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Reinhold Messner: „Die Grenzen der Seele wirst du nicht finden — Über die Fragen unserer Zukunft“

Am: | März 31, 2016

Reinhold Messner: „Die Grenzen der Seele wirst du nicht finden — Über die Fragen unserer Zukunft“Wer regelmäßig die Frankfurter Buchmesse besucht, dem wird ebenso regelmäßig ein älterer Herr mit wilder grauer Mähne und einem lächelnden Vollbart begegnen. Reinhold Messner ist eine Art Wiedergänger des Buchmarkts, und auf nahezu jeder Buchmesse scheint er pünktlich sein neues Buch vorstellen zu wollen.

Nun ist es Frühjahr, die Leipziger Buchmesse ist gerade vorbei (ohne Reinhold Messner im Gepäck), und doch liegt nun ein frisches neues Interview-Bändchen mit ihm auf dem Tisch des Rezensenten. Im Gespräch mit Michael Albus geht es um Gott und die Welt und alles, was dazwischenliegt. Messner gebe, so der Klappentext, einen „Einblick in sein Leben und Denken“. Das will man auch hoffen, dass er sich nicht irgendwas ausdenkt und ins Blaue hineinfaselt! Aber schauen wir uns dieses Gespräch etwas genauer an…

Die Person Reinhold Messners verbinden die Meisten immer noch mit dem Bergsteigen. Das ist prinzipiell richtig, greift jedoch zu kurz. Schon seit vielen Jahren engagiert er sich aktiv für den Schutz der alpinen Landschaft und warnt vor Klimawandel und Sport-Tourismus. Damit macht man sich nicht immer Freunde, schon gar nicht, wenn eine Region wie die Alpen neben Skipisten und Wanderwegen für den einheimischen Arbeitsmarkt nicht viel zu bieten hat.

Das Bergsteigen verlangt volle Konzentration, erst recht das Extrembergsteigen, wie es Messner unter Verzicht auf Sauerstoffgeräte und andere Hilfsmittel jahrzehntelang praktiziert hat. Der Bergsteiger ist ganz in der Gegenwart, die Außenwelt ist nahezu komplett ausgeblendet, der Fokus liegt auf der Verbindung zwischen dem eigenen Körper und dem Felsgestein. Aus dieser Perspektive wird das Besteigen zu einer meditativen Handlung, in der die Aufmerksamkeit ganz auf diese Verbindung reduziert wird: Natur und Mensch, Berg und Bezwinger.

Aus dieser Konzentration erwächst aber auch eine andere Sicht auf die Welt und auf sich selbst. Messner erfährt diese Fokussierung als eine Befreiung von den Fesseln der Zivilisation; sie ermöglicht einen distanzierten Blick auf unser Leben, unser Handeln und Denken. Doch zunächst wird sich Messner über vieles in seinem eigenen Leben klar. Die extremen Situationen am Berg hinterlassen auch im Denken und Handeln ihre Spuren.

Die dialogische Form des Textes erleichtert die Lektüre und steigert gleichzeitig seine Authentizität. Als Gespräch wirkt das Gesagte deutlich natürlicher, als wenn es Messner vielleicht in eine essayistische Form gepresst hätte. Gleichwohl sind seine Gedanken erfreulich eigenständig und nur selten von einer erwartbaren Stereotypie.

Michael Albus ist Germanist, Theologe und Journalist. Aus christlicher Perspektive beschäftigt er sich mit Menschen des öffentlichen Lebens (Rupert Neudeck, Hanna-Renate Laurien, Eugen Drewermann, Eugen Biser…). Die Liste zeigt, dass hier alles schon etwas älter ist — der Journalist des Jahrgangs 1942 inbegriffen. Und so wurde auch das jetzt in Neuauflage erschienene Gespräch mit Reinhold Messner bereits vor 20 Jahren (1996) geführt: Der komplette erste Teil „Zwischen Erde und Himmel“ über Messners Kindheit, Jugend und seine aktive Zeit als Bergsteiger finden in diesem ersten Abschnitt Beachtung.

Der zweite Teil „Wir zerbrechlichen Menschen“ ist jedoch ganz frisch und behandelt neue und Themen und aktuelle Fragen, auf die Reinhold Messner seine ganz eigenen Antworten gibt. So geht es unter Anderem um Messners eigene Stiftung, die MMF (Messner Mountain Foundation), deren Aufgabe es ist, soziale Verantwortung für die Bergvölker im Himalaya zu übernehmen. Konzipiert als Hilfe zur Selbsthilfe, geht es darum, den Einheimischen hoch oben in den Bergen des Himalaja, Karakorum, im Hindukusch, in den Anden oder im Kaukasus mit Landwirtschaft und Tourismus das Überleben zu sichern. Des Weiteren geht es um Bergtourismus und seine Gefahren für und durch bergsteigende Laien, um EU-Richtlinien, Umweltschutz und so weiter.

„Die grenzen der Seele wirst du nicht finden“ ist ein interessantes Buch, das einen intensiven und nahen Einblick in das Leben, Denken und Handeln dieser durchaus faszinierenden Persönlichkeit eröffnet, auch und gerade wenn man als Nordländer mit Bergen, Besteigen und Höhenluft nicht viel am Hut hat. Steigen Sie also herab von Ihrem hohen Ross und werfen Sie einen oder zwei Blicke in dieses neuaufgelegte Buch der Gespräche zwischen Michael Albus und Reinhold Messner!

 

Autor: Reinhold Messner
Titel: „Die Grenzen der Seele wirst du nicht finden — Über die Fragen unserer Zukunft“
Broschiert: 160 Seiten
Verlag: Butzon & Bercker
ISBN-10: 3766622382
ISBN-13: 978-3766622389

 

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