co. versprechen alle, die Welt ein gutes Stück besser zu machen; mit diesen neuen Technologien und ihren vorzüglichen Innovationen wird nicht nur das Leben besser, sondern die Welt kann gerettet werden! Wunderbar! Diese High-Tech-Unternehmen haben für jedes Problem eine Lösung! — Doch Welzer stellt die entscheidende Frage, ob wir diese Probleme, die hier so smart gelöst werden, überhaupt (unsere) Probleme sind?

Hatten Sie bislang ein Problem damit, Ihre Heizung aufzudrehen, wenn Ihnen kalt war? War es für Sie ein Problem, wenn früher nicht alle Leute sehen konnten, wo Sie sich gerade befinden, was Sie essen, mit wem Sie im Café sitzen und welche Meinung Sie zur Flüchtlingsfrage haben? — War das wirklich Ihr Problem? Dann gehen Sie zum Psychotherapeuten!

Nehmen Sie doch einfach mal Ihr Smartphone zur Hand und schauen Sie sich die Apps an, die auf ihm installiert sind! Machen Sie ein Gedankenexperiment: Gehen Sie von App zu App und fragen Sie sich, was sich in Ihrem Leben wirklich (und radikal) ändern würde, wenn Sie diese App nicht mehr hätten? Stellen Sie sich dann die umgekehrte Frage, was sich eigentlich ändert, gerade weil Sie diese App „haben“ und fleißig Daten mit ihr sammeln?

„Konsum ist das Tor zur Überwachung“
Wir sind alle zu Datensammlern geworden. Wir liefern freiwillig all die unzähligen Daten, die zusammen ein ziemlich genaues Abbild unseres Lebens liefern. Denn vieles lässt sich ja viel bequemer digital erledigen als analog! Warum soll ich noch zum Buchhändler gehen? Warum meine Lebensmittel selbst nach Hause schleppen? Warum meine Überweisungsträger zur Bank tragen? Warum einen Brief schreiben oder einen Stadtplan zur Hilfe nehmen, wenn ich einen Weg suche? — All das und viel, viel mehr lässt sich doch viel leichter mit wenigen Klicks bestellen, abfragen, losschicken. Der Nachteil ist leider nur, dass Sie selbst nicht der Einzige sind, den diese Informationen interessieren! Es gibt viele Leute, die ganz scharf auf Ihre Daten sind, um genau zu wissen, wer Sie sind, was Sie am liebsten tun — und mit wem.

Je mehr Daten Sie dem System liefern, desto genauer wird das System auf Ihre Wünsche eingehen und Ihnen von sich aus Vorschläge unterbreiten, die Ihnen gefallen werden! „Kunden, die dieses Buch gekauft haben, haben auch die folgenden Bücher gekauft“, solche Kaufempfehlungen kennen wir nicht nur von Amazon. Doch wie blöd muss man sein, um seine Kaufentscheidungen von einem Algorithmus vordenken zu lassen? Wer sind Sie denn, dass Sie plötzlich nicht mehr selbst wissen, was Sie wollen?!

Digitale Spiegelhölle
Wir befinden uns in einer digitalen Spiegelhölle, in der durch Personalisierungsalgorithmen eine Resonanz erzeugt wird, in der uns nur noch diejenigen Suchergebnisse präsentiert werden, die zu uns passen. Doch genau das ist ein Riesenproblem. Menschen entwickeln sich durch Erfahrungen. Erfahrungen benötigen jedoch Differenz. Wenn in meiner digitalen Welt aber immer nur das geliefert wird, was meinen Erwartungen entspricht, während das Fremde, Andersartige, Unbekannte und Unbequeme niemals und nirgendwo auftaucht, surfe ich zwar bequem und leicht auf meiner kleinen personalisierten Lieblingswelle — aber es passiert nichts Unerwartetes mehr. Mit anderen Worten: Wir langweilen uns zu Tode, und wir verlieren unseren Ich-Bezug. Wer bin ich, wenn ich mich niemals durch Erfahrungen selbst erfahren und entwickeln kann?

