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Anja Peltzer, Angela Keppler: „Die soziologische Film- und Fernseh-Analyse – Eine Einführung“

Am: | März 1, 2016

Anja Peltzer, Angela Keppler: „Die soziologische Film- und Fernseh-Analyse – Eine Einführung“Seit vielen Jahrzehnten sind der Film und das Fernsehen die Leitmedien unserer Kultur. Was im 19. Jahrhundert mit der Erfindung der Fotografie begann — die Revolution der visuellen Wahrnehmung — setzte sich mit den Medien des Films zu Beginn des 20. Jahrhunderts sowie spätestens seit den 1950er Jahren auch durch das Fernsehen fort.

Die visuellen Massenmedien veränderten unseren Blick auf die Welt radikal und bestimmen bis heute die Art und Weise, wie wir die Welt um uns herum wahrnehmen. Selbst der rasante Aufstieg und die Herausbildung einer neuen demokratischen Medienkonkurrenz durch das Internet konnte die Vormachtstellung des Fernsehens nicht brechen. Nach wie vor beziehen wir unsere Informationen über das Weltgeschehen in erster Linie durch das Fernsehen.

In derselben Weise formt der Film von klein auf unser Bild der Welt und beeinflusst unser Handeln und Verhalten in der Gesellschaft. Es gibt da nichts zu beschönigen: Unsere Sozialisation findet zu einem Großteil nicht durch Familie, Schule, Freunde und Bekannte statt, sondern in einem starken Maße durch die Habitualisierung medial vermittelter Verhaltensweisen. — Wir spielen Cowboy und Indianer, weil wir entsprechende Filme gesehen haben.

Und dasselbe gilt entsprechend auch für die menschliche Individuation, die sich zwar im jeweiligen sozialen Umfeld vollzieht und auf dieses abgestimmt sein muss; gleichwohl ist auch dieser Prozess nicht unwesentlich durch mediale Inhalte bestimmt, die imitiert, habitualisiert und schließlich inkorporiert werden.

Wenn man sich all diese sozialen Tatsachen vor Augen hält, so ist es nur folgerichtig, diese Medien, ihre Inhalte und ihre Wirkungen nicht nur filmtheoretisch und ästhetisch zu analysieren, sondern ein besonderes Augenmerk auf die sozialen Auswirkungen ihrer Rezeption zu werfen. Mit anderen Worten: eine soziologische Film- und Fernseh-Analyse durchzuführen.

Anja Peltzer und Angela Keppler arbeiten als akademische Rätin bzw. Professorin am Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Universität Mannheim. Beide sind im Bereich der Mediensoziologie zu Hause und somit in jener Disziplin der Sozialwissenschaften, die sich explizit mit allen Aspekten medialer Vermittlung und Rezeption auseinandersetzt.

Film und Fernsehen sind tief in unserem sozialen Alltag eingebettet; sie sind sowohl Vermittler als auch Archivare gesellschaftlichen Wissens. Doch welche Bedeutung haben diese Medien für die soziale Konstruktion der Wirklichkeit? Wie sind diese Medien selbst konstruiert, um in der Lage zu sein, ihre Aufgabe der Abbildung einer Wirklichkeit außerhalb ihrer selbst zu erfüllen? Wie sind Film und Fernsehen strukturiert — im großen wie im kleinen Maßstab?

All diese Fragen versucht eine soziologische Film- und Fernseh-Analyse zu beantworten, wie sie die beiden Autorinnen in ihrer Einführung entwickeln. Ihr Buch ist ein eng an der akademischen Praxis angelegter Leitfaden zu eben jener Analyse filmischer Medien. Es ist klar, dass eine aus soziologischer Perspektive durchgeführte Film- und Fernseh-Analyse immer auch eine Gesellschaftsanalyse ist. Der soziologische Blick auf die Welt ist die Sicht auf die Prozesse der Vergesellschaftung sowie eine Analyse der sozialen Tatbestände.

Das vorliegende Buch begleitet den (angehenden) Mediensoziologen Schritt für Schritt bei der Vorbereitung einer solchen soziologischen Medien-Analyse. Zunächst werden die theoretischen Zusammenhänge expliziert und die entscheidenden Fragen nach dem Forschungsgegenstand gestellt, bevor es „in medias res“ gehen kann.

Danach folgt eine Einführung in die gängigen Analyseverfahren sowie eine Anleitung zur sinnvollen Verwendung der Analyse-Instrumente. So wird zunächst ein analytischer Blick auf die Mikroebenen der medialen Forschungsgegenstände geworfen: die Einheit von Bild und Ton, Kameraeinstellungen, Sprache, Geräusche, Musik usw. Hierbei achten die Autorinnen immer auf einen starken Praxisbezug ihrer Anweisungen; so werden unter Anderem auch grundlegende Hilfestellungen zur Technik des Transkribierens gegeben.

Der nächste Abschnitt beleuchtet die Analyse der Makroebene von Film- und Fernsehinhalten: Erzählstrukturen, Point of View, erzählte Zeit und Erzählzeit, Figuren, Genres, Gattungen und Formate.

Nach diesen ersten Analyse-Schritten kommt der wichtigste Schritt: die Interpretation. Die deskriptive Analyse der Ergebnisse eines Films bzw. einer Sendung wäre hier die eine Art der soziologischen Film-Analyse, doch vielleicht noch interessanter ist eine komparative Analyse verschiedener Inhalte. Hier kann man nicht nur die medialen Inhalte miteinander vergleichen, sondern auch in Bezug auf ihre sozialen Auswirkungen zu wichtigen Ergebnissen gelangen.

Der letzte Abschnitt dieser wirklich hervorragend geschriebenen und didaktisch schlüssig aufgebauten Einführung befasst sich mit konkreten Fragen der Darstellung der Forschungsergebnisse. Wie sollen die Ergebnisse jener Analyse aufbereitet und präsentiert werden? Auch hier liefern die Autorinnen wieder viele Beispiele aus der soziologischen Praxis, die den Lesern wertvollen Anregungen und Hilfestellungen bieten.

Somit ist „Die soziologische Film- und Fernseh-Analyse“ von Anja Peltzer und Angela Keppler eine wirklich lehrreiche Lektüre für jeden Mediensoziologie-Studenten, Film- und Medienwissenschaftler. Auf 182 Seiten finden Sie eine leicht lesbare und wissenschaftlich fundierte Einführung in die soziologische Film-Analyse, die neben den theoretischen Grundlagen vor allem auch zahlreiche in der Praxis erprobte Analysemethoden vorstellt und anhand von praktischen Beispielen erklärt.

 

Autor: Anja Peltzer, Angela Keppler
Titel: „Die soziologische Film- und Fernseh-Analyse – Eine Einführung“
Taschenbuch: 183 Seiten
Verlag: De Gruyter Oldenbourg
ISBN-10: 3110367599
ISBN-13: 978-3110367591

 

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