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Rezensionen von Büchern aus den Kultur- und Geisteswissenschaften

Michaela Vieser (Hg.): „Das Zeitalter der Maschinen – Von der Industrialisierung des Lebens“

Am: | Februar 26, 2016

Michaela Vieser (Hg.): „Das Zeitalter der Maschinen – Von der Industrialisierung des Lebens“Die Industrialisierung der Arbeitswelt hat im 19. Jahrhundert einen Prozess in Gang gesetzt, der nicht nur eine unglaubliche Steigerung der Produktivität und den ungebremsten Ausbau des wirtschaftlichen Sektors mit sich brachte, sondern auch die Lebenswelt der Menschen radikal veränderte.

Der technologische Fortschritt vergrößerte die Macht des Menschen, und die Beherrschbarkeit der Natur nutzte er zu ihrer effizienteren Ausbeutung. Dieses Dienstbarmachen der natürlichen Ressourcen führte gleichzeitig zu einer forcierten Kultivierung aller Lebensbereiche.

Die Ablösung der fossilen Brennstoffe zur Energiegewinnung durch die Dampfkraft setzte eine industrielle Entwicklung in Gang, die zu einem sprunghaften Anstieg der Produktionszahlen in der Fabrikation führte. Doch schon bald verließen diese neuen Technologien die Fabrikhallen und fanden ihren Einsatzbereich in der Lebenswelt der Menschen. Vor allem die Nutzung der Elektrizität im öffentlichen Raum, die Beleuchtung der Straßen, der Produktionsstätten und kurze Zeit später auch der Wohnungen führte zu einem radikalen Umbruch des herrschenden Zeitmodells. Plötzlich wurde die Nacht zum Tage, und die Ausweitung der Arbeit in die Nachtstunden wurde Realität.

All diese Entwicklungen hatten jedoch nicht nur Auswirkungen auf die Arbeitswelt und die Industrialisierung der Fabrikation. Bald verließen die Maschinen die Fabriken und traten ihren Siegeszug in der Lebenswelt der Menschen an. Verkehr, Beleuchtung, Zeitmessung und Taktung, Arbeit und Freizeit wurden in diesem Zeitalter der Maschinen grundlegend revolutioniert. Plötzlich konnten langwierige Arbeiten schneller bewältigt werden; plötzlich war der Tag nicht nur mit Arbeit ausgefüllt, sondern es entstand eine arbeitsfreie Zeit, die „Frei-Zeit“, und mit ihr eine ganz neue Vergnügungsindustrie, die sich bereitwillig unter das Diktat derselben quantifizierenden Muster stellte wie die Arbeitswelt.

Die schnellere Taktung des Freizeitbereichs, die Beschleunigungstendenzen der Vergnügungsindustrie, jene militärisch anmutende Disziplin der Massen in ihren „Pläsierkasernen“, wie Walter Benjamin sie einmal nannte, all dies hat seinen Ursprung in jener Zeit um 1900, als die Massen in die großen Städte strömten, um Arbeit zu finden und einen neuen Lebensstil zu erproben. Die großstädtische Schnelligkeit und Beschleunigung aller Lebensbereiche führte zu einem „gesteigerten Nervenleben“, wie der Berliner Philosoph und Soziologe Georg Simmel frühzeitig erkannte. In seinem Vortrag „Die Großstädte und das Geistesleben“ von 1903 entwarf er das Szenario einer urbanen Lebenswelt, die auch nach 100 Jahren sehr modern klingt und uns seltsam vertraut ist.

Damals entstand das Krankheitsbild der Neurasthenie, heute würde man es Stress nennen, und die Überforderung der Großstädter durch die vielen Sinnesreize, die von allen Seiten auf sie einstürmten, führte zu den bekannten Abwehrmechanismen, die wir auch heute noch vom typischen Großstädter kennen: jene Reserviertheit im Umgang mit Anderen, eine Nüchternheit im Verkehr und eine gewisse Blasiertheit gegenüber dem Trommelfeuer der Sinnesreize.

Michaela Vieser beschäftigt sich seit einigen Jahren intensiv mit verschiedenen Phänomenen der Arbeits- und Berufswelt; sie lebt und arbeitet als freie Autorin in Berlin. Nach ihren erfolgreichen Büchern „Von Kaffeeriechern, Abtrittanbietern und Fischbeinreißern: Berufe aus vergangenen Zeiten“ und „Altes Handwerk – Vom Verschwinden der Arbeit“ erschien mit „Das Zeitalter der Maschinen – Von der Industrialisierung des Lebens“ 2014 das vorerst letzte Buch zu dieser Thematik.

Die Autorin nimmt uns mit auf eine Reise in eine Vergangenheit, die uns auf den zweiten Blick gar nicht so unbekannt ist, wie es die historischen Aufnahmen aus dem 19. und dem frühen 20. Jahrhundert vermuten lassen. Schon damals bildete sich eine moderne Gesellschaft mit ihren Vorzügen und Nachteilen, mit ihren Errungenschaften und Altlasten, mit ihren neuen Technologien und alten Verhaltensweisen heraus, die sich von unserer heutigen Zeit weniger unterscheidet, als wir denken.

Schon damals traf unbeirrter Fortschrittsglaube auf konservatives Denken, und mit der Industrialisierung der Arbeits- und Lebenswelten bildete sich auch ein prototypisches Verhalten heraus, welches wir auch heute noch unter dem Namen Kapitalismus kennen. Der Siegeszug des globalisierten Kapitalismus heutiger Prägung wäre undenkbar ohne jene Industrialisierungsschübe des 19. und 20. Jahrhunderts.

Dieser reich illustrierte Bildband ist eine Reise in unsere eigene Vergangenheit: zurück zu den oberschlesischen Eisenhütten, belgischen Kohlebergwerken, den Maschinenhallen von AEG und Siemens, zu den Schlachthöfen von Chicago und Berlin, zu den Elektrizitäts- und Turbinenwerken, den Baumwollspinnereien und Lebensmittelfabriken; aber auch zurück zu den Vergnügungstempeln des frühen 20. Jahrhunderts, zu den Kinopalästen und Lunaparks, zu den frühen Errungenschaften der Automation, der Telekommunikation, zu den urbanen Hotspots der Massen- und Freizeitkultur.

Zum besseren Verständnis dieser umwälzenden Entwicklungen der Industrialisierung der Arbeits-, Freizeit- und Lebenswelten dient eine kleine Einführung zu Beginn des Buches. So wird auch für jene Leser, die mit der Kulturgeschichte der urbanen Lebensformen nicht vertraut sind, der Einstieg in diese faszinierende Materie erleichtert. Wie von der Edition Braus nicht anders zu erwarten, überzeugt dieser 160 Seiten umfassende Bildband im Format 24 x 30 cm durch seine hervorragende Qualität der fotografischen Reproduktionen und der feste Bindung, die das Buch auch nach langem Gebrauch nicht alt aussehen lässt.

Wer sich also für die Ursprünge unserer industrialisierten Gesellschaft und die Zeit der Moderne interessiert, ist mit „Das Zeitalter der Maschinen“ bestens beraten! Anschaulicher wurde die Kultur- und Industriegeschichte der Moderne selten präsentiert.

 

Autor: Michaela Vieser (Hg.)
Titel: „Das Zeitalter der Maschinen – Von der Industrialisierung des Lebens“
Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
Verlag: Edition Braus
ISBN-10: 3862281051
ISBN-13: 978-3862281053

 

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