Die Analog-Welt da draußen sieht aber ganz anders aus: Da gibt es Unvorhersehbares, Zufälle, Überraschungen! Und genau hier wird es spannend, das ist Lebendigkeit! Eine Odyssee hätte es nie gegeben, und Kolumbus hätte sich nie verfahren, wenn beide Google Maps gehabt hätten!

Selbstoptimierung
Ein weiteres Phänomen der digitalen Welt ist die stark bewusstseinsverändernde Droge der Selbstoptimierung und des Lifelogging. Das totalitäre Prinzip dahinter ist im Grunde leicht zu identifizieren, vielleicht bleibt es aber gerade wegen seiner Offensichtlichkeit so unentdeckt. Es handelt sich vor allem um den neoliberalen Grundgedanken der Effizienzsteigerung und der grundsätzlich möglichen Optimierung einer Persönlichkeit, was auch immer man darunter verstehen mag. Da die smarte Diktatur vor allem mit Hilfe von kleinen Wundermaschinen vollzogen wird, die ziemlich gut rechnen können (aber ansonsten ziemlich doof sind), heißt das Zauberwort „Quantified Self“: Ich messe, also bin ich. Plötzlich kann und wird alles gemessen, was der eigene Körper so hergibt: Herzfrequenz, Schrittzahlen, Fitness und Bewegungsprofile, Kalorienverbrauch, Fettanteil und so weiter. Man kommt sich ein bisschen vor wie in einer Autowerkstatt, wo das eigene Fahrzeug durchgecheckt und auf Herz und Nieren geprüft wird.

Die Mensch-Maschine vermisst sich selbst und macht sich auch gleich noch zum vergleichbaren Komplex physischer Kennzahlen. Cool! Damit trete ich aber im gleichen Moment in einen permanenten Wettstreit mit anderen Usern, in einen Wettstreit, den ich immer nur verlieren kann und niemals gewinnen, weil es garantiert immer mindesten einen gibt, der besser, schneller, entspannter, fitter ist als ich. Als wäre dies in seiner Vergeblich- und Sinnlosigkeit nicht schon genug des Übels, erzeugt es in mir aber auch ein ständiges Minderwertigkeitsgefühl des „Zuwenig“. So wird aus dem coolen Self-Logging ganz schnell ein Self-Flogging: Ich muss mich ständig antreiben, anpeitschen, kämpfe gegen meine eigenen (zu schlechten) Werte und muss meine Leistung permanent steigern, immer besser werden… Und noch schlimmer: Durch die Verwendung meiner Smart Watch, meines Wristbandes, meiner Fitness-App werden alle meiner Daten mitgelesen, gespeichert und können jederzeit gegen mich verwendet werden.

Die Krankenkassen und Versicherungen beginnen gerade damit, diese Daten für ihre eigenen Zwecke auszuwerten. Und die dummen Verbraucher mit ihren strunzdoofen Fitness-Apps liefern bereitwillig alle gewünschten Daten. Denn wer fleißig trainiert, bekommt eine Prämie und kann vielleicht sogar seine Beiträge senken! — Merkt denn keiner, wie sehr er sich zum Sklaven dieser neuen Technologien macht und immer mehr auf Freiheit verzichtet?

Das Ende der Solidargemeinschaft
Dieses Belohnungsdenken wurzelt in einem Denken, welches das Zeug hat, die Wurzeln unserer demokratischen und solidarischen Gesellschaft zu erodieren. Denn wir werden aktuell Zeugen eines Paradigmenwechsels vom Solidarprinzip zum Personalisierungsprinzip. Ging man früher von der Verschiedenheit und Vielfalt menschlicher Lebensformen und -anlagen aus und baute ein auf gegenseitiger Solidarität beruhendes Sozial- und Krankensystem auf, so wird heute im Selbstoptimierungswahn wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass man seine Leistungen und seine Gesundheit selbst tunen kann wie einen Automotor. Der Mensch ist aber kein Automotor, sondern ein lebendiges und hochkomplexes soziales Wesen mit individuellen Eigenschaften und Veranlagungen. Es gibt Menschen, die von Hause aus gesünder sind, und Menschen, die genetisch bedingt krankheitsanfälliger sind. Doch das Personalisierungsprinzip führt zwangsläufig zu einer Biologisierung des Schicksals, mit anderen Worten: Wer krank ist, hat eben Pech gehabt oder nicht ausreichend vorgesorgt. Folglich muss er oder sie mit seinem eigenen Schicksal selbst fertig werden…

