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Stefanie Averbeck-Lietz: „Soziologie der Kommunikation“

Am: | März 1, 2016

Stefanie Averbeck-Lietz: „Soziologie der Kommunikation“Kommunikation ist eine Grundform menschlicher Interaktion. Wer kommuniziert, macht dies nicht im stillen Kämmerlein und nur für sich, sondern immer mit einer bestimmten Absicht und unter Einbeziehung eines oder mehrerer anderer Menschen. Die Sehnsucht nach einem sozialen Austausch ist somit die Grundvoraussetzung jedes kommunikativen Handelns.

Diese Erkenntnis haben natürlich auch die Soziologen gemacht, und somit ist die Geschichte der Soziologie als Wissenschaft eng verbunden mit der Ausbildung der Kommunikationswissenschaft. In der Tat sind beide Wissenschaften unter dem Dach der Sozialwissenschaften vereint, wobei sich ihre einzelnen Disziplinen vielfach überschneiden, wobei sie sich jedoch in ihrer jeweiligen Ausrichtung und Perspektive unterscheiden können.

Der Untertitel dieses Buches verrät in wenigen Worten, worum es der Autorin geht: um den Zusammenhang zwischen der Mediatisierung der Gesellschaft und die Theoriebildung der Klassiker. Es geht also um eine Untersuchung der Relevanz der soziologischen Klassiker — Max Weber, Ferdinand Tönnies, Ernst Manheim, Jürgen Habermas und Thomas Luckmann — für die Kommunikationswissenschaft.

Welchen Einfluss hatte die Mediatisierung der Gesellschaft auf die soziologischen (und hier vor allem auf die kommunikationssoziologischen) Theorien jener Soziologen? Wie es sich für einen solchen Forschungsgegenstand anbietet, sind die Antworten und Perspektivierungen jener von der Autorin ausgewählten soziologischen Klassiker ebenso verschieden wie repräsentativ für die jeweilige Zeit ihres Wirkens.

Interessant bei dieser Untersuchung ist die Orientierung an sogenannten Denkmotiven. Auf diese Weise kann Averbeck-Lietz die unterschiedlichen Schwerpunkte der einzelnen Wissenschaftler leicht herausarbeiten und zeigen, welchem Untersuchungsgegenstand die jeweils vorrangige Aufmerksamkeit galt. Ganz kurz gesagt beschäftigte Max Weber das soziale Handeln, die Sprache und die kulturellen Regeln; Ferdinand Tönnies ging es um das Verhältnis von Gemeinschaft und Gesellschaft sowie um die Funktion der öffentlichen Meinung als deren gemeinsame Kommunikationsbasis; Ernst Manheim nahm eine Zwischenstellung als Schüler von Tönnies und Vorläufer von Habermas ein, was sich auch in seiner Konzentration auf Fragen des kommunikativen Wandels ausdrückte; Jürgen Habermas selbst ging es um das Wechselverhältnis von Öffentlichkeit und kommunikativem Handeln; Thomas Luckmann schließlich beschäftigte sich eingehend mit der (auch medial) konstruierten Wirklichkeit der Lebenswelten.

Die Autorin belässt es bei diesen fünf exemplarischen Soziologie-Klassikern und ihren Medien-Theorien. Das ist völlig legitim und beschreibt auch einen Entwicklungsprozess innerhalb der soziologischen Theoriemodelle im 20. Jahrhundert. Etwas verwundert jedoch die Aussparung von Georg Simmel, der vielleicht mehr noch als andere Zeitgenossen gerade die Prozessualität und die Wechselwirkung von Individuum und Gesellschaft im Prozess der Vergesellschaftung betonte, wobei diese Wechselwirkung natürlich auch die Medien einschloss. Anders als seine Zeitgenossen Weber und Tönnies legte Simmel gerade das Gewicht auf die Wechselseitigkeit jener Prozesse und könnte somit diese ausgezeichnete und spannend geschriebene Untersuchung über die „Soziologie der Kommunikation“ abrunden.

Stefanie Averbeck-Lietz ist Professorin für Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt Medienwandel am Institut für Historische Publizistik, Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Universität Bremen. Ihre Forschungsschwerpunkte sind u. A. Kommunikationstheorie und -soziologie, wovon auch diese neue Publikation ein beredtes Beispiel abgibt.

“Soziologie der Kommunikation“ ist spannend geschrieben, leicht lesbar und verständlich, ohne dabei die wissenschaftlichen Anforderungen an eine solche kommunikationstheoretische Untersuchung zugunsten einer leichteren Verständlichkeit zu vernachlässigen. Mit seiner grundlegenden Einführung in das Forschungsfeld und mit der neuen Entdeckung jenes Wechselverhältnisses von gesellschaftlichen Mediatisierungsprozessen und soziologischer Theoriebildung ist dieser Titel vor allem für Studenten der Soziologie und Kommunikationswissenschaft interessant. Das Buch bietet aber auch gleichzeitig neue Impulse für den Wissenschaftsbetrieb bei seiner Betrachtung der Soziologie-Klassiker aus einer kommunikationshistorischen Perspektive.

 

Autor: Stefanie Averbeck-Lietz
Titel: „Soziologie der Kommunikation“
Taschenbuch: 300 Seiten
Verlag: Oldenbourg Wissenschaftsverlag
ISBN-10: 3486588516
ISBN-13: 978-3486588514

 

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