Digital ist fossil
Wären diese Auswüchse des neofeudalistischen Internetkapitalismus nicht schon schlimm genug, weist Welzer auf einen weiteren, für die Ökologie unserer Welt jedoch entscheidenden Punkt hin. Die Internet-Technologien kommen immer so unglaublich grün und clean daher; dieses Image verdankt diese Digital-Industrie ihrer cleveren Werbestrategie. Wenn wir Cloud hören, denken wir an etwas Weißes und Leichtes; der Livestream strömt wie ein kristallklarer Bach durch unsere Vorstellung, und die Bits und Bytes fliegen locker und fröhlich durch die immaterielle Datenwelt. Doch hinter all diesen federleichten und sauberen Technologien steht knallharte Materie: Die riesigen Datenmengen, die durch das Netz flitzen, werden von und zu ebenso riesigen Serverfarmen transportiert, die mit Strom versorgt, gekühlt, und mit einem unglaublichen Aufwand an Material und Ressourcen betrieben werden. Diese ganze digitale Zauberwelt würde verschwinden, wenn jemand ihr den Strom abdrehte!

Strom kommt aber eben nicht aus der Steckdose, sondern wird erzeugt durch den Abbau fossiler Ressourcen, durch den Betrieb von Kernkraftwerken und so weiter. Jeder Wischer über das Display Ihres Smartphones und jeder Klick ihrer Suchanfrage im Internet verursacht auf seinem Wege zum anderen Ende der Exekutionskette einen enormen Energieverbrauch. Wer denkt schon dran, wenn er schnell mal bei Google nachschaut, wie seine Lieblingsmannschaft am Wochenende gespielt hat? — Wir sollten aber darüber nachdenken! Und wir sollten uns bewusst sein, dass all diese digitalen Welten keineswegs immateriell sind, sondern handfeste Energie verbrauchen!

Zwei Arten von Kapitalismus
Schaut man auf unser Wirtschaftssystem, so lässt es sich am besten als ein demokratischer Kapitalismus beschreiben, wie er für die modernen Gesellschaften der westlichen Hemisphäre (noch!) typisch ist. Über Jahrzehnte wurde für betriebliche Mitbestimmung, Arbeitsschutz, Lohnerhöhungen, Sozialleistungen und Absicherung im Krankheitsfall gekämpft; es gab und gibt Gewerkschaften und Betriebsräte. Unsere Soziale Marktwirtschaft hat zu einem beispiellosen wirtschaftlichen Wachstum geführt, ohne die soziale Verträglichkeit dieses Wirtschaftens dabei aus den Augen zu verlieren. Der Markt war keine eigene Handlungsinstanz, sondern einfach der wirtschaftliche Raum, in dem der Austausch von Waren stattfand. Dann kamen die 1980er Jahre und mit ihnen die Neoliberalen; danach war nichts mehr wie vorher.

Die aufstrebenden Schwellenländer (vor allem in Asien) haben hingegen mit Demokratie nicht viel am Hut; demokratische Mitbestimmung oder gar einschränkende Regelungen stören nur den kapitalistischen Betrieb. Mit anderen Worten: Ohne Demokratie funktioniert der entfesselte neoliberale Kapitalismus viel besser, denn es kann sich kein echtes Gemeinwesen aufbauen, das auf gesellschaftliche Errungenschaften zurückblicken oder gar politische und soziale Rechte verteidigen könnte. So hat sich über die vergangenen Jahre im Zuge der Globalisierung eine neofeudalistische Gruppe von international agierenden Unternehmen gebildet, die den Welthandel maßgeblich bestimmt. 147 global aufgestellte Unternehmen bilden eine „neofeudalistische Internationale“, die 40 % des weltweiten Unternehmenswertes hält!

Wer so viel Macht besitzt, kann seinen Einfluss auch geltend machen. Der Abbau von politischen Beschränkungen und die Umgehung gesetzlicher Bestimmungen haben zu einer Entfesselung der Kräfte eines „freien Marktes“ geführt, den die Neoliberalen anbeten wie das Goldene Kalb. Erst ein freier Markt ohne Regulierungen ermöglicht die weltweite Durchsetzung der neoliberalen Ideologie einer unbegrenzten Effizienzsteigerung.

In der smarten Sprache der digitalen Machtzentren spricht man gerne von Innovationen: Jetzt kommt was absolut Neues, was die Welt noch nicht gesehen hat (und übrigens auch nicht vermisst hat)! Diese Innovation ist die Lösung für all Ihre Probleme (die Sie zuvor nicht gehabt haben)! — Innovation, das klingt chic, das klingt irgendwie nach Zukunft, ist aber leider genau das Gegenteil. Denn Innovation hat überhaupt nichts mit Fortschritt zu tun! Innovation ist nur die Wiederholung des Immergleichen, in verschiedenen Farben oder mit einem hübschen neuen Kleidchen ausstaffiert. Fortschritt impliziert hingegen ein Fortschreiten, eine Entwicklung, ein Weitergehen in Richtung Zukunft. Doch gerade eine Zukunft, eine Utopie, fehlt uns heute mehr denn je.

Allzu gerne lassen wir uns lieber blenden von den schicken Farben der neuen Schutzhüllen, dem nächsten Update, das noch mehr Sicherheit und Bedienungskomfort verspricht und so weiter! All das ist jedoch Augenwischerei und ändert nichts an der Tatsache, dass wir es hier mit „digitalen Haarwuchsmittel-Verkäufern“ zu tun haben, wie Harald Welzer schreibt. Wir kennen diese Typen aus jedem Western oder aus den Comics von Lucky Luke: Sie stehen auf ihrem Planwagen und preisen ein Wunderelixier an, das neben Plattfüßen, schlechter Laune, Geldsorgen und einer unglücklichen Liebe auch noch den Haarausfall kuriert — und das alles zu einem sagenhaft günstigen Preis! Zögern Sie nicht! Kaufen Sie jetzt zwei Stück für den Preis von drei! Solange der Vorrat reicht! (…)

Man könnte darüber schmunzeln, wenn es nicht den Kern unserer technophilen und technologiegläubigen Welt träfe. Die völlig geisteskranke „Geiz ist geil“-Ideologie hat obendrein dazu geführt, dass billig nicht nur toll ist, sondern dass die (natürlich digitale!) Suche nach dem günstigsten Preis zu einem kollektiven Zwangsmechanismus geworden ist. Was ist eigentlich so toll an einem billigen Produkt? Wenn ich weiß, dass die Seltenen Erden, die mein Smartphone nun einmal braucht, unter menschenunwürdigen und lebensgefährlichen Bedingungen abgebaut werden? Wenn ich weiß, wie die Arbeiterinnen und Arbeiter bei Foxconn mein smartes Telefon für einen Hungerlohn zusammenschrauben, mit dem sie es sich selbst niemals kaufen könnten? Wenn ich weiß, wie die ganze Wertschöpfungskette der zersplitterten Produktion eines solchen Smartphones geradezu systemisch dazu führt, dass an jedem Punkt dieser Endloslieferkette Arbeitsschutz und Arbeitsrecht ignoriert werden können und am Ende niemand die Verantwortung für ein solches Handeln tragen muss? Wenn ich weiß, welche Energien benötigt werden, um meine kleine Datenquetsche zu produzieren (in etwa so viel wie bei der Herstellung eines mittelgroßen Kühlschranks!) — und noch deutlich mehr Energie durch die ständige Benutzung dieses Handys verbraucht wird? Wenn ich das alles weiß (und noch viel mehr steht hierzu in diesem klugen Buch), kann ich dann wirklich und allen Ernstes noch sagen: „Geiz ist geil“?

Das Ein-Mann-Minipanoptikum
Michel Foucault hat in den 1970er Jahren in seinem Buch über das „Überwachen und Strafen“ beschrieben, wie sich nach der Aufklärung der Wandel von der traditionellen Macht zu einer Disziplinarmacht vollzog. Etwa im Mittelalter war die traditionelle Macht noch sehr sichtbar und legte großen Wert auf eine Demonstration ihrer Stärke: Hexen wurden verbrannt, Verurteilte wurden gerädert, gevierteilt, gehängt. Während die Macht überall sichtbar war, waren die Delinquenten, die Schuldigen, bis zum Vollzug ihrer Strafe (und auch danach) unsichtbar. Im Zuge der Aufklärung kam es zu einem bemerkenswerten Transformationsprozess: Plötzlich ging es nicht mehr um Bestrafung, sondern um Disziplinierung! Ziel der Verurteilung waren nun nicht mehr Rache und die Wiederherstellung der Machtverhältnisse, sondern die Besserung des Verurteilten zum Ziele seiner erfolgreichen Resozialisierung.

Der Brite Jeremy Bentham konzipierte am Ende des 18. Jahrhunderts eine völlig neue Form von Gefängnis: das Panoptikum. Plötzlich waren die Gefängniszellen in einem Kreis rund um einen in der Mitte stehenden Wachturm angeordnet, mit ihren Öffnungen zum Wachturm hin, so dass jeder Gefangene jederzeit beobachtet werden konnte. Die Bewacher selbst blieben jedoch unsichtbar. So wusste kein Gefangener mehr, ob und wann er beobachtet wurde. Die Folgen waren eine starke Selbstkontrolle und Selbstdisziplinierung.

Sehen Sie die Parallelen zu unserem heutigen Selbstoptimierungswahn? Wir befinden uns immer noch in einer Disziplinargesellschaft, allerdings hat die Selbstkontrolle mit Hilfe dieser smarten Problemlöser ein Ausmaß angenommen, das wohl selbst Bentham erschreckt hätte. Zygmunt Bauman bezeichnete das moderne Smartphone treffend als „Ein-Mann-Minipanoptikum“: Es ermöglicht die perfekte Selbstüberwachung. Wir sind auch noch so blöd und bezahlen diese Geräte, mit denen wir uns dann selbst überwachen und alle Daten an eine unsichtbare Instanz liefern… Wir kontrollieren uns permanent und verlieren auf diese Weise auch noch den letzten Funken an Selbstwahrnehmung. Die Folge ist eine immer zunehmende Abhängigkeit von externen Bewertungsinstanzen und damit eine Externalisierung unserer Gefühlswelt und unseres Selbstbildes.

Überwachen und Bewerten
Bewertung ist die neue Form der Bestrafung. Man muss nicht gleich an Shitstorms und Spam-Mails denken, denn das Bashing beginnt schon viel früher: In dem Moment, wo ich keine positiven Feedbacks mehr für meine Facebook-Posts, Instagram-Fotos oder WhatsApp-Nachrichten erhalte, beginne ich (zunächst an meiner Internet-Verbindung und dann) an mir selbst zu zweifeln. Bin ich noch online? Sieht, hört, liest mich denn niemand? Will mich vielleicht keiner mehr? Bin ich nichts mehr wert? — Der Abstieg in den Keller geht schnell. Doch fast schlimmer noch als dieses ganze Bewerten ist die binäre Denkweise, die hinter diesem Like/Dislike-System steckt. Das Verschwinden all jener Zwischentöne und Ambivalenzen, die in der analogen Welt nun einmal meine „Bewertung“ eines Menschen ausmachen, radikalisiert meine Auswahl. Wenn ich online nur noch die Auswahl zwischen 0 und 1, zwischen „An“ und „Aus“, zwischen „Like“ und „Dislike“ habe, liegt es nahe, dass ich, je länger ich mich in dieser virtuellen Scheinwelt aufhalte, dieses Verhalten und Denken auch auf die echte, reale Welt übertrage. Dementsprechend radikal entwickelt sich auch mein Verhältnis gegenüber der Außenwelt: Was als störend empfunden wird, wird einfach ausgeblendet.

Man könnte an dieser Stelle mühelos mit einer kritischen Analyse unserer Gesellschaft weitermachen. Aber lesen Sie lieber das Buch, und Sie werden viele weitere Beispiele finden, die belegen, dass wir uns nicht nur politisch, wirtschaftlich, ökologisch und gesellschaftlich, sondern auch psychologisch an einer historischen Wendemarke befinden. Welzers Buch ist nicht nur in einer feurigen und mitreißenden Sprache geschrieben, sondern selbstverständlich auch akribisch recherchiert, so dass es trotz (oder gerade wegen?) seiner guten Lesbarkeit auch den wissenschaftlichen Ansprüchen einer akademischen Leserschaft Genüge tut.

Dieses Buch ist Welzers Rundumschlag gegen die smarte Ökonomie und eine Abrechnung mit den Lügen des neoliberalen Wirtschaftssystems. Eine dieser Lügen ist auch der Mythos von angeblich so sozialen Idee der Share Economy.

Share Economy
Eigentlich ist es doch eine tolle Sache, dass man sich ein Ferienzimmer weltweit über airbnb buchen kann, dass man Haushalts- und Gartengeräte sharen kann oder sich im Tauschring mit kleinen Jobs gegenseitig hilft. Wer so denkt, lässt sich blenden und übersieht einen entscheidenden Punkt: All diese Dinge gab (und gibt!) es auch ohne Internet, ohne App und Portale. Nur früher gab es diese Dinge kostenlos! In den WGs war irgendwo immer ein Zimmer frei, und man konnte dort wohnen, solange man sich in der Stadt aufhielt. Die Nachbarn hatten sich auch ohne Online-Zugang die Heckenschere über den Zaun gereicht, und selbst kleine Gelegenheits-Arbeiten wurden im Tausch erledigt, ohne dass man „Web Coins“ und „Credit Points“ sammeln oder sich die Dienstleistungen erkaufen musste. Wenn man genau hinsieht, wird der faule Zauber dieser Share Economy deutlich: Es handelt sich schlichtweg um eine Monetarisierung sozialer Praktiken. War die alte „Währung“ noch die Stärkung einer sozialen Beziehung und der Solidaritätsgedanke, so geht es heute um das schnelle Geld. Die Leute vermarkten sich und machen alles zu Geld, was sich nur irgendwie in ihrem Umfeld zu Geld machen lässt. Es ist der traurige und logische Vollzug jener Ideologie einer Ökonomisierung aller Lebensbereiche.

Ohne Freiheit keine Sicherheit
Wir verzichten freiwillig auf unsere Freiheit und geben immer mehr von unserem privaten Raum preis. Wen wir uns jedoch, weil es ja so schön und schick und angenehm ist, immer weiter den Anforderungen unserer Apps unterwerfen (Stichwort: Self-Logging) und der Denkweise des Bewertens und Abwertens folgen, desto unfreier werden wir in unseren realen (analogen) Weltverhältnissen. Wer freiwillig auf Autonomie verzichtet, ist entweder saublöd oder hat einen triftigen Grund; die meisten haben einen triftigen Grund: Totalitäre Systeme bieten ein Höchstmaß an Sicherheit bei gleichzeitigem Verzicht auf Freiheit. Hier sieht man die Ähnlichkeit zweier fundamentalistischer Glaubenssysteme: des Islamismus und des Libertarismus. Wer sich den fundamentalistischen Glaubensregeln bedingungs- und widerspruchslos unterwirft, wird mit einem hohen Maße an Sicherheit und Anerkennung belohnt.

Dennoch ist der Schluss, den unsere Staatschützer aus dieser Erkenntnis ziehen, leider falsch. Um die Sicherheit zu gewährleisten, muss man eben gerade nicht die Freiheitsrechte einschränken und die eigenen Bürger durch verstärkte Überwachung und Bespitzelung zu potenziellen Tätern machen! Denn die oben beschriebene Ähnlichkeit fundamentalistischer Systeme verwendet einen negativen Freiheitsbegriff, also einer „Freiheit von“ etwas. Bezieht man sich hingegen auf einen positiven Freiheitsbegriff, also einer Freiheit, die dem Einzelnen wie dem Kollektiv Möglichkeits- und Handlungsräume eröffnet, dann wird deutlich, dass nur eine freie und demokratische Gesellschaftsordnung, die auch Dissonanzen, Divergenzen und Kontingenzen erlaubt, in der Lage ist, dem Einzelnen wie dem gesellschaftlichen Kollektiv eine Sicherheit zu garantieren, die sein Leben lebenswert und gestaltbar macht. Ohne eine solche Freiheit kann es auch keine Sicherheit geben.

Analoger Widerstand
Diese Freiheit ist akut bedroht durch die neoliberalen Marktmechanismen, ihre neofeudalistischen Akteure sowie durch ihren Angriff auf jede Form von freier und freiheitlicher Abweichung von den normativen Vorgaben des digitalkapitalistischen Systems. Unsere politischen Akteure lassen sich, quer durch alle Parteien, von den großen Versprechungen der digitalen Solutionisten blenden und sorgen auch noch zusätzlich von staatlicher Seite dafür, dass diese Entwicklung nicht gestoppt, sondern sogar noch beschleunigt wird. Also muss der Widerstand von den Verbrauchern, den Usern, oder ganz altmodisch: von den Bürgerinnen und Bürgern selbst kommen, die sich in ihren Freiheitrechten durch transnationale Unternehmen nicht weiter einschränken lassen wollen.

Harald Welzer gibt im letzten Abschnitt seines mitreißenden Buches eine ganz konkrete „Gebrauchsanweisung zur Erzeugung von Systemstörungen“. Er deutet an, wie man das digitale System der smarten Datensammler empfindlich stören und irritieren kann. Nicht nur durch Kunst-Aktionen, „paradoxe Interventionen“ und die Erzeugung wahrer Datenfluten mit verwirrenden Inhalten, sondern auch durch andere Möglichkeiten der Störung des ansonsten so reibungslos laufenden Betriebes.

Zum Glück leben wir in Mitteleuropa noch nicht in jener „post-democracy“, von der Colin Crouch schon seit den 1990er Jahren sprach, sondern in einer immer noch sehr lebendigen und prinzipiell wehrhaften Demokratie, die ihre Wege und Mittel finden kann, Widerstand zu leisten gegen eine Veränderung, die sie nicht will. Dies mag ganz konkret (und analog!) geschehen durch Interessengemeinschaften, Bürgerinitiativen, kommunale Widerstandsgruppen. Durch den Verzicht auf digitalen Konsum zugunsten regionaler Anbieter. Indem man auf dem Wochenmarkt einkauft anstatt beim Online-Discounter. Indem man im kleinen Buchladen im Kiez seine Bücher bestellt, anstatt sich von Amazon sagen zu lassen, was man gut finden würde. Widerstand beginnt im Kleinen, im alltäglichen Handeln. Auch wenn Sie denken, dass Sie allein nichts ausrichten können: Lassen Sie sich dadurch nicht davon abhalten, es doch zu tun. Beginnen Sie jetzt! Sofort! — Bestellen Sie dieses Buch nicht bei Amazon! Schneiden Sie lieber diesen Teil Ihres Bildschirms aus und gehen Sie zu Ihrem lokalen Buchhändler. Vielleicht hat er das Buch sogar schon für Sie zur Seite gelegt? Ansonsten können Sie es bei ihm bestellen und gleich morgen abholen.

Harald Welzers Buch ist ein kluges, ein wichtiges, ein aufwühlendes Buch, das Ihr Leben verändern kann. Veränderung beginnt im Kopf. Das Handeln kommt aus dem Herzen. Nehmen Sie die Herausforderung an und übernehmen Sie Verantwortung für Ihr eigenes Leben und das Leben Ihrer Liebsten. Es geht um nichts weniger als unsere Freiheit und ihren Schutz vor den Geschäftemachern der smarten Diktatur: jetzt!

 

Autor: Harald Welzer
Titel: „Die smarte Diktatur — Der Angriff auf unsere Freiheit“
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: S. FISCHER
ISBN-10: 3100024915
ISBN-13: 978-3100024916

Suche




Autoren und Verleger

Kategorien

Feed abonnieren

Links


Empfehlungen